überfliessen,
V., unr. abl.;
Ansatz 1 von natürlichen Größen gesagt (in allen diesbezüglichen Nuancen relativ schwach belegt); Ansatz 2 und 3 ütr. und bildlich auf Glaubenstatbestände bezogen.
1.
in einer Reihe jeweils nur einmal belegter Verwendungen wird
-fliessen
auf die natürliche Bewegung von Flüssigkeiten (meist Wasser) bezogen, z. B. ›vorbeifließen‹ (von Gewässern); ›aufwallen‹ (von Flüssigkeiten); ›sich reichhaltig ergießen, reichhaltig fallen‹ (vom Regen); ›über etw. (z. B. über einen Topfrand, über die Ufer) überlaufen‹ (von Wasser); ›über etw. hinfließen‹ (von Öl); ütr. (schwer motivierbar): ›jn. in einer Fähigkeit übertreffen‹; ›(Frucht) hervorbringen, abwerfen‹; vgl. (Präp.) 2; 3.
Bedeutungsverwandte:
1; vgl. (V., unr. abl.) 2, , , , .
Wortbildungen:
überfliessigkeit
(dazu bdv.: 5),
überfliessung
(dazu bdv.: vgl. ,
3
).

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
INTEMPERANtia. Vnmässigkeit vberfluß vberfliessigkeit.
Feudel, Evangelistar
10, 27
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
do waren gesaczt sechz steynyne cruͤge mit wazzere (...) unde fulten sy alle daz sy ubir fluzzen.
Voc. Teut.-Lat.
hh vjr
(
Nürnb.
1482
):
Vberfliessung, befliessung merũg od’ vngewitter des meres.
Ebd.
vijv
, 5:
Vberflissen vbertreffen in syten od’ kunsten. p̄fluere.
Ebd. 8:
Vberfliessen od’ verfliessen preterfluere.
Gille u. a., M. Beheim
187, 60
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
ein wolken prust der sich | mit regens uber fliessen | Mit chrafft urbling tut giessen | gestatt und velt verderbt er gar.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
Vnd wirt gen in die vberfliessung des meres
[
Wormser Proph.
1527 /
Froschauer
1531:
das eng mer
;
Dietenberger
1534:
das ungestümme meer
;
Eck
1537:
das wüetend meer
;
Luther
1545, Sach. 10, 11:
das Meer der angst
]
: vnd wirt schlahen die vnden in dem mer.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Und ist der stain den ich begos | Mit oley, das es úberflos, | Und in uf richte mit gebett, | Das ich da bi mit flisse tett: | Also hat dú hochgemuͦte | Úber flossen alles guͦte.
Schib, Urk. Laufenb.
234, 25
(
halem.
,
1544
):
nach dem obgemeltter waag [...] durch [...] vngestoͤmikeitt des wassers [...] mit vil vnnd schwaͤren büwen, gryen vnd anderem [...] der massen v̈berflossenn.
Vberfliessen / oben vberlauffen / vnd herab rinnen / wie ein Wasser auß einem Haffen.
Löffler, Columella/Österreicher (
schwäb.
,
1491
):
so vil me das geschlecht der clainen boͤm und die ander all diesser geackertt und umb graben werden, so vil groͤsserer frucht uberfliessen sy.
2.
›aus der Fülle göttlicher Qualitäten (z. B.
erbarmherzigkeit
,
genucht, minne
1; 3,
süssigkeit
4,
weisheit
) ausströmen, ausquellen‹; im Einzelnen davon kaum trennbar: ›überströmen, überquellen, überlaufen‹; teils gerichtet, dann: ›ausquellend in / durch etw. / jn. fließen, einfließen, etw. / jn. durchströmen‹; Glaubensfakten (Ereignisse und Kräfte) mystischer Spiritualität (als Subj. d. S.) von 1 her tropisierend, vereinzelt auch in minnetheoretischen Zusammenhängen gebraucht sowie vom Überhandnehmen menschlich zu verantwortender Gegebenheiten wie
jamer
1; 2; 3,
sünde
1; 2; 3,
unrechtigkeit
gesagt; vgl. (Präp.) 1; 2; 3; 10.
Gehäuft obd.; speziell wobd.; im beginnenden 16. Jh. auslaufend; Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Syntagmen:
kennen / minnen / willen / wissen
(jeweils Subj.)
ü., die gerechtigkeit / unrechtigkeit / gnade, der jamer, der herre ü. (voller gnaden), j. mit reichtum, etw
. (Subj.)
mit milch / honig ü., der mensch von leidungen nicht ü., die evangelien der minne ü., die vase der menschheit
(dies gen. explicativus)
der gotheit vol ü., j. / etw. von gnade, von zeichen / werken, das gemüt von andacht ü
.;
der flus (der einigkeit) die kräfte der sele ü., die flüsse (der süssigkeit) jn. ü., das liecht in die kräfte, etw
. (Subj., unpersönliches
-s
)
in js. (unser frauen) leib, Christi sele (nicht) in den leib, eine masse in die kirchen ü
.;
eine traube mit milch überflossen sein
;
der herre die masse überfliessend machen
;
die überfliessende barmherzigkeit / gnade / süssigkeit, das überfliessende gute
; subst.:
die süssigkeit, das inrufen ein überfliessen des herzen sein
;
das überfliessen der klarheit
.

Belegblock:

Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
von der übervülle der gotheit brach ez
[ohne grammatischen Bezug]
ûz und vlôz über in den lip unser vrouwen.
Rueff, Rhein. Ostersp.
1053
(
rhfrk.
,
M. 15. Jh.
):
Din uberflißende barmhertzekeit | hat uberwonden die strengekeit.
Sermon Thauleri
10va, 18
(
Leipzig
1498
):
also dz das liecht also groß wurt in dem weßen vñ yn dem grunde, das es sich außwurfft vnd vberfleusset ynn die creffte vñ in den außeren menschẽ.
Pyritz, Minneburg
4748
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Mich troste dann min zucker truͤb, | Die
[Bezug auf
zucker trübe
, dies wohl
trûbe
]
do sam ein rote ruͤbe | Glentzet, die mit milch begoßen | Ist und clerlich uber floßen.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
466
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
dein selbes parmherzikait, | due denne irs namen worheit trait, | so si sich dohin geußet, | do jomer uberfleuzzet.
Ebd.
2281
:
do sunde ist ubergefloßen. | mit gnoden wirt ubergoßen.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
109
(
Nürnb.
1517
):
dodurch der gut geist der breut vermittelst uberflissender gnaden Christi vor der zeit geseligt und die bösen geist vor der zeit gepeinigt werden.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
[unser herre] gússet sich selber in die mosse, wann ir enmag anders genuͤgen nút, und macht die mosse als úber fliessende von dem úberweselichen guͦte das er selber ist.
willen, wissen, minnen, kennen; es ist alles úber geflossen, es ist alles in Gotte verlorn und ein mit im worden.
Ebd. :
Eya, herre, gib in der brocken; und also úber flússet ir mosse in alle die heiligen kilchen, in guͦten und in boͤsen.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Nu ist da vor geseit von dem infliessenden und úberfliessenden guͦte, daz got ist in im selb.
von dez henden und vuͤzen und siten vlussen die lebenden brunnen, die da alles ertrich begiessent, unerschoͤphter erbarmherzikeit, grundloser wisheit, úbervliessender suͤzikeit, inbrúnstiger minne, und der brunne des ewigen lebens?
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 352
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Dise suͤßekeit ist ein v́ber fließen des hertzen, das sich der mensche nút enthalten mag von volheit der innewendiger freuden.
Ebd.
1013
:
der dirte flus diser selben einikeit des geistes. [...] verzeret alle ding in einikeit vnd v́ber flúßet vnd durch flúßet alle die crefte der selen mit richer gaben vnd sv́nderlicher edelkeit.
Ebd.
1988
:
das abgrúnde gottes ruͤffet in das abgrúnde, das sint alle die, die vereiniget sint mit dem geiste gottes [...]. Dis in ruͤffen ist ein v́ber fließen irre wesenlicher clarheit.
Ders., Ruusbr. steen
984
(
els.
,
sp. 14. Jh.
):
so vns die flússe siner suͤßekeit me durch fließent vnd v́ber fließen, so wir besser bevinden vnd bekennent, daz [...].
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
unser herre ist ain offen brunne [...]; won er ist allaine der da úber flússet voller gnaden.
do si [ewangelia] giengent alz wit so dú welte waz, [...] und lertent die minne, der si do úberflussend.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
2722
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Das so volkomen sin [landes wesen] genucht | Was und als suͤss sin frucht | Das es nach gelichnúss genoss | Mitt milch, mitt honig úber flossz.
Schmidt, Rud. v. Biberach
2, 13
(
whalem.
,
1345
/
60
):
Ein wab ist das megdlich wachs, das vil stetten vnd gehaltes hat, die honges vol sint. Also sint oͮch alle die vas der menscheit vol vberfliezende der gotheit.
Ebd.
185, 21
:
Das gemvͤt zerflúst, so es vberflusset von andacht.
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
146, 9
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
daz von dem beginne, daz Christus entphangen wart, die glori siner sele niht überfloz in den lip, daz geschach von einer gotlichen teilung, daz in dem lidelichen libe unser erlösunge erfulte die heimlicheit gottis.
Ebd.
192, 20
:
von der nachvolgung der zörnlicher lidunge, dem widerzühet die tugent, daz der mensche von in
[den
lidungen
]
niht überfliessen mag, nah der regelen der bescheidenheit.
Ebd.
273, 34
:
Zem dritten male: so muoz daz sin, daz er
[der Lehrende]
überfliezze von zeichen unde von den bekentlich werken, übermitz welche man underwillen offenbaren muoze die sache.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
22, 1
(
tir.
,
1464
):
Eür gerëchtikhait die sol mër v̈berfliessen wend der schreiber vnd der geleichsner.
Ebd.
36, 32
:
Wer da vinden ist ain güete gesellschaft, der vindet das ewig leben vnd würt v̈berfliessen mit reichtum.
Päpke, Marienl. Wernher ;
Vgl. ferner s. v. 1.