regel,
die
;
–/-(e)n
;
auch
regul
, da der Vokal der zweiten Silbe von
lat.
regula
teils
-u-
bewirkt (
Pfeifer
2000, 1100
).
1.
›auf bestimmten Grundlagen (z. B. auf Erfahrung, Erkenntnissen, religiösen Überzeugungen) basierende, für einen bestimmten Sinn- und Gestaltungsbereich (verbindlich) geltende Norm‹; ›Gesamtheit der Sitten und Gebräuche einer Gemeinschaft; gesammeltes Erfahrungswissen‹; ›Vorschrift, Richtlinie; Anweisung, Orientierung‹; speziell: ›Kodex‹; auch: ›Lehre (z. B. des Glaubens); Ordnung‹; vereinzelt als Übersetzung für lat.
canon
: ›Evangeliensynopse‹ (vgl. Beleg
Bechstein
); häufig im Sinne eines Kollektivums gebraucht.
Phraseme:
der bauern regel
›Bauernregeln‹.
Bedeutungsverwandte:
(
die
) 4, , , 1,
2
6,
1
3, 3, 1; 10, , 2, 3, , ; vgl. 3, (
der
) 2.
Syntagmen:
eine r. aufsetzen / halten / lesen / merken / übertreten, jn. leren, jm. vorschreiben, (jm. / e. S.) geben
;
j. die r. des glaubens sein, der glaube, die liebe (eine) r. sein, die gesetze regeln sein
;
etw. den regeln zuwieder laufen
;
j. auf die r. halten / merken, jn. durch regeln zu einem poeten machen, etw. für eine r. halten, j. in einer r. bleiben, etw. nach den regeln anschlagen, etw
. (Subj.)
nach der r. wirksam sein, etw. von der r. erlaubt sein
;
die r. des glaubens, der comedie / ritterschaft, aller gerechtigkeit, aller gesetze
;
eine r. in der arzetei, in käufen / verkäufen
;
eine andere / christliche / falsche / gemeine / gewisse / hochlöbliche / kurze r
.
Wortbildungen:
regeln
1 ›etw. (nach bestimmten Richtlinien) steuern, lenken‹ (dazu bdv.: 2; als part. Adj.
geregelt
auch: ›geordnet, regelmäßig, gemäßigt‹).

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
664, 12
(
Lübeck
1639
):
Jacobus Koͤnig in groß Britannien hat in seinem Testament sehr Christliche vnd an allen Regenten sehr hochloͤbliche Reguln seinen Soͤhnen fuͤrgeschrieben.
Luther, WA (
1522
):
Wir [der Apostolische stuel] sind der meister aller welt, die regel des glaubens, der brune alles rechten.
Derhalben so ist der Glaube Regel, Mas und Meister uber die Liebe, so ferne das Wort Gottes rein bleibet.
Ebd. (
1526
):
sie [liebe] ist ein regel und meisterin aller gesetz, welche sich alle muͤssen lencken nach der liebe.
Thiele, Minner. II,
31, 449
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
noch mossen wer ritter haben me | die wer leren onser e | und die regel der ritterschaft.
Scholz, Lanfrank. Chir. Parva
239v, 16
(
md.
/
oobd.
,
1446
/
8
):
ein gemeie
[sic!]
regel / in der erczteÿe des cancri, daz ist das / er numer wirt gehellet. er werre / denne mit allen senen wurczel aus / gepracht.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Got sol ein regel und ein fundament sîn dîner minne.
Chron. Köln, Koelhoff
2v, 6
(
Köln
1499
):
dye gesetze synt regulen vnd wege off lere wye man sall leuen.
Beckers, Bauernpr.
50, 2
(
Köln
1515
/
8
):
Alhie heuet sich an der Buren Practick ad Pronosticacion vñ Regell dairvp sy dañ myrcken vñ halden dat gantze jair.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. 1. Vorrede (
osächs.
,
1343
):
wenne du also die regulen lisest die undir gesatzit sin, sô ist abe genumen di schendunge irretûm: und sô weistu di glîchen spruche ir allir
(der
vier êwangêlia
).
v. Tscharner, Md. Marco Polo
65, 10
(
osächs.
,
2. H. 14. Jh.
):
Si
[Einwohner von
India
]
lebin gemeynlich ij hundirt jar, das kumt von dem getempirtin und geregiltin lebin das si han.
Opitz. Poeterey
7, 9
(
Breslau
1624
):
bin ich doch solcher gedancken keines weges / das ich vermeine / man koͤnne iemanden durch gewisse regeln vnd gesetze zu einem Poeten machen.
Mon. Boica, NF.
2, 1, 295, 22
(
nobd.
,
1464
):
Es ist zwͦ merken [...] auf die pfenniggult, das sie nicht ongeslagen sey nach den falschen regeln.
zu Dohna u. a., Staupitz/Scheurl
228
(
Nürnb.
1517
):
[got] in der lieb den andern tugenden ein regel und form gesetzt und geben hat.
Dietrich. Summaria
25v, 14
(
Nürnb.
1578
):
[der Herr Jesus] gibt [...] jetzund ein ander regel / wie man sich gegen die soll halten / so andere ergern.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Eine kurtze regel: wirckent úch abe von zitlichen dingen.
Steer, Schol. Gnadenl.
1, 84
(
noschweiz.
,
15. Jh.
):
Du hest es nv recht gemerket, daz die regel
[›Maßstab‹; hier im Übergang zu 4]
aller gerechtikeit ist nit anders denne der wille des schoͤppffers.
Köbler, Stattr. Fryburg (
Basel
1520
):
von gemeiner regel einem yedem erlaupt ist zeklagen.
regel / ordnung eines gewissen verhaltens. [...]. Die (regel) vbertretten.
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
240, 14
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
übermitz das gerihte der bescheidenheit geregelet sülen werden die bewegung (der) nidern begirde.
Hohmann, H. v. Langenstein. Untersch.
93, 40
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
ain ander ding ist, [...] do man ain gewissew regel auffsetzt, daz wir icht, daz do gots ist, vns geben vnd zuͦaignen.
Meisen u. a., J. Eck
56, 7
(
Ingolst.
1527
):
den Philipensiern gebeut er [der heylig Paulus]: ,Wir soͤllen ain ding halten und in ainer regel bleiben‘.
Mieder, a. a. O.
664, 15
;
Gropper. Gegenw. ;
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. ;
Opitz. a. a. O.
20, 34
;
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 5, 6
;
Köbler, a. a. O. ;
2.
›Vorschriften für das Zusammenleben einer religiösen Gemeinschaft, eines Ordens; Ordensregel, Klosterregel‹; häufig als Kollektivum auf die Gesamtheit der Vorschriften eines Ordens bezogen; als Spezialisierung eng anschließbar an 1.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 5.
Syntagmen:
die r. bestätigen / brechen / halten / lesen / schreiben, sich vorschreiben, jm. vorlesen, aus der meinung der heiligen lerer zusammensetzen
;
die r
. (Subj.)
beginnen / gleissen, ein ende haben, in einem buch, nach dem evangelium sein, zu etw. manen
;
j. sich der r. untergeben
;
bei der r. bleiben, durch die r. selig werden, js. leben, seine brüder in eine r. verfassen, nach der r. leben, busse leiden
;
die r. des klosters / ordens, sankt Benedikts / Francisci, der barfüsser / minderbrüder / väter
;
eine besondere / deutsche / gemeine / heilige r
.
Wortbildungen:
regelfaste
›Fastenzeit entsprechend der Ordensregel‹,
regelfasterin
›Ordensschwester, die nach der Ordensregel fastet‹,
regelhaus
›Kloster; Haus einer Gemeinschaft, die nach einer Ordensregel lebt‹ (dazu bdv.: vgl. 1, 1),
regelherre
›Mann, der nach einer Ordensregel lebt‹ (dazu bdv.: , 1),
regelich
›der Ordensregel entsprechend‹ (dazu bdv.: vgl. 1, 2; meist in der Verbindung
regeliche behaltnis
›Einhaltung der Ordensregel‹),
regelrok
›Ordenskleidung‹ (dazu bdv.: vgl. 2),
regler
›Mönch; Regularkanoniker‹ (dazu bdv.: 1).

Belegblock:

Luther, WA (
1522
):
Sanct Augustinus hatt eyn feyn leben gefuͤret, dem haben sie wollen nachfolgen, darumb haben sie seyn leben ynn eyn regell verfaßt und eyn orden gestifft auff seyn leben.
Ebd. (
1527
):
ich bin eben so wol Abegoͤttisch, wenn ich ynn ein Kloster gehe und schreibe mir solche regeln fur [...], davon Gott nicht geboten noch yhe geredt hat.
Ebd. (
1529
):
S. Francisci Regel gleist so schoͤn, das dieselbigen Moͤnche Christum druͤber verleugnen und S. Francisco nachfolgen.
Sievers, Oxf. Benedictinerr. , Überschrift (
hess.
,
14. Jh.
):
Hie beginnit die regele sancte Benedictus unses vaders und unsers lieben herren.
Daz ist der achte grad der otmudkeide, daz die suster nit indu dan daz die gemeine regele des closters und die vorbilde der obersten manet zu dune.
na sehes
[sic!]
manden sal man ir [der nuwen sustere] aber vor lesen dise regele, daz sie wizze umme waz sie dar kummen sy.
v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
13, 14
(
omd.
,
1487
):
[ich] durch vleissiges bitten vnd anligen [...] au̇ß der meÿnũg der heÿligen lerer ein deẇtzsche regell
[des Ehelebens; ütr. auf das Ordensleben]
zcu sãmen gesatzt gehandelt.
Gille u. a., M. Beheim
240, 30
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
münch und nunnen, wie vil ir sei, | dy halten all ir regel.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1520
):
Es war auch in dieser proceß gar ein grosse schaar der wittwen, die sich mit jhrer hand nehren und ein besonder regel halten.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Bey Jupiter schwer ich ein Ayd, | Daß mich soll weder lieb noch leid | Abhalten von dem Closter Leben. | Will mich der Regl vntergeben.
Koller, Ref. Siegmunds (Hs.
um 1474
):
[dye thumherren] sein doch recht regelherren als monich.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
Die [vaste] sol alsus sin das die swesteren die es wol vermúgent sunder qwetschunge irre naturen, so múgent si die regel vaste vasten.
Glatz, Chron. Bickenkl. (
önalem.
,
um 1640
):
[frow muotter seligen Sophia Eschlingspergerin] uns trülich befohlen alle gaistliche schwesterliche treüw und liebe, regeliche behaltnus uns das mir trüwe nachfolgerinen sollend sein unsers herren Jesu Christi.
Leisi, Thurg. UB
8, 418, 6
(
halem.
,
1399
):
wenn die regelvasterinen und dú jǎrzit also werdent ussgericht, wz denn an den vier phunden Hallern dennocht vorstǎt, daz sol dú jǎrzit maystrin denn den frǒwen geben úber tisch.
Nyberg, Birgittenkl.
1, 313, 34
(
1558
):
so hetten wir große begirt in ein regelhauß, nemlich gen Ingolstat, dieweills an dißen ort noch cristlich ist vnd alle ding nach alltten prauch.
Ebd.
2, 32, 44
(
1523
):
Darnach so legt er [beichtiger] im [nouizen] an ein reglrockh vnd spricht darzu die collecten.
Niewöhner, Teichner
350, 103
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
ez ist etleich reglaͤr | der sew gern paidw waͤr, | gaistleich und der werlt pey, | und schampt sich daz er ein muͤnich sey.
Sievers, a. a. O. ; ; ;
v. Keller, a. a. O. ;
Goedeke, P. Gengenb. ;
Bauer, Geiler. Pred.
469, 10
;
Wolf, Norm im sp. Ma.
24, 4
;
67, 86
;
Nyberg, a. a. O.
1, 297, 24
;
3.
›festgelegte Konvention, Norm für ein Wissensgebiet‹; im Einzelnen: ›mathematische Regel‹; ›orthographische Regel‹; als Spezialisierung anschließbar an 1.
Phraseme:
die regel von der position
›Dreisatz‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 1, , 2.

Belegblock:

Mendthal, Geom. Culm. (Hs. ˹
preuß.
,
A. 15. Jh.
˺):
so wyl ych hy setczen eyne gemeyne regil: in der lengesten want, dy kegen dem stumpen winkel yst, sal man [...].
Ries, Rechenb.
B 2v, 12
(
Erfurt
1522
):
machs [Multiplicirn] nach volgenden zweyen Regeln.
Kohler, Ickelsamer. Gram. (wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
Vom überfluß, mangel, vnnd verwandlung vnsers A be cees, sampt ainer Regel zum lesen dienstlich.
Die ander Regel
[der Worttrennung].
Man soll mercken welche buchstaben vnterainander etwas verwandt sein, dan solche sollen zusamẽ in ain silben genomen werde.
Vogel, Pract. Alg. Ratisb.
288, 12
(
moobd.
,
M. 15. Jh.
):
Illa subtrahe ab 20, manet 11 vnd ist dy regel von der posicion.
Kohler, a. a. O. ;
Vogel, a. a. O.
273, 8
.
4.
›Vorbild, Leitbild; Person oder Sache, der besondere, herausragende Qualitäten zugeschrieben werden‹.
Bedeutungsverwandte:
1, 2; vgl. , 3, 4, 1; 2.

Belegblock:

Luther, WA (
1529
):
Es ist dieser Text ein Muster und Regel alle derer, die da sollen zu Emptern gekoren werden.
Franck, Decl.
348, 32
(
Nürnb.
1531
):
Gefelt dir in Catone die trunckenheit / so laß dir auch gefallen sein dapfferkeit / lere / tugent [...] vnd all ander heyligkeit / dero er ein exemplar vnd regel genant ist worden.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Du [Maria] wært ie únser sælden hort | [...] | Únser schiff enker und segel, | Aller tugende ain rainú regel.
5.
›Hilfsmittel zur Bestimmung einer Geraden; Lineal, Richtschnur‹; speziell auch als Bestandteil von geometrischen Instrumenten.
Bedeutungsverwandte:
, , , 1, 1.
Wortbildungen:
regeln
2 ›etw. (gerade) ausrichten, entwerfen‹ (dazu bdv.: 1, 3).

Belegblock:

Voc. Teut.-Lat.
aa vijr
(
Nürnb.
1482
):
Regel. regula. odʼ linier. [...]. odʼ meßrut.
Rot
346
(
Augsb.
1571
):
Regl, Ein richtscheyt / Linial / Linir / ein richtschnuͦr.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Geregelt / geregulirt / entworffen / lineatus.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
2287
(
oobd.
,
1607
/
11
):
Ein vergult instrumentlin von 3 regeln, die triangl, höch und tieffe zu messen.
6.
›Normalfall; das, was gewöhnlich, üblich ist bzw. der gesellschaftlichen Erwartung entspricht‹.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 2, 1, 2, 3.

Belegblock:

Mieder, Lehmann. Flor.
283, 6
(
Lübeck
1639
):
Daß Eltern jhre Kinder / vnd die Kinder jhre Eltern lieben / ist zwar eine Regul / so man nun davon wolt schliessen / daß [...].