1.
›überlaufen, über eine bestimmte obere Grenze, auch: über den Rand einer Fläche fließend, strömend oder als ,fließend‘ tropisiert hinweggehen, in Bewegung sein‹; als sich in diesem Sinne bewegende logische Subjektgrößen kommen in Betracht: Flüssigkeiten sowie (ütr.) Tiere und Personen; als Größen, die
überlaufen
werden, erscheinen Behälter aller Art sowie von ,Behälter‘ her metaphorisierte Bezugsgegebenheiten, auch: der wirtschaftliche Durchschnittsertrag (als Messgröße) sowie ein unpersönliches
es
; als der sich jeweils vollziehende Vorgang des
überlaufens
können ein Fließen, ütr. eine farbliche Veränderung, ein ,sich übervoll Saufen‘ und ,Überfressen‘ von Menschen und Tieren, der wirtschaftliche Überschuss gedacht werden; die semantischen Muster für die damit angesprochenen uneigentlichen Verwendungen sind die Bezugsgrößenverschiebung (z. B. von der Flüssigkeit auf den Behälter, eine Metonymie) und die Metapher (z. B. vom Behälter auf den Menschen); im Einzelnen ergeben sich demnach folgende Erläuterungen: ›überlaufen, überströmen, auslaufen‹ (von Flüssigkeiten aller Art); ›überlaufen‹ (von Behältern und als ,Behälter‘ gedachten Größen); ›über eine Messgröße hinweggehen, hinausschießen‹ (von einem Gewinn); ›farblich in bestimmter Weise anlaufen, sich verfärben‹ (von Personen); ›ausufern‹ (von
laster
1,
schande
); vgl.
(Präp.)
1;
2;
3,
(V.)
10, auch 11; 12.
Keine Belege für das Oobd.
Phraseme:
läuft euch etw. über?
›Seid Ihr nicht ganz dicht?‹;
wen der hafen
›Topf‹
den boden begerte, so überliefe er nicht
›wenn j. mit den Füßen am Boden bliebe, übernähme er sich nicht‹.
Bedeutungsverwandte:
5;
6,
1,
,
1,
,
; vgl.
2.
Syntagmen:
etw
. (Subj.)
läuft über
›überschüssig sein‹,
der flus, das öl / wasser ü., ˹die augen, der mund, die galle˺
(Subj.)
jm. überlaufen
(in gleicher Reihenfolge mitzuverstehen: vor Freude, dies bei positiver Motivation, vor Leid / Wut),
ein fas, der kelch ü., der markt von blut übergelaufen sein, die affen sich ü., j. von völle, vom nachtmal ü., j. mit (roter) farbe ü
. ›anlaufen‹;
das übergelaufene mer, das überlaufende wasser
; subst.:
etw. ane überlaufen sieden
;
das hohe überlaufen
›Überschuss‹.
Wortbildungen
(hierher?): ›redundant‹ (dazu bdv.:
2;
5 [ütr.]).
Belegblock:
Ziesemer, Gr. Ämterb.
691, 34
(
preuß.
,
1410
):
das obirloufene gelt wart gelegit in den treszil.
Beckers, Bauernpr.
57, 8
(
Köln
1515
/
8
):
dat duyt mā mit eynē glaß voll wassers. kompt eȳ feucht naß jair so leufft es oͤuer.
Kehrein, Kath. Gesangb.
(
Köln
1582
):
Eiñ kelch mit starckem wein geschencket, | [...] | Hat Got in seiner hand bereit, | Er geust aus, lest ihn vberlauffen.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
147, 6
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Als Ludewig diese rede hort / da uberlieff er mit roder farwe uber alle sin antlitze.
Kurz, Waldis. Esopus
(
Frankf.
1557
):
Meister, warumb thut jr das? | Habt euch versehen in dem messen! | Oder seit jr sonst so vergessen? | Ists doch ewr eigen, habts selber kaufft | Ist, das euch etwas vberlaufft?
Perez, Dietzin
1, 205, 11
(
Frankf.
1626
):
Ich aber als deren die Gall schon vbergelauffen / suchte Gelegenheit mich zu rechen.
was dann obir die summa, [...], obirlauffen wurde, sal yderm teil seine helffte furbehalten sein.
Ermisch, Sächs. Bergr.
(
Leipzig
1509
):
sal er [ein schichtmeister] bei swere straff wochenlich nicht meher davon nemen, dan so vil er tzu blosser nodturfft [...] bedarff, [...] und was uberlaufft, [...] sall [...].
Wutke, Schles. Bergb., Cod. Sil.
(
schles.
,
1504
):
das sulchs machen und neue erfunden erbet eynes hochers uberlauffens ufft gemeltem Jeronimo Erffurt seynen erben [...] unschedelich seyn sal.
gibt uns got weisheit und erleuchtung überflussig gnug, daß uns der mund überlauft, das ist sovil, daß unser zungen gleich den apostlischen zungen werden.
Koppitz, Trojanerkr.
(Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Dem jungen küng togen | Über luffend dü ogen | Do im sin vatter ward bekantt.
do fiengend im die ougen an ŭberlouffen.
Mare refusum. Der gantz marckt ist von bluͦt Vbergelauffen. [...]. Vbergeloffen meer.
Vberlauffen / Außlauffen / So ein flussz oder wasser außbricht vnnd überlaufft. [...]. Vberlauffen vnnd die erden mit wasser beschwemmen / Zuͦ einem see werden. Stagnare. Vom gesterigẽ nachtmal Vberlauffen vñ gar voll sein. Hesterna cœna redundare. Von voͤlle Vberlauffen / So voll sein das es überlaufft. Redundare. [...]. Das Vberlauffen oder uberschiessen der augen [...]. Vberlauffend wasser / das gar ist außgebrochen. [...]. Es Vberlaufft von laster vnd von schand. Affluens scelere. [...]. Vberloͤufflingen / Vberflüssigklich. Redundanter.
Vberlauffen / vberfliessen.
Haltaus, Liederb. Hätzlerin
(
schwäb.
,
1471
):
Sich hetten da die affen | So gar v̈berlaffen, | Das maniger vergas, | Ob es tag oder nacht was.
Barack, Zim. Chron.
(
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
die sprachen, wann der haffen an boden begerte, so überliff er nit.
Inundirn, Vberlauffen / vberschwellen / vberwessern.
2.
›sich laufend oder laufend gedacht mehr oder weniger weit in horizontaler Richtung bewegen‹ (von Menschen und Tieren); im Einzelnen: ›auf etw. (auf ein räumbezügliches Obj., z. B. auf ein Haus) zulaufen‹; ›über etw. (z. B. über ein Wasser) hinüberlaufen‹; ›zu jm. hinlaufen‹; ›weit umher, weit weg laufen, eine lange Strecke hinter sich legen‹; als Metonymie: ›desertieren, zu jm. überlaufen‹; ütr.: ›vom Erzählfaden abweichen, abschweifen‹; speziell: ›(beim Fechten) einen Schlag führen, der über die Waffe des Gegners hinausgeht‹ (Genaueres unklar; hierher?); zu
(Präp.)
3, vgl.
(V.)
1;
5.
Syntagmen:
j. / der hund ü.
;
j. jn. ü., der wasserlaüfel ein wasser ü.
;
j. durch x werlte, zu den rebellen ü., j. jm. in sein haus ü.
;
der übergelaufene Franzose
.
Belegblock:
die übergelauffene Frantzosen auß Pappa gaben ihnen nicht wenig Anschlaͤge darben.
Weise. Jugend-Lust
(
Leipzig
1684
):
Jch leide es nicht / und wenn ich zu den Rebellen solte uͤberlauffen.
Mayer, Folz. Meisterl.
(
nobd.
,
um 1480
):
Antwort Judas, er [Got] thu als am tag [...], gee umb und uber lauff durch achtzehen werlt leng nach dem spruch David: [...].
Thiele, Minner. II,
13, 21
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
doch nit all sprach eym dichter sind erlaubet: | dem hund nit wol gelingt | der uberlaufft und auch zuferr ufstaubet. | Der selben bin ich eyner, | ich uberlauff gar dick.
Vberlauffen / mit lauffen vor einen kommen.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
(
oobd.
,
1349
/
50
):
er [wazzerläufel] lauft auf der erd gar snell, iedoch mêr auf den wazzern, alsô daz er in kurzer zeit ain langez wazzer überläuft.
Wierschin, Liechtenauer. Fechtk.
116, 25
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Von überlauffen. Wer vnden remet, vberlauff den, der wirt beschemet.
Mell u. a., Steir. Taid.
(
m/soobd.
,
1597
):
So einer ainem in sein haus uberlauft, aufbricht, fenster einstost oder aus dem hauß fodert, ist dem herrn verfallen fünf phund pfening.
Winter, Nöst. Weist.
(
moobd.
,
1630
):
was ain ieder in seinem haus zeucht, das soll ainem ieden frei sein hinzugeben, doch das ers erstlich dem richter anzaig und der richter den uberlaufer frag wo er zu hoff gewesen.
4.
›Unruhe schüren, stiften‹; ›jn. (auch: ein Verfassungsorgan) auf eine je unterschiedliche Weise (verbal, tätlich, mit Waffen) anfallen, angreifen‹; als begleitende Modalitäten erscheinen:
benötigen
1; 2; 3,
fangen, schlagen, schädigen, verwunden
, sogar
(er)morden
; als Täter begegnen
gewaltiger
; als besonders schwer bestrafte Orte des
überlaufens
4 gelten
das haus
3 /
gemach
2,
der garte / hof
, entsprechende Zeiten / Gegebenheiten der Tat sind
nacht
5
und nebel
,
die kilchweihe
; der Angegriffene hat das Recht auf
gegenwer, heimsuche
, damit auf rechtlich gesicherte Straffreiheit; der Täter unterliegt der
strafe
2; vgl.
(Präp.)
12,
(V.)
6.
Bedeutungsverwandte:
9,
3,
,
2,
; vgl.
.
Syntagmen:
j. ü
. (absolut);
j
. (auch
der tod
)
jn
. [wie] (z. B.
mit worten / werken / wer / waffen, mit dem schwert
), [wo] (z. B.
in seinem hause / gemache
), [wie] (z. B.
wieder recht; frevellich / gewaltig
)
ü., j. die oberkeit, die gemeine den rat ü
.
Belegblock:
Helm, H. v. Hesler. Nicod.
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
er enmuste den geist ufgeben, | und in der tot uberlief.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
10680
(
rib.
,
1444
):
Do ich mich also overlouffen sach, | Neder geslagen ind gewunt da lach.
Kurz, Waldis. Esopus
(
Frankf.
1557
):
Wenn einer auß schwachheit fellt zu hauffen, | Den wil ein jeder vberlauffen.
Ermisch, Freib. Stadtr.
(
osächs.
,
1325
):
Wirdet ein man uberloufen in sime huse oder in sime gemache, wo daz ist, von gewaldigeren [...], der mac eine heimsuchunge wol vollbrengen mit rechte.
Kisch, Leipz. Schöffenspr.
(
osächs.
,
1523
/
4
):
als mich Dittrich schuldigt, wie das ich ine solle uberlaufen haben mit worten und mit werken, [...], des habe ich nicht getan.
Gille u. a., M. Beheim
328, 814
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Der vor genant Rienolt | wart ach da uberlaffen | mit auss gezogen waffen.
Kohler u. a., Bamb. Halsger.
(
Bamb.
1507
):
So einer yemant mit einem moͤrdischen waffen oder werh vberlauffet, anficht oder schlecht, vnd der benoͤttigt kan [...] nit entweychen, der mag sein leyb vnd leben on alle straff durch ein rechte gegenwerh retten.
Uberlauffen vnruen. inquietare.
Merz, Urk. Bremgarten
198, 6
(
halem.
,
1413
):
als sy eynander uf der kilchwihe ze Garminsdorf uͥbirloͧffen, einander gewundet, gefangen vnd geschadet hetten.
Vberlauffen / vberfallen [...]. Mit einem blossen schwerdt / hat er mich (vberlauffen).
Grossmann, Unrest. Öst. Chron.
(
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
wurden die gemayn in der stat Pruck und der rat unnains, das die gemain den rat uberlieff und viengen ir newn, die obristen des ratz.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron.
(
moobd.
,
1478
/
81
):
ainer nacht [...] ward er überloffen von dem hertzog von Burgundj und ellentigklich ermört.
Skála, Egerer Urgichtenb.
229, 9
;
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
186, 16
;
Müller, Stadtr. Ravensb.
154, 13
;
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 768, 33
;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
;
;
5.
›jn. (auch: eine Gruppe) mit einem Anliegen durch dauernde Besuche hartnäckig drängend, nötigend angehen, belästigen‹; eng an
4 anschließbar; vgl.
(Präp.)
3 (ütr.); 11.
Bedeutungsverwandte:
,
4;
10,
,
.
Syntagmen:
j
. (z. B.
die freunde
)
jn. ü.
, z. B.
j. einen herren, die sondersiechen die leute, got Moses (x mal) ü., j. die obrigkeit / herschaft ü.
; subst.:
jm. unfug mit überlaufen tun
.
Wortbildungen:
4 ›Belästigung‹ (a. 1520; dazu bdv.:
,
).
Belegblock:
noch zancket ehr [Moises] mit Gott und strebete darwidder, eher dan ehr das ampt anname, und Gott uberlieff in wohl sechsmahl.
Strauch, Schürebrand
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
daz ir [...] nút irresoles noch anhanges hant [...] mit uwern liplichen frúnden, wenne sú úch mit gesessen sint vil zuͦ überlouffende.
Welti, Stadtr. Bern
(
halem.
,
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
allso das vff soͤlichem niemannd den anndern vberlouffenn noch besuͦchenn soll.
Müller, Alte Landsch. St. Gallen
(
halem.
,
1550
):
so will min gnediger herr [...] die sondersiechen mit allem ernst ermanet und gewarnet haben, sich des almusens und der sondersiechen hüsern im land zubehelfen und ander lüth nit zeüberloufen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid.
(
m/soobd.
,
1445
):
dardurch die obrigkait unnotwendiger weiß uberlouffen und behelligt, und [...].
Mell u. a., Steir. Taid.
;
6.
›etw. (meist: etw. in der Zeit Abgelaufenes), vereinzelt etw. im Raum Existierendes oder e. P., die in der Zeit gehandelt hat, übersichtlich, in relativer Kürze abhandeln‹; je nach logischem Obj.: ›etw. erzählen‹ (z. B. Geschichten, sein Leben); ›etw. kurz überlesen‹ (z. B. Texte); ›jn. darstellen‹ (z. B. Alexander); ›etw. zusammenfassen‹ (z. B. Artikel); ›etw. prüfend durchgehen, reflektieren‹ (z. B. die Wahrheit); vgl.
(Präp.)
1;
2;
3,
(V.)
1 (ütr.); offen zu
7.
Bedeutungsverwandte:
1;
2;
4,
1; vgl.
.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
den Alexander
)
ü., etw
. (z. B.
ein ding, ein stük [von dem exempel], einen brief / vers, eine historie, ein
[aufgezeichnetes]
gesicht, das evangelium / wort, Christi beschneidung, Niederbeiern
)
ü., (jm.) etw. kurz, kürzlich, zum kürzesten, als einen auszug ü
.;
die blos überlaufene arbeit
.
Wortbildungen:
5 ›oberflächliche Abfertigung e. S.‹ (a. 1593),
2 ›Sammler von Erzählstoff‹.
Belegblock:
Helm, H. v. Hesler. Nicod.
(
nrddt.
,
14. Jh.
):
die warheit er gar uberlief | wiez umme Crist irgangen was.
Ziesemer, Proph. Cranc Aba.
2, 2
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
der herre [...] sprach: schrib das gesichte und entwirf is bedutlichen uf tafelen, das er is ubirlouf
das mans fertig lesen solt
das mans frey vnd schnaͤll lesen moͤge
das mans verstendtlich lesen moͤg
wer fur vberleufft
],
der is list.
Nu wollen wirs von wort zcu wort uberlauffen, das wir sehen, wie ein schwetzer Moses ist.
Auslegung des Euangelions. DIß Euangelion woͤllen wir kurtzlich überlauffen.
da schraib er seit | Mit seiner hant einen brif, | Darynn er gentzlich uber lief | Sein leben und seines lebens frucht.
Adrian, Saelden Hort
130
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
In Jesu Christi Gottes namen | lesen, hoͤren alsamen | von Got und Gottes tofer: | der lebens úber lofer | wil ich sin und der frowen min, | Magdalenun der súnderin.
Jörg, Salat. Reformationschr.
70, 13
(
halem.
,
1534
/
5
):
History der sectmeystern [...] und aller grusamsten scisma und spalltung / jm waren rechten cristen glouben [...] zum kürtsten überlouffen / alls ein uszug.
Ein ding kurtz ¶Vberlauffen / Schnaͤll reden oder laͤsen / Ring durchfaren. [...] Bloß Vberlauffne arbeit / Werck die einem retlich von statt gend.
Wie ich
[der Chronist]
nun das Oberland kürzlich beschriben hab, gleicher maß wil ich Niderbaiern überlaufen.
ich reu aber ein fart zu tief hinein, ker wider umb und wil den Alexander kurz überlaufen.
Seuffert u. a., Steir. Landtagsakten
2, 143, 25
(
m/soobd.
,
1474
):
die vorbestymbten artikl und furnemen, so dem land zu gut betracht und nach dem kürczisten uberlaffen in geschrift bracht.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
;