übernemen,
V., unr. abl.
1.
›die Macht, Oberhand über etw. (z. B. über das Herz) gewinnen‹; ›in Bezug auf etw. (z. B. Reichtum) erstarken‹; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.).
Bedeutungsverwandte:
2; 3.

Belegblock:

Luther, WA (
1527
/
8
):
so die anfechtung koͤmpt, uberwindt und ubernimpt das Hertz, darinne die verwilligung der Suͤnde geschlossen wird.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
so er [der vierde kúnig] vbernymt
[nd. Bibel um 1478:
ouertret
;
Wormser Proph.
1527 /
Froschauer
1531 /
Dietenberger
1534:
am stärksten ist
;
Eck
1537:
übertreffen wird
;
Luther
1545, Dan. 11, 2:
am mechtigsten ist
]
in seinen reichtumen er bewegt alle wider das reich der kriechen.
2.
›sein Handeln sozial aggressiv auf einen anderen richten, jn. ausnehmen, ausbeuten, mit Abgaben, Auflagen überlasten, in seiner Leistungsfähigkeit überfordern, übervorteilen‹; jeweils kritisch bewertet; vgl. (Präp.) 2 (ütr.); 10, 3.
Gehäuft älteres und mittleres Frnhd.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1, 1,
1
6, 2, 2, 4, 1, 7, .
Syntagmen:
j
. (z. B.
ein arbeiter / bluthund / ballenbinder / müller / oberrichter / unterkäufer / zolner
)
jn. ü., j. jn
. (z. B.
die bauherren / gäste / gewerken / leute, seinen nächsten
)
ü., j. jn
. (z. B.
des lones halben, mit begängnissen / geschwinden praktiken / tücken, wieder die billichkeit, wieder got, feindselig, mer dan recht
)
ü
.; subst.:
sich des unternemens beschweren
;
das unbilliche übernemen
.
Wortbildungen:
übername
(
die
) ›über das Normalmaß Hinausgehendes‹; speziell: ›überhöhter Preis, überhöhte Forderung von jm. bzw. Abgabe an jn.‹,
übernemer
1 ›Gauner, Betrüger‹ (dazu bdv.: vgl. 2, 2, ).

Belegblock:

Luther, WA (
1524
):
man mus dyrs auff deyn gewissen heym geben, das du zu sehest und deynen nehisten nicht ubernemest und nicht den geytz, sondern deyne zymliche narunge suchest.
Ebd. (
1532
):
Ich wolts keuffen, wie es der marck gebe und was billich und recht were, das man mich nicht uberneme.
Köbler, Ref. Wormbs
334, 25
(
Worms
1499
):
ZOllner Vnderkauffer Vngelter vnd ein yeder Insamler Arbeiter Hantwercker Schiffher oder furman dʼ den Lüten anforderte abneme oder abtrünge mer dann sich nach gestalt der sach gepúrte [...] der soll dem ihennen den er vbernommen hett zwyfaltig souil der vbername zu bezalen verfallen syn.
Lichtenstein, Lindener. Katzip.
239
(o. O.
1558
):
der war ein rechter bluͦthundt und schindfessel, ubernam die leüt wider Gott, eher und recht ohn alle gnad und barmhertzigkeit.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
149, 6
(
omd.
,
1554
/
1633
):
auf daß hierinnen kein vortheil noch betrugk gebraucht undt die gewercken desto weniger übernommen werden.
Gille u. a., M. Beheim
444, 159
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
vil senffte wart und sussen swacz hart man von solchen über nemern.
Chron. Nürnb. Anm. 3 (
nobd.
,
15. Jh.
):
daz auch in dem costen die leute zimlich gehalten und nit ubernomen werden.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
109, 10
(
nobd.
,
um 1540
):
der [muller] hat gemalen und gebacken, wiewol er es nit macht noch freyheit gehapt, und die leut ubernumen.
Lexer, Tucher. Baumeisterb. (
nürnb.
,
1464
/
75
):
grosse clag von den erbeittern was, das sie solichs lomnes nit zu komen mochten, darbei sie die pauhern auch sere ubernomen.
Sachs (
Nürnb.
1553
):
Er hat die leut sehr ubernummen, | Viel wassers gossen unters bier.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 513
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Dis heißet raptus, das ist als vil gesprochen als geroͮbet oder v́ber genomen.
Merk, Stadtr. Neuenb. (
nalem.
,
1616
):
Die leufer und poten sollen [...] schweren, einem ersamen rat [...] gehorsam und gewertig zue sein. [...] des lohns halben auch niemands zu ubernemen.
Goldammer, Paracelsus
6, 186, 18
(
1530
):
du
[j., der im
weg des herrn wandelt
]
wucherest nit, stilest nit, übernimest niemants, bescheist niemants.
vbername / f. Das einer mehr nimbt als billich ist [...]. vbernemmen / mehr von einem vor etwas nemmen dann recht.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
17. Jh.
):
das diesselbe [würthe] die göst [...] wider die billigkeit mit der zörung nit schäczen oder übernemben.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
31, 33
(
tir.
,
1464
):
Es ist ain wërch, aber in sölicher mass, das die armen menschen nicht v̈bernamen wërden vnd nicht manglung leiden.
Roth, E. v. Wildenberg ;
Mell u. a., Steir. Taid. .
3.
›sich für groß halten, sich im Bewusstsein seines Eigenwertes übernehmen, seine Kräfte überschätzend eigenbezüglich verhalten, sich e. S. anmaßen, sich aufgrund bestimmter Eigenschaften (z. B. der
schöne
) aufblasen, sich selbst überhöhen, sich mehr vornehmen, als man zu leisten vermag‹; offen zu 4; vgl. (Präp.) 2; 8; 10, 13.
Gehäuft älteres und mittleres Frnhd.; oft didaktische Texte.
Bedeutungsverwandte:
6, 1, 4, 3.
Gegensätze:
1; 2.
Syntagmen:
sich
(z. B.
leichtlich, in seinem gewalt, mit lob, hohen dingen
)
ü
.;
sich e. S
. (Gen.obj., z. B.
des gewaltes / glückes / heiles / sieges, eines tuns, der freiheit, der schöne
)
ü
.;
sich e. S
. (Dat.obj., z. B.
hohen dingen
)
ü
.;
sich ü., das [...]
; im Part. Präs.:
j. übernemend sein
.
Wortbildungen:
übernemer
2 ›waghalsige, verwegene Person, die ihre Grenzen nicht kennt‹ (dazu bdv.: ),
übernemlichkeit
›Selbstüberschätzung, Überheblichkeit, Waghalsigkeit‹ (dazu ggs.: 2, , 1).

Belegblock:

Dubizmay, kurß zu Teutze
68, 6
(
hess.
,
1463
):
Ich bin nit gangen vber muttig nach han hohen dingen mich nicht vber nümen.
Perez, Dietzin
1, 321, 25
(
Frankf.
1626
):
wo ich solches [Nachtmahlzeit einnemen] thaͤt / moͤgte ich mich leichtlich vbernemen.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
15, 38
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Ein anfanck aller ubel ist die aygene durstikeit und ubermut, und wer sich nicht furcht, ist ein tuͤrrer und ein ubernemer sein selbs.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
141
(
Nürnb.
1517
):
auf das sich niemant uberneme, das er ein rein herz hab.
Warnock, Pred. Paulis
22, 99
(
önalem.
,
1490
/
4
):
Frow, ich sich, [...] daz din abbrúchlichait nit ist ain mäsikait, sunder ain úbernemlichait und ain uppige er.
Maaler (
Zürich
1561
):
Sich Vbernemmen vnd überheben / Mer vnderston dann er vermag.
Sappler, H. Kaufringer
29, 26
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
vil schöner leut tugentlich, | sie übernement irer schönen sich | und wöllent niemant han fur guot.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs. ˹
Augsb.
,
um 1440
˺):
dennoch do gab er diß zu ainer figur, das sie sich nit übernemen in irem gewalt und dechten an die clainen, wölten sie zü himel komen.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
ain cappaun (daz ist ain man, der seinr gezeuglein niht hât) der ist pœser siten, wan er ist tôrocht und geitich und übernemend, alsô daz er sich mêr ding underwint wann er volmag.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1445
):
wolt sich aber ainer der freiung ubernemmen und wolt [...] die leut vor der freiung anmutwillen wider recht, das [...].
Niewöhner, Teichner
333, 50
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
so chumpt er nymmer an die stat | da er sust leicht hin chám, | wenn er sich nicht uͤber nám | mit seinem hochvertigen progen.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
41, 128
(
moobd.
,
1393
):
Wer sich seiner schuld vber nÿmpt vnd vber wint, der stirbt vnder dem veint, den er da tött.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
den [senatores] ward der gewalt ein jar bevolhen, das sie solten regirn das volck, und nit lenger, domit sie sich des gewaltes nit übernämen.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
21, 17
(
tir.
,
1464
):
Er [vorgeer] sol sich nicht v̈bernemen vnd erhöhen mit dem vnuczen lob, aber er sol grösser sein in der diemütikhait.
Knape, Messerschmidt. Bris.
22, 63
;
Meisen u. a., J. Eck
10, 6
;
Barack, Zim. Chron. ;
Bauer, Imitatio Haller
77, 16
.
4.
›sich überheben, sich im Bewusstsein von Macht, Überlegenheit, Eigenqualitäten und Eigenleistungen hochmütig gegen andere verhalten, sich anmaßen, etw. zu tun‹; teils: ›sich aufrührerisch geben‹; eng an 3 anschließbar, hier hinsichtlich des Aspektes ,hochmütig‘ aber als eigene Nuance herausgestellt; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.); 8.
Gehäuft älteres und mittleres Frnhd.
Gegensätze:
(V.) 1.
Syntagmen:
sich (hoch) ü
.;
sich der grosheit e. S. (nicht), einer geschichte, einer siegnunft, seiner tugend, der werke der gerechtigkeit ü
.; subst.:
das übernemen gegen jn
.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Superbire. Stoltziren hochtraben [...] prangen auffschwellen schwantz vffwerffen den kam vffrichten sich vff blähen sich auffbruͤsten hochfart treiben sich vbernemen vberheben vffblasen.
Langen, Myst. Leben
189, 5
(
nobd.
,
1463
):
Nu daz ich es kurcze, so sprach er [sant Pauls] auch, das / ich mich der großheit der / offenwarung nicht vberhebe vnd vberneme, dor vmb / so ist mir geben sathanas, / das er mein fleiß peinige.
Matthaei, Minner. I, (Hs. ˹
nalem.
,
1459
˺):
kanstu mich erkennen, | so wer es zwär gar laid dir, | din uͤber niemen gen mir.
Qu. Schweiz. Gesch. (
halem.
,
1470
):
das sich ein ieder sines stads und beruͤfs benùgte noch sich übernommen hette, so were [...].
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Des ubernomen sich die pawren und leyssen iren ubermuet erscheinen.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1445
):
wolt sich aber ainer der freiung ubernemen und wolt hinaus geen und wolt die leut vor der freiung anmutwillen wider recht, der [...].
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
44, 13
(
moobd.
,
1393
):
Mit gewant scholt nicht hofferten, noch an den tag deiner eren dich hoch vbernemen.
Drescher, Hartlieb. Caes. (
moobd.
,
1456
/
67
):
das die rainen und unschuldigen menschen von irer unschuldikait icht hochferten oder sich des ubernemen, wann ich sag dir, das [...].
die sich irer guͤtten werch und gerechtikait ubernement.
Rudolf, a. a. O.
41, 121
;
Gereke, Seifrits Alex.
3696
;
5.
›einem anderen etw. abnehmen, von ihm übernehmen‹ (nur 1 Beleg).
Phraseme
(möglicherweise hier anschließbar):
etw. übernommen geben
›etw. als von jm. bezahlt bzw. zu bezahlen erklären‹ (s.
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß
mit Belegen und ausführlicher Diskussion).

Belegblock:

vbernemmen / was einander gekauft hat / fuͤr das geldt abnemmen.
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß .
6.
bedeutungsverwandt zu .