V., unr. abl.;
Weiteres s. v.
. – Die Reihenfolge der Bedeutungsansätze unterliegt folgender Gliederung: Allen Ansätzen (außer dem zeitlich motivierten Ansatz 3) liegt die Raumvorstellung zugrunde, mit besonderer Deutlichkeit in 1 und 2, danach abgeschwächt in 4ff.; von dieser Grundlage her lassen sich Fokussierungen erkennen: in 4 auf einen unterstellten Erkenntnisweg, in 5 auf aufstiegsmystische Vorstellungen, in 6, 9 und 12 auf rechtliche Verhältnisse. Der motivationelle Bezug auf die einzelnen Ansätze von
über
(Präp.) ist teils nur vorschlagsweise, auf die Basis
gehen
teils überhaupt nicht überzeugend möglich.
1.
›etw. (einen horizontal gesehenen Raum, auch eine Grenzlinie) überschreiten, sich räumlich über etw. hinwegbewegen‹; im Einzelnen auch von Handlungen / Vorgängen gesagt, die (meist metaphorisch) als ‚etw. überschreiten‘ gedacht werden können, z. B.: ›(das
vaterland
) hinter sich lassen‹; ›sich versetzen‹ (von Bergen); ›überlaufen, überströmt werden‹ (mit Verschiebung der Bezugsgröße vom überlaufenden Gewässer auf die überströmte Fläche, z. B. die Berge); ›(eine Wildfährte) verlassen‹ (vom Hirsch gesagt); ›übergreifen‹ (vom Feuer), ›überströmen‹ (von Sünden); ›vorübergehen‹ (vom Glück); ›etw. überdecken‹ (von Bildern gesagt); ›etw. überwuchern‹ (z. B. den Wald); ›etw. umfassen‹; ›über einen Fluss hinübertreiben‹ (von Flößgut); vgl.
(Präp.)
3,
1;
6.
Bedeutungsverwandte:
1;
3,
2,
.
Syntagmen:
die berge / bilde
(Subj.)
ü., das behaltsam als ein wolke ü., j. mit sünden ü., etw
. (Subj.)
mit dem flus ü., das feuer unz an das rathaus ü
.;
j. die heimat, das vaterland, ende (des landes) ü., der hirz keinen kreis ü., ein öl
(Subj.)
˹schmecken / befinden˺
(subst.)
ü., ein aschenstaub das erdreich, ein gebot alle reiche, der buchsame den wald ü., die mannigfaltigkeit der bilde das wort ü
.;
das übergehende vieh
(›Vieh, das sich nicht an Grundstücksgrenzen binden lässt, und deshalb Gegenstand besonderer Rechtsregelungen wird‹).
Wortbildungen:
1a) ›Übergang, Durchgangsstelle (von einem Raum zum anderen)‹; 1b) ins Religiöse ütr. auf Maria als jeden Raumgedanken übersteigende ›Umfassendheit‹; 1c) auch mit Bezug auf das Passahfest (
1
1),
1 ›ein die Grundstücksgrenze überschreitendes Tier‹,
Belegblock:
Di czu rechte nicht entsten | Und mit sunden uber gen | Reine werk und die gebot, | Di sint uwer sunder spot.
[Pessah] Aber waruͤmb wird das Osterlam ein Gang genennet oder ein ubergang und das Fest auch ein gang geheissen? Der Name ist daher komen, das in dieser nacht Gott durch gantz Egypten gegangen ist und alle Erstegeburt todgeschlagen hat, den Mord hat Gott angericht in derselbingen Nacht.
Hübner, Buch Daniel
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Nu sal ein gebot entsten, | Alle riche uber gen | Creftechlichen von mir nu.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt.
(
osächs.
,
1343
):
und sprêchit ir disme berge: gê ubir
vber gee hin
gee hin
; nd. Bibel um 1478:
gank van hyr
;
Froschauer
1531 /
Eck
1537 /
Luther
1545:
Heb dich
]
von hinnen, und her gêt ubir, und nichtis nicht wirt ûch unmuͦgelich.
Vbergangung vbergeeung vberfart ziehung vberfarũg. transmigratio.
da wards alles durchs wasser ertrenkt, das auch die höchsten berg mit gewesser übergiengen und bedeckt wurden.
Vil unmeßlich on zal aschen stob durch die lüft, übergieng das erdrich und mer.
Vetter, Pred. Taulers
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
wanne die manigvaltikeit der bilde die dis wort in dir bedeckent und úbergont, die hinderent dise geburt in dir.
Dis ist ein oley daz ufswimmet und úberget smacken und bevinden.
Er nam ab mein begerung als der wind: vnd mein behaltsam vberget
fúrgieng
; nd. Bibel um 1478:
is enwech
ist fürgangen
laufft dahin
;
Dietenberger
1534 /
Luther
1545, Hiob 30, 15:
lauffende
]
als das wolcken.
Ich han min vatterland vnd heymad noch nie v̈bergen, noch verlan.
Haas u. a., Erasmus/Jud. Klag
21, 19
(
Zürich
1521
):
Zuͦ dẽ sol ein fürst wyte reysen myden / ja niemar well er übergõ die end sines lands.
Vbergang / da man vor einem vorvbergehet.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
(
oobd.
,
1349
/
50
):
man spricht, daz der hirz verr smeck den rauch ainer gepranten pfâwenfedern [...] und daz er kainen kraiz übergê, der [...].
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
(
m/soobd.
,
1508
):
Mit den gensen ain vernuftigen potten, ist ain ubergeündts vich.
Ebd. (
16. Jh.
, Hs.
17. Jh.
):
wär es [tier] aber ain übergeher und schaden thuet, der soll den schaden püeßen.
Niewöhner, Teichner
155, 89
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
daz waͤr, alz ein chindez hant | schephen wolt dez merez pach. | si
[
Marein
]
ist aller hoch ein ob dach, | aller weit ein uͤber ganch.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
(
smoobd.
, Hs.
17. Jh.
):
die pueche soll geschwent werden, damit der puechsam den schwarzwald nit ubergehe.
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
1, 483, 17
;
2.
›überquellen, überlaufen, überströmen‹ (von Wasseransammlungen, wasserhaltigen Bezugsgrößen, Behältern u. Ä., auch von den Augen, vereinzelt von weiteren ütr. gebrauchten Gegebenheiten gesagt, wie z. B. der
wollust
); mit Verschiebung der Bezugsgröße: ›(mit Nässe) volllaufen, zulaufen, überschwemmt werden‹ (z. B. von Feldern); vgl.
(Präp.)
3.
Beleghäufung für das Obd.
Phraseme:
jm. gehen die augen über
›j. weint‹;
jm. gehet der mund, das herz über
;
oben / unten übergehen
Wortspiel im Sinne von ›(vor Gaunerei) sprudeln‹ sowie ›oben / unten auslaufen‹.
Bedeutungsverwandte:
5,
1,
1,
; vgl.
1.
Syntagmen:
ein gewässer, der wein, die galle, ein hafen / stein, das herz ü
. (z. B.
vor freude
),
der zorn jn. ü., j. vol schalkheit oben ü
.;
die übergehende süssigkeit
.
Wortbildungen:
2 ›gehäufte Füllung von Behältern‹ (im Unterschied zu
gleich gestrichenen
Behältern; Teil von Eichungsvorschriften; dazu bdv.:
7, tropisch).
Belegblock:
Denn wer kan eym narren das maul stopffen, weyl das hertz voll narheyt stickt und der mund ubergehen mus, wes das hertze vol ist.
Gleich wie ein siedend topff mit blasen scheumet und ubergehet: Also scheuͤmen sie und gehen auch uber mit vielem gewesche.
Als wenn Christus spricht: Ex abundantia cordis os loquitur. [...] Wes das hertz vol ist, des gehet der mund uber, das heist gut deutsch geredt.
was gilts, si ex corde dicit, das sein hertz uberghet mit lauter freude?
Gille u. a., M. Beheim
20, 73
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Dich muss loben dein ubergende sussichait | und auch dein uberflussige parmunge.
Den
[
wallenden hafen
, steht für:
czornig mensch
]
man zu vast czu schurte. | so der wallet und ubergat, | so verleuset er, was er hat | in im gutes, also pestot | der czornig, wann er grimmet.
Franck, Decl.
352, 20
(
Nürnb.
1531
):
der wein hat eben die art / als die gall / so sie schaumpt vnd uͤbergehet.
Was wölt ir [der Pfaffe] mit dem lappn [Eulenspiegel] anfangen, | Der stets vol schalckheit stecken thet, | Daß er gleich oben uber-geht? | Eulenspiegel spricht: | Ich geh zu zeitn auch unden uber, | Du hiltst ungern dein nasen drüber.
Thiele, Minner. II,
3, 137
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
sie sprach: ‚und woltest ghorsam stan, | ich wolt ein euglin lassen uͤber gan | unnd kurczen dir die dag din‘.
UB Zug 1203, 22, 1
(
halem.
,
1416
/
76
):
wenn die velder úbergand, so sol ankeiner kein geheilt vech uf die velder schlachen.
Vbergen von wollust / Võ vnmaͤssigen laͤben vnnd wollust zerschmeltzen.
Morrall, Mandev. Reiseb.
10, 8
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
da
[Bezug auf
enidros
, einen
stain
]
gat durch den tag wasser uß und fúlt sich selber, das er úber gatt durch daz jar.
Haszler, Kiechels Reisen
(
schwäb.
,
n. 1589
):
wölches einem sehr zu herzen geth, das öttlichen under unns düe augen ybergüengen.
Mell u. a., Steir. Taid.
(
m/soobd.
,
1572
):
den perkrechtsmost nach dem neu gemachten kaufviertl, achtl oder sechter one ainichen übergang oder überrinen, auch nit getruckt sonder gleich gestrichen.
Niewöhner, Teichner
218, 86
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
wann ein haffen nicht wil ruen, | so zeucht ern
[
er
⸗
ein choch
]
von der gluͤt hin dann. | wil er dannoch uͤber gan, | so geust er chaltes wazzer drin.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 295
;
4.
›etw. (meist religiös oder wissenschaftlich Relevantes) unter Anstrengung der eigenen Kräfte betrachtend, forschend durchlaufen, überdenken, überprüfen‹; vgl.
(Präp.)
1;
3 (ütr.),
10.
Beleghäufung für das Obd.
Bedeutungsverwandte:
1;
2,
2; vgl.
(V., unr. abl.)
1.
Syntagmen:
einen pfad / weg, die ursache (der dinge) ü
.; subst.:
das klägliche übergehen
.
Wortbildungen:
2 ›Aufseher‹ (dazu bdv.:
).
Belegblock:
Quint, Eckharts Pred.
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Diu meiste sache ist, daz der mensche muoz durchgân und übergân alliu dinc und aller dinge ursache.
Dú betrahtung nach miner marter sol sin [...] mit herzklicher minne und mit einem kleglichen úbergenne, wan anders daz herz blibet als unberuͤrt mit andaht, als der mund mit unzertribnem suͤzholze.
Vetter, Pred. Taulers
(
els.
,
1359
):
Nu lot in denne der herre sehen die sweren vinsteren wege und die engen phede die er úbergangen hat.
Müller, Nördl. Stadtr.
(
schwäb.
,
1463
):
Es sol auch der pfender alltag zuͦm überganger uf der mawr komen und an dem erfarn, wer gewacht oder nit gewacht und wie si sich des wachens halb gehalten haben.
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
18, 23
(
noobd.
,
1347
/
50
):
Darnach mezze er seinen wek, den er uͤbergangen hat, so vindet er siben hundert rest.
Mell u. a., Steir. Taid.
(
m/soobd.
,
1632
):
wan sie [holzknecht] andere, [...], sechen nach ihren gefallen hacken, sollen sie das alspalt dem ubergeher anzaigen; wan ain purger oder pöck, [...], ihr holz selber oder ander wolten hacken laßen, soll der ubergeher und waltfertner mit den bestölten holzknechten hingehen und ihnen auszaigen, wo sie hacken derfen.
Winter, Nöst. Weist.
(
moobd.
,
1665
):
massen dann
[dem Wilderer]
von der herrschaft aus ein aigner übergeher des wildpahns aufgenommen ist.
5.
›über etw., das als niedriger, minder vollkommen erachtet und dem natürlichen sowie dem sozialen Menschen als eigen sowie als
erkentlich
1,
verständlich
zugeschrieben wird, (teils stufig gedacht:) hinausgehen, hinausschreiten, die Grenze zu einem höheren Seins-, Erkenntnis- und Heilszustand überschreiten‹; die niedrigere Stufe erscheint in den Ausdrücken
stat
1,
zeit, zeitlichkeit, geschaffenheit
1; 2,
creatur, natur
1,
sinlichkeit, sinne, unledigkeit, bildliche dinge, verständlich
, die höhere wird als
glorie
4; 5,
grund
8,
ledigkeit
4,
seligkeit
gefasst; vgl.
(Präp.)
2 (ütr.).
Im 15. Jh. auslaufend; Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
12,
8;
10,
.
Syntagmen:
˹die (bildlichen) dinge, eine (vernünftige) sache, die begierde / creatur / geschaffenheit / masse / stat / zeit / zeitlichkeit˺
(Akk.obj.)
ü., got die menschen ü
. (mit der Jungfräulichkeit Mariens),
die sele
(Subj.)
die wirdigkeit der engel ü., die bewegde (der sinlichkeit)
(Subj.)
die sinlichen dinge nicht ü
.;
j. über die natur ü., das verstehen in das erkennen ü
.; im Part. Präs.:
die dinge übergehend verschmähen
;
die übergehende herzigung
.
Belegblock:
Helm, H. v. Hesler. Nicod.
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
[daz got] die menschen reht ubergienc, | want sie maget sin genas,| daz wider die nature was.
Quint, Eckharts Pred.
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Diu sêle muoz mit heizer begerunge ûfgân und übergân vil wirdicheit der engel in den grôzen tugenden.
alliu unser volkomenheit [...] liget dar ane, daz der mensche durchgange und übergange alle geschaffenheit und alle zîtlicheit und allez wesen und gange in den grunt, der gruntlôs ist.
Strauch, Par. anime int.
113, 25
(
thür.
,
14. Jh.
):
wer Godis lere inphahin wil, der muiz uf gein und ubergain alle creature und ur forzihin.
Noch ist ein ander mirre die ferrer vberghet die erstẽ Das ist die mirre die got gibt.
Bührer, Kl. Renner
338
(
nobd.
, Hs.
um 1480
):
Groser schade In dick geschicht, | Das sie
[die
pawernn
]
vil vngluckes vbergeit.
Mir ist denne, wie ich habe úbergangen stat und zit, und stande in dem vorhove ewiger selikeit.
dú einunge der infleischunge Cristi, sit daz si ist in einem persoͤnlichen wesenne, so überget si und ist hoͤher, denne dú einunge des gemuͤtes der seligen zuͦ gotte.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 2024
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
wenne den guͦten menschen einige vnledikeit oder eine vͤbunge der túgende vermittelen oder verbilden mag des blossen inkeres, [...], so wurt er gehindert in dirre wisen, wan dise wise ist ein v́ber gande alle ding in einre ledikeit.
Vetter, Pred. Taulers
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
wan die menschen die nút sint uzgegangen irs heimen noch sint úbergegangen úber die nature noch úber daz die sinne moͤhtent bringen sehende oder hoͤrende oder fuͤlende oder bewegende, die disem heim und allem heim natúrlicher dinge nút sint úber und uzgegangen, die sind rehte als rinder.
Schmidt, Rud. v. Biberach
6, 25
(
whalem.
,
1345
/
60
):
Dvͥ spitzi der minne ist, wenne si alle ding vber gande versmahet.
dvͥ bist ein rechter beschoͮwer, so dvͥ mit dem gemvͤte ellvͥ bildelichvͥ ding vber gast.
dvͥ bist ein gewer beschower, ob dvͥ vbergangen hest alle vernunftige sache, daz ist dvͥ ding, die ein naturliche bescheidenheit begriffen mag an dv́ bilde vnd an ander irtom vnd an ander sache, die ein sel, die ilt ze hohen dingen, gehinderen múgen.
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
120, 10
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
wan die bewegede (der sinlicheit), die enmag niht übergan die sinlichen ding.
daz erkennelich verstan bringet die sache dez ungeschaffenen in daz geschaffen alse in etwaz verstentliches, von dem ez übergat in daz erkennen.
6.
›etw. (ein verbindliches, z. B. willkürliches, herrschaftliches, soziales, rechtliches, religiöses Gebot, eine Auflage, Regel, Verpflichtung jedweder Art) meist aktiv handelnd, vereinzelt: in Gedanken übertreten‹; generell (ohne Angabe der übergangenen Größe): ›sich vergehen, sich schuldig machen‹; vgl.
(Präp.)
2 (ütr.).
Bedeutungsverwandte:
1;
2,
5,
2,
5;
6.
Syntagmen:
einen ban / eid, ein (ge)bot / gesez / recht, die ehe / gewalt, eine ordnung / regel, die gehorsame, js. willen ü., j. ü., was [...], etw. frevenlich, im gewissen ü
.; subst.:
etw. ane übergehen halten
.
Wortbildungen:
4 ›Übertretung (von Geboten)‹,
3 (dazu bdv.:
1,
1;
2;
3,
2,
,
).
Belegblock:
Helm, H. v. Hesler. Apok.
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
En ist Got vil swerlichen gram | Di sine gerechtikeit gar | Wusten, idoch ubergingen gar.
Præuaricari. Vbertretten vbergehen vberschreiten vberfaren.
Wenn nuͦ eyn vater seyn kind zur ehe dringet, da das kind nicht lust noch liebe hyn hat, da tritt er uber und ubergehet seyne gewallt und wird aus vater eyn tyrann.
Quint, Eckharts Pred.
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
da adam das pot v̈ber gie, da ward er aws dem paradeis verstözzen.
denn er hatte [...] verbotten / daß kein Jndianer mit vns solte handlen [...] jrer auch zween / die solches Gebott vbergangen / lassen erwuͤrgen.
Bachmann u. a., Volksb.
(
alem.
,
15. Jh.
):
die strenge der reglen, die da halten muost an alles über gan.
wan er vörhtet der keiserlichen gewalt nüt, das er derumb welle übergon daz götliche reht.
mein heimlich mir. Wee mir. Die vbergeer
[
Wormser Proph.
1527 /
Froschauer
1531:
die vbertretter
die da übertreten
;
Luther
1545, Jes. 24, 16:
Verechter
]
seint vbergangen: vnd seint vbergangen in der vbergeung der vbergeer.
Vnd iuda ir schwester die vbergeerin
[
Wormser Proph.
1527 /
Dietenberger
1534 /
Eck
1537:
die uͤbertretterin
jr trüwlose schwester
;
Luther
1545, Jer. 3, 7:
die verstockte
]
die sach daz ich die widerwurtig israhel hett gelassen [...]: dor umb daz sy hett gemein vnkeúscht.
Sibtzig wochen seind gekúrtzt vber dein volcke. vnd vber dein heilig statt das die vbergeung
[
Wormser Proph.
1527 /
Froschauer
1531:
schalckheyt
übertretung
;
Luther
1545, Dan. 9, 24:
dem Vbertretten
]
werd volendt.
Bartsch, Reinfrid
(
halem.
, Hs.
14. Jh.
):
wizzest, swenne er übergît | dînen willen iemer mê, | wie ez im dâr nâch ergê, | daz sol ich ahten kleine.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
635
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Das sechst: nit úber gang din ee, | Beger och kainer frowen me | Denn der dinr.
wer der weri, [...], der har inne also gebrochen und verbessrett hett, [...], der sol umb sin schuld ingeschriben werden umb des willen, ob er sich dar nach sich uͥbergieng, dz man sin ingedenck sye.
Vbergehung / Suͤnde, [...] Peccatum, transgressio.
daß die gemeinds leut, [...], oftmals grosser dürftigkeit und abgangs leiblicher narung halben (sich) übergangen.
erfarung, daß dise ains e. rats ordnung bisher wenig gehalten und von vilen sei übergangen worden.
Donalies, Augsb. Bibelhs.
34, 24
(
oschwäb.
,
v. 1350
):
di [...] pharisei / di sprachen. warvmb übergend din iunger die gesetze?
Niewöhner, Teichner
564, 1691
(Hs. ˹
moobd.
,
n. 1400
˺):
der gepot | ubergank den menschen untewret, | daz er got und dwelt verlewret.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
800, 32
;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 643, 23
;
7.
›etw. (z. B. in einem Text) auslassen, überspringen, etw. (auch: Beleidigendes) stillschweigend, vereinzelt: duldend übergehen; sich nicht mit e. S. befassen‹; daran anschließbar mit Tendenz zum Vorwurf: ›etw. / jn. absichtlich nicht beachten, über etw. hinwegsehen, etw. missachten (und sich dadurch schuldig machen)‹; mit letzterer Nuance offen von 6 her.
Bedeutungsverwandte:
(V.)
3;
4; vgl.
2,
1,
3,
4.
Syntagmen:
j. jn
. (z. B.
stilschweigend
)
ü., j. worte / weisen / gebärden / gelasse / streitigkeiten, alaster, einen rat, eine meinung / vermanung ü., etw. mit kurzweile, js. gunst / willen (mit nichten) ü
.
Wortbildungen:
4 ›Nichtbeachtung e. P.‹ (dazu ggs.:
8).
Belegblock:
Diße wort ubergehen wir, wen wir aber alle diße wort mit herczen fasßeten, must wir uns druber entsetzen, wen wir gedoͤchten was sie bedeuteten.
Sihe nur wol, das du mich nicht ubergehest, ich wil dir gantz nahe genug seyn, ynn einem yglichen armen menschen, der deiner huͤlff und lere bedarff.
Quint, Eckharts Trakt.
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Man sol gote ê bihten dan den menschen, [...]. Ouch ensol man niht lîhticlîchen, als man ze dem sacramente wil gân daz übergân.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
(
Frankf./M.
1649
):
waß die Rechten also Statuiren, ist auch vieler Doctoren Meynung / welche ich meiner Gewohnheit nach stillschweigent vbergehe.
AUff die Engellaͤndische Geschichte zu kommen / so úbergehen wir die Strittigkeiten / welche die in Engelland noch ubrig gebliebene wenige Catholische [...] unter sich selbst erreget.
Wir haben es [...] mit Stillschweigen nicht uͤbergehen wollen.
Strauch, Par. anime int.
38, 23
(
thür.
,
14. Jh.
):
waz lerit he uns mit der kunst di ubernaturlich ist? daz wir ubergein alliz daz naturlich ist.
Küther, UB Frauensee
386, 33
(
thür.
,
1528
):
Scheffer habenn mussenn in der kalbe zeytt dye hunde an stricken furenn. [...]. Wirdet itzundt ubergangenn.
Opitz. Poeterey
4, 3
(
Breslau
1624
):
damit ich nicht / wann ich sie in [...] meinen schrifften lenger mit stillschweigen vbergienge / von denen [...] fuͤr vndanckbar moͤge gescholten werden.
Henschel u. a., Heidin
1531
(
nobd.
,
um 1300
):
Wie moht ich denne an eren genesen | Daz ich vber ginge den rat | Der Daz wer ein groze missetat.
dannenhero / wegen erhebung eines / und uͤbergehung sovieler [...] ihme Feindschafft und Ungunst auf den Hals wachsen.
Strauch, Schürebrand
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
lont übergon unverentwurtet alle swere wort, alle widerwertige wisen, alle missevellige geberde und gelesse und alle alaster.
Koller, Ref. Siegmunds
(Hs.
um 1474
):
Wer auch diße vermanung uberging, der wer am reich bruchig worden.
Ir hend’s etwan mit gunst und willen irer herren übergangen.
Etwas Vbergon / Fürlassen vnd nit sagen.
GOTT wirdt keinen am juͤngsten Tage (vbergehen). [...] Vbergehen / nicht beruͤhren / nicht meiden.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 542, 7
;
9.
›jn. / etw. überwältigen, bezwingen, überwinden‹ (von Personen, personal gedachten und sachlichen Subjektgrößen sowie von sachlichen und persönlichen Objektgrößen gesagt); im Einzelnen auch: ›jn. überreden, betrügerisch verführen‹ (z. B. von der Schlange gegenüber Eva); vgl.
(Präp.)
3,
1 (jeweils ütr.).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):
8,
1;
2,
3; vgl.
.
Syntagmen:
j. jn. ü
. (z. B.
viel leichte
),
j. die feindschaft, eine krankheit, eine stat mit sturm ü., die schlange Evam, Maria das haupt der schlange, die bosheit die welt, die liebe, der zorn / wein / wollust, viel unglückes jn., ein gewalt die götte, die natur jn., die geitigkeit alle weib, Machmet die christenheit, der satan eine jungfrau ü. (mit behändigkeit)
; mit Dat.obj. d. P.:
die krankheit, das glük jm. ü
. ›jm. zu mächtig werden‹.
Belegblock:
Wisset, daß mein Glücke steht | und euch Allen übergeht!
Gerhard, Hist. alde e
84
(
omd.
,
um 1340
):
Sinen gegat er [Adam] Eve hiz, | Di sich ubergeen liz | Di trugenhafte slange.
v. Groote, Muskatblut
(
nobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
wer sich den win lest ubergan | der stifft vil nuwer funde.
Gille u. a., M. Beheim
109, 92
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Die [passhait] also grass ist, daz sie die | gancz welt hat uber gangen hie.
diese kaiser (das merer tail waren treg und saumig und ließen sich kriechischen wollust
[die Pädasterie]
übergeen).
Päpke, Marienl. Wernher
(
halem.
,
v. 1382
):
Wan die goͤtte inselber nút mugent frumen, | Die so gewaltig warent ie | Das kain gewalt sú úbergie.
Jörg, Salat. Reformationschr.
672, 5
(
halem.
,
1534
/
5
):
die chorherren Zurzach / wie lang sy sich geschmuckt und lan übergan / dannen zugend.
Ein kranckheit Vbergon vnd vertreyben.
Deine kind’ soltu lernen. Vbergee die veintschaft.
Sappler, H. Kaufringer
13, 159
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
nun hett des guoten weines kraft | den pfaffen übergangen ser.
Haltaus, Liederb. Hätzlerin
(
schwäb.
,
1471
):
Gesell, wie ist dein geuert! | Bis in gedencken nit ze hertt, | Lasz dich nyemant v̈ber gaͮn, | Vff stätem synn solt du bestaͮn.
daß sie wider vmbkehren sollen dañ es mit Langenaw geschehen / in dem es mit Sturm uͤbergangen / vom Feind verbrent worden.
Primisser, Suchenwirt
(
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Do Aristotiles der weis | An im begund enphinden, | Daz seiner chreffte plúndes reis | Vor alter muͮste swinden Und im die chranchait uͤbergie, | [...].
Spechtler, Mönch v. Salzb.
1, 80
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
sein [des teufels] hohes prangen | ist gevangen, | du hast des slangen | haup übergangen.
das er [Machmet] die christenhait solt vast krenken und übergan pey seinen zeittenn.
Karnein, de amore dt.
87, 18
(
moobd.
,
v. 1440
):
Darumb [...], werde fraw, ob mich die lieb so vasst bewegt vnd vbergieng, das ich [...].
jn warhait die geittigkait hat alle weib also besessen vnd v̈bergangen, wer jn reich gab gibt, si verliern all yr keüsch.
Lemmer, Schernb. Frau Jutte
202
;
10.
›jm. widerfahren, zustoßen, jn. treffen, überkommen‹; von Gegebenheiten gesagt, die gleichsam von oben erfolgen, nicht in der Möglichkeit der Beeinflussung durch den Betroffenen liegen; vgl.
(Präp.)
2;
3 (ütr.),
13.
Bedeutungsverwandte:
; vgl.
2
1,
2,
5,
2,
11,
1
3,
10,
(V.)
5,
4,
1,
3,
,
11.
Syntagmen:
jamer, (das / ein) leid / unglük / unrecht / urteil / alter, der tod, (ein) hon / spot / schade, eine not / plage jn. ü., die wellen, wasserwogen jm
. [sic!]
ü
. (z. B.
schreklich
);
das übergehende alter
.
Belegblock:
es werde ein grosser jamer und ungluͤck deudschland ubergehen.
Zu letzt drewet der Herr den lestern seiner werck und sagt yhn, was sie uber gehen sol, auff das er sie noch moͤcht herzu bringen.
Kehrein, Kath. Gesangb.
(
Köln
1582
):
All deine wasserwagen Herr, | Vnd vngestuͤmmen wellen schwer | Mir schrecklich vbergangen sein.
Kurz, Waldis. Esopus
(
Frankf.
1557
):
bey diesem todt, | Der mich die stund jetzt vbergoht, | So weiß ich vnter allen keinen, | Dem jr mocht trawen.
Thiele, Chron. Stolle
(
thür.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Er hattes fele mol vorkundiget, grosse ploge worde erfforte uber geen.
Opel, Spittendorf
(
osächs.
,
um 1480
):
uff das sein stift, die stadt und uns alle nicht ein schade ubergienge.
hetten die von Halle die beide doctores [...] nicht bey in gehabt, das sie ihn hetten helfen rathen, [...], sie were ein urtel ubergangen, das dieser armen stadt viel zu schwer were gewest.
Ich bin eraltent vnd bin vbergendes alters
weit für gfaren im alter
;
Froschauer
1531 /
Dietenberger
1534 /
Luther
1545, Jos. 23, 2:
wol betaget
].
Niewöhner, Teichner
290, 17
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
wann in daz alter uͤber ge, | so mag er fuͤrbaz nicht me | peten, wachen, chaerrein vasten.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
221, 5453
;
Lemmer, Schernb. Frau Jutte
1320
;
11.
›jn. aus einer situativ überlegenen Position heraus verbal nötigen, belästigen, behelligen, mit übler Nachrede überziehen; jn. tätlich angreifen‹ bis hin zu ›(eine Frau) entehren, schänden‹; vgl.
(Präp.)
1;
2;
3 (ütr.).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):
1;
2;
3,
4;
6,
,
2.
Syntagmen:
jn. in übermut, mit knüttelschlägen / werken / worten, im / zu hause, zu felde, zu laster / schande ü
.
Belegblock:
Wyss, Limb. Chron.
(
mfrk.
,
1372
):
ist auch me geret, daz ich Herman unde ich Ermentrut [...] dij vurgnante frawe Guden mẏn Ermentrude muder vortme nit obergan oder oberstan ensollen in irem huise dar, wile daz sij gelebet.
Loersch, Weist. Boppard
(
mosfrk.
,
1597
/
1626
, Hs.
2. H. 18. Jh.
):
der schulltheis soll gebiethen, dass keiner den anderen übergehe mit worten oder wercken.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
166, 27
(
thür.
,
1474
):
wy daz er yme unde syner tochter habe nachgegangen unde habe dy obirredet unde obirgangen, dy geswechet und geuneret unde yr ere beroubit.
Gierach, Märterb.
2035
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
in hiez Agricolaus | uber gen mit chnütel slegenn | darnach inden charcher legenn.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
(
m/soobd.
,
16. Jh.
, Hs.
17. Jh.
):
wan ain nachbar den andern auf anreden zu hauß und zu felt vorstehende angelegenheiten nit wendet, sonder in übermuet übergieng, der were seiner herrschaft ein frevelwandl pflichtig.