storzen
(Letzteres seltener),
V.
– Im Bedeutungsfeld dieses nähesprachlichen Verbs verbinden sich semantische Merkmale verschiedener Art: ‚Gerichtetheit‘ (meist von oben nach unten, deutlich seltener aber auch umgekehrt sowie horizontal), ‚kurze zeitliche Dauer und Abruptheit‘, auch ‚Wendung, Umwendung e. S‘. Die Überlagerung dieser Momente kann in sehr unterschiedlicher Weise interpretiert und gewichtet werden; vgl. dazu auch
–717 mit dem Versuch, die motivationellen Bezugsmöglichkeiten der Bedeutungsansätze aufeinander zu ordnen. Im Folgenden wird wie folgt gegliedert: Ansätze 1; 2; 3 auf die Fallbewegung (in die Senkrechte) bezogen (dies auch im uneigentlichen Sinne); 4–6 speziell durch die Handlung des Ausgießens geprägt (damit an
1;
2;
3 anschließbar); 7 auf Wendetätigkeiten bezogen; 8 und 9 haben deutlich den Charakter von Restbelegen.
1.
›stürzen; abstürzen; von wo (einer höheren Stelle) herabfallen, herunterstürzen‹ (von Personen und Sachen gesagt); auch: ›ausrutschen‹; vereinzelt mit Umkehr der Richtung, dann: ›aufspritzen, herausspritzen‹ (vom Blut); auch ütr. oder bildlich: ›fallen, untergehen, scheitern‹ (Letzteres von Personen in religiösem Zusammenhang).
Phraseme:
den hals stürzen
›den Hals brechen‹.
Bedeutungsverwandte:
,
,
,
(dies phonästhetisch stimmig zu
stürzen
; absolut),
1;
2,
,
.
Syntagmen
(intrans.):
j. s
. (absolut),
miteinander s
.;
j. ab der bank, auf den kopf, in der kapelle, in den se hinab, vom pferde herunter, zu boden s., das blut hoch empor s
.; refl.:
sich von einem felsen s
.; im Part. Perf.:
vom glük gestürzt sein
.
Belegblock:
Cadere. Stuͤrtzen fallen ¶ vmbdoͤrmeln vmbtrummelen.
Ziesemer, Gr. Ämterb.
683, 10
(
preuß.
,
1384
):
an harnasch: 3 sturczehelme, item 46 isenhute.
so lang bis sie den hals druͤber stuͤrtzen.
las sie an lauffen und sich stossen, das sie stortzen und portzeln.
ßo last uns myt eynander storczen. last sehen, was draus werden.
Bruder Franciscus [...] sties sein kopff aus grosser andacht wider die Felsen / vnd stuͦrtzt sich von eim Felsen auff den andern.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
673, 5227
(
Magdeb.
1608
):
Das Blut auch stuͤrtzet hoch empor / | Als wenn am Brunn zerreist ein Rohr.
die sy zo vrunde wainden hauen | dreuen sy aichterwert in eynen grauen, | do sy sus dar neder sturten.
Straucheln. Fallen / stürtzen / glitschen.
Gajek, Seidelius. Tych.
13, 17
(
Breslau
1613
):
Vom Gluͤck wie sie gestuͤrtzet sind / | Gleich als von eim starcken Sturmwind.
Baumann, Bauernkr. Rotenb.
(
nobd.
,
n. 1525
):
Georg Bermeter war im hinausreyten [...] vom pferd uff den kopf herabgefallen und gestorzt.
Wiessner, Wittenw. Ring
2608
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Do was er worden also chranch, | Daz er stortzet ab der banch.
Er (stuͤrtzte) von Pferdt hervnder.
sie [glocke] was vor füntzig jaren in der kapell gestortzt.
ders., Marienb. Ämterb.
2, 14
;
Peil, a. a. O.
69, 803
;
519, 391
.
2.
›jn. (Personen, auch Gruppen) / etw. (konkret gedachte Sachen) von einer höheren Stelle herunter-, hinunterwerfen, -stürzen‹; ›(einen Baum) schütteln, mit kurzen Stößen hin und her bewegen‹ (in einem obszönen Bild); ütr. auch: ›sich in Gefahr, in eine schwierige Situation begeben‹.
Phraseme:
in
(refl.: ›sich‹)
selbs den hals stützen
›sich den Hals brechen‹.
Syntagmen
(trans.):
jn
. (z. B.
einen gast
)
abhin, darnieder, aus dem fensterloch, in einen wag
›Woge‹
s., den vortrab, die spiesse s., einen baum s
. wohl ›schütteln‹,
die brücke eine maus unter sich stürzen
; refl.:
j. sich in gefar, ins pech s
.
Belegblock:
[die] gaffen gen himel zuklettern und nach Gott tappen, bis sie daruber jn selbs den hals sturtzen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
105, 1956
(
Magdeb.
1608
):
[Der gast] schmeichelt dem Koch / | Der stuͤrzt jhn aus dem fensterloch.
So sinckt die bruͤck verraͤterlich / | Stuͤrzet das Meußlein vnter sich / | Jns Wasser.
Bissen die Zeen / stuͤrzten die Spieß / | Ein jeder sich beduͤncken ließ / | Er wolt die Froͤsch allein erschlagen.
die gewesen sind so frech / | Sich selbst recht gestuͤrtzet ins Pech.
DJeweil also der Meuß vortrab / | Jn den See wird gestuͤrtztet ab.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
(
Frankf./M.
1649
):
du aber vergreiffest dich in deme / daß du [...] sie in Gefahr stuͤrtzest.
Der dritten schut man ab die ageln, | Das ir die pein gen perg auf gageln | Als ob sie wolt ein paume sturzen.
Sappler, H. Kaufringer
14, 358
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
die fraw was cluog und weise | und begraif in bei den füessen sein | und sturzt in in den waug hinein.
3.
›(eine hochgestellte Person) stürzen, zu Fall bringen (auch moralisch), zu Boden schlagen, niederschlagen, entmachten; sich selbst in Probleme, Schwierigkeiten bringen; (eine abstrakt gedachte Bezugsgröße personaler oder sachlicher Art, darunter ein Herrschaftsgebilde, eine Wert- oder Unwertgröße) beseitigen, zunichtemachen, vernichten‹; oft von Gott als Handelndem und einer personalen oder sachlichen Bezugsgröße als betroffener gesagt, damit meist mit moraltheologisch affirmativer Wertung verbunden; im Einzelnen auch: ›(sein Leben) hinwerfen, opfern‹; insgesamt als ütr. sowie bildlich zu
2 auffassbar.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):
1,
1
4,
4,
1,
,
,
,
.
Syntagmen:
der son (gottes) eine argumentation s., got hohe augen, ein reich, einen frommen man, die feinde / leutfresser / selenmörder, die mächtigen / starken / wiederwärtigen, Sodom / Gomorra, das starke s
. (z. B.
hernieder, zu boden / grunde, vom höchsten auf das unterste
),
die götter die pracht, das wolleben, den reichtum s. (können), j. Jupitern, jn. von seinem state, seiner wirdigkeit s., die Türken Jesum Christum s. wollen, der könig die Türken unter ein joch s., j. das babsttum
(z. B.
manlich / ritterlich
),
die lügen, den handel / hunger, eine klage s., sein leben s. (für seine freunde), der wein jn. s
.; refl.:
sich in händel, in js. (Mariae) gnade s
.
Wortbildungen
(hierher?): (subst.) ›Verunreinigung, Beschmutzung‹.
Belegblock:
Nicht der nur, der sein Leben | für seine Freunde stürzt, ist rühmlich zu erheben.
das sie got sturtz an leib und sel. Ira dei venit super eos.
Wann ain armer guͦt krieget und ere, so kan man sich seiner nicht erweren, er richtet unglück und hader an, und stürtzet manchen fromen man.
Die Jhesum Christum deinen Son | Wolten stuͤrtzen von deinem Thron.
Ders. Hl. Schrifft.
2. Mose 15, 7
(
Wittenb.
1545
):
mit deiner grossen Herrligkeit hastu deine Widerwertigen gestürtzet
entsetzt
; nd. Bibel um 1478:
aff ghesat
abgesetzt
zerstossen
].
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch
(
rhfrk.
,
um 1405
):
Und dun yn [mantel] an wann ich Got wil bijden sere, | Und slagen yn umb wann ich [Glisseneri] foͤrten | Das ich von yemands werde gestorten | Odir verstossen von myme stade und wirdikeit.
Lemmer, Amman/Sachs. Ständeb.
8, 8
(
Frankf./M.
1568
):
Die [Tuͤrckn] stuͤrtzt er vnter diß Roͤmisch joch / | Wie Romulus der Koͤnig hoch.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim.
(
Frankf./M.
1649
):
damit man sich nich etwan durch Leichtsinnigkeit in haͤndel stúrtzet.
Hübner, Buch Daniel
(
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Glich bluete sproz er [Gotis sun] her vor | Zwigende uz der wurtzeln | Jesse an allez sturtzeln.
Da wir assen von krawt und wurtzen, | Darmit wir thetn den hunger sturtzen.
Bell, G. Hager
191, 2, 4
(
nobd.
,
1597
):
auch So stürczet gott | zu grund Sodoma vnd gamora.
Franck, Decl.
352, 12
(
Nürnb.
1531
):
dem die boßheit Sodome nit abgewan noch verruͤcken mocht von seiner gerechtigkeit / den stuͤrtzet der wein.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 16, 12
(
Hagenau
1534
):
Gott hat das schwach ist erwelet / auff das er sturtze das starck.
Ebd. 2, 257, 2
([
Augsb.
]
1548
):
die [reiche] du setzst aufs schlipferige / und stürtzest sy zuͦ bodem / wie werden sy so ploͤtzlich zuͦ nicht.
Die klag Stürtzen / Verwerffen vnd krafftloß machen.
Hohe augen stuͤrtzet Gott.
Bart stutzen / kleider kuͤrtzen / thet die Ammoniter ins verderben stuͤrtzen.
und [Gott] störzt alle Seelenmörder, welche [...] deine erlöste Schäflein Nacht und Tag zu ermorden trachten.
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
15, 71
;
‒
Vgl. ferner s. v.
2,
2.
5.
›(Erzgestein) auskarren, ausschütten, wo aufschütten‹; mit diesem Ansatz (mit Bezug auf ein festes Schüttgut) als Spezialisierung an
4 anschließbar; damit teils (und nicht immer erkennbar verbunden): ›etwas in Form von Erzmaterialen bezahlen, ein Förderungsrecht, eine Fronverpflichtung abgelten‹.
Gehäuft omd.; seit dem 16. Jh.; meist bergbaubezügliche Texte.
Wortbildungen:
›Schubkarre, deren Ladung vornüber ausgekippt wird‹ (zum Gw vgl.
1; dazu bdv.: vgl.
3,
,
).
Belegblock:
Des hab ich [...] dem fleischeuer zu s. Catharinen das abgeworpen stroe gelaissen vor 4 sturtzkarn koemist vor den wingart zu liebern.
Löscher, Erzgeb. Bergr.
98, 26
(
omd.
,
um 1559
):
so sol der berckmeister amptshalben das ercz, so man im haderfelt hauen wirt, zu sturczen und zu sondern bevehlen.
Welche zeche, [...] ihren berck [...] sonderlich gesturczt [...] haben, dieselben sollen [...].
Der berck aber, so durcheinander und in die gemeine hallen gesturczt, bleibet und stehet dem zue, des der schacht ader stollen ist.
Weizsäcker, Graupn. Bergb.
107, 15
(
osächs.
,
1541
):
das die stollnern mitt iren storzen unvorhindert sein sollen.
doch das solche zwitter allein gesturzt und fur den molen aufbereit werden.
Zum dritten sollen [...] gewerkhen denen von der Grossen Klufft zu aller bergkost, [...], den vierden pfennig, domitt si hinforder das neunde zu storzen gefreihet, wochentlich zu geben vorpflicht sein.
Wu die gewarken von der andren mossen wurden zwitt(er) derbauen in der nesten mossen, so sollen sie se den g(e)warken storzen.
Wutke, Schles. Bergb., Cod. Sil.
(
schles.
,
1520
):
das uns Hans Dippoldt alleczeidt die zehenndte huell eisenstein, [...], sturzen sol.
wollen dieselben bergwercken, [...] von allem erzt, so sie der ort gewinnen, den siebenden teil sturtzen und an allen widerred geben.
wegen bergwerksgerechtigkeit sei solches etwas unlauter und vermaine, weil die berggenossen dem von Jägerndorf das zehende kübel gestürzt und den frohn geben, [...], so [...].
6.
›sein Sein, seine Gnadengaben ausgießen, in die Dreieinigkeit, in die
creaturen
, in den Menschen, in js.
sele
eingießen, einströmen und diese Gegebenheiten damit ihrer Unterschiedenheit
entwachsen
und zu einem
ein
werden lassen‹; als Spezialisierung (mit zusätzlicher Ütr. auf eine Glaubensgröße) an
4 anschließbar.
Texte der Mystik des 14. Jhs.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
5,
2.
Belegblock:
Quint, Eckharts Pred.
(
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
daz alle grasspier sô unglîch sint, daz kumet von der übervlüzzicheit gotes güete, die er [got] stürzet übervlüzziclîche in alle crêatûren, daz sîn hêrschaft deste mê geoffenbâret werde.
alles, das die natur geleisten mag, das sch(l)üsset sy darzuͦ, daz stürtzet in die vatterschafft, das sy ein sey vnd ein sun sey vnd entwachse allem dem andern.
Vetter, Pred. Taulers
(
els.
,
1359
):
Wiltu ane alle underlos enphengklich sin alles des so Got geben und wúrken mag [...] und zemole in dich stúrze alle sine goben.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 424
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
daz wir vf denkeinem smacke rastent, den got in vnser sele sturtzen mag, wie gros er si, daz wir vnser selbes sint, svnder alsus wider in keren.
7.
›etw. wenden, umkehren‹; nur für
2 belegt, wohl: ›(Getreide) umwenden‹ (um es zu trocknen); als Spezialisierung (dichter belegt): ›(nach dem Getreideschnitt einen Acker zur Aufbesserung des Bodens) aufbrechen, (die Stoppeln mit geringer Tiefe) umpflügen‹; auch: ›(Pflanzenbeete) durch Ziehen von Furchen leicht erhöhen‹.
Rechts- und Wirtschaftstexte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld):
1
1,
4,
,
,
2,
,
(V.)
2,
4,
.
Syntagmen:
den acker, bete (gegen einander), korn s
.
Wortbildungen:
›Pflugschar‹ (unter dem Aspekt, dass sie die aufgeworfenne Ackererde umwendet; Gw zu
,
das
,
3),
›Wendehaken, mittels dessen der Förderkorb in den Schacht zurückgeführt wird‹ (s. den Beleg
; Gw zu
hake
1),
›flache Schaufel zum Wenden des Getreides auf der Darre‹,
Schadensreduktion, die bei Zinssäumnis vorgeschrieben ist (dazu bdv.:
1).
Belegblock:
Helbig, Qu. Wirtsch.
2, 149, 7
(
md.
,
1444
[Abschr.
1533
]):
Ein schogk vorzinte blech 6 d – schogk sturtzeißen 6 d.
Mosler, UB Abtei Altenb.
2, 240, 33
(
rib.
,
1494
):
seess gueder starcker pert, daemyt sy den acker [...] zo synen rechten tzieden sturtzen, braichen, dreissen, reyen, eeren ind seen.
[er] leis auch die acker sturzen und bauwen und das somergut uff sin kosten sehen.
Hilliger, Urb. St. Pantaleon
(
rib.
,
1630
?):
Sie sollen des Hofes Artland rechzeitig
brachen, sturzen, misten oder mirgeln.
Wir sollen beim Abscheiden den Hof
myt der mystongen, der sturzungen laissen.
Ermisch u. a., Haush. Vorw.
51, 13
(
osächs.
,
1570
/
7
):
Ein pflug
[als Maß einer Arbeitseinheit]
kann einen tag einen acker sturzen, brachen, rühren und zur sath pflügen.
Es müssen aber die bethe uff eine ander art gearbeitet und erstlich in der mietten gegen einander gesturzt und also die bethe etwas erhöhet werden.
Man pfleget auch zu ende desselben [monates] den acker zur wintersath zu stürzen und den mist unterzubringen.
Sturzen vertẽ subvertẽ.
Korn (stuͤrtzen) [...] Vertere triticum. [...]. Stuͤrtzhacke / Ein hacke so denn eymer am brennen oder loch deß bergwercks umbwendet. [...]. Stuͤrtzschauffel / damit man die frucht wendet / oder stuͤrtzet.