rüren,
V.
– Ansatz 1 fasst Bewegung als Zeichen des Lebendigseins und des Vergehens von Zeit; Ansätze 2–4 fokussieren das durch je unterschiedliche Arten von Kraftaufwand und Krafteinwirkung verursachte In-Bewegung-Bringen und Halten verschiedener gegenständlicher Bezugsgrößen, wobei im Einzelnen (2) Tropisierungen auf Personen hin greifbar werden; 5–8 versammeln Formen physischen und psychischen Kontakts (und entsprechender Auswirkungen) zwischen Personen bzw. zwischen Personen und Sachen; 9–11 für Übertragungen in verschiedene Richtungen.
1.
›etw. (einen Körperteil, z. B.
bein, finger, zunge
) / sich bewegen‹ (häufig als Zeichen des Lebendigseins); ›etw. in Bewegung halten bzw. nicht still halten‹ (mit Bezug auf Gegenstände, die von Personen zu unterschiedlichen Zwecken bewegt werden, dies offen zu 2); subst. mit Bezug auf die in Bewegung gedachte Zeit (speziell bei Meister Eckhart:
das rüren der zeit
).
Phraseme:
j. keine hand rüren
›kein Lebenszeichen geben‹.
Bedeutungsverwandte:
4,
1
(V.) 1; 2, 2, ; vgl. 1, 1.
Syntagmen:
j
.
die hand / zunge, das bein r., ein tier
(Subj.)
den zagel, die augen r., j. ein gut, die leinknoten r., die sele
(Subj.)
den leichnam r
.;
j. sich (wieder) r., die sele / das herz
(Subj.)
sich r., j. sich in dem baum, die feder
(Subj.)
sich vor dem munde r
.; subst.:
das rüren der zeit
.
Wortbildungen:
˹
rure
,
rürung
1˺ ›Bewegung‹.

Belegblock:

Peil, Rollenhagen. Froschm.
245, 6178
(
Magdeb.
1608
):
Murner dort an eim haken hieng, | [...] | Spert auff das Maul / ruͤret kein hand.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
er meinet [...] Nicht alleine ein rvͦren der zit, Mer: oͮch einen roͮch vnd einen smak der zit.
Ermisch u. a., Haush. Vorw.
61, 12
(
osächs.
,
1570
/
7
):
Derentwegen solstu sie [leinknotten] auch alle tage rühren [...], bis sie zum ausdreschen dürre genug werden.
Keil, Peter v. Ulm
254
(
nobd.
,
1453
/
4
):
Das geprochen pein, [...] so rür das pain nicht.
Sachs (
Nürnb.
1563
):
Yedoch lebet noch fleisch und blut, | Das sich noch stettigs rüren thut.
Wutke, Schles. Bergb., Cod. Sil. (
schles.
,
1528
):
Wo iemand erzt blei oder sunst etwas verboten oder verkumert wurd, solchs soll keiner antasten rieren noch wegnemen.
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
, Hs.
um 1536
):
do man in in das grab wolt legen, do ruͦrt er sich in dem bom.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Kain leben zaichen man an ir sach | Denne das hercze ruͦrte sich vil klein.
Morrall, Mandev. Reiseb.
15, 17
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
das ertterrich uff sinem grab zittrot und ruͤret sich obnan in der wiß als ob sich dar under ain mensch rege.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1533
):
hat ime beschriben alles sein guet, das weder (zuͦ) verrucken noch zuͦ ruern, und [...] on ains raths wissen [...] nit aus der stat zuͦ ziehen.
Steer, K. v. Megenberg. Sel
170
(Hs. ˹
moobd.
,
1411
˺):
also wirt der gancz leichnam geruͤrt vnd geregiert von der sel.
Ebd.
173
:
Als die spinn siczt [...] in irem webp vnd enphint aller rürung irs webps, [...] also wonet die sel enmitten in dem herczen.
Mollay, Ofner Stadtr.
237, 12
(
ung. inseldt.
,
1. H. 15. Jh.
):
sich eÿn feder ruret von dem Adem vor seynem mundt.
Bihlmeyer, Seuse ;
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. ;
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
2195
;
Steer, a. a. O.
278
;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
265, 4
;
2.
›etw. (Bezugsgrößen unterschiedlicher, konkreter wie abstrakt gedachter Art) in eine je gegenstandstypische Bewegung versetzen‹; im Einzelnen: ›ein Pferd (mit Sporen) antreiben‹; ›ein Instrument spielen‹; ›die Glocken läuten‹; ›Berge versetzen‹ (von Gott gesagt); speziell rechtlich mit Negation: ›etw. (z. B. Besitztümer) liegen lassen, nicht (z. B. zwecks eines Umzugs) bewegen‹; ütr. auf Personen: ›jn. innerlich bewegen; jn. dazu bringen, etw. zu tun‹; ›etw. (z. B.
die liebe
) der Grund für ein bestimmtes Verhalten sein‹; eng an 1 anschließbar; fachsprachlich bei der Jagd auch auf das Treiben von Wild bezogen (
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 182
).
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Phraseme:
von jm. zu lehen rüren
›von jm. ein Gut als Lehen übertragen worden sein‹ (vgl. ff. mit weiteren Belegen).
Bedeutungsverwandte:
3, (V.) 6, , ; vgl. 2; 6.
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
den grund, die glocke / harfe / märe, das pferd / ros / wasser, die berge
)
r., jn
. (z. B.
den menschen / narren
)
r
.,
der bärenhüter
[Sternbild]
das merwasser r., got
(Subj.)
jn. r., etw
. (Subj., z. B.
die innigkeit / liebe
)
jn. r., etw
. (Subj.)
sich zur unzucht r., j. den menschen mit dem geist, den grund mit händen und füssen r
.; subst.:
die hand das rüren berichten
.
Wortbildungen:
rürhund
›Jagdhund‹,
rürstange
›Stange zum Aufscheuchen von Fischen‹,
rürung
2 ›Anstoß, bewegende Kraft‹.

Belegblock:

Chron. Magdeb. (
nrddt.
, Hs.
E. 16. Jh.
):
wolte Ihre May. ihrem vorigen erbieten nach [...] alles das andere, so von Jh. Key. May. und dem H. Reich zu Lehen rührendte [...] leihen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
521, 470
(
Magdeb.
1608
):
Sie [...] | [...] | Ruͤrten den grund mit Hendn vnd Fuͤssen / | Das aller vnflath vberschwam.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
141, 32
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Da begonden die buben alle mit messern [...] zu werffen [...] da begonde er sin phert zü ruren.
Karnein, Salm. u. Morolf
699, 4
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
ein [...] harpffe [...] | [...] rurte er also suße.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
ßo prufe auch der seitten klangk, | [...] | seit, hant, und list: | die list die wyße dichtet, | die hant das ruren berichtet, | die seyt klynget schone.
Eggers, Psalter
227, 7
(
thür.
,
1378
):
Der di erden anesiet vn̄ machet si bebende; der di berge ruret, vn̄ si roychent.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
288, 20
(
thür.
,
1474
):
[Nigkel von Obirnicz] mogen sich auch darmete nicht behelffin [...], daz sy eygen holcz, wesin unde püsche [...] habin, dy ir eygen sind unde von yn zcu lehen rüren.
Opitz. Poeterey
48, 15
(
Breslau
1624
):
Die Liebʼ hat erstlich Gott geruͤhrt | Das er der dinge grund vollfuͤhrt.
Maag u. a., Habsb. Urbar
2, 1, 416, 10
(
alem.
,
1361
):
Item es hat enpfangen Hertrich ze Rine [...] die guͤter ze Mattenhein, [...], ruͤrent dar von der grafschaft ze Pfirt.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
2, 250
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Innekeit ruͦret vnd tribet den menschen von vssen vnd von innen zuͦ dem dienste gottes.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
Got ruͤrt und tribet und manet und gert alle menschen gelich und wil alle menschen gliche, sunder sin ruͤren und sin manen.
UB Zug
784, 8
(
halem.
,
1433
):
das [...] die pfarrkirchen zu Sand Micheln, [...] die vor zeiten von hertzog Fridrichen von Osterrich, von dem sý zu lehen ruͤrte, an uns [...] gekomen ist.
Rennefahrt, Gebiet Bern (
halem.
,
1510
):
Es sind ouch die ruͥschen [...] die schlagnetzin, anders klingeren oder ruͤrstangen genant, gantz und gar abgestelt worden.
Sappler, H. Kaufringer
11, 315
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
Da [...] | [...] man die gloggen rüeren wart, | da hett geschafft fraw Hiltgart, | das ir man ward ze kirchen tragen.
Hohmann, H. v. Langenstein. Quästio
187, 74
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Als ein vischer mit dem strüdel das wasser rüert vnd es trüeb macht vnd treibt dy visch [...] also in das necz, also tüet der pös geist.
Ders., H. v. Langenstein. Untersch.
63, 30
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
daz du verstest, welich ruerung choͤme von dem gaist, so soltu wissen, daz die vodristen vͤrsprung der anruerung [...] die [...] lokchent vnser hertz, drey sint.
Ebd.
65, 41
:
Aber die ruͤerung, die von dem tewfel geschehent, die entspringent oft an sach vnd vnvernunftichleich.
Tiemann, a. a. O.
163, 7
;
Kurz, Waldis. Esopus ;
Bihlmeyer, Seuse ;
Thiele, Minner. II,
12, 181
;
Lemmer, Brant. Narrensch.
78, 34
;
Koppitz, Trojanerkr. ; ;
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
55, 39
;
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 183
;
3.
›etw. rühren, durchrühren (z. B. beim Backen, Kochen)‹; ›etw. über einen längeren Zeitraum rühren, um die Konsistenz zu verändern (z. B. bei der Herstellung von
butter
,
saurer milch
)‹; ›etw. durcheinanderrühren, vermengen, mit etw. anderem vermischen‹; ›etw. zu e. S. dazurühren‹; speziell: ›Getreide zur Vermeidung von Schimmelbildung umrühren‹; ›etw. (z. B. Dreck, Laub u. Ä.) aufwühlen‹.
Vorwiegend Fachtexte, oft Rezepte und Wörterbücher, teils auch berichtende Texte.
Phraseme:
den drek, in js. drek rüren
›sich in js. Angelegenheiten einmischen‹.
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
den hafer / roggen / unflat / wein, die salbe, das korn / schmalz, die früchte / kerne
)
r., etw. am heiligen abend, in ein ei, mit etw
. (z. B.
mit einem stecken, mit einem dürren ast, einer spatel
),
den pfeffer zum hasen r., etw
. [wie] (z. B.:
aldieweil / fest / untereinander / wol
)
r
.,
der hirsch
(Subj.)
das laub mit dem gehörn r
.
Wortbildungen:
rüre
II (
die
) ›Schüssel zum Rühren bzw. Stampfen von Butter‹,
rüreisen
II,
rürer
,
rürfas
,
rürholz
,
rürkübel
,
rürmilch
›Sauermilch‹,
rürscheit
,
rürstecke
(zum Gw vgl. 1).

Belegblock:

Ziesemer, Gr. Ämterb.
620, 23
(
preuß.
,
1423
):
in der kochen [...] item 1 rureisen.
Die selbigen heüchler seyndt also geschickt, [...] das sie [...] jhn ihres nechsten dreck rhuͤrenn mügen.
Hajek, Guͦte spise
87
(
rhfrk.
/
nobd.
,
um 1350
):
vnd ruͤrrez wol vnd mengez mit eyern.
Ermisch u. a., Haush. Vorw.
31, 11
(
osächs.
,
1570
/
7
):
Wann die ungesalzene butter (so sie also ungewaschen aus der rür pflegen zue nehmen) uberm feuer zergangen und abgescheumet, hebt man sie ein wenig vom feuer.
Ebd.
65, 9
:
Man setzet etzliche schrottvaß auf ein tenne, geust dieselbigen [...] voller mistjauche, [...] nimbt darnach reinen kuhmist [...] und ruhret es mit einem hölzernen ruhrholze wohl umb.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
178v, 48
(
Leipzig
1588
):
Wenn man einen vnflath rhuͤret / so stincket er.
Keil, Peter v. Ulm
277
(
nobd.
,
1453
/
4
):
nym pawm-pech von der weissen tannen [...] vnd smaltz, das an aller heiligen obent gerurt sey.
Bachmann u. a., Volksb. (
alem.
,
15. Jh.
):
ruͤr das vast mit / ainem steken.
Roloff, Brant. Tsp.
1496
(
Straßb.
1554
):
Ich will den pfeffer zuͦm hasen ruͤren.
Rohland, Schäden
219
(
nalem.
/
schwäb.
,
1400
/
33
):
rür es all die wil, das es nit anhafft noch nit anbrynne.
Schmitt, Fachprosa
62, 31
(
halem.
,
n. 1446
):
Dis sind die zeichen, die ein hircz tuͦt. Daz erst jst, wenn der hircz jn das holcz gant, daz er den daz holcz vnd löb rüret mit dem gehürn.
Maaler (
Zürich
1561
):
Ruͤrmilch (die) Saure milch.
Ebd. :
Ruͤrstaͤck (der) Damit man die ding so man ob dem fheür kochet pflaͤgt zeruͦren.
ruͤhr Faß / n. Vaisseau à mester, Vas miserbile.
Morrall, Mandev. Reiseb.
36, 7
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
nim ain tropffe balsams und wúrff in in ain beckin vol wassers und ruͤr es fast.
Löffler, Columella/Österreicher (
schwäb.
,
1491
):
das daz gemaͤcht gemist werd, zimpt es sich nit mit dem húltzinen ruͤrr schitt zeruͤren.
Rot
287
(
Augsb.
1571
):
Admiscirn, vermischen / zuhin mischen / vermengen / durch einander ruͤren.
Weitz, Albich v. Prag
145, 9
(Hs. ˹
oobd.
,
A. 16. Jh.
˺):
das alles seud gar wol vnd ruͦr es offt mit ainer spatteln.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
125, 5
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Mit ainem dürren ast ruert´ sy die salben.
Zingerle, Inventare (
tir.
,
1478
):
ii wasserzumen, i ruerkubl vnd ain panckschab.
Rechn. Kronstadt (
siebenb.
,
1551
):
mir hann lassenn machenn ÿm grossen gortenn dÿ Mawr [...] vnndt dem Merter Reÿrer [...] fl. 1 asp. 47.
Dubizmay, kurß zu Teutze
1, 11
;
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
152, 18
;
Merk, Stadtr. Neuenb. ;
Eis, Gesundheitsl.
148, 5
;
Löffler, a. a. O. ;
Weitz, a. a. O.
136, 1
;
152, 4
;
4.
›eine landwirtschaftliche Fläche pflügen, den Boden einer Anbaufläche bearbeiten‹; häufig mit Bezug auf den Weinbau.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 8, 13, , , (V.) 4, 2, 1, , (V.) 1; 2, 8, 7.
Syntagmen:
j. den garten / weingarten, die reben r., ein pflug einen acker r
.; subst.:
j. mit rüren güter bauen, die reben in gutem stand halten
.
Wortbildungen:
rürhake
›eine Art Pflug‹,
rürhaue
›Hacke‹,
rürig
1 ›umgepflügt‹.

Belegblock:

Lamprecht, Dt. Wirtschaftsl. (
mosfrk.
,
1340
):
et qui usque Walpurgis vineas huiusmodi non procurasset ut dicitur geruͦrt unde gesticket.
Loersch, Weist. Boppard (
mosfrk.
,
17. Jh.
):
Welcher hobener seinen wingarten nit gerurt hat, verleust 10 pfenning.
Mitzschke, UB Bürgel (
thür.
,
1420
):
Besundern soll uns der egenante [...] den wingarthin erbeten mit aller gewonlicher erbet, also mit entrumen, snydene, hackene und rurn.
Ermisch u. a., Haush. Vorw.
51, 13
(
osächs.
,
1570
/
7
):
Ein pflug kann einen tag einen acker sturzen, brachen rühren und zur sath pflügen.
Ebd.
252, 13
:
Umb Exaudi säe [...] hürsen in einen rürichten acker.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
ruͤrHauwe. Ligo.
Kocher, Rechn. Schönenwerd
249, 87
(
halem.
,
1386
):
Item exposuit in Rubiaco in cultura vinearum: ze binden, ze stekken und ze beigen und de garten ze ruͤrren.
Welti, Urk. Rheinfelden
53, 33
(
halem.
,
1406
):
Stroͤli verpflichtet sich, die Reben in gutem Stande zu halten mit tekken, mit hakken, mit inleggen, mit ruͤren, mit snyden.
Argovia (
halem.
,
1457
):
Ouch ist beredt, daz wir, die reblüte, die reben sollent [...] in acht tagen gegruobet vnd gerüret haben.
König-Beyer, Reichenb. Stadtb.
65, 10
(
nböhm.
,
1558
):
mit solchem gut leht ehr ihmen 4 pferde, i wagen, 2 pfluge, 2 par eyden, i ruhrhocken vnd allis pferde geschir.
Loersch, a. a. O. ;
5.
›einen Gegenstand (auch: ein Tier) anfassen, berühren‹; im Einzelnen auch: ›etw. streifen‹ (z. B. vom Wind gesagt); ›nahe an etw. (z. B. an einem Schiff) vorbeigleiten‹; ›in enge räumliche Nähe zu e. S. gelangen, an etw. heranreichen‹; ›in etw. als erreichbar Gedachtes (z. B.
in die ewigkeit
) hineingelangen‹; speziell fachsprachlich bei der Jagd auch das Streifen einer Gegend durch das Wild meinend, das so Spuren hinterlässt (
Dalby, Lex. Mhg Hunt.
1965, 182
).
Phraseme:
mas rüren
›Maß halten‹;
das schopf
(Subj.)
den galgen rürt
(Redensart im Sinne von ›bis der Kerl am Galgen hängt, bis er schwarz wird‹; vgl. mit weiteren Belegen).
Bedeutungsverwandte:
1, 1; vgl. 4.
Syntagmen:
j. / etw
. (Subj.)
etw
. (z. B.
Jesus die bare, der anker den boden, den grund der freude, j. das geblümte seil, der pilger das heilige grab, der mitteldrebaum den stumpfen winkel, der ostwind den weinstok, der sper den leib durch den schild, die creatur / sele die ewigkeit, die sonne den tau, die wiese die (andere) wiese, die büchse den arm am anschlag, das weib den saum an dem kleid, die meissel / schiffe einander, die bäume den zaun, die füsse des menschlichen geistes das erdreich
)
r
.;
j. / etw
. (Subj.) [wohin] (z. B.
die leiter an den himmel, das schif an den stein, der weingarten an den weingarten, ein man mit gerekter hand an die brücke, der geschaffene verstand zu der volkommenen weise des bekennens, die erbflecken aneinander
)
r
.,
j. die natter an dem schweif r
.
Wortbildungen:
rürde
›Berührung‹,
rurs
›angrenzend‹.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Nicod. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Von der rurde siner [Jesus] wete | wart sie [Veronica] als ein visch gesunt.
Pfefferl, Weigel. Ges.
15, 19
(
Hamb.
1646
):
Derhalben dieweil sie [die vernunfftige Creatur] rühret mit ihrem Häupte die Ewigkeit.
Luther. Hl. Schrifft.
1. Mose 28, 12
(
Wittenb.
1545
):
Vnd sihe / eine Leiter stund auff erden / die rüret mit der spitzen an den Himel.
Ebd.
Hes. 17, 10
:
So bald jn [Weinstock] der Ostwind rüren wird
[
Wormser Proph.
1527 /
Froschauer
1531:
anweyhet
;
Eck
1537:
anriehrt
]
/ wird er verdorren / auff seinen furchen.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
524, 561
(
Magdeb.
1608
):
wenn sie gleich muͤssen vorweichen / | Koͤnnen sie den Feind so beschmeichen / | Das alles verfault was sie ruͤren.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Unser herre trat hin zuo und ruorte die bâre, dâ der tote ûf lac, und sprach: [...].
Er wil sprechen, daz diu sêle mit den obersten kreften rüeret die êwicheit.
Chron. Köln (
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
dat selve schifʼ der meister voirte | an andern so na, dat it si roirte.
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch (
rhfrk.
,
um 1405
):
Die hende die da sollent gewappent sin | Mit den hentschuwen [...] | Sint ruͤren und begriffonge, | Tasten und fuelonge.
Küther, UB Frauensee
319, 26
(
thür.
,
1513
):
Wir [...] bekennen [...], das wir [...] ubereinkomen sind [...] umb eyne wiesen [...] an wilche wisen sie ein ander wisen rorende hat.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1513
/
5
):
Zewch aws dem puncten 7 ein parlinj n. Dÿse linj rürt forn den dawmen.
Köbler, Ref. Nürnberg
418, 8
(
Nürnb.
1484
):
ES sol ein yeder den andern in der Stat befriden [...] vnd ob einer an den andern ruͤrend hat vberzwerch.
Sachs (
Nürnb.
1558
):
Diß weib von hinden zu im tratt, | Rürt an seim kleid den saum.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
wan wilt du sú [natren] allein an dem sweif ruͤren, so [...] bissent | dest wirs.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
also ist dú suͤsse minne ôch unstaͤte als daz gebluͤmte sail: der daz ruͤret mit aim vinger, es zerbrichet zehant.
Boos, UB Aarau (
halem.
,
1361
):
daz ich [...] ze koͮffenne geben [...] minen wingarten, [...] ruͤrt ein halb an den wingarten, der da hoͤret an sant Michahelis altar ze Aroͮw.
Schnyder, Qu. Zürcher Wirtsch.
1022, 24
(
halem.
,
1467
/
8
):
das [...] das schiff [...] im [...] nebent zuͦ an einen stein engienge, das er ruͤrte daran, das ein loch darin wurd.
Schmidt, Rud. v. Biberach
8, 8
(
whalem.
,
1345
/
60
):
wann des menschlichen geistes fvͤsse etwenne daz ertrich ruͦrent mit der sinlikeit vnd irdenscher stoͧp im anhaftet.
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
285, 23
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
nu enmag dekein geschaffen verstan rüeren zuo einer volkomener wis dez bekennens der gotlicher wesunge.
Morrall, Mandev. Reiseb.
51, 19
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
das hailig grab nit waz verschlossen noch verdeckt, und daz es ain yeglich bilgerin mocht gekússen und ruͤren.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Das beschaint sich [...], das die guet fraw [...] irer nechsten fründin, die ruors an ir zellen [...] lag [...] in solcher nacht zugerüeft [...]:„Ach du mein guldine Anna [...]“.
Weitz, Albich v. Prag
149, 13
(Hs. ˹
oobd.
,
A. 16. Jh.
˺):
Item wenn ain wunden gar durch gieng, so solt du die wunden zu paiden seytten maisseln [...] vnd die maissel sullen ain ander nit ruͤren.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
452, 5
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Ain sper durch schilt und prünn den leib so ruerte.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
1340
):
der rat ze Muͤnichen [...] hat gesetzt [...] daz ein man ste mit gerachkter hant auf einem flozz und an die prugk nicht ruͤr.
v. Maren, Marquard. Ausgabe
63, 40
(
Venedig
1483
):
wer in allen sachen maß ruͤrret der geuͤbt nymmer kaͤinen gepresten.
Helm, H. v. Hesler. Apok. ;
Mendthal, Geom. Culm. ;
Jostes, Eckhart
10, 24
;
Quint, a. a. O. ;
Thiele, Minner. II,
17, 147
;
Lemmer, Brant. Narrensch.
36, 17
;
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
45, 18
;
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
148
;
Munz, Füetrer. Persibein
2, 7
;
Bischoff u. a., Steir. u. kärnt. Taid. ;
6.
›jn. (physisch) berühren, anfassen‹ (von Personen und als Personen vorgestellten metaphysischen Instanzen gesagt); speziell: ›jn. streicheln‹; ›eine Frau beschlafen‹; in religiösen Kontexten als räumliche Bewegung von Gott / Jesus auf den Menschen oder reziprok des Menschen auf Gott hin tropisiert: ›sich Gott annähern‹ (von
engeln
gesagt); ›den Menschen oder Gegenstände seiner näheren Umgebung berühren und damit segnen, gesund machen‹ (von Gott, Jesus gesagt); ›sich als Mensch in die körperliche Nähe zu Gott (Jesus) begeben‹; im Einzelnen mit jeweils textspezifischen Nuancen.
Gewisse Beleghäufung für Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
1; vgl. 1, 4.
Syntagmen:
j. jn. / etw. r
. (z. B.
Jesus den aussätzigen, der teufel die sele, got js. lippe / zunge, kein man Mariam, Maria das blosse kind, die frau Jesum, die engel got, die frauen Jesu füsse
),
j. den wunden menschen mit dem finger, Jesus
(Subj.)
das haupt / fleisch mit seinen götlichen fingern r., der heilige geist
(Subj.)
jn. übernatürlich r., die hand gottes
(Subj.)
jn. r
.; subst.:
das rüren einfältig sein
.

Belegblock:

Luther, WA (
1524
):
Das zuchtig haus des hertzen zart | gar bald eyn tempel Gottes wart, | Die keyn man ruret noch erkand | von Gotts wort sie man schwanger fand.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
die obersten engel, in dem daz sie ûfklimment und got rüerent, daz ist als unglîch wider dem, daz in gote ist.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
werre eyn prophete disser man, | [...] | er wuste, wer disse frawe wer, | [...] | die en roret zu disser frist!
Dünnhaupt, Werder. Gottfr. v. Bullj.
25, 2
(
Frankf./M.
1626
):
Ermuntre meine Sinn / mir meine Feder fuͤhre / | Mir meine Lipp vnd Zung mit deinem Finger ruͤhre.
Welti, Pilgerf. v. Walth.
32, 20
(
omd.
,
n. 1474
):
Das selbe hoybt vnd fleisch, das vnßer herre Ihesus mit synen gotlichen fyngern rurte, das heist noli me tangere.
Strauch, Par. anime int.
119, 30
(
thür.
,
14. Jh.
):
Zweigirhande wis so rurit man Got [...]. daz eine rurin daz ist einvaldic.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt. (
osächs.
,
1343
):
[Jesus begegnet einem Aussätzigen:]
her reckite ùz sine hant und ruͦrte en
[
Luther
1545:
rüret jn an
]
sprechinde: „Ich wil reinigen“.
alle di, die en ruͦrten
[
Luther
1545:
anrüreten
],
di sint gesunt worden.
Ebd. Mk. :
her [...] lîz sîne vingere in sîn ôren und speichelte ûz und ruͦrte sîne zungen.
Gille u. a., M. Beheim
111, 290
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Und ach mit schreken grosse | [...] | rurt sy daz kindlin plosse.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
268, 16
(
els.
,
1362
):
An disem tage ist och er erschinen den frowen [...] do sú nider fielent vnd ruͦrtent sine fuͤsse.
Rieder, Gottesfr. (
els.
,
1363
):
daz es beschehe, das mich der heilge geist úbernatúrlich ruͤrende wurde.
Rieder, St. Georg. Pred. (Hs. ˹
önalem.
,
1387
˺):
nu wil ich [únser herre] dir [túvel] gewalt geben úber sinen lip, und ruͤr mir aber der sele nit.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Ihesus sprach in: ,ich bin gewar | Das etwer mich hat sunderbar | Geruͤret und enphangen hail | Umb sinen bresten [...].‘
Lindqvist, K. v. Helmsd.
1226
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Wenn man inn ruͦrt mitt rechter riwe | [...] | So ist der werde Jhesus guͦt | Gar lind und milt in sinem muͦt.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
und dar umb wenne dû mit dem vinger rüerst den wunden menschen auf sein plôz hirn, sô enpfint ez sein niht.
v. Maren, Marquard. Ausgabe
38, 28
(
Venedig
1483
):
wan die hant gotes hat mich geruͤret.
Meijboom, Pilgerf. träum. Mönch
4245
;
Strauch, a. a. O.
6, 12
;
Gille u. a., a. a. O.
47, 6
;
Vetter, Pred. Taulers ;
Kummer, Erlauer Sp. .
7.
›jn. hart anfassen‹; ›jn. mit böser Absicht (teils unter Verwendung von verletzenden Gegenständen / Waffen) angreifen, schlagen, treffen‹ (von Personen gesagt); ›jn. heimsuchen, treffen‹ (von negativ bewerteten Abstraktgrößen gesagt); speziell: ›einen Schlag landen, das Ziel treffen‹.
Gehäuft berichtende Texte.
Phraseme:
der schlag jn. rüren
›der Schlag jn. treffen‹ (zur Bezeichnung eines Schlaganfalls);
jm. in die hände rüren
›jm. in die Hände fallen‹.
Bedeutungsverwandte:
2, 4; 10, 2, 1; vgl. 31, 2, (V.) 1.
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
den zirkel
)
r., etw
. (Subj., z. B.
der schlag, die hand, das übel
)
jn. r., j. jn
. [wie] (z. B.
schändlich, mit dem kolben / säbel / sper, der geisel / glefe, mit steinen, nach wunsch
)
r
.;
j. jm. zum herzen r
.

Belegblock:

Holland, H. J. v. Braunschw. V. e. vngerat. Sohn (
Wolfenb.
1594
):
Mich daucht, Das der alte Herr gar braun vmbs Angesicht ist, [...] als wann er suffociret were, Oder jhne vielleicht der Schlag mag gerüret haben.
Luther. Hl. Schrifft.
Hiob 5, 19
(
Wittenb.
1545
):
Aus sechs Trübsalen wird er dich erretten / vnd ynn der siebenden wird dich kein vbel rüren
[
Froschauer
1531:
beruͤren
;
Eck
1537:
anruͤren
].
Peil, Rollenhagen. Froschm.
216, 5268
(
Magdeb.
1608
):
Bellt wie ein Hund [...] | [...] | Biß er [...] | [...] als ruͤrt jhn der schlag / erstarrt.
Karnein, Salm. u. Morolf
647, 3
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
here, [...] | [...] ruret mich irgent uwer hant, | [...] | min siechtage wirt uch wol bekant.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Gebunden sie en vurten | Zu Annam unde rurten | En schentlich mit gelimpfen.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
15. Jh.
):
man wirt auch schiessen in einen zirkel [...] und wer den zirkel rürn wirt, der hebt einen nahenden.
Chron. Strassb. (
els.
,
1362
):
so sü sich alsus hettent geleit, so vinge ir meister an wo er wolte und schreit uber einen und ruͦrt den mit sinre geischel uf den lip.
Adomatis u. a., J. Murer. Nab.
933
(
Mühlh./E.
,
1556
):
Und in on alle gnad ußfuͤren | Mit steinen in zuͦ boden ruͤren.
Ebd. Abs.
27
:
welche dann lut schwaͤtzt oder lacht | Die will ich mit mim kolben ruͤren.
Wyss, Luz. Ostersp.
9414
(
Luzern
1545
):
Loyne, edler herre min, | wan dwillt, so stich nun dapffer dryn! | du würst im rüren noch zum hertzen.
Wierschin, Liechtenauer. Fechtk.
109, 12
(
oobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
Glosa. [...] mit dem feler werden alle fechter [...] geschlagen. [...]. So ist er vnnden nach wonsch geruret vnd geschlagen.
Munz, Füetrer. Persibein
134, 6
(
moobd.
,
1478
/
84
):
er schuempt vor / grimm gleich wie ain per, | der helld mit seiner gläuy in do rúerte.
Wackernell, Adt. Passionssp. St. II,
2548
(
tir.
,
v. 1496
):
Das sper ist wol also scharf, | Als pald er damit wirt gerürt, | So ist im sein leber gar zerfüert.
Peil, a. a. O.
650, 4516
;
Wyss, a. a. O.
8846
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
8.
›eine emotionale (sich psychisch oder physisch manifestierende) Reaktion verursachen‹ (von Personen sowie negativen und positiven Emotionen gesagt); ›jn. (bzw. eine die Person vertretende innere Instanz, z. B.
das herz, gewissen
) emotional berühren, treffen‹; eng anschließbar an 2.
Meist ˹älteres und mittleres Frnhd.; Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘˺.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 2, 7.
Syntagmen:
der gehorsam, das wort
(Subj.)
r
. (absolut);
Jesus das herz, die beichtväter / priester das gewissen r., etw
. (Subj., z. B.
die angst / gnade, die furcht des zweifels
)
jn. r
.,
etw
. (Subj.)
etw
. (z. B.
der jamer das herz, die minne den schmerz, die tugend das herz, das herz den mut
)
r
.

Belegblock:

Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
Mit diesen und dergleichen sollen sie
[Priester]
sich befleissigen den armen Suͤndern / das Gewissen zu ruͤhren.
Jahr, H. v. Mügeln
1610
(
omd.
, Hs.
1463
):
der heißet stark, der [...] | [...] | [...] gerechte sache fürt | und in nicht zwifels forchte rürt.
Neumann, Rothe. Keuschh.
5432
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
wan der lude mud wirt geruͤret | di ir kuscheid allezyd han gefuͤret, | mit der bosen hoffard, | so wirt danne das beward | das si god lesset vallen danne.
Pyritz, Minneburg
5405
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Daz ich [...] gehoret han, | Daz nie kein smertz getet so we | [...] | Sam den die mynne recht ruret?
Wagner, Erk. Ps.-J. v. Kastl
3, 33
(
nürnb.
,
1. H. 15. Jh.
):
also enpfindt dann das hercz, das es nü gefunden hat die tugent der hofnung in christo jhesu, der es ruret und besiczet.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
daz ist guͦt ze hoͤren, wan es daz herz ruͤret, den geist uf lupfet.
Mich ruͤret noch ein wort, daz da vor gesprochen ist: daz der mensch dar zuͦ muge komen in zit, daz er sich verstande eins in dem, daz ie ist gewesen.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
1, 105
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Die fúrgande gnade ruͤret den menschen von vssen vnd von innen.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
2, 41
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
In luft Abakuk gefüret, | Isaias dich oft rüret, | Jeremias klagt dein nöt.
Munz, Füetrer. Persibein
378, 4
(
moobd.
,
1478
/
84
):
gross anngst mich rúeret.
Oorschot, a. a. O. ;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
69, 7
;
505, 5
;
Munz, a. a. O.
318, 7
;
9.
›jn. betreffen‹ (z. B. von Gesetzen); ›jn. befallen, überkommen, beeinträchtigen; jm. zustoßen‹ (z. B. von Unheil, von Krankheiten).
Bedeutungsverwandte:
vgl. 9, 8.
Syntagmen:
etw
. (Subj., z. B.
der breste / schlag, die hitze / armut, das gesez / paralis, ein we
)
jn. r., die gebrechen den menschen r
.;
j. aller dinge
(Gen.)
r
.;
etw
. (Subj.)
an den tod r
.; part. Adj.:
der gerürte
›betreffende‹
hof
.

Belegblock:

Valli, Baldemann
370
(
rhfrk.
/
nobd.
,
um 1350
):
Her wil mich, e der endecrist | Kum, uff zu hymel fuͤre, | Daz mich untat icht ruͤre.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Ich wil von den handen din | Entpfan mine schefelin, | Uf daz ich sie wec vuere, | Daz sie kein we icht ruere.
Sermon Thauleri
8vb, 29
(
Leipzig
1498
):
des neme eyn mensch ann ym selbs vleissiglichẽ war wo in dyse gebrechen am aller meisten ruren.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Bautzen
1567
):
Du bist der schatten wenn vns die hitze ruͤrt.
Sachs (
Nürnb.
1562
):
Dünckt sich doch meister seyn in allen, | [...] | Und ist doch nur ein blawer dunst | All sein geschickligkeit und kunst | [...] | Endtlich im keinr gerhaten thut, | Biß in endtlich rürt die armut.
Chron. Strassb. (
els.
,
A. 15. Jh.
):
do sties in ein siechtage ane und ruͦrte ine das parlys, das er abe dem pferde viel.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
1407
):
vnd sol dis
[das vorgenannte Gesetz]
ruͤren die, so die eynungen vertigen suͥllent.
UB Zug
1600, 11
(
halem.
,
1493
):
Was guͤtter, zuͦ dem geruͤrten hoff gehoͤrende, der vorgenant Petter [...] verkoufft hăt, das er die selben wider erkouffen [...] soͤlle.
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
227r, 13
;
Schützeichel, Mrhein. Passionssp.
30
;
Skála, Egerer Urgichtenb.
199, 12
;
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 375, 10
;
Dirr, Münchner Stadtr. ;
10.
›etw. (vereinzelt: jn.) zum Thema machen, erwähnen, meinen‹; ›auf etw. Bezug nehmen‹; teils wertend, dann: ›jn. tadeln‹; ›etw. beklagen‹.
Bedeutungsverwandte:
8, 6; vgl. 11.
Syntagmen:
j. etw. / jn. r
. (z. B.
den hof, den geiz der kirche, die unzucht, die pracht der kirche, die fremde geschichte, das narwerk / zeichen, die grillen des kopfes, mer der greuel, die falschen apostel
),
j. etw
. [wo] (z. B.
am anfang, in dem kapitel, in dem buch des historienschreibers
), [wie] (z. B.
ane schmeichen, mit worten
)
r
.,
j. r., das [...], wie [...]
;
j. auf etw
. (z. B.
auf die minderung des rates
)
r
.

Belegblock:

Luther, WA (
1531
):
Aber ich mus hie auff hoͤren der grewel [...] mehr zu ruͤren.
Ebd. (
1531
):
Joannes [...] menget solche rede mit ein, damit ehr anzeige, das Christus warhafftiger gott sei, ruret damit, das Christus etwas mehr sei dan fleisch undt blutt.
Ders. Hl. Schrifft. 2. Kor. Vorr.
2326, 24
(
Wittenb.
1545
):
mit dem allen rüret er die falschen Apostel / welche das Gesetz wider das Euangelium trieben.
Chron. Köln (
Köln
1499
):
Upp disse meinunge is ein widderrede [...] dat doch in gheines historienschriver boich geroirt wirt.
Chron. Mainz (
rhfrk.
,
15. Jh.
):
als ir of die minnerunge des raits geruret hant, [...] daz wir der stat ere und notze und bestes gerne sehen wolden.
Neumann, Rothe. Keuschh.
4121
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
der propheta Ysayas | der ruret in sime buche das.
Meisen u. a., J. Eck
12, 7
(
Leipzig
1520
):
Auch wil ich nith ruͤren, das er seiner haut foͤrcht und sagt, es sey wider den willen des Geistes, das man ketzer vorbren.
Gille u. a., M. Beheim
148, 132
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Nach dem so haben wir Estras | in das puch rurt Neemias, | dem ich funfczig capitel mas.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
27
(
Nürnb.
1517
):
gnaden, – in der und durch die, wie ich hievor gerürt hab, Christus ein hantreicher unser selikeit worden.
Thiele, Minner. II,
13, 232
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
Denn hohen adel rürenn | wil ich on alles smeichenn.
Ebd.
30, 178
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
Das yerste zeichen wil ich ruͤren, | das czweyer hertsin wille vereint.
Fischer, Eunuchus d. Terenz (
Ulm
1486
):
Dartzuͦ foͤrchten sie mich. Das ich it ain andern auch rürte mit disen wortten.
Niewöhner, Teichner
346, 6
(
moobd.
,
1360
/
70
):
Ainer vragt mich der maͤr, | ob unser herr schuldig waͤr | [...] | do sprach ich: daz wil ich ruͤren.
Buijssen, Dur. Rat.
11, 14
(
moobd.
,
1384
):
waz die dingen bedewtten, das well wıͤr rueren am anphang.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Bei den alten poëten [...], die alle unzucht der stat Rom auf das höchst gerüert und antast, [...] findt man kain so groben [...] misbrauch nit.
Luther, WA ;
494, 1
; Anm. zu 4;
Schade, Sat. u. Pasqu. ;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
18, 7
;
Wackernell, Adt. Passionssp. H. II,
938
;
11.
›von etw. / jm. herrühren, stammen‹ (von Gegebenheiten unterschiedlicher, sowohl konkreter wie abstrakter Art gesagt).
Bedeutungsverwandte:
vgl. 3.

Belegblock:

Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
so solte dennoch dasselbig durch tuͤchtige Zeugen erwiessen vnd darbeneben Vrsachen vnd Muthmassungen woher solches ruͤhren moͤchte vorbracht [...] sein.
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
21, 6
(
noobd.
,
1347
/
50
):
Und daz haizzet daz unvernunftig bekantnusse, daruͤmb, daz ez auz got ruͦr und sitzt.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
Ich [...] sag nu hinfüran die lini von Karolomano, von dem nu für und für rüert diss edel pluet.