Adj.;
Bed. 1 als Kernbedeutung mit breitem Spektrum extensionaler Bezugsqualitäten und semantischen Nuancierungen auffassbar; in 2 und 3 weitere, mit 1 assoziierbare Bedeutungsansätze; in 4-5 übertragene, in 6 fachsprachliche Verwendungsweisen.
1.
›trocken, keine oder nur noch sehr geringe Feuchtigkeit aufweisend‹; im Einzelnen:
a) ›ausgedörrt, unfruchtbar, keine Früchte hervorbringend‹ (z. B. vom Erdboden gesagt); in religiösen Kontexten offen zu
4.
Phraseme:
der dürre schwam
›geiziger Mensch‹ (wohl durch die Vorstellung motiviert, dass man aus einem trockenen Schwamm kein Wasser herauspressen kann);
der dürre bruder
wohl: ›Wüstenheiliger‹.
Bedeutungsverwandte:
,
(Adj.)
1,
(Adj.)
1,
1,
1,
(Adj.)
5,
3,
,
; vgl.
.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
ein acker, der erdboden
)
d. bleiben / sein / werden
;
der dürre acker / erdboden / ort, die dürre einöde / erde / stat / weide, das dürre erdreich / feld / land
.
Wortbildungen:
1 ›Prozess des Verdorrens, Absterbens‹ (im Beleg von einem Arm gesagt),
eine Pflanze (Inula conyza; vgl.
f; dazu bdv.:
,
).
b) ›verdorrt, abgestorben, tot‹ (von Pflanzen, Bäumen usw. gesagt); auch auf den menschlichen Körper bzw. auf einzelne Körperteile angewandt, vor allem in Bezug auf das Krankheitsbild der Lepra, dann: ›abgestorben, ohne Gefühl‹; dies in biblischen Zusammenhängen auch als Strafe Gottes aufgefasst.
Phraseme:
der dürre ast / baum
›Galgen‹.
Bedeutungsverwandte:
,
4,
1,
,
.
Syntagmen:
j. / etw
. (z. B.
ein baum
)
d. sein / werden
;
der dürre arm / ast / baum / storre
›Baumstumpf‹
/ zweig, die dürre hand / ranne
›umgestürzter Baumstamm‹
/ rute / spache
›dürres Holz‹,
das dürre bein / holz / reis, die dürren trauben
.
c) ›getrocknet, gedörrt, geräuchert‹ (von Lebensmitteln, die durch Entzug von Wasser für den Verzehr haltbar gemacht werden, z. B. von Obst, Fleisch, gesagt; auch auf getrocknetes Tierfutter, z. B. Heu, bezogen).
Phraseme:
dürre rüben gewinnen
›nichts bewirken‹.
Bedeutungsverwandte:
2,
3,
(Adj.)
4.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
amad / fleisch / heu / rosmarin / safran
)
d. sein / werden
;
etw
. (z. B.
gras
)
d. machen, etw
. (z. B.
einen vogel
)
d. braten
;
der dürre dorn / fisch / hecht / schöps, die dürre birne / feige / raute / schlehe / schwarzwurz / weinbere, das dürre blat / fleisch / futter / gras / korn / kraut / laub / obst
.
Wortbildungen:
˹
,
˺ (in beiden Fällen Wortbildungsstatus diskutabel).
d) ›trocken, heiß‹ (vom Wetter, von der Witterung, vom Klima gesagt).
Bedeutungsverwandte:
(Adj.)
1,
1,
(Adj.)
8,
.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
der herbst / luft / sommer, die zeit
)
d. sein / werden
;
es
(unpersönliches Subj.)
d. sein / werden
;
der dürre herbst / sommer / wind, die dürre zeit, das dürre jar
.
Wortbildungen:
›Trockenheit, Dürre‹ (a. 1512),
e) ›ausgetrocknet, dehydriert, der Flüssigkeit ermangelnd‹ (von krankheitsbedingten Zuständen des menschlichen Körpers gesagt).
Phraseme:
das dürre blut
›Blutarmut‹;
der dürre husten
›Katarrh‹.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.)
3,
.
Syntagmen:
etw
. (z. B.
die füsse / hände / zehen
)
d. werden
;
jn. d. machen
;
das dürre gebein / lied
›Gelenk‹.
Wortbildungen:
˹
2,
2˺ ›Schwindsucht‹ (dazu bdv.: vgl.
,
,
).
f) ›durstig; nüchtern, nicht betrunken‹; auch ütr. auf die menschliche Seele, die Gottes Segen entbehrt.
g) in Bezug auf verschiedene weitere Substanzen: ›trocken, wenig nahrhaft‹ (von Speisen gesagt); ›staubig‹ (von Asche gesagt); ›getrocknet, eingedickt‹ (von einer Salbe gesagt); ›trocken‹ (von einer Mauer, die ohne Mörtel gebaut wurde, gesagt).
Bedeutungsverwandte:
(Adj.)
3.
Wortbildungen:
›Bäcker, der auch dürres Gebäck, z. B. Brezeln, herstellt‹ (a. 1365).
h) ›von trockener Qualität‹ (im Sinne der Humoralpathologie als Variante zur Primärqualität
trucken
, Adj., 1, von Himmelskörpern und den sie repräsentierenden Göttern gesagt).
Bedeutungsverwandte:
,
(Adj.)
2,
,
.
Syntagmen:
Saturn, die erde d. sein
,
j.
(z. B.
Mars
)
d. heissen
.
Wortbildungen:
3 ›Trockenheit‹ (im humoralpathologischen Sinne).
In allen Fällen offen zu ütr. Verwendungsweisen; vgl. 3; 4.
Belegblock:
Zu a): Tenax. Vnmilt karg [...] ¶ filtz karger hundt zäher keil [...] duͤrrer schwamm.
wie die iunge saat auff einem durren feld, [...] wo es keinen safft hat und dazu die sonne mit jrer hitze drauff kompt, mus es bald verdorren.
Ders. Hl. Schrifft.
5. Mose 32, 10
(
Wittenb.
1545
):
ER [Herr] fand jn [Jacob] der wüsten / in der dürren
wuͤsten
vngebauwne͂
weiter
]
Einöde.
GOtt du bist mein Gott [...] Es dürstet meine Seele nach dir [...] in eim trocken vnd dürren
wústen
einoͤden
oͤden
]
Lande.
Kurz, Waldis. Esopus
(
Frankf.
1557
):
Wer sich sein selber nicht kan massen, | Von boͤser gwonheit abelassen, | Den muß man in ein Kloster globen, | Zun Doͤrren Bruͤdern hoch dort oben.
Erstlich vergleichet der Prophet den HERRN Christum mit einem Reißlein vnd gruͤner Wurtzel / welche aus einem duͤrrem / trockenem / hartem vnd vnfruchtbarem / oder sandichtem vnd steinichtem Erdreich herfuͤr scheust.
Wie der fruchtbare Regen dem duͤrren Erdbodem im heissen Sommer sehr angeneme vnd bequem ist / Also [...].
Sein arm wirt dúrr gemacht mit dúrrikeit.
Morrall, Mandev. Reiseb.
31, 13
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
Libia die statt [...] ist gar ain túrro stat und unfruchtbar.
Duͤrrwurtz / hundsaugen / wirt also genant / das sein wurtzel holzecht ist / vnd keinen nutz hat.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
(
oobd.
,
1349
/
50
):
wenne man si [schâf] füert an dürre waid, sô lebent si verr lenger wan auf fäuhter waid.
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 22
.
‒
Vgl. ferner s. v.
,
3,
4,
.
Zu b): Luther. Hl. Schrifft.
Lk. 23, 31
(
Wittenb.
1545
):
Denn so man das thut am grünen Holtz / was wil am Dürren werden?
Kurz, Waldis. Esopus
(
Frankf.
1557
):
Du solt sterben am duͤrren ast.
Pyritz, Minneburg
2334
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Tet sie
[Minne]
daz, so wurd mir dorren | Min hertze gliche dem durren storren.
danne setzent wir uns mit dem turteltúbelin uf den uns verborgenen dúrren esten.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
342, 12
(
els.
,
1362
):
Hie von sprach got durch Ezechielem zuͦ den durren doten beinen.
do was ein man habent ein durre
[
Luther
1545, Mt. 12, 10:
verdorrete
]
hant.
Fomes, Zundel / ein dürr scheyt / spaͤnen.
Schib, H. Stockar
37, 29
(
halem.
,
1519
):
die sy gehenkt hattend, die warend schon dür, so has was es.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
2, 35
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
Zu der zeit der pusch ward glüen, | Aarons dürre ruͦt ward blüen.
Siegel u. a., Salzb. Taid.
(
smoobd.
, Hs.
17. Jh.
):
sonderlich sollen die holzmaister [...] die windwürf, dürrn und puechen nit unverhackt lassen, sonder solches holz alles aufarbaiten.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
126, 7
(
tir.
,
1464
):
Ich pin dürftig als das dürr holcz.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
141, 3032
;
Bell, G. Hager
652, 6, 5
;
Päpke, Marienl. Wernher
;
‒
Vgl. ferner s. v.
,
,
10,
1,
,
2
3,
1,
1.
Zu c): Ziesemer, Gr. Ämterb.
545, 20
(
preuß.
,
1419
):
von 7 ochzen durre rintfleichs, item 5 schoc brotwurste.
Herr [...] | Wie bistu worden so gering, | Das du da ligst auff duͤrrem gras.
Ders. Hl. Schrifft.
4. Mose 6, 3
(
Wittenb.
1545
):
weinessig oder starcks getrancks essig sol er auch nicht trincken [...] Er sol weder frissche noch dürre weinbeer essen.
Wyss, Limb. Chron. U
(
mfrk.
,
1373
):
darzu alle mẏn dorre fleisch, holtz unde kollen.
wan man mehet, so müßen sie das gras dör machen.
Keil, Peter v. Ulm
104
(
nobd.
,
1453
/
4
):
Stoß in eim mörser senf-samen vnd nym [...] zwo dürre feygen vnd hönig.
Menge, Laufenb. Reg.
5399
(Hs. ˹
nalem.
,
um 1470
˺):
Dúrre fleisch gesaltzen vische | Isse nit wiltu beliben frische.
Merk, Stadtr. Neuenb.
(
nalem.
,
1499
):
von einem halben fuder durrer bieren zwen phenning.
Schnyder, Qu. Zürcher Wirtsch.
362, 5
(
halem.
,
1413
/
4
):
Da fuͦgt sich an der alten vasnacht, daz des vorgen(anten) Schorers sun túrr blaͧwling an dem markt hatt.
Deß glich stockvisch, haͤring, platisli und tuͥrr visch vor erbrer luͥt huͥsern, die dann die veyl haben.
hertzog Albrecht zoch für Wien und lag ain zeitt darvor und gewun dürre ruͦblen; er mocht nichtz geschaffen.
Müller, Welthandelsbr.
261, 13
(
schwäb.
,
1514
/
5
):
Nach sollicher mass verkauft man [...] nuss gross und clain, und all ander zimes und dürr frucht.
Stopp, Kochbuch S. Welserin
13, 6
(
Augsb.
1553
):
lass den vegellen die fiesß vnnd kopff, steck sý an ainen spisß vnnd prat sý nit zú tir.
das rechte Scammonium, Ambrosiam, Moly, Ammi, Aloen &c. mehr ausser disen noch vil andere die dür / vnnd mehrthails inns Bapir waren eingelegt.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
2668
(
oobd.
,
1607
/
11
):
in regal größ D. Rauwolfii buch, darin seine eingelegte dürre kreütter.
Dirr, Münchner Stadtr. 453, Art.
(
moobd.
,
um 1365
):
Ez sol niemant chainerley obs, weder gruͤns noch duͤrres, von der stat niht fuͤren.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
38, 34
(
tir.
,
1464
):
Meine täge die haben abgenamen als der rauch, vnd mein fleisch das ist iczund türr worden als das gedigen fleisch.
Ziesemer, Marienb. Ämterb.
15, 20
;
136, 21
;
Bell, G. Hager
408, 3, 8
;
‒
Vgl. ferner s. v.
1,
,
1,
,
,
1,
4,
1
3.
Zu d): Mieder, Lehmann. Flor.
819, 10
(
Lübeck
1639
):
Ein vndanckbarer ist wie ein duͤrrer Wind / der die Brunnen außtrucknet.
Luther. Hl. Schrifft.
Ps. 32, 4
(
Wittenb.
1545
):
deine Hand war tag vnd nacht schweer auff mir / Das mein Safft vertrockete / wie es im sommer dürer wird.
GLeich wie der Regen wol kompt / wenn es dürre ist / Also [...].
Beckers, Bauernpr.
57, 6
(
Köln
1515
/
8
):
An sent andrieß auent [...] eȳ feucht ad durr jair komen sall.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob
(
omd.
,
1338
):
vervluchet sy ir heil | [...] | Ir arbeyt gebe keyne vrucht! | Bremen, dysteln, di dirre sucht
[hier: ›Trockenheit‹]
| Verterbe ire wingarten.
desselben jars ward ein dürrer herbst und geriet wol der wein.
Plant u. a., Main. Naturl. 296vc,
24
(
ohalem.
, Hs.
E. 14. Jh.
):
de svmerliche solsticium so vns die svnne aller nahest ist so ist div zit war̄ vn̄ durre.
1176. War ein sehr kalter Winter / darauff ein duͤrer Sommer folgte.
Franz u. a., Qu. hess. Ref.
4, 511, 2
;
Zu e): Schmitt, Ordo rerum
331, 20
(
omd.
,
1466
):
Colera dor blot [...] verprenczs pluet oder dürr pluet.
Jörg, Salat. Reformationschr.
919, 4
(
halem.
,
1534
/
5
):
Gieng jnn daruf ein kranckheytt an / das hend und fuͦs jmm türr wurdend / alls ein holltz.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat.
(
oobd.
,
1349
/
50
):
die [slangen] von vergift sterbent die erstarrent des êrsten, aber sô diu vergift erhitzt, sô tœtt si den menschen mit derren und mit dürr machen.
man [...] schol den sâmen under der zungen haben für den durst wider die dürren huosten.
In kurzen jaren hernach starb frau Jacoba vor unmuet an der dürrsucht.
Helm, H. v. Hesler. Apok.
;
Belkin u. a., Rösslin. Kreutterb.
146, 15
;
Päpke, Marienl. Wernher
;
Zu f): Peil, Rollenhagen. Froschm.
521, 465
(
Magdeb.
1608
):
Jch wil kein steublein werffen drein / | Nur die duͤrre Zung machen naß.
Gille u. a., M. Beheim
160, 62
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Mach hie lustig in mire | den durren mund der sele min.
Franck, Decl.
352, 4
(
Nürnb.
1531
):
Vor dem sindtflus waren die menschen duͤr / nuͤchtern / vnd on allen brauch des weyns.
Roloff, Brant. Tsp.
1716
(
Straßb.
1554
):
Da heim wendt wir sie [fleschen] wol trincken auß / | Die leber ist mir wol so dürr.
Lemmer, Brant. Narrensch.
77, 11
(
Basel
1494
):
Dann spyel das zündt die leber an | Das man württ dürr / vnd durstes voll.
Zu g): Schade, Sat. u. Pasqu.
(o. O.
1587
):
Unter dem pfeffer thut man finden | Vil harter gestoßen brotrinden, | Desgleichen unter dem ingwer die dürren brosen.
Keil, Peter v. Ulm
21
(
nobd.
,
1453
/
4
):
nym [...] dürr wermut.
die artzeny dürre oder drucken vf der wundē was / das er sie nicht dannen moͤcht genemen.
Haage, Hesel. Arzneib.
18v, 2
(Hs. ˹
noobd.
/
md.
,
E. 15. Jh.
˺):
Welcher mensch geheling geswollen ist, [...] so nempt rinderen haren, der dür sey, und stost den.
‒
Vgl. ferner s. v.
1
1,
7.
Zu h): Plant u. a., Main. Naturl.
293rb, 8
(
ohalem.
, Hs.
E. 14. Jh.
):
div erde ist von ir nature durre vn̄ kalt.
Saturn ist kalt vn̄ durre Jupit ᷤ heiz vn̄ fuͥhte.
die sunne als ein wider hı̄dene swach gegegen
[sic!]
dem wint
s
wonde si wenic durrekeite vn̄ wermede het.
Klein, Oswald
22, 66
(
oobd.
,
1422
):
Ain herr der bösen glider, | Mars, dürr und grimmlich haiss.
Plant u. a., a. a. O.
293
vc, 19;
297rb, 27
;