übergeben,
V., unr. abl.
1.
›jm. etw. (Konkretes, Materielles von handlicher Größe, ein Zeichenhaftes, z. B. einen Text) aushändigen, von Hand zu Hand überreichen, darreichen, übergeben‹; vgl. (Präp.) 3 (ütr.), 1.
Syntagmen:
j. jm. etw
. (z. B.
eine diele, ein rind, ein pfund, ein fragstük / sazstük, positiones, einen geldbrief / kaufbrief / zins, den vogel Ibis, eine abschrift, eine summe geldes, brief und siegel
)
ü., j. jm. etw. ü
. (unter Modalitäten wie z. B.
im nachtmal, in der sacristei, um verpflichtung / eidschwerung, zu antwurt / erläuterung e. S
.);
j. jm. zu essen ü
.
Wortbildungen:
übergeber
1,
übergebnis
›Übergabe e. S.‹,
übergebung
1a) ›Aushändigung, Überreichung e. S.‹ (dazu bdv.: ; vgl. 1); 1b) ütr.: ›Übertragung (der Gesinnung) von einem auf einen anderen, Verähnlichung‹ (dazu bdv.: vgl. ).

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Offerre, seu tradere. Vbergeben [...] vberantwurten vberreichen vberlangen behanden behändigen zu handen stellen.
Köbler, Ref. Franckenfort
91, 5
(
Mainz
1509
):
so der Cleger positciones mittelst seins eydts vbergeben hatt / so sol der antwurter [...] antwurt zu geben verbunden sein.
Alberus (
Frankf.
1540
):
Dedicatio ein herrliche übergebung.
Schwartzenbach (
Frankf.
1564
):
Articul. Satzstuͤck / so der Klaͤger zu erleuterung seiner klag vbergibt.
Küther, UB Frauensee
333, 32
(
thür.
,
1519
):
welch ablosung und ubergebbung der zwentzig gulden gescheen sal alda in der sacristei.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
153
(
Nürnb.
1517
):
das von wegen des dritten, so in dem rechten wolleben gepflegt wirdet, das ist von wegen der ubergebung der gemüt on einander durch die waren lieb, von dem allen ein frölicher, guter muet erwechst.
Franck, Decl.
339, 25
(
Nürnb.
1531
):
weyß nit welchen einen auß den alten goͤttern der Egyptiern / welchem vbergeben vnd zugeaygnet worden sey der Egyptisch vogel Ibis.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
frey über Gebung / da man ein ding übergibt zuͦ eygen.
Wickram
4, 26, 5
(
Straßb.
1556
):
Wer sein beger / das er zuͦ Antorff aufbrechen wolt / [...] / wolt er ihm und seinen kindern / alles was er hett / übergeben / und er [...] den tisch bey im haben.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
so sol der vogt vmb die verpflichtũg vnd eydsschwerũg brieff vnd sigel vns ubergeben.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vbergebnuß deß gaͤlts [die] Attributio.
Andreae. Ber. Nachtmal
20v, 18
([
Augsb.
]
1557
):
auch leichtlich verstanden werden mag / was vnns im̃ hayligen Nachtmal Christi dargeraicht vnnd vbergeben werd.
Köbler, Ref. Wormbs
36, 19
;
Kollnig, Weist. Schriesh.
79, 3
;
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
211, 22
;
Küther, a. a. O.
248, 16
;
Bachmann, Haimonsk. ;
Staub, Qu. Wien ;
Seuffert u. a., Steir. Landtagsakten
1, 111, 2
;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. ;
Vgl. ferner s. v. .
2.
›jm. jn. übergeben, überstellen‹; auch: ›sich übergeben, sich js. Gewalt unterwerfen‹; ›jm. etw. (z. B. eine Stadt) ausliefern‹; jeweils zu einem die Person oder die Sache zerstörerischen bis vernichtenden Zweck (zur Tötung, Verurteilung, Ausschließung, Verdammung, Gewaltausübung); vgl. (Präp.) 2; 3 (ütr.), vgl. 1; 24; 25.
Bedeutungsverwandte:
7; 11, (V.) 6, 2, ; vgl. 3.
Syntagmen
(jm.) jn. ü
. (z. B.
gleich, nach etlichen schüssen, in ungnade, um einer ursache willen
),
jn. js. gewalt, dem satan / teufel / tod ü., jm. die stat ü
.;
jm
. (z. B.
dem henker
)
jn. ü., zu töten
; refl.:
j. sich
(z. B.
in js. gewalt
)
ü
.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
EXCOMMVNICARE. dem Sathan vbergebẽ. [...]. Verbannen [...] von der Christlicher gemeinschafft abschneidẽ.
Luther, WA (
1522
):
[i. Corint. 5] Ich hab beschlossen yhn zu ubergeben dem teuffel, das er das fleysch wuͤrge, auff das der geyst selig werde.
Ebd. (
1529
/
32
):
Der HERR zuͤchtiget mich wol, aber ubergibt mich dem tode nicht.
Bachmann, Morgant (
halem.
,
1530
):
„Her keysser, übergebend mir die zwenn verretter! So wyll ich innen die köpff abhowen von stund an.“
Maaler (
Zürich
1561
):
Einen eim auß hingaͤben oder übergaͤben zuͦ toͤden.
Jch Vbergib mich dir / Jch ergib mich in deinen gewalt.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 63, 21
(
Luzern
1616
):
Geplaget ouch die gantze Nacht, | Mitt grossem gspött anklagt, veracht. | Morgens Pylato übergeben.
Vbergeben / auffgeben / als wann sich eine Statt dem Feinde auff vnd ergibt.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 250, 28
([
Augsb.
]
1548
):
truͦge es sich zuͦ / das ain ehrlich Mann von im umb geringer ursach willen / auffs hoͤchste übergeben ward.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
die statt ward im ubergeben von der stat diener.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
[die Persier] wolten weiter auch lieber frid und puntnus mit den römischen kaisern haben, gaben ins über, stuenden frei ab obg’nanter fünf landshaubtmanschaft.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
München
1586
):
Zu morgens kamen sie balde, | Fuͤhrten dich ins Richthauß, | Vbergaben dich dem gewalte, | Pilati mit grossem strauß.
Ralegh. America ;
Thiele, Minner. II,
12, 374
;
3.
›etw. überliefern, tradieren, weitergeben‹; vgl. (Präp.) 3; 4; 5; 6 (ütr.).
Bedeutungsverwandte:
vgl. 3, 2, .

Belegblock:

Reichert, Gesamtausl. Messe
142, 18
(
Nürnb.
um 1480
):
es sind vil wort in den Canon gesetzt und von den heyligen aposteln ueber gegeben, die im heyligen ewangelio nicht geschriben stan.
4.
›(seinen Mensch gewordenen Sohn, auch im Abendmahl) für andere dahingeben, preisgeben, opfern‹; von Gott (Vater) im Hinblick auf Jesus Christus gesagt; vgl. (Präp.) 2; 3 (ütr.), 10.
Bedeutungsverwandte:
6; vgl. 2,
1
3.

Belegblock:

Mathesius, Passionale (
Leipzig
1587
):
WArumb aber vbergiebet vnser HERR GOtt seinen eingebornen Sohn jnn einen solchen grewlichen vnd schmehlichen todt.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
61
(
Nürnb.
1517
):
Der seinen eignen sun nit ubersehen, sunder den für uns all ubergeben
[
Luther
1545, Röm. 8, 23:
da hin gegeben
].
Andreae. Ber. Nachtmal
87v, 19
([
Augsb.
]
1557
):
Darumb vns Christus gantz vnd vnzertrennet inn disem hohen Gehaimnus des hayligen Abendtmals geschenckt / vnnd vbergeben würdt / das wir ain flaysch mit jme werden.
5.
›jn., auch: eine Gemeinschaft (aus je unterschiedlichen Gründen, z. B. aus Laune, aus niederer Gesinnung, aufgrund medizinischer Einsicht, aus erotischen Gründen, politischem Kalkül) aufgeben, verlassen, preisgeben, im Stich lassen; von jm. abfallen, sich von jm. distanzieren; sich selbst jm. ergeben‹; vgl. (Präp.) 2 (ütr.).
Gegensätze:
1.
Syntagmen:
jn
. (z. B.
einen freund / gesellen, den keiser, vater und mutter, die fürsten
)
ü
. (z. B.
untreulich, in unfällen / wiederwärtigkeiten
),
das weib jn. ü
. (z. B.
schnelle
),
j. sein vaterland ü
.;
j. von gemeinheit übergeben sein
.
Wortbildungen:
übergebung
2 ›Distanzierung, Lösung e. P. von einer anderen‹ (dazu bdv.: 3).

Belegblock:

Peil, Rollenhagen. Froschm.
117, 2307
(
Magdeb.
1608
):
So vbergab sie jhn vntrewlich / | Vnd redet von jhm gar abschewlich.
Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl. (Hs. ˹
pfälz.
,
M. 16. Jh.
˺):
er hatt ein andere vil lieber dann mich, | er hatt mich ubergeben, ubergeben.
Opel, Spittendorf (
osächs.
,
um 1480
):
das dieselbigen leute musten stille schweigen und volwort geben, das sie es mit den pfennern machten, wie sie wolden, den wir pfenner waren gantz ubergeben von innungen und gemeinheit.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
189r, 38
(
Leipzig
1588
):
Vbergib einen alten Freund nicht / denn du weissest nicht / ob du so viel am newen kriegest.
v. Groote, Muskatblut (
nobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
wan du ir
[der
wib
]
hast keyne gewalt, si machent alt | dynen lib, so dich ein wib | so snel duͦt ubergeben.
Kurz, Murner. Luth. Narr (
Straßb.
1522
):
Doch laß sich niemans des verston, | das wir den keiser nit wellen hon. | Wir doͤrffen in nit vbergeben | On offenlichen widerstreben, | Zuͦ groß ist vnß sein gewalt vnd macht.
Enders, Eberlin (
Basel
1521
):
Nun moͤgen wir ye nit pabst vnd fürsten erneren, sie mainen wir solten ee die fürsten vbergeben, das woͤllen wir nit thuͦn.
Kottinger, Ruffs Adam (
Zürich
1550
):
vatter und muoter übergäben | und füeren ein verruochtes läben.
Maaler (
Zürich
1561
):
von der artzeten Verschetzt vnd übergaͤben.
Einen verlassen vnd Vbergeben der im elend ist oder geflohen. [...]. Guͦt gsellen Vbergeben vnd verlassen. [...]. Jn vnfaͤlen oder widerwertigkeiten einen Vbergeben vnd jm nit helffen. [...]. Sein vatterland verlassen vnd Vbergeben von waͤgen eer vnnd lob der standthafftigkeit zeerlangen. [...]. Vbergebung (die) Decessio, Derelictio, Desertio, Eiuratio.
Bachmann, Haimonsk. ;
Bartsch, Reinfrid .
6.
›jn. verbal herablassend behandeln, tadeln, schmähen; jn. durch Ausübung von Macht in seiner Position beeinträchtigen, herabsetzen, verletzen; jm. Schaden zufügen‹.
Wortbildungen:
übergeben
1 (part. Adj.) ›feindselig‹; vgl. (Präp.) 2 (ütr.).

Belegblock:

Luther, WA (
1544
):
das eines das ander verachtet und ubergibt und also ubertrotzen und uberhohmuͤtigen wil, wie Fleisch und Blut on das dazu geneigt ist.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
1874
(
rib.
,
1444
):
dar umb so en soeldt ir uch neit erheven | Noch mich also smelichen overgeven.
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
DJe Sperber hetten einen schnader; | Darauß entstund ein grosser hader, | Wurden zuletzt so vbergeben, | Trachten einander nach dem leben.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
Doran sullen alle forsten gedencken unde yre dyner nicht unschuldiglichen obirgebin.
Der apt zu Fulde was eyn homutiger man unde obir gab die fursten die umbe on gelegen mit yren landin waren, unde ted on mit rouberey vil schadin.
Burkhardt, UB Arnstadt (
thür.
,
1487
):
ab ein meister den andern mit unbillichen schnoͤden wortten odder wercken in eynem siczenden hantwerge ubergebe, den moͤgen sie bussen.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
90, 36
(
nobd.
,
sp. 15. Jh.
):
so einer sej oder hort einen mitburger ubergeben, [...], solt er in bejstant thun.
Koller, Ref. Siegmunds (
um 1448
/
52
):
Von geytz wegen erzornet
[Var. K:
ubergibt
]
der sun den vater.
Vbergeben / einen schelten / schmaͤhen [...] Vituperare aliquem. Er hat mich (vbergeben).
7.
›jm. etw. (z. B. ein Gewerbe, Rechte, Befugnisse, Aufgaben, amtliche Funktionen, Macht, liegende Güter unter funktional abstraktem Aspekt) rechtsentsprechend zu seinem je spezifischen genuinen Zweck übertragen, übergeben, überantworten‹; offen zu 6; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.), 4.
Bedeutungsverwandte:
1
6,
1
3, 2, 3.
Syntagmen:
j. (jm.) den / einen anfal / handel / hof / krieg, die / eine ansprache / besetzung / gewalt / habe / gerechtigkeit / herlichkeit / investitur / pfründe / sache / zugehörde, das / sein ampt / gewerbe / gut / handwerk / hochgericht / lehen ü., jm. einen weingarten zu bauen, ein volk zu verwalten, den schulen eine ordnung zu examinieren ü
.;
j. etw
. [wie] (z. B.
gutwillig, kräftig / lauter / pur
)
ü
.;
jm. alle dinge in gewalt übergeben sein
;
die übergebene habe
.
Wortbildungen:
übergeber
2,
übergebung
3 (dazu bdv.: ),
übergebungsbrief
.

Belegblock:

Koller, Reichsreg. Albr. II.
250, 19
(
1438
/
9
):
wie das im [...] sein bruder [...] das gut [...] lediclich abgetretten, bevolhen und ubergegeben hab nach lute des ubergebungsbriefs [...], der [...].
Köbler, Ref. Wormbs
182, 23
(
Worms
1499
):
woͤllen wir gemainlich gehalten werden das so dem vbergeben ist dieselb vbergeben habe oder guͦt von ymant andern entwert oder angewonnen würde der vbergeber darumb nit pflichtig oder schuldig dasselb andermals zuerstatten.
Knape, Messerschmidt. Bris.
27, 61
(
Frankf./M.
1559
):
biß beyde streitige herschafftẽ [...] alle fúrgschlagne mittel [...] bewilligten / vnd die handlung also den thaͤdigs Herren vnd Fuͤrsten / gutwillig vbergeben [werden].
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
wann nun solche Ordnung zusam̃em getragen / muste sie zu forderst etlichen hohen Schulen / zu examinirẽ vnd zu disputirẽ, vbergeben.
Weizsäcker, Graupn. Bergb.
191, 14
(
osächs.
,
1538
):
aldo haben die obgenante Hans und Marcus Paher [...] dem Valten Vinzell auf⸗ und ubergeben alle den anfahel und gerechtikeit.
Reichert, Gesamtausl. Messe
140, 10
(
Nürnb.
um 1480
):
alle ding sein mir in gewalt ueber gegeben von meynem Vater.
Wickram
4, 28, 14
(
Straßb.
1556
):
er übergab im all sein hab und guͦt / zuͦ sampt dem gewerb / und einem grossen handel.
Behrend, Spangenb. Anbindbr. (
Straßb.
1611
):
Dass Er dem Bapst lauter und pur | Übergeb die Investitur.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
Wie einer sin ansprach dem andern übergeben mag.
Bachmann, Morgant (
halem.
,
1530
):
uff das übergyt üch der gemelt Ruolland und überantwurt üch wyder alle gerechtigkeyt und zuogehört.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vbergaͤbung vnd zuͦeigung. Addictio.
Moscouia
E 2r, 37
(
Wien
1557
):
weil du dich alles gewalts vndernimbst / so mag ich meinem ambt nit vor sein / vnnd raicht jme sein stab [...] vnnd vbergibt Jm̃e sein Ambt.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
111, 15
;
Andreae. Ber. Nachtmal
69r, 5
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. .
Vgl. ferner s. v. 1, , 8, .
8.
›jm. / einer Institution etw. (ein Gebäude, ein Grundstück, ein Land, einen politischen / wirtschaftlichen Raum, ein Wirtschaftsunternehmen, eine Festung) durch Kauf, Tausch, im Rahmen einer Erbteilung, infolge politischer Entwicklungen, teils zu einem spezifischen Zweck übertragen, übereignen, überschreiben‹; im Unterschied zu 7 auf größere, politisch relevantere sowie konkretere Einheiten bezogen; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.), 4.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte sowie narrative Texte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 3, 7,
1
, , , , .
Syntagmen:
jm. einen acker, eine behausung / bereitschaft / festung / hofreite / probstei / stat / zeche, ein bistum / herzogtum / gotteshaus / gut / haus / kloster / land / schlos, einen hof ü., jm. etw
. [zu etw.] (z. B.
um den zins, zu einem jartag, einer ewigen messe, zu geniessen
), [wie] (z. B.
frei / freiwillig / ledig
), [wohin] (z. B.
in gemeine hand
)
ü
.; subst.:
etw. mit übergeben unterkommen
›vollziehen‹.
Wortbildungen:
übergebung
4 ›friedliche Übergabe (einer Stadt), Angliederung an einen größeren Herrschaftsraum‹ (dazu bdv.: vgl. 6, 1).

Belegblock:

Luther, WA (
1524
/
7
):
Man sagt ein Exempel von eim Vater, der ubergabe seinen kindern alle seine guͤeter, haus, hoff, ecker und wisen.
Köbler, Ref. Wormbs
226, 27
(
Worms
1499
):
ordenen vñ woͤllen wir das vnser Stat Bürger [...] vnbeweglich oder ligende güter [...] hinfüro keinem vßmerckischen [...] verkauffen vbergebẽ verwechseln duschen gebben setzen verüssern noch verandern soͤllen.
Ralegh. America (
Frankf.
1599
):
Soldaten welche [...] sich bemuͤhen / daß jhm alle Staͤtt vnd Festung in Peru solten vbergeben werden.
Röhrich u. a., Cod. Dipl. Warm.
4, 383, 29
(
omd.
,
1430
):
ist vor uns gekomen Orteye. [...]. und hot ir hausz [...] der stat und dem heiligengeiste umme den czins obirgeben, den sie uf dem selben hawse gehat haben.
Mon. Boica, NF.
2, 1, 326, 10
(
nobd.
,
um 1428
):
Der rat hat die obgeschriben hofrait und zinsz und auch das vasnachthun uͤbergeben dem gotzhausz zu Werd.
Hör, Urk. St. Veit
170, 3
(
moobd.
,
1410
):
das guet zu Stras [...] hat alles der edl vnnd vesst Thoman Tölckhner, [...], disem gotzhaus vnnd closter zu ainer ewigen mess [...] frei ledig ubergeben.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
wie der hertzog Ornolt seinem tochtersun [...] das hertzogtumb auf dem Norigkaw über hett geben, das er auch gewaltigklich besass und herschet.
Moscouia
C 3r, 13
(
Wien
1557
):
ausser aines der khain gab noch verhaissung annemmen noch in vbergebung der Stat willigen woͤllen.
Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl. ;
Küther, UB Frauensee
322, 3
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. ;
Spiller, a. a. O. ;
Grothausmann, Stadtb. Karpfen
69, 4
;
75, 7
;
138, 15
.
Vgl. ferner s. v. , 7.
9.
›aufgrund natürlicher, religiöser, sozialer, militärischer Zwänge und Notwendigkeiten auf etw. verzichten, etw. preisgeben, aufgeben‹; auch: ›etw. (z. B. die
zucht
) außer Acht lassen; sich von etw. lossagen, distanzieren; sich unter Verzichtleistung mit etw. einverstanden erklären‹; vgl. (Präp.) 1 (ütr.), 10.
Vielfach Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘, auch berichtende Texte.
Bedeutungsverwandte:
3; 4; 5, 4, .
Syntagmen:
die irdischen creaturen, leib und leben, einen misbrauch / vorteil, die absolution / welt ü., eine wal ü
. ›nicht annehmen‹,
das hoffen, die zucht ü., die christen durch got alles, die freiheit ü. (williglich), j. alle dinge got ü., gottes hilfe nicht ü., etw. aus seinem gewalt ü., etw. durch die begierde ü
.,
etw. zum preis ü
.; refl.:
sich (die freuden) ü
.;
sich ü., das [...]
.;
sich seines vorteils ü
.
Wortbildungen:
übergeben
2 (part. Adj.) ›gleichgültig‹,
übergeber
3a) ›auf etw. (z. B. auf soziale Anerkennung) Verzichtender‹; 3b) ›Verräter (z. B. des Vaterlandes)‹,
übergebung
5 ›(erzwungene) Übergabe‹ (dazu bdv.: 2; vgl. , 6).

Belegblock:

Quint, Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Wan, daz dû niht enwilt begern, daz hâst dû allez übergeben und gelâzen durch got.
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
Zuletst sein hoffen vbergab, | Denn er sahe, das vnmuͤglich war, | Vber zukommen ohne fahr.
Ein grausam sturm sich baldt erhebt, | Das die Schifleut beyd, Leib vnd Leben, | Vnd alles hetten vbergeben.
Doch sein etlich so vbergeben, | Sprechen: „ist gleich viel, wie wir leben“.
ein Leinenweber, | Der ehren gar ein vbergeber, | Der hett vertruncken all das sein.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
113, 17
(
thür.
,
1474
):
eß were denne, daz dy muter durch yren formunden sich obirgebin hette, daz dye kinder eyns uff daz ander erbin solde unde nicht uff sy.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
um 1525
):
So lang biß das wir frummer werden | Und allen myssprauch ubergeben.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
do enist enkein wise besser zuͦ denne das der mensche alle ding úber gebe [...] und sich minneklichen mit Gotte vereine in dem heiligen lichamen unsers herren.
Lauchert, Merswin (
els.
,
1352
/
70
):
sich lieber frv́nt, dis schoͤne kint daz ist min kint, vnd ist din gespvnze, durch des willen dv die welt v́bergeben hest.
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
daz ir die irdenschen zergenglichen creaturen hant übergeben umbe den ewigen schöpfer himelriches und ertriches.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1522
):
Gotz Hilff wolt einer nit uͤbergeben.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
Lies mitan on underlas sine pratick gon under d’Eidgnossen und under die Welschen reisigen, iedem teil bericht, ubergebung und abzug fuͤrzehalten.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 257, 29
([
Augsb.
]
1548
):
dann er muͦßte allen Kriegßvorthail übergeben / und den feinden lassen.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
Dise wal er offenlich in dem Concily zu Costentz übergab, und als er sich der land underziehen wil, ward im starcker widerstand getan.
Roth, E. v. Wildenberg (
moobd.
,
v. 1493
):
als etlich sagen, hab ursprung genomen das römisch geschlächt von dem starcken man Eneas, [...], als aber ander sagen, es köm von dem ubergeber oder verräter des vaterlandes Eneas, der ein schwartzkunstler was.
Enders, Eberlin ;
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 2040
;
Bernoulli, Basler Chron. ;
Karnein, de amore dt.
232, 24
;
Gierach, Märterb.
8221
;
10.
›jn. mit etw. reichlich bis überreichlich ausstatten, begaben‹; von Handlungen und Zuständen gesagt, in denen die Quantität einer Bezugsgegebenheit das übliche Maß übersteigt; vgl. (Präp.) 10, 1; 2.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 11, 3, 10, 1, , 1.
Wortbildungen:
übergeben
3 (part. Adj. bzw. Part. Perf.) mit den Nuancen ›voll von etw.‹ (z. B. von
untreue
); ›zahlenmäßig überlegen‹ (von einer Gruppe mit dem Blick auf eine andere gesagt); ›mit etw. reich ausgestattet‹.

Belegblock:

Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl. (Hs. ˹
pfälz.
,
M. 16. Jh.
˺):
als yetzund ist | all wellt voll list, | mit untreuw ubergeben.
Gerhard, Hist. alde e
2798
(
omd.
,
um 1340
):
Da Benadab so eben | Wart mit gelde ubergeben.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
n. 1525
):
So war die ander geharsam burgerschaft von dem abgefallen hawfen weyt ubergeben.
Vbergeben / zuviel geben.
11.
›das für jn. angemessene Maß aufgrund / hinsichtlich eines glücklichen Umstandes unbeachtet lassen‹; mit resultativer Komponente: ›sich überheben, sich übernehmen‹; vgl. (Präp.) 2 (ütr.) 8, 26.

Belegblock:

Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Durch hoffartt und ungefüg | Übergab er [ritter] laider sich.
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
1, 138, 9
(
halem.
,
1508
/
16
):
Dor um sol sich sines siges und glükes niemen übergeben.
Ebd.
272, 2
:
das wiss darum, das si sich diser grossen gaben und friheit nit úbergebind, sonder ir armuͦt und ellend kürzlich hievor bedaͤchtind.
Niewöhner, Teichner
511, 44
(Hs. ˹
oschwäb.
,
1368
˺):
ain ieglich mensch nach siner art | aun hochvart moͤcht geleben, | woͤlt er sich nit uͤber geben | uff dez adelz mitelschaft.
12.
›sich erbrechen, übergeben‹.
Bedeutungsverwandte:
; vgl. 7.

Belegblock:

Vbergeben / Kotzen / Vomir, Euomere.