übel,
Adj.
/
Adv.;
in einer Reihe halbphrasematischer Fügungen ist nicht klar zwischen
übel
(
das
) und
übel
(Adj.) zu unterscheiden.
1.
charakterisiert Bezugsgegebenheiten unterschiedlichster Art als ›sündig, schlecht, selbstbezogen, übel; dem erwarteten oder erwartbaren Guten entgegengerichtet; der sozialen Stellung, der natürlichen Ausstattung, der üblichen Funktion nicht entsprechend, defizitär; grauslich‹; als Träger dieser objektiv gesehenen Negativqualitäten erscheint in außerordentlich weitem Skopus alles, was dem Betroffenen unter religiösen, ethischen, natürlichen, praktischen Aspekten im jeweiligen Zusammenhang zuwider, widerständig, widerwärtig ist; darunter fallen Glaubenstatbestände wie der Teufel, einzelne Personen und Personengruppen, ihre Gedanken, Haltungen, Handlungen, Werke, Worte, Taten und Beziehungen, außerdem Naturerscheinungen, Wahrnehmungen, Klänge, Gerüche; offen zu 2.
Gewisse Beleghäufung für Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Phraseme:
übeles mutes
›missmutig‹;
eine übele fart faren
›sich verrennen‹;
übel für gut haben / nemen
.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.) 2; 4; 5, (Adj.) 5; 6; 7, , , 3; 4; 5, , .
Gegensätze:
1; 2; 3, (Adj.) 1; 3, 1; 2; 3; 4; 5.
Syntagmen
(in Auswahl):
j. ü. ausschlagen / geraten
›sich entwickeln‹
/ ausleihen / gedeien / (ge)hören / haushalten / reden / mannen
(von der Frau aus gesehen),
etw
. (Subj.)
ü. ausgehen / klingen / lauten, die welt ü. lonen, die arbeit (des teufels) ü., das einhorn ü. anzusehen, eine stat ü. erbauen sein, etw
. (Subj.)
jn. ü. verdriessen, das saufen jm. ü. zieren
›jm. schlecht anstehen‹,
j. jn. ü. empfangen / halten / handeln, j. etw. ü. aufnemen / nutzen, j. (jm.) ü. denken / dienen / reden / tun
; refl.:
sich ü. behaben / halten, sich selbs ü. fressen
›überfressen‹;
der übele gedanke / geist
(z. B.
der stolzheit
)
/ geschmak / has / klang / man / teufel, die übele frevelsache / freundschaft / stunde / wiederwärtigkeit, das übele ding / ende / gut / weib / wetter / wort, die übelen heiden / werke
;
übel bekleid(et) / beleitet / geraten / gerüst / gesittet / gestimt / schmeckend / wollend
;
der ü. geratene flüchtige / krieg, die ü. angelegte guttat
;
der rat der übelen
.
Wortbildungen:
übelbändig
›nicht angekoppelt‹ (von einem Hund gesagt),
übelhaftig
(dazu bdv.: ),
übelhaftigkeit
(dazu bdv.: ),
übelheit
(auch: ) ›Bosheit als Charaktereigenschaft, Haltung‹; metonymisch: ›einzelne Übeltat‹ (dazu bdv.: 1; 2, 1; 2, 1; 2),
übelig
.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Also swendet der tuvel sich, | Sin arbeit ist als ubelich.
Schöpper (
Dortm.
1550
):
Malè succedere. [...] Mißlingen mißgehen mißgerathen verungeluͤcken mißgeluͤcken vbel außschlahen.
Aegrè ferre. Vngern haben vbel fur gut nemen fur uͤbel nemen.
Luther, WA (o. J.):
Es wird aber zu letzt ubel ausgehen, wenn das ende dieses Psalms auch ein mal wird angehen.
Leman, Kulm. Recht (
Thorn
1584
):
ist das eyne vrouwe eynen man hat der obil geraten ist.
Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
daz si [tugent] hât ein innigez werk: wellen und neigen ze allem guoten und îlen und widerkriegen von allem dem, daz bœse und übel ist, güete und gote unglîch.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
4075
(
rib.
,
1444
):
He is oevel ind qualich beleyt | De mit deser wapen neit en is gecleit.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
153
(
mrhein.
,
um 1335
):
Ich
[der Teufel]
han gevarn eine vbel vart, | sit ich vberwunden bin.
Ebd.
876
:
Sin
[Jesus]
vbel werg, sin vbel gedang | vns dar zu getwungen hant, | daz wir in haben herbrath.
Karnein, Salm. u. Morolf
2, 4
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
es war ein ubel stunde, | das sie [wip, eins heiden dochter] an die welt wart geborn.
Sievers, Oxf. Benedictinerr. (
hess.
,
14. Jh.
):
Daz ist der funfte grad der otmutkeide, daz sie alle ubele gedenke [...] bit otmudger bigithe ir ebdissen nit inverhele.
wan iecliche werden so irvullit mit dem ubelen geist der stolzheide, daz sie [...].
Harms u. a., Alberus. Fabeln
37, 5
(
Frankf./M.
1550
):
wenn er sagt was jhr vbel anstunde / name sie es vor vbel.
Strauch, Par. anime int.
70, 1
(
thür.
,
14. Jh.
):
tugint ist ein guit aneval der sele, den niman ubile nutzit, den Got in uns ain uns wirkit.
Eggers, Psalter
1, 3
(
thür.
,
1378
):
Der ist eyn selik man der nicht vur in deme rate der vbeln.
Ebd.
75, 9
:
Si werden wedergekeret vn̄ schemen sich, di mir vbele dencken.
Langen, Myst. Leben
212, 5
(
nobd.
,
1463
):
wil er wol sterben, so / scholt er vor ein gut leben füren, / wann so kund er nicht vbel sterben.
Gille u. a., M. Beheim
40, 60
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Mit gwalt also | gepeutet er | auf alle ort | den ubeln geisten da!
Ebd.
441, 179
:
du pist die frau zu Abela, | die der stat frid und sun gewanne | von ainem ubeln manne.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
um 1480
):
an der cristenheit wurt erfult das wort „wer dir übel redt, der sein vermaledeit“.
Voc. Teut.-Lat.
ii vr
(
Nürnb.
1482
):
Vbelhafftiger od’ poßhafftiger. maliciosus.
Ebd.
17
:
Vbelhafftigkeit poßhafftigkeit. maliciositas.
Ebd.
20
:
Vbelheyt poßheyt vbeltat vbelkeyt. malignitas malignitudo malignantia.
Dietrich. Summaria
19v, 6
(
Nürnb.
1578
):
etwas grewliches vrtheils dise jnen machen / die jre Pfarrherrn vnd Kirchendiener vbel halten.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
So sprechent si, si woͤlten noͤte úbel tuͦn.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
503, 13
(
els.
,
1362
):
eine swarze kacze, [...], der oͮgen brantent als ein fackel vnd lies von ir gar ubelen gesmag.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 28, 27
(
Hagenau
1534
):
und [der Teuffel] spricht / Pfuat / Da geriedt es [erden klump] ubel / und ward ein Münch darauß.
Ebd.
128, 28
:
Du horest ubel / ich muß dich einmal zum bade fueren.
Ebd.
236, 6
:
Almusen geben armet nicht / | Ubel gut das reichet nicht.
Ebd.
2, 19, 16
([
Augsb.
]
1548
):
ob dir wol die welt übel lohnet / so fare du doch fort / mit wolthuͦn.
Ebd.
158, 22
:
Es ist droben gesagt / das Sauffen / sonderlich Fürsten und Künigen / übel ziert.
Ott-Voigtländer, Rezeptar
204v, 13
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1400
˺):
Der denne v́bel gehoͤr, der nem gaissú / gallen vnd honig vnd amaissen ayger [...] vnd tuͦ das in die oren.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Ain vil übel bendig hund | Trapptte für den tische dan, | Dem kind er daz brotte nan.
Maaler (
Zürich
1561
):
Dz verdrüßt mich Vbel / die sach truckt / engt / vnd irrt mich übel. [...]. Eine die Vbel gemannet hat. [...]. Jch friß mich selbs Vbel. [...]. Es stadt ein weysen mann Vbel an. [...]. Ein vbel angelegte vñ velorne guͦtthat. [...]. Vbel aufnemen. [...]. Vbel außleyhen / namlich denen so vngern widergaͤbend. Vbel bekleidt. [...]. Vbel besittet / Vnzüchtig. [...]. Einen mit worten Vbel empfahen / vnwirsch anreden. [...]. Einen Vbel fluͦchen. [...]. Vbel für guͦt han [...]. Vbel kyden / Mißtoͤnen. [...]. Alters halb ganz Vbel moͤgend.
Sappler, H. Kaufringer
18, 9
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
daran als vil faigkait lig | als an alten übeln weiben.
Heydn. maister
8v, 8
(
Augsb.
1490
):
Laß dÿch deĩ vernunft weÿsen damit du nit übel redeßt.
Bauer, Geiler. Pred.
77, 10
(
Augsb.
1508
):
Saͤlig seind die sich übel gehaben und wainen / wann sy werden getroͤst.
Fischer, Eunuchus d. Terenz (
Ulm
1486
):
(G)Ee außher du schalk. wie? [...] Fürher du übel geratner flüchtiger.
Memminger Chron. Chr. (
Ulm
1660
):
samblete sich ein zimbliche Menge Volcks, vnd zogen in Boͤhmen wurden aber uͤbel empfangen.
Jn diesem Jahr lebte Paul Stebenhaber uͤbel mit seiner Frawen.
Niewöhner, Teichner
185, 36
(
moobd.
,
1360
/
70
):
so hiezze nicht ein angster paz | denn eins uͤbeln weibez leben.
Ebd.
564, 2989
:
ich hort | missetat und ubelchait, | wer nicht pilleich daz ichs sait?
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
123, 52
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
vnd etwann ir ersams vnd lobsams leben vnd lieb mit aim vbelen ent vnd versmechten habent verslossen.
Kummer, Erlauer Sp. (
m/soobd.
,
1400
/
40
):
dar umb muͦs ich [pekch] uͤbel gedeihen. | mit der selben arbait | hab ich verdient di ewig pitterchait.
Helm, a. a. O. ;
Fischer, Brun v. Schoneb. ;
Karnein, a. a. O.
63, 5
;
265, 2
;
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
134, 2
;
167, 28
;
Sievers, a. a. O. ;
Dubizmay, kurß zu Teutze
95, 8
;
Köbler, Ref. Wormbs
353, 14
;
Karsten, Md. Paraphr. Hiob ;
v. Tscharner, Md. Marco Polo
55, 15
;
Eggers, Psalter
42, 24
;
Opitz. Poeterey
38, 14
;
Gille u. a., a. a. O.
444, 244
;
Bihlmeyer, Seuse ;
Wickram
4, 12, 33
;
Wyss, Luz. Ostersp. vor
5233
;
Sappler, a. a. O.
18, 52
;
Pfaff, Tristrant ;
Fischer, Eunuchus d. Terenz ;
Haszler, Kiechels Reisen ;
Auer, Stadtr. München .
Vgl. ferner s. v. 2, 8.
2.
charakterisiert kritisch abwertend die Art und Weise, wie j. urteilend mit etwas anderem oder mit einem anderen, seinen Taten und Eigenschaften umgeht: ›jn. / etw. erniedrigend, beleidigend, diskriminierend, demütigend, verletzend, strafend; zu js. Schaden‹; im Unterschied zu 1 auf die Beurteilung bezogen, die ein Textautor über die Beziehung zweier kommunikativ Handelnder vornimmt.
Phraseme:
übel gewonnen / böslich zerronnen
;
jn. übel zu etw. verraten
›jn. durch falsche Angaben in eine ihn überfordernde Position bringen‹;
es steht jm. übel an
[+ Infinitiv];
je mer knecht, je übel ausgericht
›viele Köche verderben den Brei‹.
Gegensätze:
(Adj.) 7.
Syntagmen
(in Auswahl):
j. ü. versehen sein, ü. hausen / schweren, j. (jm.) ü. fluchen / (jm.) ü. (nach)reden / sprechen, j. etw. ü. deuten, j. ü
. ›im Unfrieden‹
mit jm. leben, j. ü. mit jm. umgehen, von jm. leben, j. jn. ü. ansehen / berichten / schlagen / sprechen / sprachen
›verleumden‹ /
strafen, den namen gottes ü. sprechen
;
die welt jm. ü. lonen
;
j. ü. hin zu got reden, jm. etw. zu ü. messen
›übelnehmen‹ /
vermerken
.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Wes mac der ubeltunde man | Sinen Got geschuldigen dan, | Sint her im vriekur und craft | Hat kegen dem tuvel geschaft.
Schöpper (
Dortm.
1550
):
Rapere in malam partem. Verargen verkeren, vbel vff nemen zum argen wenden verunguͤtigen zum vnguten außlegen, verargkwenigen.
Luther, WA (
1535
):
Male quesitum male disperit, Ubel gewunnen, boͤslich zerunnen.
Ders. Hl. Schrifft.
Joh. 18, 23
(
Wittenb.
1545
):
Hab ich vbel geredt / so beweise es / das böse sey.
Ebd.
1. Kor. 14, 35
:
Es stehet den weibern vbel an
[
Mentel
1466 / nd. Bibel um 1478:
ist lesterlich
]
/ vnter der Gemeine reden.
Herborn u. a., Rechn. Jülich
45, 24
(
rib.
/
snfrk.
,
1398
/
9
):
Diederich ind Goiswyn [...], want sij des amptma(n)s kneichte oevel spraichen, [...] gulden sy 80 Mark.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
Wie darffestu so kune sinn, | Daß du en so ubel host gesprochen?
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
145, 1242
(
Zwickau
um 1540
):
Je mehr der knecht / ye ubler ausgericht.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
156
(
Nürnb.
1517
):
diser [gots junger] bringt auf die ban das wort gots, jener
[des
teufels junger
]
des teufels rede, als do sein: ligen, murmeln, got, den priestern, erbarn frauen und sunst meniglich nach ubel, schmelich, lesterlich, unverschampt, frauenwirtisch und dergleichen giftig reeden.
Thiele, Minner. II,
16, 209
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
da mit so ist er gar ain armer knecht, | wenn ir in úbellich senhent an.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
von den do werdent geborn neyd krieg spot vbel
[nd. Bibel um 1478 /
Eck
1537 /
Luther
1545, 1. Tim. 6, 5:
böse
]
arckwon.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 346, 21
(
Hagenau
1534
):
Wenn das glück yemant erhebt zuͦ eynem grossen ampt / zum regiment [...] und er ist doch untüchtig dazu / von dem sagt man / Er sey ubel zuͦ dem ampt verradten.
Roder, Hugs Vill. Chron. (
önalem.
,
1499
):
Do rettend die raißigen den fuͦßknehten gar ubel und wolten in darnach gar nutz mer fertruwen.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
das dañ ein yetlicher der den andern also vnbillicher wise in zorn schmecht / vnd übel zuͦredt [...].
Jörg, Salat. Reformationschr.
425, 18
(
halem.
,
1534
/
5
):
So jch nun darus muͦs vermercken / das jr von mir übel bericht sind / und mir zuͦ hoͤchster undanckbarkeytt / ouch uneren dient.
Maaler (
Zürich
1561
):
Du thuͦst daran dir vnd jm Vbel [...]. Sich bey eim klagen vnd Vbel gehaben. [...]. Vbel geraaten / der auß dẽ gschlaͤcht schlacht / der seinen stammen entuneeret vnd übel geschendt.
Sappler, H. Kaufringer
16, 183
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
das der man in zorn vaig | das weib übel handel und slach.
Völker, Antichrist
513
(
wschwäb.
,
15. Jh.
):
Zehand wurden die lút erhitzet [...] vnd wurdent v́bel sprechent gottes namen.
Andreae. Ber. Nachtmal
84r, 12
([
Augsb.
]
1557
):
Die ander zeyt / so man aufs grublen vnnd vbel deüten legt / moͤcht man auff die Bibel vnd lieb wenden.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
solichs wurd im von den fursten im Reych zw ubel gemessen.
Hohmann, H. v. Langenstein. Quästio
213, 124
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
wie man nach irem tod v̈bel von yn redt.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
Umb disz wort muest er an stund aus dem veld reiten und ward im zu übel vermerckt.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
28, 32
(
tir.
,
1464
):
ir werdet sellig, wenn eüch die menschen v̈bel rëden, vnd wenn si eüch ëchten sein.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
524, 538
;
Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj.
6, 13
;
Opitz. Poeterey
4, 24
;
Müller, Alte Landsch. St. Gallen ;
Völker, a. a. O.
530
;
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu. ;
Grothausmann, Stadtb. Karpfen
36, 2
;
Weissthanner, Urk. Schäftlarn
92, 17
.
3.
verstärkt, steigert, intensiviert den (meist negativierenden) Inhalt eines Verbs in Richtung auf (allgemein) ›sehr, schwer, heftig, mehr als, überaus, über die Maßen‹; im Einzelnen z. B.: ›gründlich‹ (von
bleuen
), ›ernsthaft‹ (von
besorgen
), ›scharf‹ (von
schelten
), ›sorgfältig‹ (von
hüten
), ›gänzlich‹ (von
vergessen
), ›vollständig‹ (von
verwüsten
).
Gewisse Beleghäufung für profane Texte.
Bedeutungsverwandte:
5; 6, 3; 4, (Adv.) 7.
Syntagmen:
j. ü. erschrecken / fluchen, j. / etw
. (Subj.)
ü. stinken, j. etw. ü. besorgen, sein fleisch ü. hassen, eine stat ü. verwüsten, jn. ü. (an)schelten / ausrichten / fordern / plündern / schlagen / verleiden, mit etw. handeln, j. ü. nach etw. dürsten, j. im
(refl.: ›sich‹)
ü. fürchten, etw
. (Subj.)
jn. ü. reuen
;
j. ü. erschrocken / verwundet, des glaubens ü. vergessen, ein ros ü. abgeritten, paradiesvögel ü. zerfressen sein
; refl.:
sich ü. schämen / verdriessen, vor jm. hüten
; ohne Subj.:
jn. der götlichen arbeit ü. verdriessen
.

Belegblock:

Alberus, Barf. (
Wittenb.
1542
):
Da das Franciscus erfur / Lies er den Muͤnch vbel Blawen.
Gropper. Gegenw. (
Köln
1556
):
Die armen verfürten leuth [...] seind zwar jres heiligen Christlichen glaubens gãtz übel vergessen.
Wunderlich, Fierrabr.
42, 3
(
Simmern
1533
):
ir habt gnuͦg vmb meinet willen gethan / vnd seind vbel verwundt.
Ralegh. America (
Frankf.
1599
):
vnsere Proviant [...] stunck viel vbler / denn eine Gefaͤngnuß in gantz Engellandt hette koͤnnen stincken.
Sachs (
Nürnb.
1552
):
Allein ein ding mich rhewet ubel, | Daß ich dem loß stinckenden fossen | Ein güldins ringlein hab angstossen.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Vnd stinckt gar übel nach dem schweiß.
Lauchert, Merswin (
els.
,
1352
/
70
):
in dirre froͤiden do wart ein has in mir selber vf stonde, daz ich min fleisch, minen lichamen, also gar sere v́bele hassende wart, das [...].
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
die alse gar trege und unahtsam sint, daz sú der götlichen arbeit alse gar übele verdrúszet.
Bachmann, Morgant (
halem.
,
1530
):
sy stalt sich hindersich und erschrack ŭbel darumm, das er sy schlachen wott.
Maaler (
Zürich
1561
):
Abreyten / Eneruare equitando. Ein roß das übel ist Abgeritten / das sich zeraͤch gelauffen.
Enders, Eberlin (o. O.
1524
):
ain schedlich gyffttig volck, da vor man sich gantz übel hieten mag.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
das verdroß etlich in der vorstat gar ubl, daß sie solten ihre heuser abbrechen.
der raisig gesell vorcht im übel, man wurd in arkwonen.
Ebd. (zu
1548
):
haben sie, irem gebrauch nach, übel gefluͦcht und schmehliche wort getriben, ainen rat und die burger ubel ausgericht.
Henisch (
Augsb.
1616
):
In bawersheusern stinckts nicht so vbel / als in Herren hoͤfen.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
141
(
oobd.
,
1607
/
11
):
paradisvögel [...], so zum theil gar übel von chameri oder schaben zerfressen.
Alberus, a. a. O. ;
Wickram
4, 30, 18
;
Adrian, Saelden Hort
9808
;
Bachmann, Haimonsk. ; ;
Kottinger, Ruffs Etter Heini ;
Wyss, Luz. Ostersp. nach
8832
;
9196
;
Lauater. Gespaͤnste
15v, 2
;
Rauwolf. Raiß
4, 30
;
Fischer, Eunuchus d. Terenz ;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ;
Qu. Brassó
5, 440, 6
.
Vgl. ferner s. v. 8,
1
1, 1, (
das
) 7, 1, 5.
4.
›kaum, unzulänglich, schlecht, den Umständen nicht voll entsprechend‹; je nach Verb bzw. Zustand gradierend, teils mit vorangestelltem Adv., z. B.
fast, gar
4; speziell:
übel zufrieden
›kaum, gar nicht zufrieden‹ (
sein
); ein Teil der Belege auch an 1 bis 3 anschließbar.
Syntagmen:
sich ü. fürsehen/ hüten, j. ü. über etw. urteilen, jn. ü. zwingen, jm. ü. getrauen, zu essen geben
;
ein fleisch sich ü. kochen lassen, eine stat
(Subj.)
ü. verwaret, eine behausung ü. erbauet, ein hafen ü. beschlossen, etw. ü. auszusprechen, j. wieder jn. ü. bestanden sein
;
j
. (
e. S
., Gen.),
mit jm. ü. zufrieden sein, zu unfrieden werden
;
der ü. merkende leser
.

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
544, 29
(
Lübeck
1639
):
so were er wider die Phariseer vbel bestanden.
Enders, Eberlin ([
Erfurt
]
1524
):
yst geschehen zu nutz dem ainfaltigen vbel merckenden leser.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
184v, 23
(
Leipzig
1588
):
Da kan man sich vbel fursehen vnd huͤtten.
Gille u. a., M. Beheim
451, 225
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
arbait, | die von menschlichem münde | gar ubel auss zu sprechen were.
Cirurgia H. Brunschwig (
Straßb.
[
1497
]):
dz ist eĩ grosse wund vnd ist vbel dar vber zuͦ vrteilenn.
Jörg, Salat. Reformationschr.
767, 13
(
halem.
,
1534
/
5
):
ettlich jn sterbender arbeytt und angst / ettlich fast übel wund.
Lauater. Gespaͤnste
13r, 28
(
Zürich
1578
):
do sine fründ jm durch artzny hulffend / was er übel mit jnnen zuͦ friden.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 166, 67
(
Luzern
1596
/
7
):
Das volck würdt vngedultig, komend jung vnd allt zuͦ Ozia, sind v̈belzfriden, das er die statt nitt zum friden vffgeben.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
sicher ich getrau in allen übel, ich fürcht, sie haben etwas im sinn, das [...].
Ebd. (zu
1563
/
5
):
Dessen seind die closterfrauen, [...], gar übel zuͤfriden.
Ebd. (
1563
/
4
):
er gab den eehalten übel zuͤ essen.
Ebd. (zu
1563
):
welches er, Diefstetter, selbs angehört hat und darumben mit dem predicanten, [...], gar übel zu unfriden worden ist
[Var:
übel zu friden
].
Haszler, Kiechels Reisen (
schwäb.
,
n. 1589
):
derowegen süe dem Thürckhen schlechte obedientiam prestiren, kan süe auch ybl zwingen, dann sich in einer kürze ein grose menge volcs vorsamlet.
Rauwolf. Raiß
21, 24
([
Lauingen
]
1582
):
Hafen (welcher mit etlichen Felsen vnnd schrofen vbel beschlossen).
Ebd.
25, 25
:
Die newe Statt an jr selb ist nit vest / darzuͦ auch mit mauren vnd graͤben so vbel verwaret, das [...].
Ebd.
30
:
nidere behausungen / die vbel erbawet / vnd oben gantz flach.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
rinderein flaisch [...] læzt sich auch übel kochen in dem magen.
Moscouia
D 4r, 3
(
Wien
1557
):
Darnach nam er ain alt erlebt weib [...] des die Poln vbl zuͤfridn.
5.
in phrasematischer Verwendung zahlreich belegt (in aller Regel am ehesten von 1 her motivierbar; Ausnahmen in Zahlen hinter der Nennung des Phrasems angegeben).
Phraseme:
es geht / ist jm. übel
, auch:
wol oder übel
;
jm. geht etw
. (Subj.)
übel zu sinnen
›etwas ist ein schwerer Schlag für jn.‹;
es geht jm. übel zum vieh
›j. hat Sorgen mit dem Vieh‹;
es kommt / bekomt / erschiest jm. übel
;
es steht übel um [...]
›es ist schlecht bestellt mit [...], es steht nicht zum Besten mit [...]‹;
jm. steht etw. übel an
›jm. kommt etwas übel zu stehen‹ (auch als Warnung gebraucht);
jm. wird übel gelont
;
übel mit etw. anlaufen
›kläglich scheitern‹ [1; 4];
übel mögen
›sich erschöpft fühlen‹;
übel auf werden
›sich unwohl fühlen‹;
übel feil sein
›übel dastehen‹ [1; 4];
übel zu masse kommen
›übel aufschrecken‹;
sich aus der massen übel haben
›schwer getroffen sein‹;
jm. übel ausleuchten / mitfaren
›jm. übel mitspielen‹;
jm. übel zuwollen
›jm. nachstellen, nach dem Leben trachten‹;
jm. alle übel wollen
›jm. übel mitspielen wollen‹;
jm. übel wünschen
›jm. Schlechtes wünschen‹;
(jm.) etw. (für) übel haben / nemen
›(jm.) etw. übel (auf)nehmen‹;
jm. etw. in übel verfangen
›jm. etw. verübeln‹.

Belegblock:

Holland, H. J. v. Braunschw. V. e. Weibe (
Wolfenb.
1593
):
Das dich potz Crisam schende, Da were ich schier vbel zu masse kommen, Die lust were mir schier verstöret worden.
Luther, WA (
1523
):
O herr [...] dein will geschehe. Ich will nit das dein, ich will dich selber haben, du bist mir nit lieber, wenn mir wol ist, auch nit unlieber, wenn mir uͤbel ist.
Ebd. (
1535
/
6
):
es gehe gleich in disem zeitlichem leben, wie es woͤlle, wol oder uͤbel, das man dannoch sich an dise liebe halte.
Ebd. (
1544
):
ye mer er bettet, ye uͤbler es jm gieng.
Ders., WA Tr. (
1540
):
Habt mirs nicht vor Uebel, ich bin fröhlich und guter Ding, denn ich hab heut viel böser Zeitung gehört.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
3147
(
rib.
,
1444
):
Id is dir hude oevel bekomen | Dat du weder mich kamp hais angenomen.
Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
939
(
Köln
1476
):
Dat erschreckten dye van bynnen; | Oeuell gyngh idt in zo synnen, | So dat sy des wenich lachten.
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
203
(
mrhein.
,
um 1335
):
din geselle, | der diuel, git solichen rat, | der diner selen vbel stat.
Harms u. a., Alberus. Fabeln
36, 11
(
Frankf./M.
1550
):
jhr woͤllet mirs nit fuͤr vbel nemen / das ich euch etwas frage.
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
Dasselb mich jetzt gerathen deucht, | Dir wirdt sonst vbel ausgeleucht!
Perez, Dietzin
1, 129, 9
(
Frankf.
1626
):
als sie sich in geheim Schwanger befand / ward sie also bald vbel auff vnd verrichte sich mit jhrem stetigen brechen.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
daß viele Richtere vnd Cõmissari dasselbig gar vbel nehmen / daruͤber zuͤrnen / vnd das Buch deß Lands verweisen wuͤrden.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
21, 14
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
das sullet ir mir nicht in übel verfahen.
Welti, Pilgerf. v. Walth.
10, 25
(
omd.
,
n. 1474
):
Syne eldern hatten sich dorvmme vß der massen obile.
Schönbach, Adt. Pred. (
osächs.
,
1. H. 14. Jh.
):
sterke soltu haben, als iz dir ubele get und dir vil widermuͦtes zu kuͦmet.
Sermon Thauleri
10ra, 27
(
Leipzig
1498
):
darũb kinder so habẽ wir vil vbermeister also hab ich einẽ subprior. vñ auch einen prior. vñ einẽ p’uincial vnd bischoff vñ babst. die alle vber mich sein. vñ woldẽ sie alle vbel mit mir.
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
441, 4342
(
Zwickau
um 1540
):
Durch dise Leer euch alle Zinns abgehn / | Und wuͤrden ewre sachen ubel stehn.
Skála, Egerer Urgichtenb.
103, 10
(
nwböhm.
,
1573
):
(habe Ime sagen sollen) Wahr gesaget wie es Ime Zum viech so vbel gehe, hab er Ime gesagt Es sej Ime vntter vier Thurn Ein gossen.
Gille u. a., M. Beheim
82, 263
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Als pald die juncfraw Maria | hort, das der kung Herodes da | irm kind übel wolt zue, | Da [...].
Sachs (
Nürnb.
1551
):
Gredt, du bist ein grobr acker-gaul, | Weil deim man so ubel mit-ferst.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
O heiligster Herr, hochgemelt, | In Griechenland es übel steht.
Helfft jhr nur für mich bitten! | Es wird mir übel gahn.
v. Birken. Erzh. Österreich (
Nürnb.
1668
):
und liessen jhm mit versprechen einer ansehnlichen Besoldung / solches Schutz-Amt auftragen. Aber sie lieffen uͤbel damit an.
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
daz ir nút anders getuͦn künnent noch mügent, es si úch liep oder leit, es kumme úch übele oder wol.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 542, 22
(
Hagenau
1534
):
Es stehet eynem biderman ubel an / wenn mundt und hertz nicht eynig seind.
Wickram
4, 12, 19
(
Straßb.
1556
):
im warde zuͦvilmalen für seine wolthaten fast übel gelont.
Ebd.
15, 20
:
Nuͦn spricht man wann ein Jud / einem gar übel wünschen woͤlle / so wünscht er im einen boͤsen nachbauren.
Thiele, Minner. II,
10, 234
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
wen hett ich recht bedacht mich, | ich hett es euch auch nit getan. | darumb sollentt irs nit voruͤbel hann.
Lemmer, Brant. Narrensch.
21, 13
(
Basel
1494
):
Es stat eym lerer vbel an | [...] | Wann er das laster an jm hat | Das vbel ander lüt an stat.
Goldammer, Paracelsus
6, 186, 8
(
1530
):
so es dem menschen solt in seiner hand stohn, so wurds manchem übel erschießen.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs.
um 1474
):
einmal stunde es woll, das ander mal ubel.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
dass der Roͤmsch keiser illends hinab gon Pressburg [...] müst postieren, Meyland und d’Eidgnossen lassen; kam inen vast uͤbel.
Jörg, Salat. Reformationschr.
329, 7
(
halem.
,
1534
/
5
):
und fieng nun an fast übel stan / umm Basel.
Kottinger, Ruffs Etter Heini (
ohalem.
,
1538
):
Botz haspel horn und winderseil! | nun sind wir aber übel feil.
hail. altvaͤter (
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
wan er [münich] begũd alten vnd von vͥbriger aͤrbait begund er vͥbel muͥgen.
Bauer, Geiler. Pred.
465, 19
(
Augsb.
1508
):
Er spricht zu im also halt dich / daz steet dir übel an / da huͤt dich vor.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
kunten wol außrechen, wen’s übel an wolt.
Quint, Eckharts Pred. ;
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
290r, 29
;
Franck, Decl.
342, 29
.
Vgl. ferner s. v. 1.
6.
steht in der Formel
nicht übel
stilistisch für das Gegenteil von
übel
, also ›gut‹:
jm. etw
. (Subj.)
nicht übel stehen / anstehen
;
j. etw. nicht übel meinen
;
sich etw. nicht übel gefallen lassen
(o. Ä.);
jn. nicht fast übel
›sehr‹
fürchten
(dies Letztere auch zu 3 stellbar).

Belegblock:

Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
3. Dr. 14. Jh.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
wanne daz he zornig was, so pußeden unde floderten ime sine backen unde stonden ime herlichen unde wislichen unde nit obel.
Knape, Messerschmidt. Bris.
2, 65
(
Frankf./M.
1559
):
dein kuͤnfftig hertz vnnd mannbar gemuͤt [...] gefelt mir nit vbel.
Allg. Schau-Buͤhne (
Frankf.
1699
):
Der alte Spanische Admiral Doria liesse sich den Anschlag nicht ubel gefallen.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
Dise menschen entschuldiget ir einvaltige meinunge, das si nút enbettent; das entschuldiget si und werdent doch erhoͤrt, wan si nút úbel enmeinent.
Bachmann, Haimonsk. (
halem.
,
1530
):
Die jungen ritter fŭrchtend Karly nŭt vast ŭbel.