sündlich,
Adj.
– Gehäuft Texte der Sinnwelt ‚Religion / Didaxe‘.
1.
›der Sünde existentiell verfallen‹;
zu 1.
Bedeutungsverwandte:
, , (Adj.) 2; vgl. 1, .
Wortbildungen:
sündlichkeit
1.

Belegblock:

Luther, WA (
1512
/
8
):
dieselben kinder nennet er den daw, darumb das kain seel wirt bekeret, und von Adams sündtlicher kindtschaft in die gnadenreich kindschafft Christi gewandelt mit menschlichem werck, sonder allain durch würckung gottes.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
daß der HErr die Marter leyd, | Das macht der Menschen Suͤndlichkeit.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
wie grundelosecliche fúnde er sich in dem súntlichen gebresten, und vindet wol wie one mosse sine nature in disem gebresten stot; und behuͤte sú Got nút, wie krang, wie vellig, wie geneiglich dis ist one alles ende, unbegriffenlich, und wol endet diser gebreste in dem ewigen tode.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
er [Got] hat úns geben sin rain geburt, und hat mit der gerainnet únser súntlich geburt. wan dú waz als súntlich daz nie kain mentsch so wol moht geleben daz es fúr sin antlút moͤht komen vor siner geburt.
2.
›weltverhaftet, sündhaft, Sünden begehend‹; im Einzelnen: ›Gottes Gebote missachtend; selbstbezüglich handelnd; Sinnlichem, darunter der Unkeuschheit, zugewandt, weltlichen Vergnügen frönend‹ (von Personen gesagt); ›religiös und moraltheologisch verwerflich‹ (vom Verhalten und von Handlungen gesagt, die jede Art religiöser Rückbindung vermissen lassen, vereinzelt auch weltliche Regeln missachten sowie der eigenen Verantwortlichkeit widersprechen);
vgl. 2; 3.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (Adj.) 6; 7, , , , 1; 2, , 3, , 1, , (Adj.) 1, 2, (Adj.) 2, .
Gegensätze:
, , 2; 3; 4, 1, 6; 7, (Adj.) 1; 3, 9, (Adj.) 6, 2; 3; 5, 1, .
Syntagmen:
j. s. werden
;
j. s. leben / toben, s. in eine suche
›Krankheit‹
fallen, die füsse
(Subj.)
s. treten, die gesetze
(Akk.obj.)
s. übertreten, die gottesgaben s. niessen, etw. s. versünden, jm. sündlichen beiliegen
;
der sündliche gedanke / geist / lust / mein / orden / wille, die sündliche begerlichkeit / begerung / begier / bewegung / eigenschaft / flut / gabe / klage
(mixtura verborum: ›Klage aufgrund von Sünden‹)
magd / nacht / sicherheit / tat / wanderung
›Gedankenspiel‹
/ wollust, das sündliche gut / leben
(mehrfach)
/ volk / werk, die sündlichen bande / gebresten
; subst.:
sündliches volbringen
.
Wortbildungen:
sündlichkeit
2.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Dar du suntlicher clage | Vor im rede geben must.
Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Js des mannes wip des sones stipmuͦter, lit her bi er suͤntlichen wizzenlichen [...], so hat her al sin erbe vorloren.
da von gap her iz
[
gut
, Bestechungsgeld]
suͤntlichen vnde schentlichen.
Luther, WA (
1512
/
8
):
Aber das er priester sey, ist schwaͤrer zu glauben, umb unsers bloͤden und sündtlichen gewissens halben, das da verzagt und leichtlich erschrickt vor gottes gewalt.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
glichir wis wirt einer sundelich | der mit der werld umme get.
Klett, J. v. Soest
1, 88
(Hs. ˹
wmd.
,
1470
/
80
˺):
das al dy geen, dy da yn lesen | von sontlichkeit moghen genesen.
Chron. Köln (
Köln
1499
):
sehen wir niet [...], dat vele minschen sint die die goetliche gebot, geistliche statuten und keiserliche gesetze wissen [...] und nochtant jemerlich, schentlich und suntlich van in overtreden werden?
Rueff, Rhein. Ostersp.
2172
(
rhfrk.
,
M. 15. Jh.
):
so soln wir die vernofft lassen in uns walden, | und lassen nit in uns herschen die suntlichkeit; | want sie ist alle czyt bereit | e zu dem bosten wan zu dem besten.
Ebd.
2206
:
kompt dan die synlichkeit mit erem rade | und redt uns fast fru und spade, | [...] | daz uns brenget in godes haß.
Ebd.
2213
:
die sinlichkeit redt dem mentschen also: | ‚ey du salt alle czyt lange slaffen [...] | du salt nit zu der kirchen gen‘.
Perez, Dietzin
1, 317, 13
(
Frankf.
1626
):
die Trunckene aber thun allein was boͤß vnd suͤndlich ist.
Neumann, Rothe. Keuschh.
1806
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
ess ist auch besser eine reine e | kegen god unnd den luten vil me | danne ein suntliche, hoffertig maget, | di alle tage von iren magetum claget | unnd wil di elichen vorsmehen.
Ebd.
2144
:
di trunkenheit vorkeret den mud, | si ist ein muter der sundlichen flud, | aller laster ein ane beginnen.
Ebd.
3417
:
dry ding sollen den menschen zihen | van der werlde di her sal flien, | [...] | : das ist ein suntliche wanderunge dar ynne, | also das her sich nicht dar ane slisse | unnd mit Eva in den apphil bisse.
Ebd.
4154
:
[di grossen hertzogen] di sint in dise suche tzwar | smelichen unnd suntlichen gevallen.
Schönbach, Adt. Pred. (
osächs.
,
1. H. 14. Jh.
):
der tot nimet, oberhand ober oberaz, ubertrank, unkuscheit, tanzen und turney und ander suͤndliche dinc.
Logau. Abdank.
167, 13
(
Liegnitz
1651
):
Der Zeitliche FRJEDE / ist zum meisten ein anlaß zu suͤndlicher Sicherheit.
Dienes, E. Gros. Witwenb.
9, 4
(
nürnb.
,
1446
):
als das sie [Maria] nichtzen kümret, dann das Gote zu gehört: [...], das sie würde behaltten vor enpfyntten aller süntlicher bewegung.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
190
(
Nürnb.
1517
):
wie die heiligen seel die teufel vertreiben von dem süntlichen geist.
Sachs (
Nürnb.
1535
):
Die sieben haubtlaster mit ihren sündlichen anhangenden eygenschafften.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Daz erst bilde ist ein lidiger vonker von der welt lústen und von súntlichen gebresten.
wie ich
[als
karrer
]
die menschen us der tieffen lachen ires súntlichen lebens bringe.
Adrian, Saelden Hort
10224
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
wir sont och an den nesten | die súntlichen gebresten | vertriben und verwilden | mit úsern guͦten bilden.
Banz, Christus u. d. minn. Seele
542
(
alem.
,
1. H. 15. Jh.
):
Du hast dik vast volkomenlich geret, | Darnach bald súntlich gelebt.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
do hin setzten sy das súntliche vnd heidnische
[nd. Bibel um 1478:
vnrechte
;
Froschauer
1530:
boßhafften vnd gottlosen
;
Luther
1545, 1. Makk. 1, 36:
gottlosen
]
volck.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
alle die súntliche gedaͤnke die du ie gehattest, die solt du wider gelten mit rainnen gedaͤnken.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs. ˹
Basel
,
um 1440
˺):
sy [bischoͤff] niessent ir gotzgoben krenglich und süntlich.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
250
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Das sÿ [Sara] kainer moͤcht berüren, | Noch sündtlich werck mit ir volfieren.
Schmidt, Rud. v. Biberach
51, 14
(
whalem.
,
1345
/
60
):
‚wer svndet, der ist ein knecht der svnden‘ vnd ist gebunden mit sv́ntlichen banden.
Stammler, Berner Weltger.
622
(
ohalem.
,
1465
):
Mich
[Christus]
geert nie üwer mund, | Vwer ögen waren gar uerlassen, | [...] | Vwer fuͤsse süntlich traten.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
10, 50
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
wenn in der sündlich lust ange, | so zünd in im durch dein Ave / des heilgen gaistes flammen.
Ebd.
122
:
sündlich begir an uns erwend, | das werltlich lust den leib icht plend.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
910
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Nu wil daz haben als im für aygen wandelbertichait vnd sündleichait vnd mügen angeweigt werden vnd andrew söliche ding. Darumb daz der mensche volchomen werde, verhengt got hincz im daz er anweigleich ist.
Helm, a. a. O. ;
Reissenberger, Väterb. ;
Palmer, Tondolus ;
Hübner, Buch Daniel ;
Karsten, Md. Paraphr. Hiob ;
Neumann, a. a. O.
862
;
3205
;
4321
;
Kehrein, Kath. Gesangb. ;
Gille u. a., M. Beheim
71, 190
;
117, 92
;
Lindqvist, a. a. O.
701
;
Adrian, a. a. O.
4700
;
10206
;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 119
.
Vgl. ferner s. v. .