übersehen,
V., unr. abl.
– Das Bedeutungsfeld wurde folgender Gliederung unterworfen: Ansatz 1 ›etw. räumlich übersehen‹ (mit Ütr.); Block 2–4 ›über etw. hinwegsehen‹, und zwar aus Unaufmerksamkeit (2), mit Absicht (3), aus der Haltung der Nachsicht und des Verzeihens (4); die Ansätze 5 und 6 beziehen sich auf Formen des Fehlverhaltens; 7 ist als isoliert zu betrachten.
1.
›etw. (z. B. eine Stadt) von einem erhöhten Standpunkt aus überschauen, überblicken, betrachten‹; ütr.: ›etw. (oft: einen Text oder etw. textlich Festgelegtes) aus höherer Warte betrachten, erneut, genau durchsehen, dabei kritisch sichten, unter bestimmten handlungsrelevanten Aspekten auf einen Zweck (z. B. auf eine Korrektur, Revision) hin prüfen‹; auch (seltener) auf Personen bezogen, dann: ›jn. im Auge behalten, ein kritisches Auge auf jn. werfen‹; vereinzelt Tendenz zu resultativem ›etw. erkennen‹; ›jn. überführen‹; vgl. (Präp.) 2 (auch ütr.).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (V.) 5, 1; 2; 3, 1; 2; 3; 4; 6, 1; 4, 1, 2, , .
Syntagmen:
j. jn
. (z. B.
den mindern guten
)
ü., j. eine stat ü., j. etw
. (z. B.
einen abschied, eine copei / rede / reitung / schrift, ein buch / gesez / register, briefe / verse / stimmen, js. schulde, sein elend, sein tun, seine wege
)
ü
. (z. B.
fleissig, gar, wol, zum öfteren
),
j. die güte (des herren) ü., j. ü., das [...]
;
j. e. S
. (Gen.obj.)
glaubwirdig übersehen werden
›als bewiesen erkannt und überführt werden‹,
der blik (der augen) etw. ü., ein liecht die menschen ü
.; mit Dat.obj. (1 Beleg):
j. allen dingen ü
.
Wortbildungen:
überseher
›Aufsichtsperson über den Kirchenschatz; Prüfer, Korrektor (eines Textes)‹,
übersehung
1 ›Überprüfung‹ (eines Textes; dazu bdv.: ).

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
dat lon ist vmmatzen groz, daz iz keyn mensche [...] noch menschen zuͦnge nuͦ wuͦl rechen ne mochte noch ogen blik mer obersen noch oren ny
e
gehorten.
Luther, WA (
1526
):
Es sind [...] ettlich Sermon und Predigen under dem namen D. Martini Luthers außgangen, deren er fast das geringest teyl [...] übersehen hat, welche nu zuͦ letzt draussen im land in ein frembde sprach zuͦsammen auf zwen oder drey hauffen on ordnung geworffen sind, so das einer nicht wayß, welcher der forderste oder der hinderste ist.
Ebd.
12
:
Dieweyl aber nach den ein groß verlangen, wie billich unnd recht, hat mir solches ursach geben, gedachte ungeordnete und unfleyssig gedruckte Predigen widerumb zuͦ übersehen und in eyne ordnung nach den Sontagen zuͦ bringen.
Er [Abschiedt] sey denn zuvor durch die Obirkeit ubersehen und vorwilligt auszugehen.
Dat nuwe Boych (
rib.
,
1396
):
dat sij alle die brieue vnd gesetze weulden ouersyen vnd hoiren lesen vnd corrigeren.
Chron. Mainz (
rhfrk.
,
1398
):
auch zu ubersehen, das die kauflude [...] dogentlich besiehen und geholfen werden.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
289, 22
(
omd.
,
1554
/
1633
):
Ubersehung der bergkregister geschicht alle rechnung durch den bergkvöigt undt bergkschreiber.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
246, 28
(
thür.
,
1474
):
also habin wir beyder gesetcze obirsehen, gemargkt unde sprechin daruff vor recht [...] also: [...].
Opel, Spittendorf (
osächs.
,
um 1480
):
dieselbigen schulde wurden meinem herrn alle in schrifften gegeben, das er die gar wol ubersehen möchte.
nach der verhorung und ubersehunge
[der
rechenung
]
szo wolde seyne gnade und der rath yn furder yre meynungk zu vorstehne geben.
Opitz. Poeterey
55, 5
(
Breslau
1624
):
[er] koͤnne jhm nicht einbilden / das man dasselbe nicht solle mit vielen vnd zum offtern vbersehen.
Wendehorst, UB Marienkap. Würzb.
258, 3
(
nobd.
,
1497
):
auch der capellen kleynat und ander sache, die in bevolhen wirdet von burgermeystern, rate oder irn [...] bawemeystern und ubersehern der capellen, getrewlich bewaren.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1521
):
Darauff hab ich die gancze statt auff allen orten übersehen.
Kohler u. a., Bamb. Halsger. (
Bamb.
1507
):
Soͤllen vnser Rete alles einbringen der teyl, [...] in schrifften gruͤndig vnderricht werden, das sie alles fleyssig vbersehen.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
63, 9
(
Nürnb.
1548
):
Jch hab [...] etliche kleine schrifften [...] auffs newe vbersehen / vnd im druck lassen außgehn.
v. Birken. Erzh. Österreich (
Nürnb.
1668
):
Das faͤste Schloß Utliberg [...] worauf man die gantze Stadt Zuͤrich uͤbersehen konte.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
und enpfohet núwe goben und gnode, also dicke er [mensche] sich hiezuͦ keret [...] und úbersihet und durchsihet mit worem ernste alles sin tuͦn.
Ebd. (
1359
):
Das liecht úbersicht alle menschen boͤs und guͦt, also als die sunne schinet úber alle creaturen.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. (
Straßb.
1650
):
daß [...] sie dannoch nicht können aufhören ihre Vers zu revidiren vnd zu corrigiren, zu besehen, vbersehen, vermehren vnd verbesseren.
begaben vns deßwegen auff einen hohen Ort, da man alles wol beschauen vnd vbersehen kondte.
Merk, Stadtr. Neuenb. (
nalem.
,
1681
):
Wann einer einem anderen in ein wasser fahrt und deßen glaubwürdig ubersehen wird, der verbeßeret.
Wann einer schon auff denn hoͤchsten Thurn stiege / so koͤnte er doch sein ehlend nicht alle (vbersehen). [...]. Vberseher / der etwas von newem vberlieset vnd bessert.
Löffler, Columella/Österreicher (
schwäb.
,
1491
):
Und sol allweg ettlich uff den bessern uffenthalten und úbersech dennocht ouch den mindern guͦtten.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
156
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Darumb spricht czuhant Salomon [...]: „Herr du vbersiechst allen dingen, wann si sind dein [...]“.
Zingerle, Inventare (
tir.
,
1495
):
Hie nachuolgendt furstlich lehenn- vnnd annder brieff sind vbersehen.
Grosch u. a., a. a. O.
277, 21
;
Mon. Boica, NF.
2, 1, 115, 8
;
Rieder, St. Georg. Pred. ;
Löffler, a. a. O. ;
Uhlirz, Qu. Wien ;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. ; Var.;
Zingerle, a. a. O. ;
2.
›etw. unbeabsichtigt (z. B. aus Versehen, Nachlässigkeit, Gleichgültigkeit, Unerkennbarkeit) übersehen, nicht bemerken‹; demzufolge: ›etw. nicht beachten, zu tun unterlassen‹; ›jn. übersehen, nicht beachten‹; offen zu 3; vgl. (Präp.) 2 (ütr.).
Bedeutungsverwandte:
; vgl. .
Syntagmen:
j. die pfarrer, einen termin, eine schanze, seinen vorteil ü
. ›verpassen‹,
j. js. heil, js. stik, eine unmiltigkeit, sein leben (nicht), den siechtag (an jm.) ü., eine stat ire freiheit ü., j. ü., das
[+ Konjunktionalsatz] /
was
[+ Relativsatz],
j. die stat ü., zu
[+ Infinitivsatz]; refl.:
sich ü
. ›sich vergucken, etw. falsch sehen‹,
sich selben nicht ü
. ›sich selber nicht ausschließen‹,
sich an seinen eren ü
. ›sich an etw. vergessen‹.

Belegblock:

Luther, WA (
1523
):
es erhuͦb sich aber zur zeit ein murmeln under den kryechen wider dye Ebreer, darumb das jre widwen übersehen worden in der taͤglychen handtraichung.
Jahr, H. v. Mügeln
1814
(
omd.
, Hs.
1463
):
got nicht sin wisheit kündet den, | die minen [Demütikeit] stik han übersen.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
92
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
swelh geistlich mensch in seinem mut | sein selbes leben wil fleißig spehen | und sich selben niht ubersehen.
Goedeke u. a., Liederb. (
Nürnb.
o. J.):
Welche frau sich tet an irn eren übersehn, | das selb begunt man balt an irem eman spehn.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
441, 13
(
els.
,
1362
):
Dise grose vnmiltikeit moͤhten die kristen nút uber sehen.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
dis gloubete die frowe und die andern und übersohent den siechtage an ime.
Leisi, Thurg. UB
8, 313, 4
(
halem.
,
1397
):
Waͤr aber, das únser dehaines oder wir baid der obgeschriben stuk dehains úbersaͤhind oder da wider taͤtint, so [...].
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
Dis erzelte geschichten warnend die [...] stät, ire friheiten nit ze ubersehen, hantvest zesin.
Sappler, H. Kaufringer
13, 101
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
ich sprich, [...] | du hast dich ser übersehen.
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu. (
schwäb.
,
1575
):
Welcher aber seinen angesetzten termin oder uffschubtag ersietzen und uberseen wurde, demselbigen soll ferner kein erstreckung vergont werden.
Bauer, Geiler. Pred.
473, 12
(
Augsb.
1508
):
ain andere schwoͤster moͤchtt sich des ab mir ergeren / und gedencken ich hett kain liebe tzu ir / ich übersaͤch irer seelen hayl.
Mollay, H. Kottanerin
11, 8
(
moobd.
,
1439
/
40
):
wie si [Junkchfraw] das vber sehen
[›nicht bemerkt‹]
het, Daz das Liecht was vmbgefalen.
Kehrein, Kath. Gesangb. ;
Reichmann, Dietrich. Schrr.
131, 24
;
Vizkelety, Spangenberg. Glücksw.
1105
;
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst ;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. ;
3.
›ein Auge zudrücken, durch die Finger sehen, nachsichtig sein, die Fähigkeit haben, über etw. hinwegzusehen; etw. bewusst übersehen, ignorieren, großzügig übergehen; etw. durchgehen, laufen lassen, damit seine Pflicht vernachlässigen; sich nicht an vorgegebene Regeln halten‹; insofern impliziert: ›jn. hinsichtlich eines Fehlverhaltens nachsichtig behandeln, verschonen, jm. etw. ersparen‹; speziell auf die Opferung Christi durch den Vater bezogen (negativiert): ›(den eigenen Sohn nicht) verschonen‹; offen zu 4; vgl. (Präp.) 2; 3 (ütr.).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): , 4, , 1, 2, , .
Syntagmen:
j. ü
. ›seine Pflicht versäumen‹,
nicht ü. können
(jeweils absolut);
j. etw. bedachtlich / faste / gache / mutwillig, durch liebe / leid ü., j. has / unzucht, missetaten, einen befel / eid, einen wolf, sein ampt, ein gelübde, eine zeit, seine pflicht, js. zorn ü., got den (eigenen) son nicht ü., seinem son etw. nicht ü
.;
der keiser kein kloster, gotteshaus, keine armen leute e. S
. (Gen.:
des
)
ü
.,
j. ü., das
[...]; subst.:
etw
. (Subj.)
durch übersehen einwachsen, das erste mal
(Subj.)
im übersehen hingehen
;
das grosse übersehen von den herren / doctoren, schulen
(jeweils: ›von Seiten der [...])‹.
Wortbildungen:
übersehung
2 ›Verschonung‹ (e. P., Jesu Christi; s. o.).

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Parcere. Fristen / sparen vbersehen verschoͤnen.
Mieder, Lehmann. Flor.
777, 10
(
Lübeck
1639
):
Wer wol vbersehen kan / der darff keiner Brillen.
Ebd.
13
:
Das erst mahl im vbersehen gehet hin / das ander mahl hat Streich verdienet.
Luther, WA (
1523
):
,Und dein that ist nit menschlich, sunder teuͤffelisch.‘ [...]. Nun sehet zu, wie suͤß er in antwort, was er in ubersicht, und was er in nit ubersicht.
Wa nun Pilatus? hie stat die auffersteeung, der tod hats übersehen, ist verschlunden, sünd unnd schuld ist hinweg.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
461, 6194
(
Magdeb.
1608
):
Nicht wol regiert derselbig Mann / | Der nicht vbrsehn / nachgeben kan.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
das keisser Otto willen hette, von eyme itzlichen phluge eynen gulden, [...], jerlichen zu geschosse zu nemen unde wolde des keinen stift, keyn gotishuss, keyn clostir, keyn spetal noch keynes herren armelewte obir sehen.
Kohler u. a., Bamb. Halsger. (
Bamb.
1507
):
wie bissher an den halssgerichten [...], durch vbersehen vnd vnwissenheit vil vnd mancherley vbung, myssbrauch vnd gewonheyt eingewachssen.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
61
(
Nürnb.
1517
):
als die schrift sagt: Der seinen eignen sun nit ubersehen, sunder den für uns all ubergeben.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
130, 8
(
Nürnb.
1548
):
Solchs
[
schwache creatur
, Bezug auf
weib
]
sol ein man̄ merckē / nit dagegē raw sein / bißweilen vbersehen vn̄ vberhoͤrē / mit ein gutē wort helffen vnnd schonen.
Goldammer, Paracelsus. B. d. Erk.
54, 14
(
wobd.
, Hs.
n. 1570
):
so habe ain yeglicher acht / darauff / waß er thue / dann am jungstenn tag / wirdt nichts vbersehen werden.
Adrian, Saelden Hort
6913
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
daz die man von gewonhait | sont werben nach den wiben, | daz sol man lan beliben | und och wilunt úber sehen: | swaz guͦtes sol dur e geschehen.
Sudhoff, Paracelsus (
1531
/
5
):
es ist ein groß ubersehen [...] von sovil doctorn und herren, meistern und baccalaurien ec. der hohenschulen, das sie nicht besser augen haben sollen.
UB Zug
2470, 2, 7
(
halem.
,
1463
):
Es sol ouch Waͤlti Vaͤgger botten lon usrichtenn, besunder zuͦ eim tag 5 s d, so dick er úbersichtt unn nit den zins waͤrtt.
Maaler (
Zürich
1561
):
Sein ampt Vbersehen vnnd vnderlassen. [...]. Sein pflicht versaumen vnnd Vbersehen.
Wyss, Luz. Ostersp.
763
(
Luzern
1583
):
Darumb das du nitt v̈bersähung than | Dim eingnen Sun, in wollttest geopffert han.
Vbersehen / durch die Finger sehen / gut sein lassen.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Es ist ain alt sprüchwort, | [...] | „Wer wol kan übersehen, | Dem mag wol guts beschehen“.
Müller, Stadtr. Ravensb.
95, 20
(
oschwäb.
,
1335
):
Swer dekain herren pit, daz er die burger pitte, daz si sin unzuht ubersehen und ir stette reht brechen.
Leidinger, A. v. Regensb. (
oobd.
,
um 1430
):
Künig Wesczeslaus übersach, das er den steten nicht hilflich was.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1635
):
da er aber ihm nicht anschrier und den wolf übersache, daß er das vich umbrächt, so ist er das zu bezahlen schuldig.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
1389
):
und [daz] nyemant daz uͤbersaͤcht durch (lieb) noch durch layd.
Spechtler u. a., Frnhd. Rechtstexte
1, 45, 20
(
moobd.
,
1524
):
welher solhes [Rebellion] wissennlichen, vnd geuärlich, versweygen, vnd also sein phlicht vbersehen wurde, der soll darumben nach vngnaden gestrafft werden.
Bauer, Imitatio Haller
100, 14
(
tir.
,
1466
):
Souil vnd du dir selbs ie mer pist vbersehen vnd nach henngen deinem leichennamen, souil würstu darnach ie mer kchlagen.
Gille u. a., M. Beheim
125, 100
;
Reichmann, a. a. O.
146, 10
;
V. Anshelm. Berner Chron.
5, 150, 6
;
Merk, Stadtr. Neuenb. ;
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
1, 337, 17
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. ;
Winter, Nöst. Weist. ;
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
14, 6
;
v. Maren, Marquard. Ausgabe
38, 8
.
Vgl. ferner s. v.
1
3.
4.
›Nachsicht üben; etw. mit Nachsicht zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln; jm. mit der Haltung des Vergebens, Verzeihens begegnen; jn. nachsichtig behandeln‹; resultativ: ›(jm.) etw. vergeben, verzeihen, nachsehen‹ (teils unter der Voraussetzung des
verjehens
›Beichtens‹ durch den Sünder); speziell: ›jm. die Sünde vergeben, ihn von Sünde erlösen‹ (von der Liebe Christi und seinem Erlösungshandeln gesagt).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1; 2, 4, ; vgl. 1, .
Syntagmen:
j. ü. (können)
(absolut);
j. etw
. (z. B.
alle sachen, die schuld, ein schmachwort
)
ü., j. jn
. (z. B.
seinen knecht
)
ü., jm
. (z. B.
seinem weibe) (etw.) ü., j. / got jm
. (auch:
der gemeinde
)
etw
. (z. B.
den mutwillen / gebresten, die busse / sünde / strafe
)
ü., die bauern den knechten / dirnen das beiwonen ü., j. die dinge mit geduld ü
.; subst.:
j. ein übersehen tun, an übersehen als ein lämlein sein
.
Wortbildungen:
übersehung
3 ›Vergebung, Nachsicht‹ (dazu bdv.: ; vgl. 1, 2; ggs.: 2; 3).

Belegblock:

Luther, WA (
1544
):
Wiltu [...] friede in der Welt haben, so mustu darnach streben, das du [...] den hass dempffest durch die Liebe und ubersehen und vertragen koͤnnest, ob dir gleich auch gros unrecht und wehe geschicht.
Harms u. a., Alberus. Fabeln
30, 26
(
Frankf./M.
1550
):
Der kan nicht wol regieren / der nicht auch vbersehen kan.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
do bothin die eldirn vor sie, das der radh zu Isenache on das obir sach.
Opitz. Poeterey
13, 14
(
Breslau
1624
):
Man kan jhnen
[den
Poeten
]
auch deßentwegen wol jhre einbildungen lassen / vnd ein wenig vbersehen / weil die liebe gleichsam der wetzstein ist an dem [...].
Goldammer, Paracelsus. B. d. Erk.
27, 7
(
obd.
, Hs.
n. 1570
):
was du vbersichst / ist dir vbersehen.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1349
):
daz in der suͤn und in der friuͤntlichen berichtigung, [...] wir [...] alle sache uͤbersehen und gentzlich vergeben haben.
Kohler u. a., Bamb. Halsger. (
Bamb.
1507
):
die peinlich straff wirt jm, [...], vbersehen.
Reichert, Gesamtausl. Messe
16, 4
(
Nürnb.
um 1480
):
Herre, mach mich reyn von meynen verborgen suenden und der frembden suende uebersich deinen knechte.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
130, 3
(
Nürnb.
1548
):
Das geschicht aber also / dz er [man] mit vernunfft / vn̄ nit mit gewalt faren / vnd dem weib vbersehen soll.
Sachs (
Nürnb.
1554
):
du diebscher schalck, | Wolst mich an meinen ehren schmehen, | Das kan ich dir nit ubersehen.
Merzdorf, Historienb. (
alem.
, Hs.
2. H. 14.
/
A. 15. Jh.
):
ye einer wolte über der andern sin und keiner den anderen übersehen.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
war umb gedenkst du nit hinder dich, waz dir got úbersehen hat.
die vor in zorn waren als die grimmen wolve, die sind nu an úbersehene als die swigendú lemblú.
Kurz, Murner. Luth. Narr (
Straßb.
1522
):
Doch wil ich got mein sünd veriehen, | Der würt mir sie wol vbersehen.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1522
):
ich wil euch uͤbersehen umb des willen, dem ir vermehelt sein.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Conniventia, vbersehung / nit achtũg.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
die, so dem kuͤng ze vil anhangs taͤte und iren junkheren zuͦ vil muͦtwillens ubersaͤhe.
Maaler (
Zürich
1561
):
Die straaff vnnd buͦß Vbersaͤhen / Schencken / Nachlassen. [...]. Eim Vbersaͤhen / Einsi verschonen. [...]. Ein schmaachwort Vbersaͤhen vnnd nachlassen. [...] die straaff nachlassen.
Müller, Stadtr. Ravensb.
148, 17
(
oschwäb.
,
1361
/
5
):
Daz niemen sol werben noch schaffen, daz im buͦz umb unzucht úbersehen werd.
Bauer, Geiler. Pred.
100, 26
(
Augsb.
1508
):
es beschicht oft das got ainer ganntzen gemain übersicht / durch aines sollichen menschen willen.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
33, 123
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
bis mild, vertrag und übersich, | des ist uns not besunderlich.
Bäumker, Geistl. Liederb. (
oobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
wan er [got] dich hat noch also lieb, | das er dir hat so lang v̈bersehen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1608
):
daß die pauern daß unerbare beiwohnen den knechten und dürnen so fast wissentlich gestatten und ibersehen.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
25, 28
(
tir.
,
1464
):
Als güetig er ist mit der v̈bersëhung, als gerecht ist er mit der straffung.
Ebd.
44, 9
:
ich pin ain sünder [...], [...] ein speis der würme. We mir, v̈bersich mir, herr.
v. Maren, Marquard. Ausgabe
64, 8
(
Venedig
1483
):
do von spricht sanctus Gregorius man sol armen lewten iren gebresten vͤbersehen.
Opel, Spittendorf ;
Bolte, a. a. O. ;
Jörg, Salat. Reformationschr.
595, 18
;
Sappler, H. Kaufringer
8, 494
;
497
;
Drescher, Hartlieb. Caes. ;
Spechtler, a. a. O.
36, 64
;
v. Maren, a. a. O.
87, 5
.
Vgl. ferner s. v. .
5.
›einen (einzelnen) Fehltritt begehen, sich in einer Angelegenheit vergehen, gegen eine Regel verstoßen‹; vgl. (Präp.) 2; 3 (ütr.).
Syntagmen
(meist refl.):
sich ü., sich an etw., gegen jn. / jm., mit etw
. (z. B.
mit diebstal
)
ü., sich ü., das [...]
.
Wortbildungen:
übersehung
4 ›Vergehen, Delikt‹ (dazu bdv.: ; vgl. 2, 2,
1
4, 1).

Belegblock:

Lemmer, Schernb. Frau Jutte
995
(
Eisleben
1565
):
das du dich hast vbersehen / | Das du must mit schwangerē leibe gehen.
Sachs (
Nürnb.
1562
):
Bald abr ein theyl sich ubersicht, | Sein trew an seim gemahel bricht.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1533
):
Er hat sich uͤbersehen und hat [...] etlichen Kauffleuten die Seckel geschitlett.
Fuchs, Murner. Geuchmat
2299
(
Basel
1519
):
Nit dest minder ist es geschehen, | Das wir uns haben über sehen.
UB Zug
351, 4
(
halem.
,
1402
):
umb daz ich etwas unverschulter sach wider sú getan unn mich daran úbersehen hatt.
Graf-Fuchs, Ämter Interl./Unterseen (
halem.
,
1412
):
Wer es das, das der obgenempten bergteilen einer úbersaͤche und jeman anders verkouffte, [...], der selb der sol [...].
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 555, 29
(
halem.
,
um 1451
):
das sy an iren herren unrecht gethon und sy übersehen hettend.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vbersaͤhung / Faͤl (die) Delictum.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
1295
):
da si unser muͤn(s)smitte ze Muͤnichen niderbrachen und uns ubersah(en) an Emichen unserm dienar.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
[er] fragt si des urtails, was der verschuldt het und verworcht, der das haubt der welt. den römischen kaiser verwarlost, übersehen und in die hend der feind [...] aus seinem unfleis übergeben het.
Bihlmeyer, Seuse ;
Gagliardi, a. a. O.
2, 128, 17
;
477, 15
;
Dertsch, Urk. Kaufb.
608
;
6.
›jn. / etw. (eine Auflage) missachten‹; speziell: ›(einen Eid) brechen‹; vgl. (Präp.) 2; 3 (ütr.).
Bedeutungsverwandte:
vgl.
4
24, (V.) 4, 4.
Gegensätze:
22; 28.

Belegblock:

Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
us dem uͤbent sú sich strengklich [...] und tragent den lúten vor einen erberen heiligen wandel, und úbersehent aber Cristum von innen.
Buck, U. v. Richent. Chron. Conz. (
alem.
,
um 1430
):
Das woltend sy nit tuͦn und übersahend den aid.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
, Hs.
um 1437
):
zuͦ halltenn also gesetzt, geordnet vnnd angesaͤchenn, [...], vnd welich das vͥbersaͤchen vnnd nit hielltenn, der vnnd die, [...], soͤllenn [...] zuͦ eynung gebenn zechenn schilling.
Ebd. (
1539
):
Waͤr vßgeclagt den eyd v̈bersicht.
7.
›räumlich gegenüberliegen‹ (von einer Insel mit Bezug auf eine andere gesagt); vgl. (Präp.) 4.
Wortbildungen
(über das Moment ,quer liegend‘ hierher?):
übersehig
›schielend‹ (dazu bdv. bzw. Orientierungsfeld: , (Adj.) 1, ; vgl. , ).

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Luscus. Schelch vbersehig gelincksichtig vberäugig.
Rauwolf. Raiß
13, 30
([
Lauingen
]
1582
):
fuͦren also den gantzen tag / an der seyten / welche gegen der Jnsel Malta vbersihet.