überfüren,
V.
1.
›jn. / etw. mittels eines Transportgefährtes (eines Wagens, oft: eines Schiffes) von einem Ausgangsort zu einem (teils: jenseits eines Wassers liegenden) Zielort überführen, hinüberführen, transportieren, übersetzen‹; auch: ›jn. begleitend zu jm. bringen‹; zu (Präp.) 3.
Bedeutungsverwandte:
1, 1; vgl. 1,
1
2.
Syntagmen:
der ferge jn. ü., j. jn
. (z. B.
als einen capaun
) [wohin] (z. B.
in des teufels küche
)
ü., j. jn. zu jm
. (z. B.
zu dem vater
)
ü., j. einen herzeug
[wohin]
ü., j. einen wagen / karren, eine rotte ü., ein nache jn. / proviant ü., das schif ein her ü
.; subst.:
sich des überfürens als fergen gebrauchen
.
Wortbildungen:
überfürer
1 ›Fährmann, Schiffer‹ (dazu bdv.: , , 2); 2 ›Zollbeauftragter‹ (dazu bdv.: 1),
überfürerin
im Beleg auf Krähen als Wegweiser für Störche bezogen (s. u. Beleg
Pfeiffer
),
überfurt
1 ›Ort, Stelle der Überfahrt, des Übergangs‹ (dazu bdv.:
2
1, ); 2 (metonymisch): ›Überfahrt‹ (als Handlung; im Beleg: über eine Furt der Elbe),
überfürung
1 wohl ›Überführung, Übersetzung‹ (räumlich gesehen).

Belegblock:

Buch Weinsb. (
rib.
,
um 1560
):
wiewol der von Saxen die Elb besatzt, die uberfort zu verhindern, leis er sich eirst den morgen im leger predigen.
Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 177, 15
(
hess.
,
1598
):
personen, so sich deß uberfuhrens am Mayn als färgen gebraucht.
Ralegh. America (
Frankf.
1599
):
vnd den Nachen deß Schiffs [...] liessen wir 100. mann / vnd Proviant fuͤr einen Monat vber fuͤhren.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
39, 22
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
Dy schif helt der groze chaam czu obir vuren das her und das ym noturf ist.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
71, 6
(
nobd.
,
um 1450
):
das die thumprobstei [...] sulle haben ein gants fare am Mayn, das man müg übergefüren wägen, karren, geladen und ungeladen, reytende und geend.
Voc. Teut.-Lat.
hh vjv
(
Nürnb.
1482
):
Uberfurer floßman furman. traductor.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 1242
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Noch git er vns in dem sacramente des alters sine hohe personlicheit in vnbegriffenlicher clarheit. Vnd hie mitte werden wir vereiniget vnd v́ber gefv́ret zvͦ dem vattere.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 549, 21
(
Hagenau
1534
):
Da sie aber an den Reyn kommen / da will sie der Verge nicht uberfuͤren.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Fahr / ûberfurt.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vberfuͤrer / Feer / Schiffmañ.
Vberfuͤhrung [...] Traiectio.
Turmair (
Augsb.
1517
):
portus ‚lend, urfar, da man zuefert, absizt, uberfert, uber wasser‘, inde portitor ‚verg, uberfürer (Nonio), mautner‘.
Ebd. (
moobd.
,
1522
/
33
):
zwai grosse bedeckte schiff und drei claine, in disen füert er über ietzo die rot, ietzo diejenig, eine nach der andern [...], und bracht also inderhalb wenig tagen in kurzer zeit alles sein volk über das mer.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Vberfuͤhrer / der vberfuͤhret / vbersetzet [...], qui traijcit homines.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
wenne die störch über mer wellent vliegen, sô sint die krâen ir vorvliegerinn und ir überfüererinn.
Sobna der schreiber wirt über gefüert als ain cappân. eiâ, wâ hin? treun, an kain ander stat danne in des teufels kuchein.
2.
›(ein Land) militärisch überziehen‹; zu (Präp.) 3.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 2.

Belegblock:

Chron. Magdeb. (
nrddt.
,
1565
/
6
):
auch das vaterlandt mit andern kriegsleuten zuüberfüren und verterben zulassen.
3.
›etw. (z. B. den
geist
2, die
minne
4) unter Aufgabe (
verläugnen
)
sein selbes
in einen höheren (gottnahen) Seinsstand (in
einigkeit
2; 3,
rast
, in das
abgründe
5, zu
klarheit
5) hinüberführen, überleiten und in eine Einheit mit diesem verwandeln‹; als Ütr. von 1; 2 her motivierbar.
Gehäuft wobd.; älteres bis mittleres Frnhd.; Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1, 2; 3, 1, 6, 7, , , ; vgl. .
Wortbildungen:
überfürung
2 ›Vollendung, Fertigstellung eines handwerklichen Produktes‹ (im Beleg als resultativ produktbezogen motivierbar: Verwandlung des
horbes
›Lehmes‹ in das Produkt ‚Topf‘ durch den Töpfer).

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
ein grôz gâbe, daz man mit der veder des verstantnisses ûfvliege und erhebe die vernunft gegen gote und werde übergevüret von klârheit ze klârheit und mit klârheit in klârheit
[Var.:
Vber gefuget von clarheit mit clarheit
].
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
er het sú
[die
minne
]
hie alzuͦmole wole geordent und [...] gefuͤrt vnd geleitet und úbergefuͤrt in daz tieffe abgrunde in sich selber.
alles sin
[des
geistes
]
wurken und sin wesen wurt mit Gotte durchgangen und wurt in eine goͤtteliche wise gewiset und úberfuͤrt, und [...] do verlúret der geist alle gelicheit und verflússet in goͤtteliche einikeit.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 2076
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
so ist der geist geeiniget mit gotte vnd wurt sunder vnderlaz v́ber gefuͤret in rasten.
Ebd.
2192
:
die minne ist ein minnebant, die vns v́ber fuͤret vnd do wir vnser selbes inne verloͤkenent vnd mit gotte vereiniget werdent vnd got mit vns.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
Er gibt sein hertz das er volend die vberfúrung
[Var. 1475
2
–1518:
uͤberziehung
;
Froschauer
1531 /
Dietenberger
1534:
wie ers lieblich mache vnd gleste
;
Eck
1537:
glasierung
]
: vnd in seinr wache gerainigt er den aitofen.
4.
›jn. rechtsförmlich e. S. (einer Straftat) überführen‹; die Belege können teils als ›jn. wohin führen‹ gelesen werden (und wären dann zu 1 zu stellen); es geht aber um die Überführung mittels der Bahrprobe (durch ein Zeichen).

Belegblock:

Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
Solcher Beweiß aber wird auß zweyerley manier erfunden / entweder daß der Beklag(t)er [...] deß Laster selbst bekennet / oder daß er mit [...] Beweißthumb vberfuͤhret wird.
Skála, Egerer Urgichtenb.
83, 3
(
nwböhm.
,
1571
):
allein Zu Iltz sej er gewest do hab (sie) der vischer .3. mahl vbergefuret.
Bächtold, H. Salat (
halem.
,
1536
):
ward er gfangen, lag im trun. Der ward übergfuͤrt uff Agnese. [...], hie im hof zwüschend pfaff Hubers und der chorhern hus, schwuͤr er, aber es kam kein zeichen.
wurden Hartman, ein Zürcher und Hans Wyss gfangen, in meinung, si werend schuldig an den todschlegen, und als das in rechtvertigung kam, (kam) es darzuͦ, dass man si überfuͤrt uff St. Katrinen abend [...] under der linden all dry, aber es fand sich kein zeichen.
5.
›etw. (eine soziale Regel, Festlegung) übertreten, nicht einhalten‹; vgl. (Präp.) 2; 3 (ütr.).
Bedeutungsverwandte:
28; vgl. 5; 6.

Belegblock:

Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1391
):
welicher aber überfürt solhes der ist pueßfellig den bropst.
Mell u. a., Steir. Taid. (
m/soobd.
,
1539
):
wo ainem fridt gebotten und solchen nicht helt oder überfürt.
6.
›jn. betrügen, übervorteilen, hinters Licht führen; jm. zum Schaden handeln‹; am ehesten an letztere Nuance anschließbar: ›etw. mit jm. übertreiben, ihm zu viel aufbürden‹.
Obd.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 3, 1; 2, 1; 2, 4, ; vgl. .
Wortbildungen:
überfürer
3 ›Betrüger‹ (dazu bdv.: 2, , ),
überfürung
3 (dazu bdv.: , ).

Belegblock:

Voc. Teut.-Lat.
hh vjr
(
Nürnb.
1482
):
Vberfurẽ od’ betriegẽ. illicitari .i. seducẽ insidere.
Ebd.
hh vijr
, 4f.:
Vberfurūg oberruchtũg verleumũg. Vberfurer verruchter verleumer.
Buck, U. v. Richent. Chron. Conz. (
alem.
,
um 1430
):
Und darnach mantend sy die gülten, by den aiden, so sy geschworen hattend, das sy soltend laisten. Das wolt kainer tuͦn. Also sind die von Costentz überfürt worden.
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 442, 21
(
halem.
,
E. 15. Jh.
):
ouch mengem biderman sin wib und kind überfuͤrt und gelestret.
wie jung ich was, so ducht mich, man überfuͤre mit den puren.
Stammler, Berner Weltger.
545
(
ohalem.
,
1465
):
Boͤs geselschaft hant jr gefuͤrt, | Einualt lüt hand jr vberfuͤrt | Gant hin in der hell pin!
Maaler (
Zürich
1561
):
Einen Vberfuͤren / betriegen. Imponere alicui, Decipere. Ein meitle mit gaaben Vberfuͤren / vñ deñ verfellen oder bescheyssen. Expugnare pudicitiam puellæ. [...]. Vberfuͤrer / Betrieger. Deceptor.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1547
):
In welchen [sachen] tailß meine herren antecessores selige seint überfiert worden.