übergiessen,
V., unr. abl.
1.
›etw. (eine Flüssigkeit; Obj. d. S.) auf / über etw. (anderes) gießen / schütten, etw. mit etw. anderem (einer Flüssigkeit) übergießen‹; ›etw. (z. B. das Blut des Gekreuzigten; Subj. d. S.) etw. (z. B. js. Gesicht; Obj. d. S.) überströmen‹; ›sich [wohin] ergießen‹; speziell: ›sich erbrechen‹; auch ütr.; vgl. (Präp.) 1; 2; 3, (V.) 3; 7.
Obd.
Bedeutungsverwandte:
4; vgl. , , .
Syntagmen:
j. alcohol, einen saft über etw., ein kalb mit einer abguzlete ü., das blut
(Subj.)
js. antliz / haupt ü
.;
j. mit blut, mit zähern, mit den wassern der taufe, mit geiz und unglauben übergossen sein / werden
; subst.:
das übergiessen (oben)
›Erbrechen‹
zu viel haben
.
Wortbildungen:
übergiessung
(dazu bdv.: , ).

Belegblock:

Luther, WA (
1526
):
es fehlet nur an dem verzweyffelten unglauben, da sind wir ubergossen mit geitz und unglauben, fuͤrchten wo wir ein groschen ausgeben, es wuͤrde uns der bauch verschmachten.
Ebd. (
1537
):
Also sehe ich auch, das ich mit dem wasser in der Tauffe ubergossen werde, wie ich aber widergeborn wurde, das sehe ich nicht.
Hulsius (
Nürnb.
1596
):
Vbergiessung mit wasser.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
Mit Blut gantz vbergossen bist, | Du hangest bloß vnd vnbedeckt, | Vnsaͤglich HErr dein schmertz da ist.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Das allenthalb das bluͦt us flos | Und hopt und antlút úbergos.
Vbergiessen / einen Safft oben vber etwas schuͤtten.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
dar umb sint si
[
holzöpfel
mit der
kraft, wider (zu) dauhen
]
den guot, die daz wüllen
[›Erbrechen‹]
ze vil habent oder daz übergiezen oben.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
85, 26
(
tir.
,
1464
):
da ward ich gancz v̈bergossen mit den zähern.
Vgl. ferner s. v. , .
2.
›jn. / etw. begnadend mit etw. übergießen, überströmen‹; refl.: ›sich wohin ergießen‹; die (logische) Subjektgröße wird personal (wie
der traute, got
1, auch
der geist, die weisheit
) oder sachlich (wie
liecht
) als ‚fließend, strömend‘ von 1 her metaphorisiert; die Objektgröße erscheint ebenfalls sowohl personal (als
die heiligen
) wie sachlich (als
sünde
1; 2; 3,
wort
, auch als
geist, die herzen / wangen
), und zwar jeweils als räumliches (oder inneres?) Ziel des Flusses; die fließenden Mittel sind
trost
2,
liecht
(
das
) 4,
süssigkeit
4,
geist
4,
gotheit
1,
gnade
1; 4 (Letzteres mehrfach); vgl. (Präp.) 1; 2; 3; (V.) 10.
Gehäuft älteres und mittleres Frnhd.; Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Syntagmen:
die weisheit des geistes die herzen, der traute jn. (mit gnade), der vater jn. mit trost, got die heiligen mit liecht, die sele mit gnaden ü., die miltigkeit gottes die creaturen mit gaben übergossen haben
; refl.:
das liecht sich in den leichnam ü
.; passivisch:
die sele, das wort mit süssigkeit, die sünde, der geist mit gotheit, von gottes geiste, Jesu wangen / stirn / mund mit gnade übergossen sein / werden
;
die übergiessende flut / geisel
.

Belegblock:

Luther, WA (
1529
):
Daher auch achte ich, wir Deudschen Gott eben mit dem namen von alters her nennen [...] nach dem wortlin ‚gut‘, als der ein ewiger quellbrun ist, der sich mit eitel guͤte ubergeusset und von dem alles was gut ist und heisset ausfleust.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
die [heiligen] got in irn herzen alsô gewîhet und übergozzen hât mit götlichem liehte.
Jostes, Eckhart
105, 28
(
14. Jh.
):
Der vierd staffel ist trunckenheit. So die sele alzo úbergossen wirt mit gotlicher súzzekeit, so versmahet sy alle widerwertikait.
Oorschot, Spee. Trvtz-N.
20, 12
(
wmd.
,
1634
):
Als JESV Wangen, Stirn, vnd Mund | Mitt gnad seind vbergossen.
Sermon Thauleri
13va, 28
(
Leipzig
1498
):
vnd vmbfieng sant Pauls also die seligen vñ võ vberflussigkeit des liechtes dz in der sele grundt ist das vbergeusset sich in den leichnam.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
910
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
zehant zersmaltz mein herze gar | und ist in minnen zefloßen, | wan mich hat ubergoßen | mein traut mit der gnode sein.
Langen, Myst. Leben
204, 7
(
nobd.
,
1463
):
so nympt er [der himlisch vater] vns alles leyden abe vnd vbergeust / vns vnd vberschut vns mit seiner naturlichen, befindlichen freudenreichen trost.
Gille u. a., M. Beheim
1, 17
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
dein
[des
geistes
]
weishait alle herczen ubergeüsset, | von dem dan rechte weishait hie wirt kund.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
wie die unbegriffenliche miltikeit Gotz alle creaturen úber gossen hat mit sinen grossen gaben.
do wirt der geist also wunneklichen in gezogen, und wirt alzemole mit der gotheit durchflossen und úber gegossen und in in gezogen, das er in Gottes einikeit verlúret alle manigvaltikeit.
also vil me wirt der geist úber gossen und úber formet von Gotz geiste, als vil als er disen weg ordenlicher und luterlicher gegangen hat.
Ruh, Bonaventura
351, 10
(
orhein.
,
um 1480
):
o gotförmiges wort, durch tringender den kein durch schnidendes scharffes swert, des hertzen marck durch ederen, úbergossen mit aller honig süssikeit, reichen bitz zuͦ zerteillung der selen!
Kurrelmeyer, Dt. Bibel Var. (
Straßb.
1466
):
So die vbervndent
[Var. 1475
1
uͤberfliessend
; 1475
2
–1518:
úbergiessend
;
Wormser Proph.
1527 /
Dietenberger
1534:
sehr grosse
;
Froschauer
1531 /
Eck
1537, Jes. 28, 15:
große
]
gaisel vbergeet sy kumt nit auff vns.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Do dú frucht das leben nam, | Dú sele zedem libe kam, | Mit genaden sú Got úbergoss, | Das sy ingnaden úberfloss.
Asmussen, a. a. O.
2282
.