ro,
Adj.;
zu
mhd.
rou, rô, râ, rouch
›roh; unbearbeitet‹
(ff.); die Stammsilbe erscheint gelegentlich durch
-w-
erweitert; durch Vermischung mit semantisch und formal ähnlichem, aber etymologisch nicht verwandtem
rau
treten auch
-h-
bzw.
-ch-
am Silbenende auf, bei flektierten Formen auch als Hiatfüllung;
vgl. .
1.
›roh; nicht gegart‹ (von Lebensmitteln); auch: ›unbehandelt, ungeschält, nicht gewürzt, (noch) nicht zubereitet‹; bei Paracelsus von potentiell medizinisch wirksamen Naturstoffen (z. B. Kräutern): ›(noch) unwirksam, ohne unmittelbaren Nutzen‹; im Einzelnen auch: ›frisch, nicht eingedickt‹ (von Milch); ›unreif‹ (von Obst); ›unverdaut; unverdaulich‹ (von Speisen); ›roh (nicht gebraten), blutig, ohne Haut‹ (von Fleisch).
Phraseme:
die welt nicht so ro gefressen werden wie gedacht
im Sinne von: ›nichts wird so heiß gegessen wie gekocht‹.
Bedeutungsverwandte:
3, , , , .
Gegensätze:
1, (Adj.), (s. v. ), (s. v. ), 1, (Adj.) 1.
Syntagmen:
etw
. (Subj., z. B.
krautköpfe / quitten / trauben
)
r. bleiben / sein
;
etw
. (z. B.
den fisch / holzapfel / kürbis, die welt, das fleisch, heringe
)
r. essen / fressen, jm. etw. r. geben
;
j. fisch / fleisch rohes
(flektiertes prädikatives Attr.)
essen
;
der rohe apfel / gauch / pfifferling / spek / teig
,
der rohe
›unvergorene‹
wein, die rohe birne / frucht / milch, das rohe blut / fleisch / honig / kalb / obst / schaf, die rohen äpfel / kräuter / zwiebeln
; subst.:
die natur in dem rohen keine freude haben
;
etwas rohes
.
Wortbildungen:
rohe
1 ›Zustand der Unreife (bei Früchten)‹ (dazu bdv.: ; vgl. 4),
rolecht
›halbgar‹ (dazu bdv.: ).

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
811, 6
(
Lübeck
1639
):
Laß die Birn teig werden / so noch raw vnnd rho seynd.
Ebd.
842, 24
:
Es ist weder zu sieden noch zu braten / vnnd auch nicht gut roh zu essen
(sprichwörtlich).
Luther, WA (
1529
):
Man weis fast wol, das yhr die welt nicht so rohe fressen werdet als yhrs gedenckt.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
94, 1593
(
Magdeb.
1608
):
Brachten noch ein stuͤcklein roh speck.
J. W. von Cube. Hortus
91, 12
(
Mainz
1485
):
kurbiß sal nit rohe gessen werdẽ sunder gesotten oder gebraten.
Ebd.
100, 25
:
quidden [...] synt alle zyt besser gebraten [...] wan rohe.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
33, 7
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
Man ist do ro vleisch gestozen, mit vil knobelouchis unde eyner wurcze.
Chron. Strassb. (
els.
,
1362
):
do waz alse großes ungewitter daz daz korn fulet in der ernen und die trübel rou und unzitig blibent.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
Wann ich nym nit von dir gesotten fleysch: wann roches
[
Luther
1545, 1. Sam. 2, 15:
roh
].
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1522
):
entweders er solt 50 rowe Zuͤblen essen, oder 50 Streich uff seinen blossen Rucken lassen schlagen.
Ott-Voigtländer, Rezeptar
211v, 1
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1400
˺):
Der iht rowes hab gessen, das im we tuͦt ze stunt, / der nem ruten [...].
Menge, Laufenb. Reg.
2441
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1470
˺):
[große übunge nach der spis] Ziechend die spyse zuͦ In | Vngetöwet vnd ouch roͮwe.
Ebd.
4341
:
roͮwes obs darzuͦ | Sont sú myden spate vnde fruͦ.
Sudhoff, Paracelsus (
1529
):
merken hierauf, das die natur in dem rohen kein freud hat sonder allein in dem bereiten. daraus versten, in was weg ichs mein, das rohe nit sol geben werden und das das alles rohe ist, wie es von der erden geben wird.
Ebd. (
1536
):
kan durch sein kunst der bereitung das eußerliche corpus zerstören und da ein ander corpus und wesen machen, als durch das roch und transmutirt honig verstanden werden mag, wie weit sie von einander sind in beiden leib und wesen.
Fuchs, Murner. Geuchmat
2202
(
Basel
1519
):
Gessen hab ich ein gouch, ein rouwen, | Den kan ich nymmer mer verdouwen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Rauw / Gruͤn / Vngesotten. [...]. Rauwe vnzeytige frucht.
Rauwlaͤcht / Halbkochet.
Roͤuwe / Vnreyffe.
Morrall, Mandev. Reiseb.
169, 21
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
Das volck [...] essend visch und flaisch alles roches.
Klein, Oswald
47, 6
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
so well wir | [...] | mit frechen abbrechen | der pfifferlingen roh.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
[Zwei Frauen, die ihre Keuschheit retten wollten,]
punden rôch flaisch under die üechseln, das es stinkend ward, mainten die feind, si stänken von natur also, wolt kainer nâhend zu in komen.
Peil, a. a. O.
110, 2093
;
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
8574
;
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. ; ;
Sexauer, Schrr. in Kart.
236, 17
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
Vgl. ferner s. v. .
2.
›unverarbeitet, naturbelassen‹ (von Materialien, die gewöhnlich einer Weiterverarbeitung unterzogen werden); im Einzelnen: ›nicht abgehaspelt‹ (von Seide); ›ungewalkt‹ (von Tuch); ›ungegerbt‹ (von Leder); ›ungebleicht‹ (von Leinwand); ›nicht zugeschnitten‹ (z. B. von Dachschindeln); bei Luther ütr. auf den Zustand von Himmel und Erde unmittelbar nach dem Schöpfungsakt: ›(noch) leer, ungestaltet, nicht bewohnt‹.
Phraseme:
etw. von roher wurzel arbeiten
›etw. von Grund auf neu schaffen‹.
Bedeutungsverwandte:
2, , ; vgl. 2.
Gegensätze:
.
Syntagmen:
der rohe himmel, der rohe
˹
fuchs / marder / zobel
˺ ›unbearbeiteter Kadaver von Pelztieren‹,
der rohe salpeter, die rohe erde / haut / leinwat / seide, das rohe garn / kupfer / leder / silber / tuch, die rohen dachschindeln
.
Wortbildungen:
roleder
,
romauer
›Trockenmauer‹ (dazu bdv.: 2).

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
659, 14
(
preuß.
,
1433
):
czwee schok roledir ane vier huwte.
Luther, WA (
1523
):
in primo die fecit
[Gott]
ein rauche und rohe erde, und ein rauchen rohen hymmel.
Loesch, Kölner Zunfturk. (
rib.
,
1469
):
die aldae vort laissen zo machen ind zo bereiden, der mit roer, ungesponnenre sijden umbgienge ind sich daemit generde.
Kisch, Leipz. Schöffenspr. (
osächs.
,
1523
/
4
):
alles garn, roe und gesotten, lein, flachs, alle leinbant.
Voc. Teut.-Lat.
bb ijv
(
Nürnb.
1482
):
Rohemawr. [...] steinwandt on morter.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
ich han [...] mein haus [...] auf der gant behept umb 2 farden und 4 rohen tuech.
Müller, Welthandelsbr.
159, 6
(
schwäb.
,
1506
):
Es begipt sich auch zu zeiten, das man roch kupfer in daz konigreich furt.
Müller, Stadtr. Ravensb.
252, 25
(
oschwäb.
,
1440
):
was denn schmaler linwant von unser stat gefiert wirdt, si si row, wis oder werd gefaͤrwt, so sol ain burger von ainem tuͦch geben V den.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
1494
):
ain tisch, der 24 ₰ wert ist, ro dachschintl 200 und 6 fueder mist.
Stolz, Zollwesen
116, 12
;
Mollay, Ofner Stadtr.
423, 45
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
3.
›auf das Wesentliche, Offensichtliche, auf den Kern einer Bezugsaussage, Bezugsidee beschränkt‹; auch: ›wörtlich, buchstäblich‹.
Bedeutungsverwandte:
6; 8, 5; vgl. 2, 3, 2, 3.
Syntagmen:
etw
. (Subj., z. B.
die warheit, reden / sprüche / worte
)
r. sein, etw
. (Subj.)
r. lauten, an jn. gelangen
;
j. eine sache r. verhandeln
;
der rohe buchstabe / sin, die rohe erkentnis
.

Belegblock:

Luther, WA (
1523
/
4
):
Aber ein wenig davon zu fassen ist fur die leyen gnug, das man ein wenig rohe erkentnis davon neme, nicht so scharff aus geeckt.
Jostes, Eckhart
4, 10
(
14. Jh.
):
daz si [di leute] ein iglich ding enphahent an dem rohen sinn. Di leute werdent nimmer mer geistlich.
Gropper. Gegenw. (
Köln
1556
):
das soͤlche Sprüch vnd Reden / nit so rohe / wie die wort lauten / sonder Metaphorisch vnd Figurlich verstanden werden soͤllenn.
4.
›e. S. entbehrend, ohne etw., von e. S. entfernt‹ (von Personen); im Einzelnen: ›(noch) ohne Erfahrung‹; ›ohne Gefühl, gleichgültig‹; ›betäubt, empfindungslos‹; ›oberflächlich, ohne Engagement‹; dies implizierend: ›unzulänglich, ohne tiefere Einsicht‹.
Überwiegend Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
4, , (Adj.) 3, 5, 2, 2, 2, ; vgl.
5
4, (Adj.) 1, 2, (Adj.) 2, (Adj.) 6, (Adj.) 11.
Wortbildungen:
rohe
2 ›Unzulänglichkeit‹ (dazu bdv.: vgl. 5, 5).

Belegblock:

Luther, WA (
1523
):
Den rauchen und rohen menschen, die das Euangelion nicht fuͤlen, musz man das gesetz predigen und sie treyben, bisz das sie muͤrbe werden und yhre gebrechen erkennen.
auff das wyr eyn gut faul leben fureten, gar nichts gutes theten, wie denn der meyste hauffe rohe und schleffrich dahyn lebt.
Ebd.
429, 21
:
das man viel predigt, und niemand darnach thut, sondern die leut so roh, kalt und faul werden, das es schand ist.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
so will ich [...] die jenigen so hierbey noch etwas roh / oder vnwissend vnnd vnerfahren sein moͤchten / zeigen / durch waß griffe sie darzu gelangen moͤgen.
Euling, Kl. mhd. Erz. (
nobd.
,
E. 15. Jh.
):
so das ich armer gaste, | herr, aus dir prünne trinck also | das ich in newem glaste | scheyn aus der altikayt ro
[›aus der Unzulänglichkeit der Kreatürlichkeit‹]
| des menschen.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
ein ieklichs
[Mensch]
gedenket wol an das heilige liden unsers herren in einer verloͤschener blinder rower minne, also das der gedank in der uͤbunge nút enwúrket.
Kottinger, Ruffs Adam (
Zürich
1550
):
darumb min hertz ist row fürwar, | toub, unsinnig worden gantz und gar.
Bauer, Geiler. Pred.
319, 14
(
Augsb.
1508
):
so mag ynn der gaistlich trost über ain nit werden. sy muͤssend dürr und roch beleiben. alles goͤtlichen gaistlichen befindens.
5.
›wild, ungezügelt, unzivilisiert, ungehobelt, unverschämt‹ (von Personen); speziell: ›gottlos, ohne christliche
zucht
, ohne ethisch-moralisches Bewusstsein‹; im Einzelnen: ›unbeherrscht, gewalttätig, grausam‹; ›ohne Mitleid, Erbarmen‹.
Phraseme:
rau und ro sein
›sich unbeherrscht, grausam benehmen‹.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (Adj.) 6, , 1, 1, (Adj.) 2; 5, 6; 8, 3, 1, (Adj.) 8, 5, , 2, 1, , 2, 3, , , , .
Syntagmen:
j. r. sein, eine meinung
(Subj.)
r. sein
;
der teufel den Kain r. machen
;
jn. r. ansehen
;
der rohe mensch, die rohe art / manheit / welt, das rohe leben / volk, die rohen leute
.
Wortbildungen:
rohe
3 ›Grausamkeit‹ (dazu bdv.: ),
roling
›ungehobelter Kerl‹ (dazu bdv.: vgl. 3, , , ).

Belegblock:

Luther, WA (
1524
):
Weyter auch so wil Gott, das man das gesetze dar umb predige, das die gotlosen und rohen leute umb gemeynes fridens willen ynn eyner zucht leben.
die wilden, rohen Leute, jnn den weder ehre noch zucht, sondern nur eitel mutwil und bosheit regirt.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
354, 2985
(
Magdeb.
1608
):
Was wolln wir sein so roh vnd wild / | Das bey vns kein Rath hilfft noch gilt.
Opitz. Poeterey
7, 26
(
Breslau
1624
):
weil die erste vnd rawe Welt groͤber vnd vngeschlachter war / als das sie hette die lehren von weißheit vnd himmlichen dingen recht fassen vnd verstehen koͤnnen [...].
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 276, 16
(
Hagenau
1534
):
dieweil wir Deuschen eyn wilde / ungezogene / rohe art sind.
Das convent überlept den apt. Ist glich etwan ein roͤuwling an einem ort, dem man etwas wenig von siner boͤse muͦß überseen; morn, ist er nit mer, so kumpt ein milderer.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
die Swäbschen [...] warend so row, dass si den frowen [...] an ire lib blosse waffen huͦbend.
Maaler (
Zürich
1561
):
Rauch vnd Rauw gegen einem sein. Adhibere crudelitatem in aliquem.
Roͤuwe (die) Grausame. Crudelitas.
roh [...] Gottloß. [...]. Ein (roh) leben fuͤhren.
Anderson u. a., Flugschrr.
6, 5, 17
([
Augsb.
]
1523
):
wañ einer võ einẽ rohen leben dʼ jugẽt felt auf ein gleißnerisch lebñ.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
1582
):
alle roche leüt so muetwilliger fravenlicher weiß gott und die heilig junkfrau Maria etc. schmähen.