sanftmütig,
auch
senftmütig,
sachtmütig,
Adj.;
als
Adv.
auch
sachtmütiglich,
sanftmütiglich
.
1.
›sanftmütig, freundlich, gütig, friedfertig, aufopferungsvoll, barmherzig, behutsam, zugewandt‹ (von der inneren Einstellung und Gesinnung einer Person und ihren Handlungen gesagt, die teils den sozialtypisch geforderten, teils den dem Ideal eines gottesfürchtigen Lebens entsprechenden Umgang mit anderen bezeichnen wie auch die zugrunde liegende Lebenshaltung selbst); von Handlungen: ›auf liebevolle, freundliche Art‹; speziell auch: ›demütig, geduldig, duldsam, bescheiden‹ (als Haltung des Menschen gegenüber Gott oder der Obrigkeit); subst.: ›gütige, liebevolle Person‹; vgl. 1; 3, (
der
) 1; 6.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion‘, speziell der Mystik.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (Adj.), (Adj.) 3, 2, 1, , , (Adj.) 2, 1, 2, 1, , , , (Adj.) 7; 8, 1, 2, (Adj.) 2, (Adj.) 1, 1, 1, , .
Syntagmen:
j
. (z. B.
Moses, der heiler / man, der türkische sultan, Maria, das weib, die heiligen
)
s. sein, der böse geist, das schaf
(Subj.)
s. sein, die brüder im herren
(Subj.)
s. sein sollen, j. s. als j
. ›wie j.‹,
als die frauen sein, die kinder
(Subj.)
s. werden, die dirne
(Subj.)
gegen den jüngling s. bleiben
;
der gemahel sich s. erzeigen, j. sich gegen arme s. verhalten
;
eine heilige jungfrau
(Subj.)
s. leben, j. jn. sanftmütiglich anlachen, j. etw. sanftmütiglich leiden / übertragen
›übergehen‹;
der sanftmütige geist / mensch, die sanftmütige bescheidenheit / demütigkeit / geduld / liebe / stilheit, das sanftmütige herz / schäflein
; subst.:
got
(Subj.)
die sanftmütigen in dem urteil entrichten
;
die sanftmütigen
(Subj.)
selig sein
;
got
(Subj.)
dem sanftmütigen seine gnade geben
.

Belegblock:

Luther, WA (
1509
/
21
):
das gepott die eltern darumb in ehre setzt. das der kinder eygenwill sol geprochenn. vnnd sie demutig vnnd sanfftmütig werdenn.
Ebd.
291, 15
:
Jch wollt wol nit zcornenn. Wo man mich mit friden ließe Ja lieber mensch. alßo were der boße geyst auch senfftmutig wo es yhm noch seynem willen gienge.
Ders. Hl. Schrifft.
Mt. 11, 28
(
Wittenb.
1545
):
Nemet auff euch mein Joch / vnd lernet von mir / Denn ich bin Senfftmütig
[
Mentel
1466:
senfft
; nd. Bibel um 1478:
sachte
]
/ vnd von hertzen Demütig.
Ebd.
1. Kor. 4, 21
:
Was wolt jr? Sol ich mit der Ruten zu euch komen oder mit Liebe vnd sanfftmütigem Geist?
[
Mentel
1466 / Var. 1475
2
–1518:
in dem geist der senfte / senfftmútigkait
].
Rosenthal. Bedencken
8, 9
(
Köln
1653
):
Wir erfrewen vns so viel zu sehen / welche innerhalb dieser Catholischen Eynigkeit / [...] / jhr Blut mit sanfftmuͤtigster Lieb vergossen haben.
Eggers, Psalter
51, 26
(
thür.
,
1378
):
Her entrichtet di senftmuͦtigen in deme vrteyle. her leret di otmuͦtigen sine wege.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt. 5, (
osächs.
,
1343
):
Sêlic sint die senftmuͤtigen
[
Mentel
1466:
die senften
],
wan si sullen besitzen di erden.
Rupprich, Dürer (
nobd.
,
1506
):
hewtt hab jch erst mein thafell an gefangen zw entwerffen. [...]. Hie mit sind gütig mit mir vnd czürnt nit so bald. Seÿt senftmutig als jch.
Reichert, Gesamtausl. Messe
32, 26
(
Nürnb.
um 1480
):
Hinten an dem meßgewandt tregt er [der priester] auch das heylig kreutz zu einer gedechtnuß, was in widerwertigkeyt angang von Got [...], das er solches gedultiglich und senftmuetiglich leyden sey.
Reichmann, Dietrich. Schrr.
144, 11
(
Nürnb.
1548
):
das er ein solches weyb habe [...] die zuͤchtig / sanfftmuͤtig / zur Haußarbeyt vnd haußsorge geschickt / nicht außschweiffig / faul / versoffen / prengisch / zerhafft / haderhafftig / beissig sey.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
Diesen Mann ich stehts loben will, | Dann er ist weiß, reich, milt vnd gütig, | Wol beredt vnd so gar sanfftmütig, | Freygebig, frölich vnd liebreich.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Ein warhafter undergang dez menschen ist ein wurz aller tugenden und selikeit; hier us dringet denne ein senftmuͤtigú stillheit in sin selbes rehten gelassenheit gen dem minsten als gen dem meisten.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
663, 17
(
els.
,
1362
):
Dis
[die Nachstellungen]
erkante der bischof wol, doch úber truͦg er dise loge senftmuͤtekliche vnd erbot sich gar frúntlich allen sinen fianden.
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
Darumbe machent úch [die gottes brúte] selber dise kurtze zit und alles uwer leben fruhtber und nütze in steter behuͦtsamkeit uwers friden mit swigender senftmuͤtiger getult.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
Solt du daz vetterliche verborgene heimliche wort in dir hoͤren [...], so muͦs in dir und uz dir alle ungestuͤmekeit darnider ligen, und solt ein senftmuͤtig scheffelin sin und gesetzet und gelossen und begeben din stúrmen und losen zuͦ diser minnenclichen stimmen mit stiller senftmuͤtikeit.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. (
Straßb.
1650
):
Amaly, Philips [...] Tochter [...] hat sich in ihrem gantzen Leben [...] gegen Gott also fromm vnd heiliglichen, [...] gegen Armen so Gutthätig vnd Sanfftmüthig verhalten, daß zu ihrer Zeit, wo man ein frommes Weib beschreiben wollen, man sie zum Exempel angezogen.
Warnock, Pred. Paulis
22, 158
(
önalem.
,
1490
/
4
):
Wo der mensch sich also kúnde demütigen in siner sel und in sinem gemüt, daz er sich selber alweg für den unwisesten und unnútzesten menschen hielte, der behielte alweg ain senftmütig, gütig hertz.
Fischer, Eunuchus d. Terenz (
Ulm
1486
):
Merck wie grob der jüngling was so bleibt doch die dirn senfftmütig gegen im.
Wolf, Norm im sp. Ma.
38, 31
(
oobd.
,
1486
):
Ich rat aber, verman vnd pit mein bruͤder jm herren jhesu cristo, [...] sy sullen sein senftig, fridsam vnd messig, senftmuͤtig vnd diemuͤtig, ersamiklich reden mit einem yeglichen, als es czimpt.
Hohmann, H. v. Langenstein. Quästio
191, 147
(
moobd.
,
1. H. 15. Jh.
):
wir [...] schüllen [den heyling] nachuolgen [...]; als sew sein gewesen dyemüetig, parmmherczig vnd chewsch, [...] senftmüetig, geduldig, versmëcher aller zeitleicher ding.
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. (
moobd.
,
1478
/
81
):
so was die edel fürstin ains güetigen senftmüetigen geists und keusch irs wandels und vorcht got.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
11, 29
(
tir.
,
1464
):
Si
[die Bürger Roms]
[...] vertriben in aus der stat zu Rom. vnd der güetig, geduldig, diemütig vnd senftmüetig Jeronimus gab in stat irer vnsinnikhait.
Fischer, Brun v. Schoneb. ;
Jostes, Eckhart
14, 7
;
Strauch, Par. anime int.
72, 15
;
Gille u. a., M. Beheim
120, 206
;
Kehrein, Kath. Gesangb. ;
Bihlmeyer, a. a. O. ;
Vetter, a. a. O. ; ;
Williams u. a., a. a. O.
345, 3
;
Moscherosch. a. a. O. ;
Barack, Teufels Netz ;
Fischer, Eunuchus d. Terenz ;
Schmitt, Ordo rerum
709, 10
;
11
;
Steer, Schol. Gnadenl.
2, 172
;
Bauer, a. a. O.
20, 28
;
Voc. Teut.-Lat.
dd iiijv
;
2.
›barmherzig, mild, gnädig, wohlwollend, zugewandt‹ (als Haltung Gottes gegenüber dem demütigen wie auch erlösungsbedürftigen Menschen); oft in den Gegensatz zum zornigen, strafenden Gott gestellt, dann offen zu 3; zu 2, (
der
) 1.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (Adj.) 3, 3, , 9, 1, 1, 2; vgl. , .
Syntagmen:
j
. (z. B.
Christus / Jesus, unser lieber herre
)
s. sein, das wort
(Subj.)
s. (zu merken) sein, j. / etw
. (Subj., z. B.
ein wort
)
s. heissen
;
der könig (jm.) s. kommen, Jesus jn. sanftmütiglich leiden, got sich sanftmütiglich neigen, den zorn sanftmütiglich empfangen
;
der sanftmütige könig
.

Belegblock:

Luther, WA (
1522
):
Sanfftmuttig! Das wortt ist ßonderlich tzu mercken, und trostet lieblich die sundlichen gewissen.
Ebd.
32, 4
:
diser konig kom sanfftmutig, als solt er sagen: fleuch nit und zage nit, er kompt itzt nit, wie er kam zu Adam, zu Cayn, zur sindflutt.
nempt auff euch mein joch und lernet von mir, denn ich [Christus] bin senfftmütig und von hertzen demuͤtig.
Ebd. /15 (
1528
):
Im Propheten sind drey wort: Arm, Rechtfertig und Heyland, die hat der Euangelist hie yn ein wort gefasset, das da heist senfftmuͤtig. [...]. Senfftmuͤtig heist der, den niemand leichtlich erzuͤrnet, der da gnedig ist zu erbarmen und zu helffen.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Darombe sprach onsse leue here: ,leirt van myr, dat ich byn sanftmoedich inde van eynem oitmodegen hertzen [...]‘.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
1517
/
8
):
[Got] sah dein
[der
jünckfraw
]
grosse dymüt an | Und naiget sich | Senftmütiglich | Her aüs dem hochsten rüme.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Swenne du denne [...] aller menschen ungestuͤmen zorn, wannan er wejet, [...], als senftmuͤtklich enphahest als ein swigentes lembli.
Strauch, Schürebrand (
els.
,
E. 14. Jh.
):
Jhesu Christi [...], wie gar senftmuͤtecliche und getultecliche in grosser minnen er úch und alle widerspenige menschen so gar demuͤtecliche lidet.
Karlstadt, Mit heyliger schrifft F
6r
(
Basel
1524
):
Dein koͤnig wirt dir arm vñ senfftmütig kõmẽ.
Bechstein, M. v. Beheim. Evang. Mt. ;
Dietrich. Summaria
27v, 38
.
3.
›rechtschaffen, fromm‹; auch: ›milde, wohlwollend‹ (in der Ausübung von Herrscherpflichten oder des Richteramtes); als Spezialisierung anschließbar an 2; zu 1; 2, (
der
) 1.
Bedeutungsverwandte:
2, , , (Adj.) 4, (Adj.) 2, 1, , .
Gegensätze:
1.
Syntagmen:
j
. (z. B.
ein herscher / regierer, die meister, zu hexenprozessen qualifizierte leute
)
s. sein, j. s. an neides mut sein
;
der heilige geist sanftmütiglich urteilen
;
der sanftmütige man / herre, das sanftmütige herz
; subst.:
ein sanftmütiger
(Subj.)
geschikt sein, einer bürde nicht achten
.

Belegblock:

Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
Vor allen Dingen muͤssen Fuͤrsten vñ Herren sich vorsehen / dz sie zu diesen schweren vnd hochwichtigen Sachen [Hexen Processen] / tuͤchtige qualificirte Leuthe erwehlen / [...] daß sie wohlgelaͤrth / klug vnnd verstaͤndig / Fromm / Barmhertzig vnd Sanfftmuͤtig seyen.
v. Birken. Erzh. Österreich (
Nürnb.
1668
):
Als K. Rudolphus (der / wann er nit ein wunder-sanfftmuͤtiger Herr gewesen waͤre / dieser ausgestossenen Schmachworte halber / wol ursach gehabt haͤtte / ihn [...] abzustraffen/) hoͤrete / daß er / zu den Geistlichen / Latein redete / fiel er ihm in die Rede.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
E. 14. Jh.
):
Stuͤnde der mensche in dem puntten das er ie urteilen solte und muͤste, [...], daz solte sin mit stunden und mit statten und senftmuͤteklichen und demuͤteklichen, und nút slahen zehen wunden do man eine heilet.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 204, 3
(
Hagenau
1534
):
So achtet eyn senfftmuetiger starcker / eyner kleynen bürden nicht.
Heydn. maister
11r, 7
(
Augsb.
1490
):
Einem herrscher vnd regierer gezÿmpt senftmuͤtig zuͦ sin, damit in sein vnderthan mer eren dañ fürchten.
Chron. Köln, Koelhoff
12r, 6
;
Mayer, Folz. Meisterl. ;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. .
4.
›besänftigend, freundlich, tröstend, auf sanfte, behutsame Weise‹ (von Sprechhandlungen gesagt, mit denen sich eine Person ihrem Gegenüber tröstend oder schmeichelnd zuwendet); zu 6, (
der
) 1.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.) 5, , 2, , .
Gegensätze:
(Adj.) 6, 8, 15, .
Syntagmen:
j. s. reden / sprechen
;
die sanftmütige antwort / rede, die sanftmütigen worte
.

Belegblock:

v. d. Lee, M. v. Weida. Spigell
74, 39
(
omd.
,
1487
):
Ein senfftmuttige antwortt bricht den zcorn su̇nder hartte wortt irwegkenn grosse vngedultt.
Gille u. a., M. Beheim
123, 444
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Daz er [Jesus] doch nit hin wider schalt | oder mit scharpfer red vergalt | noch hertiglich antwürte, | Sunder mit senfftmüteger und | peschaidner red czu aller stund | sein antwirten volfürte.
Voc. Teut.-Lat.
bb vijr
(
Nürnb.
1482
):
Sanfftmutigredẽ. mãsuetare. [...] schmaichñ.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
38, 18
(
els.
,
1362
):
Do ging Mygdonia zuͦ sant Thoman vúr den kerker vnd bat in das er ir verzige das er von iren wegen in den kerker were beschlossen. Do troste er sú mit senftmuͤtigen worten.
Wickram
4, 21, 29
(
Straßb.
1556
):
Der gelert man [...] hatt in [Robertus] mit gar sanfftmuͤtigen worten angeredt.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
43, 8
(
tir.
,
1464
):
darnach hüeb er [Jerominus] an zu rëden mit sënfftmüetigen worten vnd mit wolgemuten vnd fröleichem anplik vnd hüeb auf seine hënde in den himel.
Brandstetter, Wigoleis
226, 41
;
Roth, E. v. Wildenberg .
5.
›lieblich, angenehm, lind‹ (von einer positiven Gestimmtheit gesagt, die den Menschen und seine Umgebung umschließt); im Wahrnehmungsbereich des Taktilen: ›behutsam, sacht‹; auch: ›weich, zart, geschmeidig‹ (die Wirkung einer Salbe bei einem Heilungsprozess charakterisierend); vgl. 1; 7, (
der
) 1.
Bedeutungsverwandte:
, , 3, 2.

Belegblock:

Luther, WA (
1528
):
dort was ein wüsten, hie sind heuser und gebeude, dort was es schrecklich, hie ists alles freundlich, lieblich und sanfftmütig, dort wolt das volck sterben [...], Hie gehen sie umb den Christum her.
Broszinski, Minner. Chir. Parva
82v, 8
(
halem.
,
2. H. 15. Jh.
):
nach dem so ein glid / zesamengeheilt wirt vnd das man es lindmütig vnd gleichig mach, [...] salbs mit guͦtem dyalte, der machet es senftmütig.
Bachmann, Morgant (
halem.
,
1530
):
die burger nămmend den marggrăf Ollifier und truogend inn inn pallast zumm aller senftmüettigesten, so sy kondend.