übel,
das
;-s/-Ø
.– In einer Reihe von (meist partitiv gemeinten) Belegen ist nicht entscheidbar, ob das Substantiv
übel
oder eine Substantivierung des Adjektivs übel
vorliegt; diese Belege werden hier dem Substantiv zugeordnet. Das Bedeutungsspektrum oszilliert zwischen dem jm. unbeeinflussbar vorgegebenen Widerständigen und der in js. Handlungsmöglichkeiten liegenden Einzeltat, zwischen religiöser Bedingtheit und sozialer Verantwortung, zwischen individuellem und kollektiv eingebundenem Verbrechen, zwischen tätlichem und verbalem Übel. Die folgende Gliederung betont die Faktizität (in 1), die religiöse Verantwortlichkeit (in 2), die rechtliche und soziale Realität des Übels (in 3); alle drei Ansätze werden jeweils von anderen Nuancen überlagert.1.
›Übel, Böses, Schlechtes als Gesamtheit des dem Menschen existentiell vorgegebenen Widerständigen, Widerwärtigen‹; solche Gegebenheiten können dem Sündenfall, dem Wirken des Teufels zugeschrieben werden und dann unbeeinflussbarer Art sein, sie können sich aber auch aus individuellen Dispositionen jedweder Art, aus erlittenem Unglück, Elend, Krankheit, aus Lastern, Schande, eigenem Fehlverhalten ergeben und dann der eigenen Verantwortlichkeit unterliegen; sowohl die außerpersönlichen als auch die persönlich zu verantwortenden Ursachen für übel
1 tendieren dazu, als objektive Gegebenheiten betrachtet zu werden; offen zu 2 und 3.Gewisse Beleghäufung für Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Phraseme:
das fallende übel
›Fallsucht‹; übel für gut haben
; übel mit übel rächen
; arg zu übel machen
; got gebe jm. fal und übel
(ein Fluch).Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (das
) 1, 1; 2, 1, , 2
, 1, 1
1; 2, (der
) 1, (der/das
), (der
) 1, , 1, , 1; 2; 3, 1, , .Syntagmen:
j. ü. leiden / besinnen / treiben / tun, ü. mit übel rächen, die götter das ü. verhängen, jeder tag sein ü. haben, der wind das ü. hinwegtragen, j. jm. (das) ü. ferren / wünschen
; (das) ü
. (Subj.) von etw. geboren werden, geschehen, zunemen, überhand nemen, jm. gelingen
; bei etw. kein ü. sein, etw
. (Subj.) ein ü. sein
; j. übels üben, viel übels anrichten, ungehorsame viel übels bringen
; dem ü. helfen
›abhelfen‹; etw
. (Subj.) ane ü. zugehen, die liebe aus ü
. (nicht) ärger machen, etw. für ein ü. finden
; j. in übeln stecken, etw. vom ü. sein, j. von einem ü. die rute nemen, j. jn. von dem ü. erlösen, sich von
›über‹ js. ü. freuen, ein vogel wieder das ü. singen, j. arg zu ü. machen
; das ü. der geistlichen, das ü. mit der argheit / geizigkeit, / schalkheit / unkeusche
; das eigene / gegenwärtige / zukünftige / grosse
(mehrfach) / offene / verborgene ü
.; der ursprung, die ursache, der ausreuter, die vermeidung des übels
.Belegblock:
Infortunium. Vbel vnfall vngefäll vngluͤck unheyl vngemach widerstoß widerwertigkeit.
was kan man fuͤr ein groͤsseres uͤbel finden als das leben eines so elenden / wie ich bin?
Ebd.
112
. 18: und [sie, die liebe] saͤtzt ihn [den maͤnschen] ein in die freude eines verliebten wohl⸗lebens / eben zu der zeit / wan er sich in seinen uͤbeln am tieffesten zu stekken vermeinet.
[die Liebe] richtet darumb nicht hader an, noch aus ubel erger machet.
Von allem Ubel uns erloͤs, | [...] | Erloͤs uns vom ewigen Tod.
Der HERR behüte dich fur allem Vbel
[nd. Bibel um 1478:
quaden].
Ebd.
Mt. 5, 37
: Ewer rede aber sey Ja / ja / Nein / nein / Was drüber ist, das ist vom vbel
[
von den vbelnMentel
1466: ; nd. Bibel um 1478:
von bosheit;
vom argenFroschauer
1531 / Dietenberger
1534 / Eck
1537: ].
Ebd.
Mt. 6, 13
: füre vns nicht in versuchung. Sondern erlöse vns von dem vbel
[
von den vbelnMentel
1466: ; nd. Bibel um 1478:
van dem quaden].
Ebd.
Röm. 3, 8
: Lasset vns vbel
[
die vbeln dingMentel
1466: ; nd. Bibel um 1478:
de quaden dinge]
thun / auff das Gutes daraus kome? Man sol nicht übel mit übel rechen, gedultig sol ein man wesen.
Des reichs kron und pestetigung | würt alles ubels ain ursprung.
Got ainig ewig alles gut, | sel und lip tuͦt in behut | und alles úbel verren | beidú armen und den herren.
Eyn yeglicher tag hatt sein eygen ubel.
Daruf der dechen, uͤbel verguͦt habend, unwirslich antwort, er [...].
Dem wunst ich haimlich tusent übel | Und was ich böß erdencken künd.
„du hast gar ain bösen zan | [...] | der schmeckt übel aus deinem mund“.
sicherlich, ist daz die götter daz grozz übel gern verhengt hand, so sind si dez übels ain ursach gewesen.
EJn Kind von Habensperg ward nit allein stum̃ sonder auch vom Schlag oder Gewalt GOttes beruͤhrt / vnd noch uͤber das vom boͤsen Geist besessen / welchen Ublen kein Artzt zuhelffen wußte.
zwar mir gelang so übel niel | in kainer sölchen raiss.
wann ir das ein landsherre hett geschickt und ging an als übell zu.
Als das vernam der hertzog von Burgundj, der underkam die sach durch vermeidung willen grössers übel.
wer einem dem andern das vallent übl geit in dem zorn, so ist er der herrschaft ein frävelswandel
[schuldig].
ob sy sprechen: Wir haben frid, ‚vns geschicht kchain v̈bel‘, so soltu in nicht gelauben.
Endreś Zwiffler gethan gegen den Herrn, vnnd geśProchen Gott geb den Herrn tauśent fall vnd Vbl.
Luther. Hl. Schrifft.
Lk. 11, 4
; Eggers, Psalter
77, 26
; Lauterbach, Orhein. Rev. ;
Sappler, a. a. O.
26, 2
; Heydn. maister
16v, 2
; Eschenloher. a. a. O. ;
Rauwolf. Raiß
65, 22
; Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
1462
.2.
›Missetat, böse, vor allem sündhafte Tat, die e. P. vollzogen oder der Teufel verursacht hat oder die der Sünde als Verursacherin zugeschrieben wird‹; metonymisch: ›Folge oder Folgezustand einer solchen Tat‹; im Unterschied zu 1 eher auf eine einzelne Missetat sowie auf persönliche Verantwortlichkeit bezogen; die genaue Nuancierung auf die Komponenten ‚einzeln‘ und ‚verantwortlich‘ ergeben sich teils erst aus den weiteren Belegzusammenhängen.Gewisse Beleghäufung für Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld, teils in katalogartigen Aufzählungen): , 2, 2; 3; 4, , , , , 2, 2, (subst.) 1; 2, (der
) 1, (der/das
), 2 (subst.), (die
) 4, 2; 3, 1, , .Syntagmen
(in Auswahl): die sünde das ü. wirken, die creatur das ü. inne tragen, j. (das) ü. verstehen, x übel tun, alles ü. hinlassen / meiden, der mensch gut und übel gekiesen mögen, got gut und übel ansehen / richten, das ü. töten / abtilgen / aufheben, (jm.) kein ü. ungerochen / ungestraft lassen
; j. den krieg ein ü. nennen
; ein ü. von etw. kommen, über jn. geschehen, auf js. haupt gehen, manch ü. von etw. wachsen
(z. B. von neid
); übermut / hochfart ein ü. sein, vor dem ersten fal kein ü. gewesen sein
; sich des übels schuldig machen
; jm. seines übels bas werden (in der taufe)
; j. ab einem ü. erschrecken, (von gut) in das ü. fallen, sich von ü. keren, die neigung, eine gewonheit jn. in ein ü. ziehen, js. zunge von ü. sein, j. die zunge von ü. weren, got jn. von (allem) ü. behüten / lassen
›erlösen‹, j. zu einem ü. geneigt sein
; das ü. eines freises, des ehebruches, der hurerei
; das erste / grosse / jämerliche / michele / schnöde ü
.; der ursprung, die übung / ursache des / alles übels
, fressen / saufen / morden / spielen
[als ursache / ursprung
] des übels
.Belegblock:
danne wil god selben richten obel vnde guͦt, groz vnde cleyne.
weil er sehe / das wirs auch theten / so machten wir uns schuldig alles deß ubels / das er sein lebenlang darauff ubete.
alsô balde sô crêatûre crêatûre ist, sô treget si inne bitterkeit und schaden und übel und ungemach.
Der mensche hât einen vrîen willen, dâ mite er gekiesen mac guot und übel, und leget im got vür in übeltuonne den tôt und in woltuonne daz leben.
Do hie in der douffen sas, | wart eme al sins ouels bas.
Hin abe wachsent manch ubel: nit, vergunst, bose rede, achtersprechen, zweiunge, misschellunge.
ob sie gleich in einem wuͤsten wilden wesen der Unwissenheit lebeten / nenneten sie doch solchen Krieg und Übel FRIEDE.
der unschuldig in dez mund | nie übels funden isti.
Also vindt man, das ein mensch mer genaygt ist czu dem oder czu disem ubel dann der ander.
wan si [menschen] hant geton zwei úbel: si habent mich gelossen, das lebende wasser, und si habent in selber gegraben ein cisterne, die cistern die enkein wasser inenthaltet.
got lot kain úbel vngerochon, noch kein guͦt vngelonet.
Das sibent ist, das wir in vil schadens und in gross úbel fallent, won der mensch, der also dem lib und nit der sel ghorsam ist, der verlúrt daz guͦtt der natur, das guͦtt der gnaden und daz guͦt der glori.
damit wir uͤbels fürkom̃en / vnd guͦt ersam wesen vnd sicher fridlich wonung / by vnß pflantzen moͤgen.
das kan niemandt laugnen, daß fressen und saufen nicht sei ein ursach und ursprung alles übels und viler sünden, ehebruchs, hurerei, rauben, morden, totschlagen, spilen, schweren und göttlästern, auch viler bösen gedanken, lüsten und begirden.
so geschriben ist, Woͤlicher übels thuͦt, hasset das liecht.
tu uns vorgen und laiten, | das wir alles übel meiden.
Daz ander tail ist uncz an daz end dez pater noster, (sunder) da: „Herr almechtiger got, wir pitten dich, laz uns von allm ubel“.
daz [...] aneuang der ersten sünde ist ain gutes ding gewesen, wann vor dem ersten vall was chain ubel.
Das dritt v̈bel, das davon chümbt, ist v̈bermüet vnd hochfart.
do kam der teufel und würgt [...] im den hals ab Alls volk erschrack ab disem jämerlichen übel.
Er
[Hieronymus]
töttet das v̈bel, vnd die guthait machet er lëbentig. Ebd.
23, 31
: Alle tödleichen zungen die wëren zu krankh, das si solten aussprëchen das v̈bel, das die sünd ist würchen.
Du solt [...] verlassen die pösen gewanhait, das sy dich nicht cziehen in das gröss v̈bel.
3.
›einzelne Tat, Rechtsbruch, den j. aus eigener Verantwortung (meist:) gegenüber einem anderen oder gegenüber der Gesellschaft begeht‹ bis hin zu ›Taten der Art, wie sie sich aus Massenhandlungen heraus, speziell in kriegerischen oder sonstigen gewaltsamen Auseinandersetzungen, wie selbstständig ergeben‹; selten auch: ›verbales Vergehen, Beleidigung, üble Nachrede, Schmähung‹.Im Unterschied zu 1 und 2 gewisse Beleghäufung profaner, darunter rechts- und wirtschaftsbezüglicher Texte.
Phraseme:
übel zu übel setzen
.Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1; 2, , 1, , (die
) 1; 2; 3; 4, 2, 1, (subst.) 1, 1, 3, 1, 7; 8, 3, , 2, , (das
) 3, .Syntagmen:
j. kein ü. reden
(von jm
.), j. ein ü. anrichten / begehen (an jm.) / stiften / (jm.) zumessen, das ü. strafen / verhüten / verschulden, von dem guten bescheiden, ungestraft hinlassen, j. (jm.) ein ü. gebieten, (jm.) ü. tun
(als ein dieb, an seinem bruder
), ü. zu übel setzen
; j. etw. ein ü. heissen / nennen
(doppelter Akk.); ein ü
. (Subj.) verborgen / verdekt bleiben, von dem krieg aufstehen, jn. weinen
›zum Weinen bringen‹; im krieg viel übels geschehen, j. alles übels fähig werden, sich (k)eines übels vermessen, jn. eines übels überzeugen
›überführen‹ (z. B. mit frommen leuten
); die obrigkeit dem ü. steuern / weren
; dem menschen aus ü. schaden / verderben zukommen, durch ü. zu einem pracht, zu einer herlichkeit aufsteigen, jn. um ein ü. strafen
; das grosse / verbrachte ü
.Belegblock:
Eyn richter sal ouch also wisheit walten, daz her daz vbele von deme guͦten vnde dat recht von dem vnrechten kuͦnne bescheiden.
Derwegen ein jeder für seine Augen stellen soll, daß kein vbel vnd missethat vngestrafft bleibet.
hoch von noͤthen / daß die Obrigkeit sich auff machen / diesem Vbel wehren.
ob sie gleich in einem wuͤsten wilden wesen der Unwissenheit lebeten / nenneten sie doch solchen Krieg und Ubel FRIEDE.
Wirt dann der gwalt des schwerts / mit dem man rechtlich das vbel straffenn solt [...] als diebstal / rauberey / todschlag / rotterey vnd verpündnus / von diser schnoͤden eebrecherischen art hingenomen?
darumb tragent jr auch das schwerdt [...] das jr daz uͤbel verhuͤtten [...] sollend.
deßhalben einer yeden obrikeit / zuͦuorderst gepürt / vnd zuͦ statt mit ernst dariñ zuͦsehen / damit das übel gestrafft vnd die boͤsen von den guͦten gesondert werden.
Diu menschiulichiu
[sic!]
krancheit, diu so snel ist ze kriege, da von manig iubel mag uf stan, diu manot und leret, daz [...]. Caym, der Böß, thatt groß v̈bel | an sinem bruͦder.
er
[der
burger]
hett des wol war genomen. | das dem ding nit recht was. | kains übels er sich vermas. Ebd.
7, 389
: die nacht hett der knab vil her | sein ding mit dem weib also | geschaffet, das sie kaine dro | noch kain übel von im rett.
Ebd.
14, 149
: wer übel tuot als ain dieb, | der hat die vinstern nacht lieb.
man müesse das übel strafen und man künde denen, so es verschulden, nit küechli bachen.
darzu das übel da er die Junckfrauwen schmecht, hat er ir als ir klaid zerrissen.
Du sollt auch eben gedencken vnnd mercken das kein verprachts übel verporgen vnd verdeckt beleÿbet.
und geschach vil ubels in dem krieg mit mannschlacht und andern ubln zu payden seittn.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
764
; Thür. Chron.
10v, 11
; Reichert, Gesamtausl. Messe
10, 23
; Lauterbach, Orhein. Rev. ;
Brunner, Rechtsqu. Krems u. Stein
61, 24
;