1
rügen,
V.;
zu
mhd.
rüegen
›melden; anklagen‹
().
1.
›jn. eines Vergehens, Fehlverhaltens beschuldigen und / oder ihn bei einer dafür zuständigen Instanz anzeigen, melden‹; damit zugleich: ›jn. eines Vergehens anklagen‹ (von einer dazu befugten Instanz gesagt); resultativ: ›jn. rechtskräftig verurteilen‹; offen zu 2.
Überwiegend Rechts- und Wirtschaftstexte, chronikalische Texte.
Gegensätze:
1, (V., unr. abl.) 6.
Syntagmen:
j
. (z. B.
der banwart / bürger / kläger / knecht / rüger, die geschworenen, die obersten priester
)
jn. r., das gesez / gewissen
(Subj.)
jn. r
.,
j. jn
. [wie, wo, weshalb] (z. B.
öffentlich, an den dingen, auf strafe, in gemein, in der stat, um ehebruch, um eine einung / sache, um hurerei / schuld, von has, vor dem könig
)
r., den ketzer vor geistlichem gericht r., jn. zu rügen macht haben
;
j. jm
. (z. B.
dem keiser / rat, den pharisäern
)
r
.
Wortbildungen:
rüger
1 ›Ankläger‹,
rügung
1 ›Anzeige, Klage gegen e. P.‹,
rügzettel
1 ›Aufzeichnungen über die Vergehen einer Person (im Sinne eines Führungszeugnisses)‹.

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
Swa man der ketzere inne wirt, de sol man wrogen vor geistlichem gerichte.
Pfefferl, Weigel. Ges.
25, 21
(
Hamb.
1646
):
Wiewol das war ist, das vns das Geseze zu Sündern machet, [...], es ruget vns vnd klaget vns an.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mk. (
osächs.
,
1343
):
Und en [Jhêsum] ruͦgetin
[
Mentel
1466:
besagten
; nd. Bibel um 1478:
auerseden
;
Froschauer
1531 /
Eck
1537 /
Luther
1545:
beschüldigeten
]
di oberstin pristere an vile dinge.
Chron. Nürnb. (
nobd.
,
1449
/
50
):
was einer geraisig, so fragt man nach seinem namen [...]. man schaut auch in die rugzettelen, ob er icht gerügt wer, daz melt man auf in.
Lexer, Tucher. Baumeisterb. (
nürnb.
,
1464
/
75
):
welicher [geselle] sich aber abstele und abgieng on erlaubung [...], den sollen die andern rugen.
Voc. Teut.-Lat.
bb iiijv
(
Nürnb.
1482
):
Rugen besagen. accusare.
Sachs (
Nürnb.
1554
):
Ir bawrn [...], wist ir wol, | Daß einr den andern rügen sol | Umb ehbruch oder hurerey.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
478, 8
(
els.
,
1362
):
Abdon vnd Sennes [...] begruͦbent der heiligen lichomen. Hie vmb wurdent sú dem keiser geruͤget.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Den Phariesesen
[sic!]
wart ain wip | Geruͦget [...] | Sie hette ir e gebrochen.
Rennefahrt, Wirtsch. Bern
545, 36
(
halem.
,
um 1484
):
welich dis ordnung nit woͤllten halten, die sol niemand laͧssen wercken, [...] und sol je einr den andern ruͤgen und niemands schonen.
Müller, Alte Landsch. St. Gallen (
halem.
,
1498
):
Es sol niemand den andern mit dem trinken nöten, [...] von wem dz uberfaren wirt, den wil m. g. h. [...] strafen und die wirt söllent die selbigen [...] angeben und ruͦgyen.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1393
):
vil ketzer [...] wolten [...] gen Rom komen und da puͦzz enpfachen, darumb daz si nit gerügt wurden in der stat.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 34, 22
(
schwäb.
,
1574
):
welcher sein rechten tauf- und zunamen, wann er gerüegt oder sonst angegeben würt, verleugnet, der kombt umb ein guldin.
Ebd.
546, 19
(
1621
):
ein jeder auch die verbrecher [...] zue rüegen, hiemit ernstlich erinnert sein.
Ebd.
729, 8
(
1584
):
es soll auch ein ieder meiner underthonen einen ieden [...] zu rüegen, pfenden und in pfandhof zu treiben macht haben.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
um 1365
):
swer daz uͤber sein triwe pricht und darumb geruͤget und gemeldet wirt, [...] geit er dem richter 1 pfunt pfenning.
Rudolf, H. v. Langenstein. Erch.
14, 40
(
moobd.
,
1393
):
Wann welher mensch seiner schuld hie nicht vergicht, den ruͤgt vnd schuldigt an dem yungistem gericht sein aignew gewissen.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
15. Jh.
, Hs.
1537
):
ist der rueger in dem lant gesessen so soll er der ruegung nachkomen inner jarsfrist.
Koeniger, Sendgerichte ;
Foltz, UB Friedb. ;
Schmidt, Frankf. Zunfturk.
1, 59, 28
;
Feudel, Evangelistar
50, 8
;
Bihlmeyer, Seuse ;
Sappler, H. Kaufringer
3, 206
;
Gehring, a. a. O.
643, 13
;
Wintterlin, Würt. Ländl. Rechtsqu. ;
Jaksche, Gundacker ;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ;
Siegel u. a., Salzb. Taid. ;
Vgl. ferner s. v. 4, .
2.
›einen Sachverhalt (öffentlich) bekannt machen, melden‹; überwiegend speziell: ›ein Vergehen, ein justiziables Fehlverhalten im Rahmen eines Rügeverfahrens öffentlich machen, anzeigen‹; auch: ›einen Rechtsanspruch auf etw. anmelden‹; ›über eine rechtliche Angelegenheit beraten, verhandeln, entscheiden‹ (von dazu befugten Gremien gesagt); ›eine rechtskräftige Regelung, ein Urteil öffentlich bekannt machen, bekräftigen, schriftlich fixieren‹; ›jm. im Rahmen eines rechtlichen Verfahrens etw. zusprechen‹; ›jn. rechtskräftig in einem Amt, in einer Machtposition bestätigen‹; im Unterschied zu 1 eher auf die öffentliche Bekanntgabe eines Fehlverhaltens gerichtet.
Gehäuft Rechts- und Wirtschaftstexte.
Phraseme:
auf eigen / erbe rügen
›öffentlich einen Besitzanspruch, Erbanspruch anmelden‹.
Bedeutungsverwandte:
2, (V.) 1; 2, , 6; 7, 4, 6, , .
Syntagmen:
j. etw
. (z. B.
den diebstal / ehebruch / frevel / schaden / ungehorsam, die missetat / untreue, das schlagen / schwören / steinwerfen / zutrinken, die (heimliche) sache, die gewapnete hand, scheltworte, alle klagwandel
)
r
.,
j
. ˹
js. gerechtigkeit / gewonheit, die marktgerechtigkeit / ordnung / satzung, das recht, wege und stege
˺
r
. ›rechtlich bekräftigen, bestätigen‹,
die blutende wunde
(Subj.)
die tat r
.,
j. etw. auf dem gerichtstag, bei dem eid, in gegenwärtigkeit eines herren r
.,
j. jm
. (z. B.
dem amptman / bürgermeister / richter / rügrichter / schultheis / zunftmeister
)
etw. r
., ˹
jm. den xten teil, dem herren das rotwild, dem neuen abt ein nachtsälde
˺
r
. ›zusprechen‹,
den herren zum grundherren r
. ›js. Recht als Grundherr öffentlich anerkennen‹,
j. r., das [...]
;
j. über etw. r
.
Wortbildungen
(im Einzelnen auch zu 1 stellbar):
rügbuch
›Rechtsaufzeichnungen, Gerichtsbuch einer Gemeinde‹,
rügbürge
›Bürge in einem Rügeverfahren‹,
rüger
2 ›amtlich vereidigte Person, die für die
rügung
(vgl. 1) kleinerer Straftaten zuständig ist‹,
rüghalm
›Halm, mit dem (rechtssymbolisch) die Fesselung eines Angeklagten, der an ein anderes Gericht überstellt wird, vorgenommen wird‹,
˹
rügherre
,
rügsherre
(a. 1486)˺ ›Zunftmeister‹,
rügman
›Gerichtsbeamter, Gerichtsdiener‹,
rügmeister
›Vorsteher eines Rügegerichts‹,
rügpfenning
›Gerichtsgebühr‹,
rügstube
›Raum, in dem die Anklagerhebung erfolgt‹,
rügtag
›Gerichtstag‹ (dazu bdv.: , 1),
rügung
2 ›Anmeldung eines Rechtsanspruchs‹ (dazu bdv.: ),
rügzettel
2 ›Aufzeichnung über zu verhandelnde Anklagepunkte in einer Gerichtssitzung (im Sinne eines Protokolls)‹ (a. 1554).

Belegblock:

Koeniger, Sendgerichte (
rib.
,
1566
):
man soll bei der warheit die rueger frogen, das sie ein geruecht für ein geruecht und ein warheit für ein warheit einbrengen.
Ebd. (
n. 1479
):
so wrogen wyr vur eyn alt herkomen, dat eyn pastoer die hilge kyrge van Worselen sall selve besyngen.
Ebd. (
rhfrk.
,
um 1450
):
ist unser gewonheit [...], das wir nicht anders rugen danne was eliche und ander geistlich sach angeet.
Ebd. (
2. H. 15. Jh.
):
sie [die gemeynde] sollen forbrengen und rugen alles, das dar ruckbar ist.
Kollnig, Weist. Schriesh.
161, 9
(
rhfrk.
,
1606
):
eines jeden jahrs drey gerichts-, ruge- oder ohngebottene gedingsdage [...] zu halten.
Ermisch, Freib. Stadtr. (
osächs.
,
1325
):
Ist, daz einer zu kleine beckit unde wo daz gerugit wirdit [...], daz ist alliz achtehalp schillinc zu rechte.
Dinklage, Frk. Bauernweist.
111, 26
(
nobd.
,
15. Jh.
):
der ichtes [...] zu rüegen hat, der soll es uf den gerichtstag ruegen in gegenwertigkeit eins herrn von Uraw.
Unger, Richtes Stig (o. O. 
1474
):
ich frag dich, ab ein itlich burgermeister rugen sulle, was in seinem dorff geschenn sey?
Roder, Stadtr. Villingen (
önalem.
,
ab 1501
?):
es soll mäniglich [...] so das sieht, rüegen und dem dorfvogt anzeigen.
Ebd. (
1573
):
Welcher zue rüeger am käß und ancken marckt genommen würdet, der soll schwören.
Bartsch, Reinfrid (
halem.
, Hs.
14. Jh.
):
Wie hât sich daz gefüeget | daz iuwer nôt gerüeget | mac keinem menschen werden?
Schib, Urk. Laufenb.
297, 5
(
halem.
,
1596
):
Bürgen: [...] Hannß Huffennuß; rugbürgen: Hannß Boll.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 505, 10
(
schwäb.
,
1570
):
dem ruogmann 1 ß.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
so muestu mir des [...] sweren, das du dise haimlichen sach, die ich dir bevelhen wil, nyndert rüegest, meldest noch handlest.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
16. Jh.
):
Vermerkt die herrligkait und freihait des wolgepornen herren [...] von Puecham, [...] so järlichen zu Sauberstorf geriegt wiert am suntag nach der heiligen drei kunic tag.
Ebd. (
M. 15. Jh.
):
Man sol kain verpotne wer [...] in die rugstubm nit tragen.
Ebd. (
1524
, Hs.
17. Jh.
):
Wir [...] haben dero [...] alt panthadung und rewhegung, in massen die unß auf ainer zettel fürgebracht, ersehen.
Ebd. (Hs.
1371
):
schuͤllen im sein hend pinten mit einem ruͤghalm, und schüllen dem lantrichter dreistuͤnd ruͤffen.
Ebd. (
15. Jh.
, Hs.
1537
):
ist der rueger in dem lant gesessen so soll er der ruegung nachkomen inner jarsfrist.
Bischoff, Steir. Landr. (
m/soobd.
, Hs. 
v. 1425
):
Wann ain mensch ain rug phenig geit ainem richter [...], daz schol zehant [...] chlagen.
Ders. u. a., Steir. u. kärnt. Taid. (
m/soobd.
,
1478
, Hs.
16. Jh.
):
und soll dise unser ordnung und sazung all jar [...] in demselben unserm lantgericht derzeit ains werden geruckt und verlesen.
Ebd. (
1508
):
Ruegbuech des panthedings zu s. Gallen.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
17. Jh.
):
Nit minder riegt man unserm genädigisten herrn [...] alles rodwilt.
Ebd. (
1585
, Hs.
1673
):
Wann man die riegmaister, zëchmaister und siechmaister seczen soll.
Ebd. (
1494
):
Hie sint vermerckt die landmarch [...], so von alter unz her [...] geoffent und gerüegt sind worden järlich.
Bretholz, Liechtenst. Herrsch.
334, 35
(
smähr. inseldt.
,
1414
):
man rugt, das man drew pantayding sull haben in dem jar vnd wann man dew haben well.
Aubin, Weist. Köln/Brühl ;
Valli, Baldemann
352
;
Küther, UB Frauensee
379, 18
;
Lexer, Tucher. Baumeisterb. ;
Vgl. ferner s. v. .
3.
›jn. (bzw. sein Verhalten) in der Öffentlichkeit bewerten‹; positiv konnotiert: ›jn. / etw. rühmen, preisen‹; mit negativer Tendenz: ›jn. tadeln, ermahnen‹; auch: ›jn. verleumden, über jn. lästern‹.
Gehäuft literarische Texte.
Wortbildungen:
rüger
3 ›Verleumder, Lästerer‹ (dazu bdv.: ),
rügopfer
›Sühneopfer‹ (dazu bdv.: , , ).

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft.
4. Mose 5, 18
(
Wittenb.
1545
):
Vnd sol das Weib fur den HERRN stellen / vnd jr Heubt entblössen / vnd das Rügeopffer
[
Mentel
1466:
opffer der gedenckung
;
Froschauer
1531:
dennckopfer
;
Dietenberger
1534:
kundopffer
;
Eck
1537:
opffer der gedaͤchtnus
]
/ das ein Eiueropffer ist / auff jr hand legen.
Stackmann u. a., Frauenlob
5, 68, 10
(Hs. ˹
nobd.
,
3. V. 15. Jh.
˺):
warzu sol herren name, | wil er sich schamen | der tat, die herren füget | lob, mit prise rüget.
Sachs (
Nürnb.
1563
):
Und sol darauff nicht giessen hel | Öl, noch kein weyhrauch darauff thun | Weyls ist [...] | [...] ein rügopffer glat, | Das rügen soll die missethat.
Ebd. (
1554
):
Ich weiß von ihn allen [...] | Nichts anders, dann alls lieb und guts. | Drumb weiß niemand zu rügen ich.
Thiele, Minner. II,
13, 137
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
den ungedruwen Kay | denn wil ich hie mit luczel worten rügen.
Ebd.
27, 210
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
alz ich myn liep sie vor mich gaen, | ûff straetzen of in kerken staen, | und ich ir nicht mach aen gesien | van nyders und roegers spien.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
mænig jamer lait das kint, | Als noch dú ingebresten sint | Dú menschlich nature infuͦgte, | Dú ir gebresten ruͦgete.
Sappler, H. Kaufringer
3, 663
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
der bischof hett vernomen das, | wie der pfarrer grossen has | dem pauren truog [...] | und wie er [...] | in an der kanzel rüeget ser.
Ebd.
9, 252
:
ob der man ir [weib] boßhait rüeg, | so vindt si pald den fuog | [...] | das er dann muos unrecht han.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
[ain pfaff] ruget die kätzer also ser und sprach, er wolt darumb sterben oder er wolt die kötzer vertreiben.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
93, 6
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Wer rügt verholne minne, | si sollen s’ auch von recht pillich entgelten.
Munz, Füetrer. Persibein
424, 5
(
moobd.
,
1478
/
84
):
do man zum höchsten rúegt der fürsten preyse.
Niewöhner, Teichner
124, 72
;
Koppitz, Trojanerkr. ;
4.
›etw. (in der Regel: Waren) prüfen‹; ›etw. beanstanden, bemängeln und diesbezüglich eine offizielle Meldung machen‹.
Bedeutungsverwandte:
(V.) 10; vgl. 19, 2; 3, 6.
Wortbildungen:
rüger
4 ›Warenprüfer‹ (dazu bdv.: vgl.
1
,
1
3, 2).

Belegblock:

Merk, Stadtr. Neuenb. (
nalem.
,
1616
):
was sie
[Fleischbeschauer]
[...] unrecht befinden, daß sie daßelbige nicht allein alsbalden abschaffen, sondern auch [...], was sich sonsten zu riegen gebeurt, einem ersamen rat [...] anbringen sollen.