überschlagen,
V., unr. abl.
– Häufige Belegung für Ansatz 4. Insgesamt weit ausgreifendes Bedeutungsfeld, dessen einzelne Verdichtungen teils kaum motivierbar sind; immerhin scheinen in den Ansätzen 1; 2; 3 räumliche Assoziationen der Art ›(Vieh) mit dem Hirtenstab wohin treiben‹; ›etw. aufbauen, zusammenzimmern‹ (jeweils 1; in a und b zusammengestellt); ›etw. mit etw. überziehen‹ (2), ›etw. / jn. übertreffen o. Ä.‹ (3) angenommen werden zu können; 4 ist als Ütr. ins Kognitive auffassbar; 5 und 6 sind als motivationssemantisch isoliert zu betrachten; für die Wortbildungen ergeben sich ähnliche Zuordnungsprobleme; vgl. die Gliederungen im –506; –959; .
1
a) ›jn. durch Hinübertreiben von Weidevieh, widerrechtliche Beweidung seines Grundstückes schädigen‹;
b) ›Zelte, Unterkünfte aufbauen‹; vgl. (Präp.) 3.
Wobd. / oobd.
Bedeutungsverwandte
(zu a): 2, 1, , , ; vgl. .
Wortbildungen
(zu a):
überschlag
1 ›Aufschlag für eine das Maß überschreitende Anzahl von Weidevieh‹.

Belegblock:

Zu a):
UB Zug
839, 20
(
halem.
,
1440
):
Were ouch, das deheiner, der jetz da selbs wonhaft ist [...], die andern [...] mit vile sines vechs úberschlachen und úberweiden woͤlte, dann soll [...].
Vorarlb. Wb.
2, 1418
(
vorarlb.
,
1609
):
welicher mer den zwey drey küe vich überschliege, den selben sol man macht haben zue pfenden und der überschlag auff die kuewaiden ... gleich außgethailt werden.
Hauber, UB Heiligkr. (
schwäb.
,
1489
):
das soͤlich uͥberslagen vih [...] on ir bevelh wissen und willen zuͦgeslagen sy.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Es erhub sich anfangs mit den waiden am Staufer berg, das Hanns von Schellenberg, [...] beclagte, das sie ine mit irem trub überschlüegen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
16. Jh.
):
so auch ainer den andern auf der gmain mit viech überschlecht und des nit recht hat, der ist in der puess.

Zu b):
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
,
1424
):
daz sy ouch totent und ze Brisach úbersluͦgent und zesammen koment.
2.
›etw. mit etw., das ihm von der Natur oder Sache her nicht vorgegeben ist, überziehen‹; in den Belegen vom Überschlagen, damit Absperren von Gewässern (mit Pfählen, Reusen) sowie vom Überziehen von Wänden (mit Verzierungen) gesagt; vgl. (Präp.) 3.
Gehäuft wobd. / oobd.
Wortbildungen:
überschlacht
›den Wasserlauf stauende / verbauende Vorrichtung zum Fischfang‹,
überschlag
2 ›der Zierde dienender Besatz von Stoff, Leder auf Kleidungsstücken, Schuhen (Letzterer deshalb als
kumäuler
bezeichnet)‹ (dazu bdv.: vgl.
1
1, , ).

Belegblock:

Thiele, Chron. Stolle (
thür.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
do vorgingen dy langen snebele an den (mannes) schuen; dar noch komen dy breyten scho, als dy kuͤmuler (genant kowe muler) mit uber slegen.
UB Zug
292, 20
(
halem.
,
1397
):
dz man kein vall rúschen da machen sol, visch ze vachend, [...], und dz man das wasser niena aͤlleklich uberschlachen sol noch ubergriffen.
Ebd.
855, 8
(
1441
):
der sie [die
vischentz
]
mit vechern und úberschlachten also gemachet
, daß die Fische nicht mehr hindurchkommen können.
Luginbühl
, Brennwalds Schweizer Chron. 1, 274, 11 (halem., 1508/16):
machetend die von Underwalden [...] ein starken turm, [...], úberschluͦgend den see an demselben ort mit pfeͣlen.
vberschlag m. Ein klein flach kraͤglein / so man vber denn wambstkragen schlaͤgt.
Niewöhner, Teichner
440, 172
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
als ir secht ein mawr weis | die chan daz nicht uͤber tragen, | wie gar schoͤn mans uͤber slagen | und geziert mit auserm glantz.
Matzel u. a., Spmal. dt. Wortschatz.
1989, 316
.
3.
›einer möglichen semantischen Motivation nach über eine Gegebenheit je unterschiedlicher Art hinausgehen (allgemein)‹; im Einzelnen z. B.: ›jn. überwältigen, besiegen‹; ›etw. übertreffen‹; ›etw. (ein Ziel, eine Auflage, die erlaubte Produktionsmenge einer Ware) überschreiten‹; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.).
Bedeutungsverwandte:
1 (zu ersterer Nuance).
Wortbildungen:
überschlächtig
2 ›sehr hoch‹ (von einer Geldschuld; zu letzterer Nuance).

Belegblock:

Kochendörffer, Tilo v. Kulm (
preuß.
,
1331
):
Iz kumt aber noch di cziet, | Wen wir ken den vinden striet | Halten und si uber slan | [...] | Daz [...].
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Pachumius, der vater gut, | Der mit ganzer demut | Alsus den tuvel uber sluc.
Wunderlich, Fierrabr.
146, 3
(
Simmern
1533
):
sie was an jrem leib vnnd antlitz weiß [...] vnnd billich lieb zuhaben / die schoͤnheyt / an jr vberschluge andern ferr vor.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1437
):
ir habet vernomen, wie wir etwas überslahens von protpachens wegen bey uns getan sölten haben.
Roder, Hugs Vill. Chron. (
önalem.
,
1529
):
und so fill folcks gegen der statt ferornatt, das das kriegsfolck in Wien der großen menig halben kain uberschlachen mogen thuͦr.
Thiel, Urk. Weltenb.
200, 14
(
moobd.
,
1415
):
von soͤlicher grosser vͤberslaͤchtiger geltschuld wegen.
4.
›etw. (z. B. Mengen von Menschen, Waren, Gebrauchsgegenstände aller Art) auf ihre ungefähre Zahl, ihren Umfang, ihre Maße u. dgl. so überschlagen, abschätzen, dass die in der jeweiligen Situation notwendige Handlung als erfolgreich, sinnvoll erachtet und dementsprechend vollzogen werden kann‹; die Spanne der Unsicherheit kann dabei schwanken; demnach öffnet sich
überschlagen
tendenziell zu ›etw. berechnen‹ sowie resultativ zu ›etw. ausrechnen, festlegen; etw. erfassen‹; vgl. (Präp.) 12.
Phraseme:
jn. mit einer wage überschlagen
›jn. wiegen und dadurch beurteilen‹, z. B. ›zu leicht befinden‹.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):
1
4, (V.) 3, 2; 4, 1; 8, 2; 3; 7; 9, 1, (V., unr. abl.) 1, (V.) 3,
1
2, 5,
1
, , 1, (V.) 4, .
Syntagmen:
jn
. (z. B.
die knechte / ritter / menschen / gereisigen, den haufen
) /
etw
. (z. B.
einen kübel, die masse / metzen / rinder / schafe, den hof / reichtum / wein, ein gut, eine rechnung / sache / zal, einen handel, js. unkosten, die gülte, x läste korn
)
ü., j. jn. auf etw
. (z. B.
auf x mannen
) /
in etw
. (z. B.
im herzen
)
ü
.,
j. etw
. (z. B.
den wein
)
für x fuder ü., j. etw
. [wie]
ü
. (z. B.
fleissig / treulich, nach manschaften
),
j. das grobe
(der
sünden
) (nicht)
ü., j. ü., das
[+ Inhaltssatz] /
wie
[+ Adverbialsatz] /
was
[+ Relativsatz]
ü
.,
j. ü
. [+ Hauptsatz im Konj.]; refl.:
j. im selbs / sich ü
.;
j. jn. x tausend ü
. (doppelter Akk.); im Part. Prät.:
überschlagen
ansatzweise lexikalisiert, dann: ›geschätzt, ungefähr‹; subst.:
im überschlagen sich etw
. (Subj.)
ergeben
.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Expendere. Bedencken betrachten erwegen ermessen [...] vberlegen vberschlahen.
Ziesemer, Proph. Cranc. Dan.
5, 27
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
Thechel: du bist ubirslan
[
Mentel
1466:
es ist gewegen
; nd. Bibel um 1478:
gehangen
; 1522 /
Eck
1537:
an die wag gehenkt
;
Wormser Proph.
1527:
man hat dich [...] gewaͤgen
;
Luther
1545:
gewogen
]
mit einer woge und bist irvunden minnir habende.
Ders., Gr. Ämterb.
111, 34
(
preuß.
,
1518
):
1 thon salbetir ungefarlich, 4 thon geschefte pfeil ubirslagen.
Luther, WA (
1524
):
das welltliche oberkeyt hie vernunfftige redliche leutte setzte und verordenete, die allerley wahr uberschlugen mit yhrer koste und setzten darnach das mas und zill, was sie gellten sollt.
Ebd.
35
:
Darumb mustu dyr fursetzen, nichts denn deyne zymliche narunge zusuchen ynn solchem handel, darnach kost, muhe, erbeyt und fahr rechen und uberschlahen und also denn die wahr selbst setzen, steygern odder nyddern.
Ders. Hl. Schrifft.
Lk. 14, 28
(
Wittenb.
1545
):
WEr ist aber vnter euch / der einen Thurm bawen wil / vnd sitzt nicht zuuor / vnd verschleget
[
Mentel
1466:
acht
; Var. 1475
2
–1518:
rechnet
]
die Kost.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
2217
(
rib.
,
1444
):
En dencket neit dat yeman [...] | Genoich sij zo oeverslaen alleyne dat grove | Sijnre sunden.
Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
1127
(
Köln
1476
):
so hayn ich oeuerslaegen, | Dat sych zo sament suellen draegen, | Als ich mych recht hayn besonnen, | Dye pijll oeuer hondert tonne | Vyssz der stat Nuyssz.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
1. Dr. 15. Jh.
):
die man schinbarlichen sahe und obirschlagen worden echte hondert ritter und knecht mit ofgerecketen glenen wol gerust.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob (
omd.
,
1338
):
Also daz din erster hof, | Rychtum, rinder und schof, | Wirt gar cleine uber slan | Ken dem daz dir wert getan | Von gemache.
Ermisch, Sächs. Bergr. (
osächs.
1509
):
die gewercken am bergkmeister begern yre masß tzu uberslagenn, das sall er nicht weygern. Und wu sich ym uberschlahen nicht volle maßen ergeben [...], sal [...].
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
um 1450
):
und zugen auch zu dem obgedachten weyr als mit sechs hundert gereisigen pferden [...], als die unser kuntschaft überslagen hat.
Gille u. a., M. Beheim
99, 565
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Dy menschen, die er da ertat, | man also uber slagen hat | gescheczet und erkennet | Wal funff und zwainczig tauset.
Hoffmann, Würzb. Polizeisätze
146, 23
(
nobd.
,
1474
):
das man darzu bescheide, das den kornmessern ire metzen uberschlagen werden.
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
,
1448
):
und woren die houptlút ettwan by im; und úberschluͦg man, sy hetten sich mit dem hertzogen vertragen.
Enders, Eberlin ([
Basel
1521
]):
die baͤttel münch, deren in teütschland sind wol xxiiij. tausent, vnd man hat es vber schlagen, das in Europa sind meer dann vier mol hundert tausent.
Jörg, Salat. Reformationschr.
166, 14
(
halem.
,
1534
/
5
):
so was es alls vor überschlagen / zuͦ handen gnan / by jnen gestellt / fundiert.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs. ˹
Augsb.
,
um 1440
˺):
dise sach ist gantz überslagen von unserm hern dem kayser.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
darnach bat er den konig, das er überschlahen lies, was 10 000 man gereissig [...] gestünden mit sold.
Zingerle, Inventare (
tir.
,
1429
):
Tramynner wein, die hett Lienhart die wochen, als si sprachen, vberslahen fur xvii fuder.
Ziesemer, Gr. Ämterb.
504, 15
;
Ermisch, a. a. O. :
Baumann, Bauernkr. Rotenb. ;
Koller, a. a. O. ;
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 9, 12
;
Köbler, Stattr. Fryburg ;
Leisi, Thurg. UB
7, 172, 33
;
Bastian, Runtingerb.
2, 58, 13
;
Grothausmann, Stadtb. Karpfen
113, 16
;
Schmitt, Ordo rerum
660, 14
;
Vgl. ferner s. v. 2,
2
20.
5.
›etw. in Kürze sagen, kurz andeuten, in die Inhaltslinie des Textes einfügen‹; auch: ›jn. (im Gebet) nicht übergehen, nicht zu kurz kommen lassen‹; vgl. (Präp.) 5.

Belegblock:

Kochendörffer, Tilo v. Kulm (
preuß.
,
1331
):
Da von in Ysaya, | Daz ich kurczlich uber sla, | Git er gar ungelenget: | ,Ir blut daz ist gesprenget | [...]‘.
Gerhard, Hist. alde e
42
(
omd.
,
um 1340
):
Dorumme wil ich grifen an | Di historien und uberslan | Nach minen sinnen, als ich mag, | Allez in gotes prisbeiag.
Ebd.
4579
:
Daz ich kurczlich uber sla | Cristes marter umme ga.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
Die Heiligen nicht uͤberschlag, | Vertroͤstlich dein Noht jhnen klag.
6.
›abkühlen‹ (absolut).
Bedeutungsverwandte:
1, 1, .

Belegblock:

Keil, Peter v. Ulm
88
(
nobd.
,
1453
/
4
):
seud es alles vntereinander vnd rür es fast vnd laß es überslahen.
7.
bedeutungsverwandt zu (V.) 13;