sünden,
V.;
engerer Bedeutungsumfang als bei
sünde
: dortiger Ansatz 1 für das Verb nur mit 1 Beleg nachweisbar; Ansätze 2 und 3 von
sünde
hier zusammengefasst, da die Unterscheidbarkeit noch problematischer ist als dort; dies gilt auch für die Wortbildungen.
– Gehäuft Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘; zur sprachgeographischen Verbreitung von
sünden
und
sündigen
s.
Besch, Sprachlandschaften.
1967, 210
f. (bezogen auf die Handschriftentradition der „vierundzwanzig Alten Ottos von Passau“).
1.
›aufgrund der dem Menschen religiös vorgegebenen Sündenverfallenheit sündigen‹;
vgl. 1.

Belegblock:

Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
Der heilig Job sprach: ‚herre, wie kleine lost du mich! e ich mine speichelen geslinde, so súnden ich. O huͤter der lúte, wor umbe hast du mich gemacht dir widerwertig?‘
2.
›im christlich moralischen Sinne sündigen, Sünde begehen‹ (als in eigener Verantwortlichkeit, Entscheidung liegende Handlungsmöglichkeit des Menschen); ›sich gegenüber bestimmten Personen sündhaft verhalten‹; (vereinzelt:) ›sich gegen den
weltlichen gewalt
, einen sittlichen Wert o. Ä. vergehen, sich strafbar machen‹; in allen Nuancen wird die Verantwortlichkeit des Handelnden teils explizit ausformuliert, teils eher indirekt zum Ausdruck gebracht (z. B. durch das Subj.
ich
, durch die Fingierung von
sünde
und
sünden
als gradierbar und zählbar);
vgl. 2; 3.
Bedeutungsverwandte:
, 1, 1; 2; 3; 4, 2, , .
Syntagmen:
j
. (z. B.
der babst, js. bruder, der christ, eine frau
)
s
.,
j. s. (wollen), etw
. (Subj., z. B.
die bescheidenheit
)
s
. (absolut);
j. bas / faste / gerne / gröblich / gröslich / mutwillig / offenbar / schwer, sere / stetiglich / täglich / tödlich, übel / wenig / willentlich, im gewissen, über eine zal s
.;
die sele am herren s., j. aus eigener kraft, mit sünden, mit einem glied, von eigener macht, an
›gegen‹
jn., wieder / gegen jn
. (z. B.
wieder / gegen got, den herren, den heiligen geist, gegen die kirche, die gebote
),
in etw
. (z. B.
in das geistliche recht
),
in jn
. (z. B.
in got, den heiligen geist
),
mit hand / herz / mut, mit der zunge, vor dem schöpfer, wieder die kirche, über die zal, über ein ziel s
.

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
des wort her da sprichet duͦrch der gabe willen, der hat gesuͦndet nicht min dan Iuͦdas.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Diu neigunge ze den sünden enist niht sünde, aber wellen sünden, daz ist sünde.
Jostes, Eckhart
39, 24
(
14. Jh.
):
Wirt dan di bechantnu̇z und di bescheidenheit begriffen mit den vielichen sinnen und mit der viellich begerung, di leut sundent nicht en wenich, mer si sundent hart ser.
Franz u. a., Qu. hess. Ref.
4, 110, 39
(
hess.
,
1536
):
es sind nit schlechte ketzer, sonder sie sunden erstlich wider die heilgen christlichen kirchen, davon sie sich frevelich on allen grund und ursach absondern.
Feudel, Evangelistar
29, 16
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
Ich wil uf sten unde wil gen czu myme vatere unde wil sprechen: vater, ich habe gesundet in den hemel unde wedir dich.
Pyritz, Minneburg
4580
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Da by min fraw auch sundet | Groblich an mir umb iren hazz.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
16
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
mußikait, deu laide, | den weissagen David schunde, | daz er totlichen sunde.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1521
):
Ach Gott, erlöß dein armes volck, das dar durch grossen bann und geboth gezwungen wird, der er keines gern thut, darumb es stätigs sünden muß in seinem gewisen, so es die übergehet.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
2, 33
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Herr, ich hab gesundt uber die zal des griß des mers und mein poßheit sint manigfeltig worden uber die stern des himels.
Sachs (
Nürnb.
1564
):
Wer vor seim schöpffer sünden thut | Beide mit hand, hertz unde mut, | Derselbig muß [...].
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
so mag sú [die bescheidenheit] denne enpfahen und lassen und súnden und nút súnden.
Chron. Strassb. (
els.
,
1362
):
wernoch iegelicher gesundet hette, darnoch leit er sich: waz er ein meineidiger boswiht so [...] recket [er] sine drie vinger uber daz houbet herfür.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
du bist nu gesunt worden; ensúnde nút me, daz dir út argers geschehe.
Schade, Sat. u. Pasqu. (
els.
1521
):
kan der bapst und die selbigen nit auch irren und sünden, so man on des nit vil guͦts von in sagt?
Pfeiffer-Belli, Murner. Kl. Schrr.
7, 106, 12
(
Straßb.
1520
):
Sündet dein bruͦder wider dich / so straff in zwischen dir vnd im.
Kurz, Murner. Luth. Narr (
Straßb.
1522
):
Wie wir hinfürt baß sünden woͤllen, | Auch selbs einander absoluieren, | Mit affenschmaltz die kelen schmieren.
Warnock, Pred. Paulis
1, 120
(
önalem.
,
1490
/
4
):
Der mensch mag wol von aigner macht töttlich súnden, aber er mag nit widerumb davon ufston allain us siner craft.
Ebd.
28, 151
:
Wer bestät ist in der gnad gotz, als die engel sint ewigklich gefestnet und bestät, der kan und mag niemer súnden, weder tötlich noch täglich.
Steer, Schol. Gnadenl.
5, 85
(
halem.
,
15. Jh.
):
waͮn mit ainer taͤglichen súnde willeklichen súnden wider got, der ir
[der
sele
]
leben git.
Qu. Schweiz. Gesch. (
halem.
,
1470
):
Er wüßte wol, das gegen vilen mit disem ratschlag er übel gesündet und verdacht wurde.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
dass si schwuͦren, er sundete und waͤr im ban [...], wenn er nit glowte hie volgende 6 stuk: zuͦm ersten, dass [...].
Morrall, Mandev. Reiseb.
13, 23
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
Ouch sprechent sie daz wir súndent daz wir flaisch essent.
Völker, Antichrist
1823
(
wschwäb.
,
15. Jh.
):
darumb wirt mänig mensch ewenklich verdampnot, wann es ist gesundet inn den hailigen gaist.
Rot
337
(
Augsb.
1571
):
Peccirn, Fehlen / jrren / vnrecht thuͦn / sünden / mißhandlen.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
mit dem vogel [auf, Bubo] væht man ander vögel, und bedäut den sünder, der offenbâr sündet.
und petten ain kalp an gemacht von silber, und sünten auch mit andern grôzen sünden.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
721
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Nu mochstu fragen, wie die engel mochten gesünden, wann got hat allew ding gar gute beschaffen.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
diser Montanus wolt kainen kain christen lassen sein, der nach der tauf sündet und wider got und die zehen gepot tät.
Bauer, Imitatio Haller
102, 27
(
tir.
,
1466
):
der mensch, der da stetikchleichen sünden ist vnd also ligen ist in seinen sünden, ob der fürchten ist [...] die ewig verdammnus, das ist nicht ain wunder.
Helm, H. v. Hesler. Apok. ;
Quint, a. a. O. ;
Fischer, Brun v. Schoneb. ; ;
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
278
;
Steer, W. v. Herrenb. Büchl.
654
;
Hübner, Buch Daniel ;
Gille u. a., M. Beheim
38, 46
;
79, 19
;
Mayer, Folz. Meisterl. ;
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
243
;
Thiele, Minner. II,
13, 423
;
Schade, a. a. O. ;
Bächtold, N. Manuel. Elsli
289, 900
;
Kottinger, Ruffs Etter Heini ;
Sappler, H. Kaufringer
16, 295
;
Moscouia
C 1v, 41
;
Kummer, Erlauer Sp. ;
Bauer, a. a. O.
71, 26
;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 19
.