über|1reden,
V.
1.
›kritisch über etw. (politische, soziale Verhältnisse) sprechen, die Verhältnisse besprechen‹; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.); 10,
1
6; 8; 9.
Bedeutungsverwandte:
vgl. , 1, 5.
Wortbildungen:
überredlich
›in Sprache nicht fassbar und nicht darstellbar‹ (dazu bdv. bzw. Orientierungsfeld: , ).

Belegblock:

Strauch, Par. anime int.
125, 27
(
thür.
,
14. Jh.
):
Got ist uberwesilich und uberredilich und uberforstentlich.
Enders, Eberlin (o. O. [
1521
]):
wie mag es sein, das vnser arm bschwert volck nit zuͦ vrteyl vnd vberreden bewegt werd vber vnser junckherschafft.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vberraͤden / Auff etwas raͤden.
Wutzel, Rechtsqu. Eferding
250, 17
(
moobd.
,
1440
):
do man mochte oberreden trefliche und grosse notsachen.
2.
›jn. überreden; jn. belehren (auch mittels Zeichen); durch eindringliches Zusprechen beschwatzen, etw. im Sinne des Sprechenden Liegendes zu tun‹; offen zu 3; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.); 11,
1
7; 9.
Gehäuft rechtsbezügliche und didaktische Texte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1; 3, 5; 6, , , 3, 13, 2; 4, 1, (V.) 6, .
Syntagmen:
j. jn
. (z. B.
einen gefangenen
)
ü
. (z. B.
falschlich
);
j. jn., das volk ü., das
[+ Konjunktionalsatz oder Inhaltssatz],
j. jn. ü., was
[+ Relativsatz] /
zu
[+ Infinitivsatz],
die schlange Evam ü., das [...]
;
j. jn. e. S
. (z. B.
eines dinges, des meineides
)
ü
.;
j. jn. um etw
. (z. B.
um geld / narung
)
ü
.
Wortbildungen:
überreder
,
überredung
1 ›Unterrichtung‹ (dazu bdv.: 1).

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
wirt iener vberet de meineydes, man sol se beide
[den Überredenden und den Überredeten]
geliche buͦzen lan.
Mieder, Lehmann. Flor.
775, 11
(
Lübeck
1639
):
Wenn man die Leut vmb Gelt vnnd Nahrung will vberreden / da gehoͤrt treffliche Kunst darzu / weil der Bauch nichts hoͤrt vnd versteht.
Ebd.
776, 21
:
Raͤht vberreden die Herrn / was sie wollen.
Luther, WA (
1524
/
7
):
Mose sol wunderzeichen haben, auff das man ime gleube, So hat er einen stab in seiner hand, den wirfft er weg, daraus wird ein Schlange. [...], dadurch er das Volck uberreden sol und sie versichern, das sie im gleuben.
Ders. Hl. Schrifft.
Mt. 27, 20
(
Wittenb.
1545
):
die Hohenpriester vnd Eltesten vberredeten
[
Mentel
1466:
vnterweisten
; Var. 1483–1518:
hieschen
]
das volck / Das sie vmb Barrabas bitten solten.
Köbler, Ref. Wormbs
144, 6
(
Worms
1499
):
So einer betrüglich oder vff setzlich durch einen andern angefürt were etwas zuthuͦn oder zukauffen. [...] oder einer dem andern betrüglich geraten in vberredt. oder sust [...] betrogen hett. So mag derselb [...].
Ulner (
Frankf.
1577
):
Anschunden. Dahin bewegen / vberreden [...] anwegen [...] treiben / zwingen / nötigen [...] anhalten.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
bey dieser Meynung / stehen etliche Gefangene so fest / daß man sie darvon schwerlich abbringen kan / zumahlen weil die Hencker sie dessen auch vberreden / in deme dieselbe sorgen / daß wann sonst die Gefangenen jhre aussage gegen dem Priester wiederruffen wuͤrden / jhnen derselbe braten entgehen moͤchte.
Opitz. Poeterey
12, 8
(
Breslau
1624
):
Dienet also dieses alles zue vberredung vnd vnterricht auch ergetzung der Leute.
Gille u. a., M. Beheim
349, 14
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
ain weib in uber ret, | Das er apgat an pet.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 499, 14
(
Hagenau
1534
):
er macht yhm eynen bart von stro. Das ist / er uberredet yhn eyns dings / das offentlich erlogen ist.
Ebd.
553, 30
:
do die schlang Hevam uberredt hette / daß sie vom verbotten baum und apffel aß / lieff sie bald zu Adam und sagt imperiose / mit truziger faust / Adam iß.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Persuasio, Ein überredung / Ein gewisse meynung / die wir für gerecht haltend.
Fuchs, Murner. Geuchmat
3888
(
Basel
1519
):
Jch hab myn man des vberredt, | Das er eyn kalb vffgerichtet hett.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vberreden / Bewegen / Bringen wo einer hin wil. Flectere aliquem oratione [...]. Vberreden vnserem ansaͤhen oder gewalt zegehorsamen odʼ vnderthaͤnig zuͦ sein / Einen an sich hencken. [...]. Einen Vberreden sein fürnemmen vnderwaͤgen zelassen. [...]. Vberreder / der einem ein ding im kopff bringt zuͦ glauben.
Sappler, H. Kaufringer
14, 720
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
der ritter muost auch leiden pein | [...] | da er si [künigin] valschlich überrett | und si irer er beraubt.
Bindewald, Texte schles. Kanzl.
129, 4, 27
;
Vgl. ferner s. v.
1
2, 2.
3.
›jn. sprechend, argumentierend überzeugen‹ (im positiven Sinne); ›jn. durch Schwätzen überzeugen, etwas Unwahrscheinliches, Unmögliches, Merkwürdiges, Falsches zu glauben, zu meinen, zu tun‹; jeweils mit Öffnung zu ›nötigend auf jn. einreden, jn. betrügen, hinters Licht führen‹; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.); 11,
1
7; 8; 9.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1; 2, 9; vgl. 5, 4, , .
Wortbildungen:
überredung
2 ›falsche Aussage über jn., üble Nachrede‹ (dazu bdv.: , 3, , 4).

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
775, 3
(
Lübeck
1639
):
Der HErr CHristus hat den Juden vnd dem Judas viel guts geredt / aber sie nicht vberredt.
Ebd.
30
:
Man vberredt offt eins das es tantzet / da es lieber weinet.
Toeppen, Ständetage Preußen
3, 675, 15
(
preuß.
,
1453
):
Ouch vorneme ich / das sy under sich haben gehandelt dy sache von der obirretthunge, dy sy obirgeet und en obirgeleth wirt, das sy sich welden eynen andern herren auszkyszen.
Luther, WA (
1522
):
Ey, ewer gnade sehe mich an, wil ew̌er gnade mir nit glauben? machen also vil wortt unduͤberreden den frummen fuͤrsten.
Ebd. (
1523
):
das ist leychtlich zu uberreden, das do unter dem brot sey gottes fleysch und blut, wie wol mans nit begreyfft mit der vernunfft, wie es zugehe.
Anderson u. a., Flugschrr.
3, 8, 12
(
Wittenb.
1525
):
wenn der teuffel es so weyt brechte [...] das man glewben wuͤrde / das nicht mehr denn schlecht brot vnd weyn ym sacrament were / wie denn das volck der gemeyn puͤfel bald vnd leicht zu vberreden ist / das es die ding glewbe / wilche der vernunfft [...] sind.
Ralegh. America (
Frankf.
1599
):
Berrheo [...] vberredete auch meine Junckern vnd Edelleut / daß sie viel Jammers vnd Elendt wuͤrden muͤssen außstehen / wã ich fort fuͤhre.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
166, 27
(
thür.
,
1474
):
wy daz er yme unde syner tochter habe nachgegangen unde habe dy obirredet unde obirgangen, dy geswechet unde geuneret.
Banz, Prosadisput
48
(
alem.
,
1. H. 15. Jh.
):
Do sprach únser herr: it haind mich úberrett.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
wan er [tyfel] wol wuste, daz frouwen bas werent zuͦ überredende denne die manne.
Jörg, Salat. Reformationschr.
82, 9
(
halem.
,
1534
/
5
):
Uͦrich von Hutten ritter / ein tütscher edler / den tuͤchletends fin uf, überrettend jnn ouch / das er sich selb schon für glert achtet / und meint es wurdend alls / was er beruͦrte / rosen.
Lauater. Gespaͤnste
14r, 2
(
Zürich
1578
):
Du findst einen der überredt sich selbs er habe horn wie ein ochs.
Ebd.
16r, 16
:
noch überredt er sich selbs sy sagtind er hette synen vatter getoͤdt.
Ebd.
37v, 6
:
Da überredend sich etlich einfaltige torechte lüt / es seyend herdmenly.
Ebd.
39r, 16
:
Von denen wil ich yetz nicht sagen / die schlaͤcht einfalt lüt meisterlich überredẽ koͤnnend / wie dises oder yenes jnen oder anderen seye erschinen.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 69, 23
([
Augsb.
]
1548
):
Ainen bart von Stro troͤhen. Das ist [...] die leüte betriegen und das überreden / das unmüglich ist.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
1615
):
Welcher die geschwornen füehrer wider iren habenden befelch ungleich iberreden und ibertreüben wolte, der soll zur straff verfallen sein.
4.
›sich etw. einreden, einbilden‹; vgl. (Präp.) 2 (ütr.),
1
14.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 21, 6.

Belegblock:

Sudhoff, Paracelsus (
1528
):
uberreten sich selbs, sie sehen durch ein leib wie durch ein augspiegel.
Lauater. Gespaͤnste
14r, 4
(
Zürich
1578
):
Du findst einen der überredt sich selbs [...] er sye eine yrdin gschirr / gadt derhalb den lütẽ abwaͤg daß er nit zerstossen werd.
5.
›jn. rechtlich überführen‹; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.),
1
5.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 4; vgl. 5.
Rechtstexte.

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
louͦgent her des, des muͦtz her sich vntsagen mit sinen zwen vingeren, oder disse sal in iz vberreden selbe dritte, de de warheit witzen, daz her guͦt dar vmme entfangen habe.
iz aber, daz daz geschicht, de anderen vorsten vorwerfen in wol tuͦ deme nehesten houͦe, den er sprichet, ob man in disser dinge oberredet, alse recht ist.
Mordere heyze wir, de den menschen toten vnde sin danne lo
v
chen, ob her ober geredit wirt mit gezuͦge oder mit Campe.
Leman, Kulm. Recht (
Thorn
1584
):
wirt her obir ret das her yn obil getan hot an yrme gute. man sal en palmunden.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
um 1365
):
Swer dem andern fuͤrchauff tuͦt und wirt er dez uͤberredet, als recht ist, der geit dem richter diu puͦzz.