stürmen,
V.;
eng von
sturm
her bestimmtes Bedeutungsfeld, für die Ansätze 3–5 aber deutlich schwächer belegt.
1.
›stürmen, (eine Siedlungseinheit, eine Festung) mit militärischen Mitteln (mit Anstürmenden, Kriegsinstrumenten) angreifen, einzunehmen versuchen‹; dazu resultativ: ›(die angegriffene Einheit) erobern, einnehmen‹; mannigfach tropisch sowie bildlich gebraucht, dann z. B.: ›auf den Menschen einstürzen (von zerstörenden Mächten aller Art gesagt)‹; ›(eine Organisation, z. B.
das babsttum
) / jn. (Personen anderer Konfession) angreifen‹; ›jn. verbal angreifen‹; ›jn. verspotten‹; ›(die Hölle) erstürmen, überwinden‹ (von Jesus Christus gesagt); ›gegen Gottes Reich anrennen‹ (von Teufel gesagt); ›mit etw. argumentieren‹ (s. u. Beleg
Fischer
), auch vom Teufel sowie von Tieren (z. B. von Vögeln, Insekten) mit je spezifischer Absicht und zu je spezifischem Zweck von Seiten der Angreifenden gesagt; offen zu 3; vgl. (
der
) 1.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): , 8, 10; 11; 14, 5, 9, 2, , 2, 2, , 3, (V.) 5, 2; 5, (V., unr. abl.) 2, 1.
Syntagmen:
j
. (z. B.
der feind / teufel
),
die bremen / käfer s
. (absolut),
Christus die helle s., j. an die pforte, auf jn., vor eine stat s., Christi wort mit jm. s., Christus dem teufel wieder sein reich s., der teufel wieder gottes reich s
.;
j. ein dorf / haus, eine burg / feste / stat
(z. B.
zehen tage
),
das babsttum s
., bildlich:
der böse geist die feste des gemütes s
.; tropisch:
die christen
(Akk.obj.)
s
.;
eine schar gefügels
[wohin]
s
.; im Part. Präs.:
die stürmenden bauern
; (subst.):
Christus das stürmen verkünden
;
ein stürmen (gros) werden
;
des stürmens beginnen
.
Wortbildungen:
sturmbar
›erstürmbar‹,
sturmding
›Sturm-, Angriffsgerät‹,
stürmer
1 ›militärisch Stürmender‹; 2 ›Bilderstürmer‹ (dazu bdv.: , , ),
stürmung
1.

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
Aggredi. Anfallen stuͤrmen angreiffen.
Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
Dâ wart ein sturmin und ein slân | in sô swindir vreise, | das iz [...].
Luther, WA (
1522
):
Christus wortt stuͤrmet mit nyemant leyplich, es verkundigt aber stuͤrmen leyplich den tyrannen unnd loͤßet senfftlich die seelen von yhren banden, das sie verachtet werden, wilchs ist das aller best stuͤrmen. Denn was vorachtet wirtt, darff nit viel stuͤrmens.
Ebd. (
1535
/
6
):
Es [hertz] hat nu keine not mehr, es kome, tod, Teuffel, welt oder helle, so wil ich nicht verderben, Las her gehen, stossen und stuͤrmen, was da stossen oder schrecken kan, [...], Ob ich gleich von meinen feinden und aller welt gedruckt, verfolgt und veriagt würde, so hab ich einen Herrn.
Ebd. (
1544
):
der [Teuffel] kan solches bekentnuß [Evangelium] nicht leyden, denn es bricht jm sein Reich unnd gewalt, Darumb versucht er sich dran unnd stürmet getrost dawider.
Ebd. (
1531
):
Er wil überal mit seinem Euangelio hin kommen und regieren und dem Teuffel sein Reich stürmen und schwechen.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
von golde von silbir von wormen, | mit den drien wil ich stormen, | biz ich si brenge uf ir recht.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
3. Dr. 14. Jh.
, Hs.
17.
/
18. Jh.
):
unde stormeten vur Embecke unde lagen nun dage in dem lande zu Sassen.
Chron. Köln (
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
Die gemeinde [...] | [...] | heren Bruyn Hardevuyst sturmen begonde | ind wonnen eme syn huys ane.
Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj.
15, 23
(
Frankf./M.
1626
):
daß Saladinus endtlich mit grosser Kriegesmacht gar fuͤr Jerusalem ruͤckte / belagerte vnd stuͤrmete dieselbe 30. Tage.
Thür. Chron.
21v, 28
(
Mühlh.
1599
):
Deß Morgens fruͤe schickten sie ein Hauffen gegen der Sonnen Auffgang / vnd Stuͤrmeten die Stadt an zweyen enden.
Voc. Teut.-Lat.
ff vv
(
Nürnb.
1482
):
Sturmen oder streyten in worten.
Ebd.
ff vjr
:
Sturmen verspotten. inuadere. insultare.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Des selben nahtes na der meti waz im vor in einer gesiht, wie ein groͤssú schar michels gefúgels kem fúr sin celle stúrmend.
so die schoͤnen wingarten beginnent bluͤgen, daz uͮch denne die bremen und die leiden kaͤfer beginnent stúrmen.
und (werent wir) dem túfel eine burg werden, die er stúrmen wil also Job, [...] Nein, mine lieben, nein!
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
,
1445
):
als nun min heren mit irem zúg [...] gewerchtent, das das hus sturmbar wart, also leitent min heren [...] einen sturm an.
Kurz, Murner. Luth. Narr (
Straßb.
1522
):
so stürmpt vnd greiffen an, | Laßt nit ein stein an kirchen stan.
Gagliardi, Dok. Waldmann
2, 73, 21
(
halem.
,
1489
):
im letsten uffloͧff, als man gestürmpt hab, sye er gen Zug geloffen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Stürmen / Mit einem sturm oder mit gewalt gewünnen. [...]. Ein thor Stürmen / anstossen / anbütschen. [...]. Stett Stürmen / vnd eynnemmen. [...] ¶ Daruon Stürmen / Eylents dauõ lauffen. Præcipitare uiam. [...] Stürmer / Der mit dem sturm vnnd stryten eroberet / siget vnnd gewünnt.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
also kam hertzog Ludwig mit allem seinem zeug, mit büchsen, laitern und andern sturmdingen.
Ebd. (
um 1530
):
an sollichem allem die neuen rottengaister, hailigen⸗ und kirchenschender und stimeren, die neulerigen predicanten schuldig worden.
Anderson u. a., Flugschrr.
29, 8, 13
([
Augsb.
]
1524
):
wie man die Christen von des Euangeli wegen stürmet / faͤcht / verbrennet / verdreybt.
Fischer, Eunuchus d. Terenz (
Ulm
1486
):
Merk die ordnung ainß krigs. am ersten die stürmung der maur, darnach widernemung deß entwerten guͦtz.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
23, 166
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
er [Jesus] stürmet sie [vorhell] mit clarem schein, | die vormals litten laid und pein, | die nam er mit gewalt.
Hohmann, H. v. Langenstein. Quästio
185, 45
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Wenn der pöz geist peginnet cze stüermen dy vest vnsers gemüets, mag er dye nicht gewinnen mit gemayner vnd gewönleicher anweig, als mit vnchëwsch vnd mit hochfart vnd mit anderen gemayn tödsünden, so scheüsst er in das haws vnsers gemüets widerczäm vnd lëppisch gedänkchen.
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
15, 71
;
Gille u. a., M. Beheim
104, 438
;
501
;
Bell, G. Hager
401, 1, 17
;
v. Keller, Ayrer. Dramen ; ;
Hohmann, a. a. O.
183, 41
;
Winter, Nöst. Weist. ;
Weber, Füetrer. Poyt.
184, 3
;
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. ;
Schmitt, Ordo rerum
683, 37
.
Vgl. ferner s. v. 2, 2, 3, 11, (
der
) 1, 3, 4, (Adv.) 1.
2.
›die Sturmglocke anschlagen, läuten‹ (bei Gefahr, bei Bekanntgaben, Ankündigungen, als Mitteilung bei Begräbnissen, bei einer Hinrichtung); zu (
der
) 2.
Gehäuft wobd. belegt.
Syntagmen:
j
. (z. B.
die amptsknechte
)
s
. (absolut);
die glocken gegen jn. s
.; subst.:
der rat ein bot mit s. berufen lassen
.
Wortbildungen:
stürmer
3 ›Glöckner‹.

Belegblock:

Chron. Strassb. (
els.
,
1362
):
wande man einen doten zuͦ kirchen trug, so stürmet man mit den glocken der kirchen, do man in begrub, gegen im.
Merk, Stadtr. Neuenb. (
nalem.
,
1616
):
so soll der herr burgermeister als dann den rat fragen, ob es zeit seie, daß man, damit das volk fur das rathaus kom und gange, sturme, und wa ein solches erkant, so soll ein rat also dreimalen uf einanderen sturmen laßen.
Stuͤrmen / die sturmglocke ziehen oder schlagen [...]. Stuͤrmer / der die sturmglocke zeucht.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1537
):
adj. 22. jenner hat ain ersamer rath mit ausgesrecktem paner das (bot) von wegen der pfaffen und götzen (mit) sturmen beruefen lassen.
Qu. Brassó
5, 549, 39
(
siebenb.
,
1616
):
Hat der Genters Georgh sampt seiner Hueren sollen gerichtet werden, und ist [...] auch gesturmet worden.
Vgl. ferner s. v. 1.
3.
›sich an einer Unruhe beteiligen, aufrührerisch herumtreiben, herumgrölen‹; vgl. (
der
) 3.
Bedeutungsverwandte:
3, (phonästhetisch), (V.) 2, 1; 2, .
Syntagmen:
j. jm. s. helfen
;
j. bilder / götzen / kirchen / klöster / stifte s., wieder die geschriften s
.;
die stürmenden bauern
;
das stürmen der bauern
.

Belegblock:

Boon, St. Prätorius
56, 6
(
Ülzen
1579
):
Las jmer hin stuͤrmen vnd toben was da wil.
Luther, WA (
1524
):
Also mit dem bildstuͤrmen moͤcht ich seyn toben leichtlich tragen, weyl auch ich mit meym schreyben mehr abbrochen habe den bilden, denn er mit seym stuͤrmen und schwermen ymmer thun wird.
Ebd. (
1524
/
7
):
die menschen treiben sie mit gewalt dahyn, das man die bilder solle nicht leiden, [...], meinen, es sey koͤstlich ding Goͤtzen stuͤrmen.
Ebd. Überschr. (
1525
):
Widder die stürmenden bawren.
Ebd. (
1529
/
30
):
Das heisset freylich recht die stifft, kloͤster und kirchen stuͤrmen und rauben, das der auffrhuͤrischen bawer stuͤrmen kaum ein schimpff und vorspiel zu rechen is.
Lichtenstein, Lindener. Katzip.
4
(o. O.
1558
):
Wolt gern, das ir bey dem lermm selb personlich erschinen und stürmen het helffen.
Jörg, Salat. Reformationschr.
180, 3
(
halem.
,
1534
/
5
):
wie starck Zwinglj tollisiert / unnsinnett / und wider sine heytern usgangenen gschrifften / gestürmt hatt.
Luther, WA ;
221, 1
; ;
440, 8
;
26
;
28
.
4.
›innerlich unruhig sein, sich zerrissen, getrieben fühlen und sich entsprechend ungebärdig, ungesteuert verhalten‹; in den Belegen jeweils in Verbindung mit
minne
; vgl. (
der
) 4.
Bedeutungsverwandte:
2.

Belegblock:

Thiele, Minner. II,
32, 280
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
wat sal ein man der mynnen liden | die stormen nit enmoes noch striden | noch sich toe wapen niet enoift?
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
und solt ein senftmuͤtig scheffelin sin und gesetzet und gelossen und begeben din stúrmen und losen zuͦ diser minnenclichen stimmen mit stiller senftmuͤtikeit.
Ebd. (
1359
):
Man stúrmet och wol mit der minne in kaltheit, in gelossenheit, in hertikeit.
5.
›heftig stürmen, mächtig, zerstörerisch treiben‹ (vom Wind); ›etw. mit Naturgewalt umwerfen‹ (vom Wasser gesagt); vgl. (
der
) 5.
Wortbildungen:
stürmung
2 ›erdbebenähnliches Poltern‹.

Belegblock:

Peil, Rollenhagen. Froschm.
412, 4743
(
Magdeb.
1608
):
wie die Wind stuͤrmen ein Schiff / | Biß sies vmbstuͤrtzen in die Tieff / | So reisst vnd wirfft er [Redner] alles niedder / | Was er meint / das ihm sey zu widder.
Feudel, Evangelistar
137, 9
(
omd.
,
M. 14. Jh.
):
do her [Petrus] gesach den sturmynden wynt unde do her begonde undir gen, di rif her unde sprach: ‚herre, hilf mir‘.
Voc. Teut.-Lat.
ff vv
(
Nürnb.
1482
):
Sturmen als das mere.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
wenne der wint stúrmet und die venster und die túren klapperent, do enkan man nút wol gehoͤren.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
108, 34
(
tir.
,
1464
):
an der selbigen nacht da chom ain söliche grosse vngestüemikchait vnd stürmung, [...], die was czwir als gros als vor.
Feudel, a. a. O.
129, 4
.
6.
›(die Ärmel) umschlagen, hochkrempeln‹.

Belegblock:

Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Derhalben stürmbt er seine ermel hünder sich.