übergreifen,
V., unr. abl.
1.
›etw. (bezogen auf
dristrenge endelose reif
) übergreifen, umfassen, umspannen‹; im Beleg als hinsichtlich der Güte Gottes nicht verstehbar erklärt, da über dem
greifen
›dem menschlichen Fassungsvermögen‹ (wörtlich: dem räumlichen Bemessungsvermögen; vgl. 1, 1, ,
die
, 1) liegend; vgl. (Präp.) 3 (ütr.); 9, 14.

Belegblock:

Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
nu gib mir wislich gemute, | du dristrenge endelose reif, | den noch nie maze obirgreif | an der breite noch an der lenge | an der wite noch an der enge.
2.
›etw. (einen Rechenwert in der Zeitberechnung) übergehen, unbeachtet lassen‹; vgl. (Präp.) 3 (ütr.), 1; 9; 14.
Bedeutungsverwandte:
7.

Belegblock:

Plant u. a., Main. Naturl.
302rb, 28
(
ohalem.
, Hs.
E. 14. Jh.
):
davon het dc iar druͥ hundert vñ sehzic vñ fuͥnf tage vnde sehz stunden. doch vb’greif er [keizer iulius] mit eime zwelften teile einre stundẽ.
3.
›Gewalt ausüben, sich ungehörig, unmoralisch, gewalttätig verhalten; sich gegen hohe Werte, Verhaltungsregeln u. Ä. vergehen; jn. / (auch) eine Gemeinschaft durch Übergriffe in ihrer rechtlichen Verfasstheit schädigen, übervorteilen‹; bezogen auf das gesamte Spektrum des Verhaltens gegen die geltenden sozialen Regeln, die moraltheologischen Werte, das Überschreiten der Grenzen des Erlaubten, auf das Betrügen, Rauben, das schwere Vergehen; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.), zu
greifen
6.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte, auch chronikalische Texte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 10; 11, 1; 2, 4, 1; 2, 5, , .
Gegensätze:
3; 7, 1.
Syntagmen:
jn. ü
. (z. B.
leidig, der rechte
),
mit etw
. (z. B.
mit unbillichem faren
),
die 5 orte ü., den frieden, eine ordnung / satzung, einen lon
›eine Lohnregelung‹
ü., der richter ein recht / freitum ü
.;
der übergreifende
›gewalttätige‹
man
; refl.:
sich ü
. (z. B.
faste
),
sich in der kerung, mit essen / trinken, mit todschlag ü., sich zu weit ü
. ›sich zu viel herausnehmen‹; subst.:
dem abt, dem gotteshaus ein übergreifen tun, jn. um übergreifen absetzen, in strafe / fangnis nemen
.
Wortbildungen:
übergreiferin
(dazu bdv. bzw. Orientierungsfeld: , ),
übergreifung
›Vergehen gegen die Ordnung; Schändung eines Friedhofes‹,
übergrif
1 ›Delikt‹; 2 ›Hausanbau‹ (als Ergebnis eines rechtlichen Vergehens metonymisiert; dazu bdv.: 1).

Belegblock:

Helbig, Qu. Wirtsch.
1, 79, 14
(
md.
,
1461
):
Und were das diese obgerurte unser satczunge und ordenunge von den obgerurten schrotern unser nuenstad Magdburg ubirgriffen und dar wider getan wurde, so [...].
Jostes, Eckhart
65, 22
(
14. Jh.
):
Sunderlich lieb on hûte die ist ein valsch minnerin und ist ein ubergreifferin dez rehten gemaheln und ist ein zustorerinne dez frids.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
3. Dr. 14. Jh.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
da hatte he getorniret unde gestochen. Auch was he ein swinde obergrifende man gewest in sinen dagen.
Rudolph, Qu. Trier (
mosfrk.
,
1319
):
Sciendum est, quod quodlibet delictum, quod dicitur overgrif, scilicet de edificiis iniustis, de signis dictis Markin indebite positis, de viis fractis et qui araret sulcum.
Wiese, UB Wetzlar (
hess.
,
1334
/
5
):
Richter, schöffen [...] zu Wetzlar verkaufen dem Deutschen
hause
bei Marburg
alsulgin ubirbu unde ubirgrif, den si da hant zu Widelinbach uswendich der porten.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
185, 23
(
thür.
,
1474
):
ist darnach der geworchte unde gelobete frede nicht gehalden, sundern in dryerleye wiß obirfaren und obirgriffen.
Ebd.
186, 3
:
Ist der kerchoff auch der obirgryffunge halben entwyhet, so laßin den dye theter unde folgere billichen wedder wyhen.
Ebd.
12
:
fromen zcu schaffene, schaden zcu vorwaren, des er nicht gethan, sundern obirgryffen unde deme gestrengen vesten ritter ern Bernhartten von Kochebergk vorwandelt unde vorbusset habe.
Pfeiffer, Frk.-bay. Landfr.
261, 10
(
nobd.
,
1407
):
wie ir sie umb solch ubergreifen, als sie dann eurer munze doselbst zu der Fr(eyenstat) abgesetzt und ze kurz geslagen haben, in eur venknusse und strafe genomen habt.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1449
):
daran uns gancz ungutlichen geschicht, und daruber von ewch, [...] aller pillichen rechten ubergriffen, vergewaltigt und beschedigt und zu notwere gedrungen werden.
Ebd. (
E. 15.
/
A. 16. Jh.
):
da gab in ein rat zu antwort, sie möhten sich irer freihait wol geprauchen, doch solten sie fleissen das sie nicht sich zu weit ubergriffen.
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
,
1424
):
woͤlte sich aber yemand in der kerunge úbergriffen, des sol man kommen zu eim gemeinen mit eim glichen zuͦsatz.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
doch hette er
[Lamprecht von Burne]
liep die pfafheit und nam nüt vil guͦtes von collecten [...], darane sine nochkumen sich vaste übergriffent.
Merk, Stadtr. Neuenb. (
nalem.
,
1462
):
wie die von Nuwenburg dem [...] herren marggrafe Ruͦdolfen in siner herlikeit uswendig zwinge und bann der statt Nuwenburg intrag und úbergriffe tuen mit [...] vischen, [...] santgraben und steinbrechen.
Menge, Laufenb. Reg.
3164
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1470
˺):
nieman ist so pure | Der sich [...] | So wol gehalten könne hie | Das er sich úbergriffe nye | Mit essen noch mit trinken.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
1338
):
harvmb wart [...] erkennt, das dise vrteilen [...] gen allen denen, die sich alzo uͥbergriffin, es were mit todslag oder andren sachen, [...], bestan sol.
Rennefahrt, Recht Laupen (
halem.
,
1467
):
daß sie alle die, so dann die fyrtaag nit halten und brechen sindt, umb solich ubergriff straffen und büeßen mögen.
Jörg, Salat. Reformationschr.
662, 3
(
halem.
,
1534
/
5
):
Man hatt ob ghoͤrt / wie schwarlich die allten v ortt übergriffen wurdend.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
16. Jh.
):
das übergreifen so er dem abbt und seinem gotshaus gethan hat.
Ebd. (
1570
):
ubergreift sich aber ainer und hackt merers als er bedarf.
Ebd. (
15. Jh.
):
ein jeder schol auch in verchaufen geben rechte zal, maz, wag, und ell, damit ir nicht übergriffen wert.
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
20, 35
(
moobd.
,
1305
):
swa der richter der stêt recht und iren vreytuem [...] angreifen oder uber greifen wolde.
Hör, Urk. St. Veit
118, 25
(
moobd.
,
1377
):
daz sy den egenanten abbt, [...] an den egenant vnsern genaden in dhain weis beschrenchen noch vͤberfarn, sunder sy von vnsern wegen daran schuͤczen, vorsein vnd schirmen vnd auch von vnsern wegen anders yemant icht gestaͤtten, der sy mit dhainen sachen daran laidig noch vͤbergreiff.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
1625
):
wer ein zuelechen hat, der soll Georgi sein wagen und pflueg und Martini darnach wider darab fieren, damit er seinen nachbarn mit unbillichen fahrn nicht ubergreift.
v. Maren, Marquard. Ausgabe
64, 1
(
Venedig
1483
):
geprest kuͤmpt von vnordnung das man etwen zuͦ vil oder zuͦ luͤtzel tuͦtt vnd in der vͤbergreiffung oder versewmnuß vͤbet man den gepresten.
Winter, Nöst. Weist. ;
Bischoff u. a., a. a. O. .