stum,
Adj.;
die Zuordnung der einzelnen Belege zu einem der Bedeutungsansätze ist teils unsicher.
1.
›taub, gehörlos, ohne die Fähigkeit akustischer Wahrnehmung‹.
Bedeutungsverwandte:
, , ; vgl. 1, 3.

Belegblock:

Thiele, Minner. II,
13, 309
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
Wer eynem stummen rümet | und wincket eynem blinden, | der hatt sich gar versumet.
Sudhoff, Paracelsus (
1530
):
wer wil die red und die wörter verstehen und auslegen als allein der redend, der stum nit. dan darumb das er nit hört, darumb mangelt er der theorik.
Goldammer, Paracelsus
5, 178, 15
(
1530
):
dergleichen machen sie alle welt im wort gottes zu stummen und gehorlos leut aus ihnen.
Martin, H. v. Sachsenh. Tempel
1214
(
schwäb.
,
1455
):
Die byspel merckt kein stumm | Und ouch kein narrifex.
Piirainen, Stadtr. Sillein
152a, 33
(
sslow. inseldt.
,
1378
):
wirt auch eyn chint geporn stvm oder hant loz oder fuͤzloz oder plint daz ist wol erb czu lant recht.
2.
›stumm, nicht fähig zu sprechen‹; meist neutral gebraucht, teils negativierend in mehrere Richtungen tropisiert; ütr. dann: ›nachlässig, faul, pflichtvergessen‹; metonymisiert in Richtung auf ‚körperlich gebrechlich‘ sowie ‚töricht‘; mit Letzterem einen Grund für Hexereiverdacht sowie für die Einschränkung der Rechtsfähigkeit bildend; damit offen zu 3.
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): (Adj.) 4, , 3, , , ; ˹ (V., unr. abl.) 1, 4, 1, ˺ (jeweils part. Adj.).
Syntagmen
(meist substantivisch):
einen stummen retten, die stummen sprechen machen
;
ein stumme sein
(auch von
blei
gesagt, dann: ›klanglos‹) /
werden
(z. B.
von der rede
),
der stumme
[wohin]
gehen, nicht gehören / reden, geantworten, nicht gezeuge sein mögen, jn. mit gebärden fordern
;
j. gleich ein stum
›gleich einem Stummen‹
sein, als ein stumme schweigen, j. als ein stummer jm. etw. bedeuten
›andeuten‹,
jm. fünf stumme
[Kinder]
geboren werden
;
dem stummen der mund offen werden, dem stummen gespreche geben
;
j. seinen mund für die stummen auftun, j., die sele zu einem stummen werden
;
die schar, der mund, das wort der stummen
; adjektivisch:
j. s. sein / werden, die sele s. sein, die lefzen s. werden
;
jn. s. machen
(z. B.
mit geld
);
der stumme mensch
.
Wortbildungen:
stummechtig
›ohne Stimme‹; ütr. ›sprachlos‹ (wohl Wörterbuchbildung),
stümmig
,
stümmigkeit
1 (dazu bdv.: ),
stümmin
(dazu ggs.: ).

Belegblock:

Große, Schwabensp. (Hs. ˹
nd.
/
md.
,
um 1410
˺):
van ir tumpheit daz ist geschen, vnsinnege, / blinden, / thoren, / thobe / stuͦmmen, / vnde vorbannete luͦte [...], de allene mogen nicht gezuͦc sin.
her [richter] ne sol nicht sin in der achte noch in deme banne, eyne Iode noch eyn kezzer noch en heyden noch eyn keueskint noch lam noch blint noch eyn stuͦmme noch eyn tore.
Schöpper (
Dortm.
1550
):
Mutus. Stumm sprachloß vnredbar vnmuͤndig vnredend.
v. Ingen, Zesen. Ros.
76, 19
(
Hamb.
1646
):
wan ein stummer dahin ginge / so wuͤrdʼ er fuͤhr unmuht / den er hieraus schoͤpfete / anfangen zu stamlen.
Luther, WA (
1520
/
1
):
damit ich beweysset, das der Bapst ynn solchem gesatz des teuffels Apostel geweßen ist, das yderman, nit alleyn Emser, drob muß stum werden und nichts darauff mag antworten.
Ebd. (
1524
/
7
):
Was ligt dran, wil Gott sagen, ob du taub, blind oder stum seiest, wie denn, wenn ich dichs heisse und gebiete dir etwas, kan ich dich nit alsdenn sehend, hoͤrend und redend machen?
Ders. Hl. Schrifft.
Spr. 31, 8
(
Wittenb.
1545
):
THu deinen mund auff fur die Stummen / Vnd fur die sache aller die verlassen sind.
Ebd.
Jes. 56, 10
(
Wittenb.
1545
):
Alle jre Wechter sind blind / sie wissen alle nichts / stumme
[
Dietenberger
1534 /
Eck
1537:
stummend
]
hunde sind sie / [...] / sind faul.
Leman, Kulm. Recht (
Thorn
1584
):
Wo eyn stumme ist der do nicht geantworten mag. vnde vordirt her myt geberde eynen vorsprechen den sal man ym geben.
Jan.-Off.
39, 51
(
rib.
,
um 1400
):
ind was als ein stumme, die synen munt niet vp en deit.
Eggers, Psalter
68, 5
(
thür.
,
1378
):
vnkustige lefsen dy werden stumm
[
Mentel
1466:
werdent gemacht stummen
;
Luther
1528:
gestillet
, 1531:
geschweigt
;
Froschauer
1530:
vertüscht
;
Eck
1537:
werden in die hell gefuͤrt
; Var. 1478–1518 /
Luther
1545, Ps. 31, 18:
Verstummen
].
Roloff, Naogeorg/Tyrolff. Pamm.
451, 4464
(
Zwickau
um 1540
):
denck wie du gelerte weise leut | Mit gelt stumm machst und schweigst zu diser zeit.
Jerouschek, Nürnb. Hexenh.
13v, 29
(
obd.
,
1491
):
daß dem Mann fünff stummen geboren wurden vnd do ainer lert den mann er solt sy zuo gefater bitten so wurd das selbe kind reden vnd daß geschach hie muost grosser argkwon sein.
Asmussen, Buch d. 7 Grade
127
(
nobd.
, Hs.
A. 15. Jh.
):
dez [herren got] kraft, dez maht und des gepot | geit gut gespreche den stummen.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
Dis engloͮbte er [Zacharias] nút vollen, und dar umbe wart er stum bis dis alles volbracht wart.
Eichler, Ruusbr. obd. Brul.
15, 3
(
els.
,
E. 14. Jh.
):
Diu zung wirt ain stumminn von zwairlai sachen.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Stummechtig. Elinguis. [...]. Stummig werden. Stupefieri.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
Blinde machest du gesechen, | Lammen wol gerechten | Und och stummen sprechen.
Hufhalcz, lammen, krummen, | Stummen, toren, tumben; | Und wele hettent dúrre lider, | Den half och Maria wider.
Der stummen wort, | Des todes mort, | Du hymel port!
Schmidt, Rud. v. Biberach
38, 4
(
whalem.
,
1345
/
60
):
Dv́ sel ist zvnglos vnd stvm vnd mag nút mit gotte geistlich sprachen, dv́ andacht nv́t enhat.
Maaler (
Zürich
1561
):
Stum̃ (der) Vnredbar / der nit reden kan. Mutus.
Stumm / der nicht kan reden. [...]. Stuͤm̃igkeit / sprachloßigkeit.
Morrall, Mandev. Reiseb.
118, 9
(
schwäb.
,
E. 14. Jh.
):
als clain lút als die zwerge sind. Und da sie den mund hond soͤllent, da hond sie ain claines loch, [...] und redent núntz; sie betúttend ainer dem andern als die stummen.
Donalies, Augsb. Bibelhs.
19, 11
(
oschwäb.
,
v. 1350
):
do brachten si im einen stummen / menschen. den tivfel hebenten / vnd do er den tivfel vzgewarf der stumm ist geret.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
sweigt si [frawe], si ist ain stümminn, rett si, si ist ain klafferinn.
ez ist niht allain ain stumm an im selber, ez verstummet auch ander gesmeid, dar zuo man ez mischt.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
47, 10
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
So hoher märe ward er zweifelbäre, | pald er darumbe wart der red ein stumme.
Buijssen, Dur. Rat.
4, 20
(
moobd.
,
1384
):
der di tauben machet horen und di stummen reden.
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
55, 19
(
tir.
,
1464
):
Es was auch da ein junger mensch, der was ain stumm vnd gehöret nicht.
Kehrein, Kath. Gesangb. ;
Jostes, Eckhart
78, 30
;
Froning, Alsf. Passionssp. ;
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. ;
Bobertag, Schwänke ;
Sappler, H. Kaufringer
13, 396
;
Fischer, Eunuchus d. Terenz ;
Pfeiffer, a. a. O. ;
Vgl. ferner s. v. 1, 1.
3.
nur in der Wendung
stumme sünde
: ›Unkeuschheit als besonders schwer erachtete Sünde‹; speziell: ›als Nefandum, unnennbar charakterisierte Sünde der Homosexualität, auch der Sodomie‹.
Bedeutungsverwandte:
, 4, (s. v. 3), 1.
Gegensätze:
, (Adj.) 6.

Belegblock:

Luther, WA (
1522
):
Hyndern sie es [sich tzu mehren] aber, ßo sey du gewiß, das sie [Munch und Nonnen] nicht reyn bleyben und mit stummen sunden oder hurerey sich besuddeln muͤssen.
wie S. Paulus Rom. 1. sagt von dem schendlichen laster der stummen sunden.
du wirst dich zum Ehebrecher und Ehebrecherin machen und mit stummen Sunden besuddeln und wirst nicht rein sein.
Neumann, Rothe. Keuschh.
1653
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
das si ir e mit kuscheit wercken, | nicht mit suntlichen nuwen funden | nach mit reissen zu stummen sunden.
Lauterbach, Orhein. Rev. (
nalem.
,
v. 1509
):
wie man lieplich die stummen ruͦfenden sund, so vns fur gott verklagen sind, sol ab stellen.
Henisch (
Augsb.
1616
):
Solche Glauben der Teuffel hat gegruͤnd / Auff Vnkeusch / Ehebruch / stumme Suͤnd.
Luther, WA ;
254, 8
;
Türk, Wortsch. Dietr. v. Gotha.
1926, 117
.
4.
›töricht, wahrnehmungsunfähig, geistig beeinträchtigt, nicht voll über Vernunftfähigkeiten verfügend‹; auch: ›ungebildet, ohne Schulbildung‹; ›machtlos, handlungsunfähig‹ (Letzteres vom Teufel gesagt); subst. auch: ›Narr, Trottel‹; eng an 2, speziell an die Nuancen ‚gebrechlich, töricht‘ anschließbar.
Bedeutungsverwandte:
(Adj.) 2, 2, 2, , 3, 2; 3.
Wortbildungen:
stummen
4 ›taub, gefühllos sein / werden‹.

Belegblock:

Luther, WA (
1524
):
War ists, ehe ich wollt, das hohe schulen und kloͤster blieben so, wie sie bis her gewesen sind, [...], woͤllt ich ehe, das keyn knabe nymer nichts lernte und stum were.
Ebd. (
1526
):
Da ligt denn der stoltze man und feiner helt als ein stum, unvernunfftig thier, wie eine saw ligen solt, das nichts mehr menschlichs an yhm ist denn das eusserliche ansehen.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
3. Dr. 14. Jh.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
der was genant der stumme von Falkenstein; nit daz he ein stumme wer von reden, dan he was ein stome von werken.
Köbler, Ref. Franckenfort
67, 10
(
Mainz
1509
):
personen so gebrechlich sein / als vnsynnigen / tauben / stõmen / verdünischen / vñ andern der geleichen / dauon die recht sagen.
Ders., Ref. Nürnberg
256, 12
(
Nürnb.
1484
):
die da Moͤnisch sein. die man zu latein nennet. mẽte captos. Vnd darzu den Tawben oder vngehoͤrenden. vnd den stummen. die Jr sache zehandeln nit voͤllige vernunfft hetten.
Thiele, Minner. II,
18, 320
(Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
do gieng ich von ir als ain stuͤm | und hett verlörn min zuͦ versicht.
Moscherosch. Ges. Phil. v. Sittew. (
Straßb.
1650
):
fuhr in deß der Pater mit seinem beschwören immer fort, vnd der Teuffel vermeyntlich stumm zumachen, besprengte er den Mänschen offt mit Weyhwasser.
Sudhoff, Paracelsus (
1528
):
zufell, so durch die verderbung der unwissenden arzet begegnen, seind sechs und zwenzig und etlich mer. das erst wundsucht, geschwulst, brennen, würm, wild feuer, schwinden, stummen, zittern. [...]. Stumm ist, wan in einer wunden gleich begegnet, als schlief sie und liefen ameisen darauf.
Kottinger, Ruffs Adam (
Zürich
1550
):
also das ich bin worden gʼschendt, | vor dem herren also gestanden, | grad wie ein stumm, mit allen schanden.
Rennefahrt, Zivilr. Bern (
Bern
1615
):
presthaffte personen als sinnlose, stumme, tumme.
Sappler, H. Kaufringer
32, 111
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
mein källige zung ward gezempt, | das ich als ain stumm saß, | wann sie ward hinken ie lenger ie baß, | das ich niemant mocht verstan.
Gehring, Würt. Ländl. Rechtsqu.
3, 692, 18
(
schwäb.
,
1585
):
die stummen und sünlosen, die den gebrauch irer vernunft nit hetten.
Dirr, Münchner Stadtr. (
moobd.
,
1340
):
unsinnig laeut und plinden und toren und die nicht gehoͤrent und stummen und paennig laeut und veraecht laeut und mainedig laeut, [...], die muͤgen all nicht zewch gesein.
Wedler, W. Burley. Liber
98v
(
moobd.
,
v. 1452
):
sprach Plato: „Die vernuft ist nicht da, die aufhorer sind stumen“.
5.
charakterisiert Bezugsgegenstände unterschiedlichster, meist konkreter, vereinzelt abstrakter Art (z. B. ein Bild, einen Stein, das Tier, einen
buchstaben
›Mitlaut, Konsonant‹) als ›stumm‹ in einem je spezifischen, seine Qualität der jeweiligen textlichen Argumentation verdankenden, fiktiven Sinne; dabei überwiegt die negative Bewertung, z. B. des Steins als nicht hörend, eines Konsonanten als keinen Ton habend; tropisch pro Beleg auch an 1–4 anschließbar.
Bedeutungsverwandte:
, .

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft.
Hab. 3, 19
(
Wittenb.
1545
):
Weh dem / der zum Holtz spricht / Wach auff / vnd zum stummen
[
Mentel
1466:
schweygenden
;
Eck
1537:
stillschweigenden
]
steine / Stehe auff.
Ebd.
2. Petr. 2, 16
:
Das stumme lastbar Thier redet mit Menschen stimme / vnd wehret des Propheten torheit.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. (
Frankf./M.
1649
):
richten darmit mehr nicht auß / alß wann sie diese jhre Noth / einem stummen Bildt klagten.
Dasypodius (
Straßb.
1536
):
Stum buͦchstaben. Mutæ literæ.
Schmidt, Rud. v. Biberach
43, 2
(
whalem.
,
1345
/
60
):
an solichen warheiten ist si [natuͥrlich vernuͥnft] blint vnd stumme, als in dem ewangelium sant Johans geschriben stat: „Der von der erde ist, der ret von der erde“.
Kohler, Ickelsamer. Gram. (wohl ˹
Augsb.
1. Dr. 16. Jh.
˺):
Volgen die gantz haimlichen oder stum buchstaben, als sein, b p. d t. k q.
Ebd. :
also haben sy [Buchstabe] auch ain sonderliche schwaͤre vnd subtile nennung, vnd haissen billich allain die rechten stumen, dan sy geben allein gar kain stym, vnd man kan sy nitt hoͤren.
Ebd. :
Dise stum Buchstaben werden aber also vnd mitt disen natürlichen Jnstrumenten gemacht. Das, b, vnd, p, [...].