überflus,
der
;
-ses/–
.
1.
›meist mächtiger, natürlicher oder vom Menschen verursachter Lauf, Strom einer Flüssigkeit‹ (allgemein); der extensionale Skopus betrifft gemäß der morphologischen Durchsichtigkeit des Wortes so unterschiedliche Bezugsgegebenheiten wie:
a) den Blutstrom des Gekreuzigten;
b) den menschlichen Durchfall;
c) den Überlauf einer als Gefäß gedachten Größe, darunter: eines Brunnens;
d) den bei der Metallschmelze entstehenden Ofenbruch (Hüttenrauch);
e) die Sintflut;
f) einen Wasserschwall; metonymisch: dessen Verlauf im Wasserbett;
g) ütr. (am ehesten hier anschließbar) ›Überhandnahme‹ (z. B. eines Übels); vgl. 1; offen zu 2.
Bedeutungsverwandte
zu b): 3; zu c): 1; zu d): , 2; zu e): , 1; zu f): 4, 1, 1.
Syntagmen
zu a):
das blut mit ü. von den händen fliessen
; zu b):
j. den ü. aus dem leib haben
;
der ü. des leibes
; zu c):
der ü. des bornes / wassers / weines (aus etw.)
; zu d):
der ü. des goldes
; zu f):
der ü. in güssen
; zu g):
der ü. des übels
;
der unleidliche ü
.

Belegblock:

Zu a):
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
es fleust an allen enden, | Mit uͤberfluß von beyden henden, | Das schoͤn vnd Rosenfarbe Blut.

Zu b):
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
des hasen renne ist guot wider des leibes überfluz, der ze vil stüel hât.
[die öpfel] sint auch den guot, die den überfluz niden habent auz dem leib.

Zu c):
Thiele, Minner. II,
32, 775
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
van dem borne was uys geleit | al czucht, al doicht, al edilheit. | seir heilsom was syn overvloist: | uys dem borne vlois al troist | van dogeden wiven guetlicheiden.
Vberfluss / der vberschuß eines Wassers oder Weins auß dem / darinnen es ist.
Voc. Teut.-Lat.
hh vijv
.

Zu d):
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
gê zuo dem teufel umb golt. des goldes überfluz, daz ist sein schaum, haizt ze latein cadmia.

Zu e):
Schmitt, Ordo rerum
27, 44
(
oobd.
,
2. Dr. 15. Jh.
):
Diluuium sint flut [...] sinflutguzz [...] vberflus vbergus [...] gusswasser.

Zu f):
Brinkmann, Bad. Weist. (
rhfrk.
,
1556
):
das wasser soll von den Rossen an bis in das dorf ganz und unverletzt in seinem gang bleiben, es sei dan sein uberfluß oder uberlauf in guessen oder wasserflueß.

Zu g):
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
damit nit vilicht das, so die [...] zwitracht abzestellen wirt fuͤrgewent, wenn wirs on verdammung gotsworts anheben, werde reichen zuͦ unlidlichem uberfluss alles uͤbels.
2.
›für die üblichen Gebrauchszwecke voll ausreichende, reichhaltige bis überreiche Menge; Genüge‹; vgl. (Präp.) 10.
Bedeutungsverwandte:
, 2, (
die
) 5; 7.
Syntagmen:
ü. haben, sehen
;
ü
. (Subj.)
wo sein
;
vom ü. (des weines) etw. entstehen
(z. B.: dass
angesichter scheuslich sein
),
der ü. des walrates, goldes / holzes / weines, der seide
;
der ü. an bäumen / materialien / vögeln
;
gold im ü
.;
der unglaubliche ü
.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Opulentia. Genuͤge vberfluß voͤlle vollauß.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Köln
1582
):
Man soll begirlich ihn
[den
rechten
]
nachtrachten, | Vnd freilich sie viel hoͤher achten, | Denn gold in vberflus.
Ralegh. America (
Frankf.
1599
):
von wegen deß vnglaublichen vberflusses deß Goldts / so er da gesehen.
Sie haben vberfluß genug an allerley Voͤgel / vnd allerley fruchtbaren Baͤumen.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
68, 20
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
von der grozen vulle der walvische di man do veet, so ist do obirvlusse des walrodis.
Memminger Chron. Beschr. (
Ulm
1660
):
obwol diese Baͤder keinen Uberfluß an Mineralien mit sich fuͤhren / kan man doch [...].
Perez, Dietzin
1, 319, 27
;
v. Tscharner, a. a. O.
58, 2
;
3.
›Strom, Ausguss des
ewigen gutes
, der (metaphorisch oder bildlich verfassten) Wesensqualitäten Gottes über den Menschen‹;
Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
; vgl. 3, 3, 4.
Syntagmen:
jm. etw. mit ü. gewären, das ewige gut sich mit ü. ausgiessen, jm. von dem übergiessen der treue (gottes) ein stuz
›Anstoß‹
kommen, j. von dem ü. trunken werden
;
der ü. der treue, der unde der barmherzigkeit, des götlichen hauses
;
der reiche / unmässige ü
.
Wortbildungen:
überflüsse
(
die
).

Belegblock:

Pfefferl, Weigel. Ges.
3, 6
(
Hamb.
1646
):
Das sich das ewige gutt außgieße vnd gemeinsamer
(sic!)
mit seiner reicheit vnd vberflus [...], Hat er
[Gott]
ihm gemacht vnd geschaffen ein gleichnis vnd bildtnuß, Nemblich die vernufftige Creatur als den Engel vnd Menschen, zu seiner gemahlschafft.
Kochendörffer, Tilo v. Kulm (
preuß.
,
1331
):
Und wirt ouch los der sunde | Von uber vluz der unde | Grozer barmherczekeit.
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Mir quam in myn gemute | Von siner [Gottes] truwe oberfluz | Der ruwe ein harte grozer stuz.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
wenne der guͦt und und getrúw kneht wirt in gefuͤret in die froͤde sins herren, so wirt er trunken von dem unmessigen uͤberflusse des goͤtlichen huses.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
‚also wart och Maria‘, sprichet er, ‚von der edli der gnaden und der úberflússi dú in si gossen wart, úber mentschlich natur erhaben [...]‘.
Göz. Leichabd. ;
Asmussen, Buch d. 7 Grade
2277
.
4.
›Überfülle, Überfluss, über die Notwendigkeit des natürlich Vorgegebenen oder des Sozialen und praktisch Üblichen hinausgehende Menge an Flüssigkeit bzw. von der Fließmetapher her ertexteter anderer Größen; das Normalmaß Übersteigendes; Überflüssiges‹ (jeweils auf Sachliches bezogen); tropisch auch mit Bezug auf Haltungen und Handlungen des Menschen, die nicht den vorausgesetzten, oft negativen, teils aber auch positiven Wertungen entsprechen, dann: ›überbordende Eigenbezüglichkeit‹; ›als Verrinnen von Gütern gesehene Verschwendung; Haltung unkontrollierten, selbstsüchtigen, der Dokumentation der sozialen Stellung dienenden Verbrauchs irdischer Güter‹ (z. B. bei Festlichkeiten, Hochzeiten, Taufen, Begräbnissen); speziell: ›Luxus‹; ›Völlerei‹; positiv: ›Überfülle des Herzens‹; eng an 2 anschließbar, oft mit moraltheologisch begründeter, vereinzelt auch aus einer Mangelsituation herzuleitender Wertung; vgl. (Präp.) 1; 2 (ütr.); 10.
Gegensätze:
2.
Syntagmen:
ü. haben, den ü. abschaffen / abstellen / abtun
;
(der) ü. unwillen machen, selten zeitig werden, der ü. zu js. schaden rennen
;
der rausch ein ü. sein
;
js. beger ane ü. sein, j. aus dem ü. leben, etw. mit ü. darstellen / volenden, sich vom ü. abhalten
;
der ü. des blutes, des herzen, des verstandes, der schlemmerei, der güter, in kleidung / speise
;
der ägyptische / grosse / irdische / unziemliche ü
.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
INTEMPERANtia. Vnmässigkeit vberfluß vberfliessigkeit.
Luther, WA (
1530
):
Als wenn Christus spricht: Ex abundantia cordis os loquitur. Wenn ich den Eseln sol folgen, die werden mir die buchstaben furlegen, und also dolmetzschen: Auß dem uberflus des hertzen redet der mund. Sage mir, Jst das deutsch geredt? Welcher deutscher verstehet solchs? Was ist uberflus des hertzen fur ein ding? Das kan kein deutscher sagen, Er wolt denn sagen, es sey das einer allzu ein gros hertz habe oder zu vil hertzes habe, wie wol das auch noch nicht recht ist: denn uberflus des hertzen ist kein deutsch, so wenig, als das deutsch ist, Uberflus des hauses, uberflus des kacheloffens, uberflus der banck.
Stambaugh, Friederich. Saufft.
37, 12
(
Frankf./O.
1557
):
Ein rausch [...] ist ja ein uberfluß / denn wer ein rausch hat / der ist jhe nicht nuͤchtern.
Meisen, Wierstr. Hist. Nuys
1350
(
Köln
1476
):
Jr gelt, yr korn, gereide gudt | Stalten sy dar mit oeueruloet.
Ulner (
Frankf.
1577
):
Maͤssiglich leben [...] sich begnuͤgen lassen [...] sich abhalten vom vberfluß.
Gille u. a., M. Beheim
129, 98
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
und wellen | Als grass reichtum czue haben, | mehtikait, miltung, uberflus.
Sachs (
Nürnb.
1564
):
Zeigt an, daß könig, fürstn und herrn / Sollen sich von dem wein abferrn, | Von uberfluß der schlemmerey.
Cirurgia H. Brunschwig (
Straßb.
[
1497
]):
Auch di zuͦfel die do sint zuͦ gegen od’ beschehẽ moͤgen. Als do ist der vb’fluß des pluͦtẽs vß d’ arteria oder pulsader.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ein grosser Vberfluß. Redundatio. Grosser Vberfluß deß verstands / Ein herrlicher feiner verstand. [...]. Vberfluß in speyß vnd kleidung.
Heidegger. Mythoscopia
52, 8
(
Zürich
1698
):
Auß dem uͤberfluß deß Hertzens redet der Mund.
Chron. Augsb. Anm. 1 (
schwäb.
, zu
1563
):
damit der überflus und mißbrauch in den großen hochzeiten, kindertauffen, kirchweihen, [...] abgeschafft [...] werden.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Der vberfluß inn allen dingen / hochmuth / dasen / als inn essen / trincken / kleydung / bawen / vnzucht vnd anderen dergleichen / vnmaß / vnnutze verschwendung.
Wir leben nicht auß dem vberfluß / sonder auß Christlicher gnuͤge. Grosser vberfluß wirdt selten zeitig. [...]. Vberfluß aller jrdischen Guͤter macht vns offt duͤrftig der Him̃lischen.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Die funden aber auch ein sinn, richten die kelberheut zue und paistens nur den überflueß.
Hat den überflus in claidern [...] abtan, an im selbs angehebt, die kost und das aufgên des kaiserlichen hofs gemindert.
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
17. Jh.
):
damit der überfluß abgestelt und der überrest deß vich sein waid und nahrung habe.
Göz. Leichabd. ;
Martin, H. v. Sachsenh. Tempel
236
;
Vgl. ferner s. v. 3, 6.
5.
›Überfluss, ein Zuviel an graphischen Einheiten (Buchstaben) gegenüber der Anzahl von Lauteinheiten‹; auf der Textebene auch auf einen Aussageinhalt, ein Exempel bezogen, der / das als ›überflüssig‹ oder als ›der Relevantsetzung, der Verdeutlichung dienend‹ gelesen werden kann; als Spezialisierung zu 4 auffassbar; zu (Präp.) 10.
Phraseme:
zu dem / allem / einem überflus
je nach Kontext: ›überflüssigerweise‹; ›überdies‹; ›mit besonderer Deutlichkeit‹.
Gegensätze:
1
2.

Belegblock:

Holland, H. J. v. Braunschw. V. e. vngerat. Sohn (
Wolfenb.
1594
):
zu allem vberfluß, Als ich dich [...] zu aller Gottsfurcht, [...] vermhanen wollen Hastu solchs alles verquer ins maul genommen.
Franz u. a., Qu. hess. Ref.
2, 5, 16
(
hess.
,
1525
):
euch derselben euer meinung das widerspil [...] zum uberflus und austruglich anzuzaigen.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
vnnd sprach zu mir / ich solte diß Exempel doch wieder außstreichen / dann es ja ein uberfluß wehre / das jenig mit Exempeln zu behaupten / welchs nunmehr der gemeine Stylus wehre.
Opitz. Poeterey
10, 32
(
Breslau
1624
):
das auch an verachtung der Poeterey die jenigen nicht wenig schuldt tragen / welche [...] Poeten sein wollen / vnd noch eines theils zum vberfluß [...] sie jhre vnwissenheit vnter dem Lorbeerkrantze verdecken.
v. Ingen, Zesen. Ged.
397, 8
(
Breslau
1641
):
DReye soll man billich preisen | In der Deutschen Poesie / | [...] | Buchner / Opitz / Caesius | zeigen es mit uͤberfluß.
M. Cunitia. Ur. Prop. (
Öls
1650
):
Gleicher gestalt werden auch die Circkellinischen oder sphærischen * Dreieck * auffgeloͤset / wie dessen zum uͤberfluß / oben [...] ein Exempel zusehen.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
zu aim überfluss liess Ir Majestat herrn Wernhern ain indult.
Kohler, Ickelsamer. Gram. (wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
Vom überfluß, mangel, vnnd verwandlung vnsers A be cees.
Souil hab ich woͤllen anzaygen võ dem überfluß, mangel vnnd verwandlung der buchstaben des teütschen lesens.
6.
›derjenige Teilbestand des Viehs, der die zugelassene Menge übersteigt‹; vgl. (Präp.) 10.
Bedeutungsverwandte:
; vgl. (
die
), 1.

Belegblock:

Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
17. Jh.
):
solle [...] nicht meres alß 2 küe [...] in die gmain aufzutreiben befuegt sein, damit der überfluß abgestellt und der überrest [...] narung habe.