ruhig,
rüwig,
Adj.;
md. auch
rugig
.
1.
›friedfertig, nicht kriegerisch gesinnt‹; meist mit Bezug auf hierarchisch untergeordnete Personen: ›der Obrigkeit gegenüber gehorsam, friedlich‹; ›nicht gesetzeswidrig, nicht aufrührerisch‹;
zu 3.
Bedeutungsverwandte:
, , (Adj.), 2, (s. v. 3), , 4; vgl. , 2, 4, , 2.
Wortbildungen:
ruhigen
1 ›jn. zu friedlichem Verhalten, zur Unterordnung bewegen‹ (dazu bdv.: 1; vgl. 10, 11).

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
813, 12
(
Lübeck
1639
):
Das Pferd darauff sein Herr sitzt / schreyet vnnd rufft nichts anders / als die Vnterthanen sollen ruhig seyn / jhren König hoͤren.
Luther. Hl. Schrifft.
1. Chr. 23, 9
(
Wittenb.
1545
):
Sihe / der son der dyr geporn sol werden / der wird ein rügig
[
Mentel
1466:
stillt
; Var. 1483–1518:
gerutest
; nd. Bibel um 1478:
vredesam
;
Eck
1537:
ruͦwsamer
]
man sein / Denn ich wil jn rugen lassen von all seynen Feinden vmbher, denn er sol Salomo heissen.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
n. 1525
):
sehe uns fur not [...] an, [...] dem vogten zu Kurchberg schreyben, das sie sölichs [...] verkundten, uff das der stett verwandten ruwigklich sitzen bleyben, und dardurch unrat verhut werden möchte.
wa die pawrn nit ruwig, sonder etwas gegen sein furstlich gnaden furnemen wurden, wöllen sie leyb und gut zu sein furstlich gnaden setzen.
etlich von der landschaft, umb die statt Rotenburg gelegen, [...] mit denen wöllten sie handeln, sich ruwig zu halten, aim rat geharsam zu sein, sie an iren gutern [...] unbeschedigt zu lassen.
Jörg, Salat. Reformationschr.
370, 2
(
halem.
,
1534
/
5
):
die wyl man so vil darvon [disputatz] gerett / und so lutmaͤr gmacht haͤt / den gmeynen man damit zuͦ ruͤwigen und befriden.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ruͤwigklich / Still / On aufruͦr.
2.
›befreit, frei, unangefochten, unbelastet von Sorgen, Zweifeln, Furcht, Gewissensnöten‹; speziell mit Bezug auf konfessionell je unterschiedlich geprägte Lebens- und Glaubenshaltungen: ›fromm, voll Gottvertrauen‹; ›weltabgewandt‹; ›im Einklang mit Gott und daher im inneren Frieden‹; ›durch den Glauben innerlich ausgeglichen, sicher gemacht (als Vorbedingung für mutiges, selbstloses, beherztes Handeln in der Welt)‹;
vgl. 4; 5.
Bedeutungsverwandte:
(part. Adj.), 1, 1; 2; 3, , , 1, , (Adj.) 3,
1
5, 6, 5, , 3; vgl. 1; 3.
Gegensätze:
2, .
Syntagmen:
j. r. in den sinnen sein, in sich selbst r. werden, js. herz mit worten r. machen
;
der ruhige mut / vater, das ruhige gemüt / gewissen / leben / herz / wesen
.
Wortbildungen:
ruhigen
2 ›jn. zufriedenstellen‹.

Belegblock:

durchs schwerd und seyn gesetz werden sie
[die Menschen]
bewarett und getrieben ynn eyn still, rugig, erber weßen.
Ebd. (
1544
):
der Glaube [...] machet ein gut, rugig, froͤlich hertz.
Ebd. (
1527
):
deine seele sol friede haben und gutts mutts sein, ruͤgig und gefreyet werden von den suͤnden.
Ders., WA Bibel (
1540
/
1
):
Wer halstarrig ist, kan kein rugig hertz haben.
Ders. Hl. Schrifft.
Sir. 19, 10
(
Wittenb.
1545
):
Hastu etwas gehöret / las es mit dir sterben / so hastu ein rügig Gewissen
[
Froschauer
1530:
biß nun mannlich
;
Dietenberger
1534:
biß nur gehertzt
;
Eck
1537:
vertraw̃ wol
]
/ Denn du wirst ja nicht dauon bersten.
Enders, Eberlin ([
Wittenb.
]
1523
):
ich wil glauben, so würd ich in mir selb ruͤwig vnd froͤlich vnd sicher.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1488
):
die Heremitaner, die wir nennen Augustiner, [...] seind geistlich, abgeschaiden, andechtig, ruwig veter.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
ire wuͤtiges herz machest ruͤwig mit dinen suͤssen [....] worten.
Ein reht gelassenr mensch sol sich vier ding flizen: I. Er sol sin gar sitig an dem wandel [...]. II. Sitig und ruͦwig in den sinnen, nút hin und her woldenieren.
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
,
1553
):
habent min gnedig herren ime noch für alle ansproch 10 gl. zu geben sich entschlossen; doch das er [...] darmit gerüwiget sin und min gnedig herren hinfüro [...] nit mer ansprechen solle.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1522
):
wer nichtz bessers uff disem Erdtreich, dan Kuͤscheit und Junckfrauschafft behalten [...], und ist das best und das ruͤwigest Leben.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ein Ruͤwig gemuͤt haben.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1552
):
daß in allwege ratsamer sein will, mit Christo zuͤ leiden und ein ruͤeigs gewissen [...] zuͤ erwelen, weder beim gegentail ain geringe zeit zergenglichen wollust zuͤ haben.
3.
›ohne Einschränkung, Beeinträchtigung durch eine als negativ empfundene Bezugsgröße‹; ›unbehelligt‹; speziell mit Bezug auf die soziale Ordnung einer Gemeinschaft: ›ohne Streit, im Frieden miteinander‹; speziell rechtlich von Besitz, Besitzansprüchen: ›jm. unangefochten, unbestritten gehörend‹; zu 5;
vgl. 1; 5.
Phraseme:
jn. ruhig lassen
›jn. in Ruhe lassen‹;
mit jm. ruhig sein
›friedfertig mit jm. umgehen‹.
Bedeutungsverwandte:
1, , , 2, 1, 1, , 1; vgl. (Adj.) 1, 4.
Syntagmen:
der glaube
(Subj.)
r. wären, j. r. gottesdienst volbringen, in poses sein, zum regiment kommen, etw. r. behalten / besitzen / haben / innehaben
;
r. beten / schiessen / sitzen / wonen
;
der ruhige gebrauch, die ruhige besitzung / einung / gewer / poses / stunde, das ruhige jar / leben
.

Belegblock:

Holland, H. J. v. Braunschw. V. e. vngerat. Sohn (
Wolfenb.
1594
):
Nun komme ich Gott lob fein rühig, vnd ohne alle Schwerdschlacht zum Regiment, vnd hat mir nicht viel gekostet.
Luther, WA (
1527
):
[der koͤnig] hat offt viel muͤssen leiden von seinen nachparn, das er nymer kund sicher und rugig sitzen.
damit ein ende, also das er [der Tuͤrcke] Hungern und Deudsche land wol zausen mag, aber nicht ruͤgelich besitzen.
Turmair (
Nürnb.
1522
):
das wir im [...] unser bestetung-gepot verschufen, dadurch er und sein nächster freunt Batrich ir leben lang dester ruebiger und sicherlicher ân meniglichs widersprechen die obgemelten stücke inhaben [...] möchten.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs. ˹
Basel
,
um 1440
˺):
man sol allen cloͤstren castenvogt
[›Verwalter‹]
geben, umb das sye ruwig gottesdienst volbringen mügen.
Boos, UB Aarau (
halem.
,
1329
):
Dis selb guͦt [...] gib ich ire [...] ruͦclich ze besitzenne.
Bachmann, Haimonsk. (
halem.
,
1530
):
Der keyser [...] well dich niemmer rüewig lăssen, untz daser ŭch all ertödt hatt.
Adomatis u. a., J. Murer. Bab.
1083
(
Zürich
1560
):
drumb ich mit üch von dannen wil | Und uns ein sicher ort ußtraͤtten | da wir fry ruͤwig moͤgend baͤtten.
Ebd. Abs.
997
(
1565
):
Da wirst von gmeinem volck erwelt | zum küng [...] | [...] | Damit du ruͤwig bsitzist das | so dir von Gott verordnet was.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1548
):
haben [...] antzaigen wöllen, daß irethalben gedachter geistlicher stand unausgetriben bei iren guͤtern [...] ruewigclich und unbetriebt wie von alters her bliben weren.
Haszler, Kiechels Reisen (
schwäb.
,
n. 1589
):
Gemelter portto [...] hatt zwey castell, so gögen einander respondiren, das mann rüewüg von einem zum andern schüesen kahn.
Rauwolf. Raiß
30, 23
([
Lauingen
]
1582
):
3 inn 4 klaine Kaͤm̃erlein / die fürnemlich grossen Herren werden auffgehalten / in denen sie abgesoͤndert moͤgen rhuͤwig vnd von andern vnuerhindert außbaden.
Mell u. a., Steir. Taid. (
m/soobd.
,
1638
):
Das jagen im ganzen ambt [...] gehört dem gotshaus zue [...], hat soliches auch in riebiger poßeß lange zeit.
Küther, UB Frauensee
177, 20
;
Wyss, Luz. Ostersp.
9240
;
10069
;
Barack, Zim. Chron. ; ;
4.
›frei von der Notwendigkeit, durch (schwere) Arbeit für den eigenen Lebensunterhalt zu sorgen‹; bezogen auf die Lebensumstände von Personen: ›bequem, behaglich, angenehm; sorgenfrei‹;
zu 6.
Phraseme:
jn. ampts halber ruhig machen
›jn. in den Ruhestand versetzen‹.
Bedeutungsverwandte:
2, , 3, 3, ; vgl. 1, 5, 2.
Gegensätze:
2.

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft.
Sir. 26, 2
(
Wittenb.
1545
):
Ein heuslich Weib ist jrem Manne eine freude / Vnd macht jm ein fein rügig Leben
[
Mentel
1466 /
Eck
1537:
derfullt die jar seins lebens in fride
;
Froschauer
1530 /
Dietenberger
1534:
erfüllt seine Jar in frieden
].
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Köln
1582
):
die sanfftmuͤtigen auff erden | Das land zuͦm erb besitzen werden, | [...] | Sie werden ruͤhig drinnen leben, | Mit lust vnd frewdenzier vmgeben.
Opitz. Poeterey
9, 25
(
Breslau
1624
):
man wisse einen Poeten in offentlichen aͤmptern wenig [...] zue gebrauchen; weil er sich in dieser angenemen thorheit vnd ruhigen wollust so verteuffe.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
Der wunnen die der heilige geist do anrichtet riliche und ruͦwelichen und dem wol bereiten geiste do schencket [...], des bevindens ein einigen troppfen gewar werden [...], der einig troppfe úbertriffet [...] allen den gesmag [...] den alle creaturen geleisten múgent.
Bartsch, Reinfrid (
halem.
, Hs.
14. Jh.
):
mit süezem slâfe sô vertreip | der fürst mit rouweclîcher maht | in der burc die lange naht.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ein Rũwig eerenampt darinn man nit vil zeschaffen hat.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
dann er [grave Gotfridt] hernach mehr, dann zwelf har, rüebigclichen und mit zimlicher gesundthait hat gelept.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1562
):
es ist auch Ir may. ain stüblin gemacht worden, daß sie in der kirchen gantz riewig und warm sitzen kan.
5.
›still, schweigend‹; auch: ›unbewegt und deshalb geräuschlos‹;
zu 7.
Bedeutungsverwandte:
1; 2; vgl. 1, 10, (Adj.) 1, .
Wortbildungen:
ruhigen
3 ›eine negative Bezugsgröße in ihrer Wirkung, Macht eindämmen, einschränken‹.

Belegblock:

Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
ein Fürst [...] wird [...] den gewissens Wurm freylich wohl fuͤhlen / wie ruhig vnd still derselbig sich auch [...] stellen moͤge.
Glatz, Chron. Bickenkl. (
önalem.
,
um 1640
):
Also [...] entet sich [...] das forchtsame wetter. War alles stüll und rüewig.
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
161, 5
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
zuo der früht redenne zwei ding behörent, daz ist, daz ez si daz iungste, unde ouch daz ez rüewige die begirde mit etlicher süezikeit.
6.
phras.:
in ruhigem alter
›hochbetagt‹;
vgl. 3; 4.
Bedeutungsverwandte:
1
5, (Adj.) 9, .

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft.
1. Mose 25, 8
(
Wittenb.
1545
):
[Abraham] nam ab / vnd starb / in einem rügigem
[
Mentel
1466 /
Froschauer
1531 /
Eck
1537:
guͦtem
]
alter / da er allt vnd lebens sat war.