ruhen,
V.
1.
›unbewegt sein‹; ›sicher, fest liegen, stehen‹; ›über einen längeren Zeitraum, auf Dauer in einem bestimmten Zustand bleiben‹ (von sachlichen Bezugsgrößen verschiedener Art gesagt); speziell: ›ungenutzt (liegen) bleiben‹ (z. B. von Ackerland, von Geld, Pfändern); ›unangefochten in js. Besitz bleiben‹ (von Land, Häusern u. Ä.); ütr.: ›über jm. schweben, dräuen, dauerhaft auf jm. lasten, an jm. haften‹ (von negativ bewerteten, teils als Strafe empfundenen Zuständen);
vgl. 1.
Phraseme:
geruhte eier
›Eier, die erst nach mehreren Tagen ausgebrütet werden‹;
die zunge ruhen lassen
›schweigen, nicht sprechen‹;
die feder ruhen lassen
›nicht weiterschreiben‹.
Bedeutungsverwandte:
3; vgl. 1, 2, , , 1.
Syntagmen:
etw
. (Subj., z. B.
das feuer, der unterste stein, das unerbauene erdreich, die pfänder
)
r
. (absolut);
der fus
[wo]
r
.,
das ungewitter auf js. haubt, die lade des bundes in dem haus r
.; Part. Prät.:
das haus geruht bleiben
;
das geruhte land
›unangefochtener Landbesitz‹.

Belegblock:

Ziesemer, Proph. Cranc. Jer.
30, 23
(
preuß.
,
M. 14. Jh.
):
der sturm des herren, der uzdringede zorn, das vallinde ungewittir wirt ruyn
[
Wormser Proph.
1527 /
Froschauer
1531:
wirt [...] sich niederlassen
;
Luther
1545:
wirt den Gottlosen auff den Kopff fallen
]
uf dem houbte der bosin.
Luther, WA (
1527
):
Da aber die taube nicht fand, da yhr fus rugen kund, kam sie widder zu yhm [Noah] ynn den kasten.
Ders., WA Tr. (
1530
/
9
):
Die oberste [Mühl] poltert und stößt, welchs ist das Gesetz, sie ist aber von Gott recht gehängt, daß sie nur zureibe und zutreibe. Der unterste Stein ruget, das ist das Euangelium.
Ders. Hl. Schrifft.
1. Chr. 29, 2
(
Wittenb.
1545
):
Jch hatte mir furgenomen ein Haus zu bawen / da rugen solte die lade des Bunds des HERRN.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
40
(
Nürnb.
1517
):
so ruet warlich das feur [...] nit, sunder fleugt über sich.
Schorer, Sprachposaun
6, 14
(o. O.
1648
):
daß er lieber die Zunge hat ruhen lassen / als dieselbe zu frembder Sprach gewehnet.
Lauterbach, Orhein. Rev. (
nalem.
,
v. 1509
):
Hie witter zuͦ scriben will ich die feder lossen ruͦwen.
2.
›anhalten, nicht weitergehen‹ (von prozesshaften Bezugsgrößen gesagt); im Einzelnen: ›ruhen, (vorübergehend) nicht weitergeführt, bearbeitet werden‹; ›(vorübergehend) nicht im Fokus des Interesses stehen‹ (von rechtlichen Angelegenheiten, Geschäften); ›(aufgrund einer Unterbrechung) liegen bleiben, nicht fortgesetzt werden‹ (von angefangenen Arbeiten, speziell von Berichten, Erzählungen u. Ä.);
vgl. 1; 5.
Phraseme:
das gericht
(Subj.)
ruhen
›das Gericht sich bis zur Urteilsverkündung vertagen‹.
Bedeutungsverwandte:
3; vgl. 11, 3, 6, 18.
Gegensätze:
1; 4; 7, 2.
Syntagmen:
etw
. (Subj., z. B.
der krieg / nuz, die geschichte / historie / notdurft / sache, das leben, die conqueste
)
r
. (absolut).

Belegblock:

Luther, WA (
1519
/
20
):
Dieweil dan menschlich wesen unnd natur kein augenblick mag sein on thun odder lassen, leiden odder flihen (dan das leben ruget nymmer [...]).
Chron. Mainz (
rhfrk.
,
15. Jh.
):
uns vol weßelichen ist, daz etliche menche conqueste weder uns gehalten sint, die iezunt rugent.
Strauss, A. v. Villanova dt.
115, 1
(
obd.
, Hs.
1421
):
Hye mues ich den kryeg
[›den Bericht von einer Auseinandersetzung‹]
aber ruen lassen und ain ander hystorien undermischen.
Baumann, Bauernkr. Rotenb. (
nobd.
,
n. 1525
):
es ward damals nichtz anderst beschlossen, dann das man die sach lenger ruwen lassen sollt, biß verrer botschaft von den gesandten keme.
Köbler, Ref. Nürnberg
10, 7
(
Nürnb.
1484
):
das sich ditz gericht verrer zuprocediern nit vnderstett. sonnder rwet.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs. ˹
Basel
,
um 1440
˺):
was unser reht untzhar gestrafft het, das wurt ruwen.
Wyss, Luz. Ostersp.
3, 48, 61
(
Luzern
1616
):
By dem wird mans [die History] ruͦwen lan | vnd morgens wider fahen an.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
er [burgermaister] were ze vil [...] mit [...] ampten beswärt [...], also daz er sein und seiner kind nucz und notdurft hett müßen [...] ruwen laußen.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
Nu will ich ain zeit ruen lassen die geschicht und tat Theodonis und wil beschreiben die getat Otilonis.
Auch lasz ich ietz ruewen den fürsten Thasilo, wann bei dem kaiser Karl wird ich mer von seinen getaten sagen.
Löffler, Columella/Österreicher ;
Rot
337
;
3.
›nicht handeln, untätig sein‹; ›innehalten, pausieren‹; speziell: ›schweigen‹; inchoativ: ›von einer Tätigkeit, Aktivität ablassen, mit etw. aufhören, etw. lassen‹ (von Personen sowie personal gedachten Handlungsträgern gesagt);
vgl. 1.
Phraseme:
weder tag noch nacht ruhen
›ohne Unterlass mit e. S. beschäftigt sein‹.
Bedeutungsverwandte:
2, 2, (V.) 1; 3, , (V., unr. abl.) 6, 1; vgl. 2.
Gegensätze:
.

Belegblock:

Luther, WA (
1522
):
Aber widderumb lest mich nit rugen noch schweygenn das iemerlich, erbermlich verterben der elenden seelen.
Ein solch Herz, in dem der Glaube also zunimet und mit solchen Tugenden begnadet ist, kan nicht rugen noch sich enthalten, sondern mus sich widerumb ausgiessen und seinem Nehsten wol thun.
weil ich sehe, das diesen heupt artickel der teufel jmer mus lestern [...] und nicht rugen [...] kan, So sage ich [...] das diesen artickel [...] sol lassen stehen und bleiben Der Roͤmische Keiser.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
118, 32
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Gerhart von Ronßlon vnd sin gesellen die rueten da wol dry wochen.
Böhme, Morg.R.
17, 1
(Hs. ˹
schles.
,
1612
˺):
haben wir nicht ruhen koͤnnen / es dahin zu bearbeiten / das vors erst dessen erstes Buch [...] in oͤffentlichen druck [...] gelangete.
M. Cunitia. Ur. Prop. (
Öls
1650
):
Weil aber der von Gott eingeblasene Geist [...] nicht ruhen kan; sondern ie weiter und hoͤher steigt / ie mehr sie [...] zu wircken [...] begehret.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Nun so wöll wir nicht Keiser bleibn, | Auch ruhen weder Tag noch Nacht, | Bis wirs in vnsern Gwalt gebracht.
Lauterbach, Orhein. Rev. (
nalem.
,
v. 1509
):
Ich muͦß ruͦwen mit der federn, die glichnus vnser fursten dar zuͦ thuͦn.
Rot
337
(
Augsb.
1571
):
Pausirn, Ruhen / aufhoͤren / stillhalten / die fürgeschriben zal im Gsang zelen [...].
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
wenn diu muoter der gepurt genesen ist, sô ruot si driu jâr alsô daz si niht gepirt.
Vgl. ferner s. v. 1.
4.
›von einer als mühsam, anstrengend, beanspruchend empfundenen Tätigkeit ausruhen‹ (von Personen, speziell: von Gott, gelegentlich von Tieren gesagt); auch: ›rasten, eine Pause machen‹; speziell: ›schlafen‹; ›dösen, ein Nickerchen machen‹ (in 1 Beleg als Gegensatz zu ); refl.: ›sich (an einem dafür geeigneten Ort) ausruhen, erholen‹;
vgl. 1; 6.
Gegensätze:
6, (V.) 1; 3, .
Syntagmen:
j. r
. (absolut);
j
. [wann, wie lange, wovon] (z. B.
(des) nachts, eine weile, eine kleine zeit, entzwischen morgen, nach der arbeit, von aller arbeit, von allen werken
)
r
.,
got
(Subj.)
des sontags, am siebenten tag r
.,
j
. [wo] (z. B.
heim, an einem ort, auf dem bette / feld, bei dem baum, in dem bette / her, in einem pflaumenbet, in js. schos, im schrein des herzens r
.),
die bienen
(Subj.)
in bäumen, katzen in den mänteln der weiber r
.;
j. sich r
.; part Adj.:
das geruhte pferd
.

Belegblock:

Luther, WA (
1521
/
2
):
was solt ein truncken bold, wen er nicht fluchen, maledeyen und auffs unvornunfftigest wuten und toben kund, wen ander leut rugen und schlaffen sollen?
Ebd. (
1535
):
mein hertzliebes Jhesulin | Mach dir ein rein sanfft bettelin, | zu rugen jnn meins hertzen schrein.
Ders. Hl. Schrifft.
1. Mose 2, 2
(
Wittenb.
1545
):
vnd [Gott] rugete
[
Mentel
1466 /
Froschauer
1531 /
Eck
1537:
ruͦwet
;
Dietenberger
1534:
ruͦet
]
am siebenden tage / von allen seinen Wercken die er machet.
Ebd.
Mt. 26, 45
:
Da kam er zu seinen Jüngern / vnd sprach zu jnen / Ah wolt jr nu schlaffen vnd rugen? Sihe die stund ist hie / das des menschen Son in der Sünder hende vberantwortet wird.
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
227r, 19
(
md.
/
oobd.
,
1446
/
8
):
der sich
[der Kranke]
sol ruenn von / aller erbet. so wirt er vber habenn alles / wetates
[sic!]
und allenn sweren.
Buch Weinsb. (
rib.
,
um 1560
):
des nachtz leis ich Wilhem van dan ins haus Weinsberch gain, etwas rauwen.
Frantzen u. a., Kölner Schwankb. (
Köln
um 1490
):
Ic byn nu mode, men late uns wat rauwen.
Feudel, Evangelistar
56, 20
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
slafet nu unde ruet. wen iz ist gut.
Welti, Pilgerf. v. Walth.
59, 4
(
omd.
,
n. 1474
):
die obirsten baten mich, [...] zcu blibene vnd mich [...] zcu rugene.
Thiele, Chron. Stolle (
thür.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
so quam der grafe [...] in dy stad [...] mit czwen hundert gerugeten mannen.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
27, 18
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
wen si kumen czu der ricke eyne, so lozen si di muͤdin pfert sten unde nemen geruwete
(›ausgeruhte‹).
Sermon Thauleri
13ra, 24
(
Leipzig
1498
):
das stro ist vmb des kornes willen vñ nicht mer mã wolle dan ein bette darauß machen do du auff rugest.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1444
):
auch gute ordnung der haubtleut in dem her und 4 vierteil gemacht, daz altag der halbteil ruwet in dem her und der ander speis und holcz pracht.
Gille u. a., M. Beheim
28, 7
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Er saczet sich ruen mit seinem chram | und plaib so lang pis er pegund entnaffen.
Bell, G. Hager
104, 1, 12
(
nobd.
,
1590
):
Ruth beÿ dem paum, | Bis ich mit raum | Bring Brod.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
an dem sybenden tage ruͦgete got und horte uf von allen werken.
Morrall, Mandev. Reiseb.
97, 3
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
daz er als muͤd ward daz er núntz me mocht, und ruͤwet und entschlieff.
Chron. Augsb. (
schwäb.
,
1523
/
7
):
han [...] geessen gar ain wenig, han mich darnach nider gelegt, aber ich hab nit geschlaffen, ich han geruͦwet; da bin ich auffgestanden [...].
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Si
[eine Kranke]
hat gar wenig slaffen oder ruben mögen.
Brandstetter, Wigoleis
223, 14
(
Augsb.
1493
):
Nach dem legten sy in
[einen Verwundeten]
an ein fast kostlich beth vnd liessendt jn ein weil ruoen.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Besser die Kinder arbeiten / vnnd die Elteren ruhen / dann das die Elteren arbeiten / vnnd lassen die Kinder faulentzen.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
630
(
oobd.
,
1607
/
11
):
ist ein schöne landtschafft, wie unser fraw mit dem kindl IHS und Joseph uff dem feld rhuen.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
Also striten sy paid [...] mit stainen [...]. Do gerte der ris, das sy rueten enzwischen morgen.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
87, 1
(
tir.
,
1464
):
der pös geist [...] erzaiget sich ainer ëdlen frauen, als die ruet in irem pëtt.
Große, Schwabensp. ;
Peil, Rollenhagen. Froschm.
64, 656
;
122, 2443
;
Karnein, Salm. u. Morolf
190, 4
;
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
148, 15
;
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. ;
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mk. ; ;
Trunz, Meyfart. Tub. Nov.
49, 13
;
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
434, 3
;
509, 6
;
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 8, 20
;
Goedeke, Fischart. Mucken
139
;
Vgl. ferner s. v.
1
1, 8.
5.
›über einen längeren Zeitraum unbehelligt, unangefochten von einer als negativ empfundenen Bezugsgröße sein, bleiben‹ (von Personen und Personenverbänden, z. B. von
ländern
, gesagt); im Einzelnen: ›vor Belästigungen, gewaltsamen, kriegerischen Übergriffen geschützt sein‹; ›vor Strafverfolgung sicher sein‹; ›innerlich ruhig werden, zur Ruhe kommen‹; in religiösen Kontexten: ›von Sorgen, Zweifeln, Gewissensnöten u. dgl. frei werden, unangefochten sein, bleiben‹; ›durch die Gnade Gottes im Glauben frei werden‹ (von Personen bzw. von ihren seelischen, psychischen Repräsentationen, z. B. von
herz, sele, gewissen
, gesagt); negativ konnotiert nur in verneinten Aussagen: ›gleichgültig, unempfänglich für etw. (z. B. für die Sorgen anderer) sein, bleiben‹;
vgl. 4.
Phraseme:
jn. geruhet lassen
›jn. in Ruhe lassen‹.
Bedeutungsverwandte:
1; 3.
Syntagmen:
j. r
. (absolut),
etw
. (Subj., z. B.
das gewissen / herz / land, die lust der augen
)
r
. (absolut);
die liebe
(Subj.)
im liebgehabten, das belangen zu den fleischlichen werken
(Subj.)
in jm., das herz
(Subj.)
in der götlichen gnade, auf die zusagung gottes hin r
.

Belegblock:

da wurden wyr loß vom gesetz, das es nymmer foddert, nymmer straffet, das gewissen rugen lessit.
Ebd.
33, 430b
, 15 (
1530
/
2
):
wenn wils ein ende haben und dein hertze rugen und sicher sein der Goͤttlichen gnaden?
Ders. Hl. Schrifft.
Est. 2, 28
(
Wittenb.
1545
):
der König machte ein gros Mal allen seinen Fürsten vnd Knechten / das war ein Mal vmb Esthers willen. Vnd lies die Lender rugen
[
Mentel
1466 /
Eck
1537:
er gab ruͦw
].
Karnein, Salm. u. Morolf
195, 2
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
lant ruwen den ellenden man. | ich han an sinem libe uß erkorn | [...] | er ist von hoher art geborn.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
16, 34
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
Wann die lieb rüet nicht, dann in dem liebgehabten.
Barack, Teufels Netz (
Bodenseegeb.
,
1. H. 15. Jh.
):
lotter und buoben | Die lan ich nit ruowen.
Gilman, Agricola. Sprichw.
2, 255, 14
([
Augsb.
]
1548
):
[die]
das flaisch waͤre zuͦletst zufriden / mit ainer zimlichen haußnarung / aber lust der augen rhuͦwet nit.
Niewöhner, Teichner
359, 89
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
yegleich weib dew hochvart twingt, | wa die siecht ein newn funt, | so vergicht si saczestund: | ,mein man chauft mir ot nymer nicht | als man ander vrawn sicht‘ | und leit in nimmer ein weill geruet.
v. Keller, Ayrer. Dramen ;
Dienes, E. Gros. Witwenb.
6, 15
;
Adomatis u. a., J. Murer. Abs.
112
;
6.
›an einem Bezugsort, in einer (räumlich gedachten) abstrakten Bezugsgröße, bei einer Bezugsperson bleiben, über einen längeren Zeitraum verweilen‹ (von Personen, ihren psychischen Repräsentationen sowie von metaphysischen Instanzen gesagt); auch: ›in Ruhe, Ungestörtheit, Abgeschiedenheit an einem Ort sein, leben‹; gelegentlich mit der Tendenz zum Ausdruck einer immanenten Spannung: ›an einem Ort verharren, auf etw. warten‹; ütr.: ›in innerer Betrachtung, andächtig, mit Wohlgefallen bei etw. verweilen, sich in etw. versenken‹;
vgl. 3; 5; 6.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 1, 1, ; vgl. 1, 2, (V., unr. abl.) 3, 3, (V.) 2,
2
1, 4, 2,
2
1.
Gegensätze:
vgl. I, 4.
Syntagmen:
j
. [wo] (z. B.
j. auf dem herzen des herren, Johannes auf der brust des herren, der heilige geist auf dem stam Jesse, wir hier im paradies, der geist im land gegen mitternacht, j. im übernuz der unsprechlichen weisheit, die sele in got, got in der sele, die bürger / ritter in der stat
)
r
.,
got an seinen werken
›in Betrachtung seiner Schöpfung‹,
j. in den wunden des herren
›in Betrachtung des Leidens Christi‹
r
.; part. Adj.:
die sele
(Subj.)
ein ruhender umlauf sein
.

Belegblock:

Luther, WA (
1520
/
1
):
Es wirt eyn rutte auszgahn von dem stam Jesse und auff wachssen ein blume von seiner wurtzlen, auff wilcher wirt rugen der heylig geist.
Ebd. (
1545
):
Wir aber sitzen und rugen hie, wie wol wir viel wuͤsten umb uns haben, fein sicher und froͤlich jm Paradis.
Ders. Hl. Schrifft.
Sach. 6, 8
(
Wittenb.
1545
):
die gegen mitternacht ziehen / machen meinen Geist rugen
[
Wormser Proph.
1527:
werdẽ meinen willen [...] hinder jnen lassẽ
;
Froschauer
1531:
werdend meinen zorn [...] stillen
]
im Lande gegen mitternacht.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Als vil diu sêle ruowet in gote, als vil ruowet got in ir.
Ders., Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Der fünfte grât ist, sô er lebet allenthalben sîn selbes in vride, stille ruowende in rîcheit und in übernutze der obersten unsprechelîcher wîsheit.
Jostes, Eckhart
57, 6
(
14. Jh.
):
Di sel ist ein [...] ruender umlauf in der suzzigkeit dez heiligen geist.
Mone, Adt. Schausp. (Hs. ˹
omd.
,
1391
˺):
du
e
[Johannes] hast vordinet mit gelust, | daz du
e
uff der sußen brust | unsers hirren rugetes lyze | mit gnaden und ouch mit wyse.
Strauch, Par. anime int.
4, 19
(
thür.
,
14. Jh.
):
hi lerit brudir Johan Franke [...] wi Got ruwite an sinen werkin du he si geschuf.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1488
):
dorumb besetzt er
[Kaiser Augustus]
die stat mit bürgern und rittern, die nun vor alter nit zu feld mochten zihen, und freiet sie, daß sie da ir alte tag ruweten.
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
2, 42
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
das im yczund nicht allein leicht [...] sey, sich gancz [...] von allen andern dingen abczihen, sunder das im auch lußtlich sey, in im zu pleiben und czu ruen stetiglich in den wunden des herren [...] und sein gotheit beschawen.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
wilt du ruͦwen uff dem minnenclichen hertzen unsers herren [...], so muͦst du gezogen werden in daz minnencliche bilde unsers herren.
Ebd. (
1359
):
enzúch dich von der manigvaltikeit uswendiger werke [....] und sitze und ruͦwe und hebe dich selber úber dich selber.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
130
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Uff dem selben tugenthafft | Wirt ruͤwen die sibenvaltig Gotz krafft.
Morrall, Mandev. Reiseb.
178, 13
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
Do kam ich haim und muͦst ruͦwen úber min gedenck.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
si [turteltaub] macht gar auz ain wênig ästlein ain nest, dar inn inn si ruowet und ir air auzprüett.
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
7, 19
(
noobd.
,
1347
/
50
):
der feurein himel [...] der hat kainen lauf, sunder got ruͦt mit seinen lieben darinne.
Niewöhner, Teichner
352, 92
(
moobd.
,
1360
/
70
):
liezzem sew die visch geruett | und beliben pey der hub.
Bauer, Imitatio Haller
44, 21
(
tir.
,
1466
):
Warumb sihestu hie an die czergenkchleichen ding vnd waist wol, das die stat nicht dein ist, da du ruen vnd rasten mügest.
Hübner, Buch Daniel ;
Palm, Veter Buoch ; ;
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
650, 12
;
Kurrelmeyer, Dt. Bibel .
7.
›tot liegen‹; ›nach dem Tod wo begraben sein‹; ütr.: ›nach der Mühsal des irdischen Lebens ausruhen, zur Ruhe kommen‹;
vgl. 2; 8.
Phraseme:
[wo]
zu ruhen begeren
›an einem bestimmten Ort begraben sein wollen‹.
Bedeutungsverwandte:
1
2, 3.

Belegblock:

Luther, WA (
1527
):
mein fleisch wird rugen ynn hoffnunge.
Ebd. (
1527
):
Das ist der heiligen veter trost gewesen, darauff sie gestorben sind, das sie ytzt liegen und rugen ynn Gottes schos
(auch zu 8 stellbar).
Ebd. (
1533
/
4
):
unser sarg ist unser faulbet, in quo werden rugen, donec Christus nos excitaverit sua voce.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
180, 4165
(
Magdeb.
1608
):
Jch hett auch niemals koͤnnen wissen / | Das mein Vater sich des gefliessen / | Der vorlangst ruhet in der Erd.
Welti, Pilgerf. v. Walth.
22, 10
(
omd.
,
n. 1474
):
der ritter [...] brachte [...] den hochwerdigen lichnam [...] vff die stad, do her icczünt in grossen eren rastet vnd ruget.
v. Tscharner, Md. Marco Polo
71, 6
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
In der provincie predigite sente Thomas [...] war her do gemartirt unde gap uf syn lebin und ruwit und rastit do selbis.
Lappenberg, Murner Ulensp. (
Straßb.
1519
):
Ir sint vil, die das [...] gehört haben von den pösen geisten [...] an der stat, da den ruet der heilig leichennamen Jeronimi.
da si an dem margigen tag alle zu einander süllen chömen [...] zu der chrippen des herren, da mein leichennam rüen ist.
Plant u. a., Main. Naturl.
296ra, 4
(
ohalem.
, Hs.
E. 14. Jh.
):
vn̄ [Christus] ruͦwete och in dem grabe dez selbin tages nach der marter.
8.
›im Jenseits bei Gott, in einem immerwährenden Zustand der Seligkeit, des Friedens sein‹;
zu 8.
Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
vgl. (V.) 6.

Belegblock:

Luther, WA (
1525
):
allen, so ynn Christo rugen, bitten wyr, Herr, woltestu eyne stete der erquickung, des liechts und frids verleyhen.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Köln
1619
):
Sie
[die
außerwelten Gottes
]
leuchtten als der sonnen schein, | [...] | Ein end hat ihr muͤh vnd arbeyt, | Vnd rugen in hoͤchster freyheit.
Langen, Myst. Leben
176, 7
(
nobd.
,
1463
):
Her, verleich mir, daz / ich rue mit dir in dem frid.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 13, 27
(
Hagenau
1534
):
Der da wonet undter dem schirm Gottes / der wirt im schirm des hochsten sanfft rwen.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
19, 16
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
Das ist der genaden stuel, | [...] | in dem [...] ruet der man, | der sein her beschermen kan
(auch als ›thronen‹ zu lesen).
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
227
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
Darumb sind allew creatur von der ymmerwerunden ewichait pildleich ee in im gewesen [...] vnd ruen auch in im als in dem ende.
Ebd.
297
:
Rẅen schol christenleiche sele in got.
Bauer, Imitatio Haller
86, 25
(
tir.
,
1466
):
von dem selbigen vrsprung alle ding sint entspringen vnd aus gen, da die heiligen gottes ruen sint an alles ent.
9.
›auf etw. beruhen, auf etw. zurückzuführen sein‹ (von Sachverhalten); ›auf etw. bauen, vertrauen, sich auf etw. verlassen‹ (von Personen).
Bedeutungsverwandte:
vgl. 4, 5.

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
Gott gebe, das wir ynn unsern anfechtungen auch also bestendig auff Gottes wortten rugen und uns nicht davon lassen reissen.
Ebd.
33, 279a
, 12 (
1530
/
2
):
Es gehet meiner vernunfft nicht ein, das meiner Seelen heil undt Seligckeit dorauff rugen sol, das das fleisch Christi ist gecreutziget.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
252, 5
(
Nürnb.
1548
):
alles was man vns von Gott kan troͤsten / ruhet allein auff der verheyssunge / von des weybes samen.
10.
trans.: ›etw. ausruhen lassen‹; speziell: ›den eigenen Körper (bzw. seine Glieder) entspannen‹; ›den Geist, die Gedanken zur Ruhe bringen‹; ütr.: ›eine Situation beruhigen, ein Land befrieden‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 22, 2, 5, 3.

Belegblock:

Toeppen, Ständetage Preußen
2, 480, 19
(
preuß.
,
1442
):
die stete [...] haben geantwert, sie weren des homeisters geholdigeten manne, und her hette nw eyn geruget landt.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
Ganck hen, Maria reyn, | und ruwe dyn beyn!
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
Die Podagra legt sich da nider, | Zu ruhen jre schwachen glieder.
Welti, Pilgerf. v. Walth.
59, 4
(
omd.
,
n. 1474
):
die obirsten baten mich, [...] zcu blibene vnd [...] myne pferde zcu rugene.
Bobertag, Schwänke (
Straßb.
1522
):
vil schimpfflicher, kurtzweiliger [...] exempel darin [buͦch] sein, damit die geistlichen kinder in den beschloßnen klöstern etwa zuͦ lesen haben, darin sie [...] iren geist mögen erlüstigen vnd ruͦwen.