studieren,
V.
– So eng vernetztes Bedeutungsfeld, dass auch ein einziger Bedeutungsansatz vertretbar wäre; die hier vorgenommenen Unterscheidungen gehen von einem allgemeinen ›sich strebend bemühen‹ (1) aus; daraus ergibt sich als spezielle Nuance ›gelehrt studieren‹ (2); an 1 und 2 anschließbar (und dazu als resultativ auffassbar ist 3): ›etw. lernen‹; die schwach belegten Ansätze 4 und 5 betreffen ›lesen‹ und ›sagen‹.1.
›sein gesamtes Denken, Sinnen, Trachten und Handeln in unterschiedlichen Sinn- und Handlungswelten auf etw. ausrichten; sich anhaltend und mit Anstrengung mit etw. befassen, sich e. S. verschreiben; etw. zu erreichen versuchen, sich in e. S. abarbeiten, abmühen‹ (allgemein); speziell: ›in sich gehen, meditieren, sich einem religiös bestimmten Leben hingeben‹; subst.: ›zielgerichtetes Tun und Lassen, Anstrengung, Bemühung auf ein Ziel hin‹.Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 1
4; 5, 2, (sich
) 3, 10, (V.) 11; 12, 2, (sich
) (V.) 10, , 1, 7.Syntagmen:
faste / fleissig / wol, tag und nacht s., nicht gerne s
. (vom vollen bauch
gesagt); das (ewige) leben s
.; an einem minnebuch s., wanne [...], auf etw. s
. (z. B. mit aufsätzen
), in hohen künsten s., nach etw. s
.; subst.: das studieren darauf setzen, das [...], das studieren
(Subj.) (wenig) kunst geben, aus sein, arbeit sein
; j. des studierens nicht achten
; aus dem studieren gedanken erlangen, sich mit studieren arbeiten, den willen mit studieren zu früchten erweisen, sich neben dem studieren mit etw. erlustigen
; das studieren in der schrift, das schlechte studieren
.Belegblock:
Wer daz einen
[auf die Dreifaltigkeit bezogen]
wil versten, | Der muz wol studiren gen: | Ich wil mich des nicht schemen, | Er muz di schrift vernemen. Jch aber sol stuͦdieren und got bitten. Studieren ist ein arbeyt.
Dar ûf setze al dîn studieren, daz dir got grôz werde und daz aller dîn ernst und vlîz ze im sî in allen dînen werken und in allem dînem lâzenne.
das du zu vorderst dich der lehrnung / Gottes forcht / zucht vnd tugent / darein du dich von jugent auff [...] biß auff disen tag vnd zeit ergeben / wol gestudirt / vnd dem selben allem gehorsam vnd fleissig angehangē / nit abfuͤhren [...] lassen woͤllest.
Das wir aus diesen worten des Lebens / das ewige Leben studieren vnd lernen.
[jedoch habe ich] den willen mit meinem schlechten studieren etwas zue fruchten erweisen wollen.
[Der ... sich arbeit] Mit schreiben, lesen und studirn, | mit tisputirn und argubirn.
Ebd.
453, 39
: In hohen künsten er studirt, | dar nach saczt er all sein begirt.
Luterlich sich halten git me kúnsten denne vast studieren.
[ich] wil an dir allein, du zartens minnebuͦch, studieren, wan ich an dir, voller brunne alles des, daz begierlich ist, vind gnaͮd und aplas alles, daz gebrestlich ist.
nût underwindent úch zuͦ hoher wisheit, [...], und lant die hohen pfaffen darnoch studieren und disputieren.
dar zuͦ gehoͤrt nacht und tag studieren und ymaginieren und sich selber visitieren und sehen was in tribe und bewege zuͦ allen sinen werken.
Solt ich denn stets selb zwingen mich, | Studieren / lesen / synnenrich | Vnd nit do zwischen schimpffred triben, | So wurdt myn ernst nit lang belyben; | Denn zwischen sorgen, die man dreyt, | Sol man zuͦ zyten ruchen freydt.
als sie [...] mit mengerlei ufsetzen daruf gestudiert haben, wie sie dieselbe stat Múlhusen [...] under ir gewaltsami bringen mochten.
was sol man sich dann vil guͦts zuͦ denen versaͤhen / die kein werck nit thuͦnd nit studierend / sonder tag vñ nacht voll sind.
Solche feyne gedankē, kan ain frum̄er, verstendiger auß disem studiern erlangen.
Astant, [...] ein schreiber auff einer schuͦl / der kein standt hat / sich auch des studirens nit hoch achtet / sonder gleich vmb die pfruͤnd im Chor hilfft singen.
Ebd.
353
: Studirn, sich fleissen / embsig sein / ernst vnnd fleiß an ein ding wenden / etwas lernen / sonderlich den freyen kuͤnsten. Vnterstehn vnd hertzlich begern / [...] / sich gantz auff die Lehr begeben.
sein hercz das stuend nur pei seiner swëster, das was nu sein lërnung vnd sein studirn in der heiligen geschrift.
Knape, a. a. O.
2, 25
; 2.
›studieren, sich einer gehobenen, oft universitären (gehäuft: juristischen, medizinischen, seltener: pharmazeutischen, astronomischen, naturwissenschaftlichen) Ausbildung unterziehen‹. Diese Ausbildung wird eher vereinzelt neutral, z. B. hinsichtlich bestimmter faktischer Aspekte (etwa der Kosten) oder gar positiv beschrieben als unter kritische Aspekte gestellt: Sie führe zum verirren, verstricken, verwirren
, lenke vom geistlichen
ab, sei stark auf nuz
1 und ansehen
(das
) 7 bezogen; sie reize zur Übervorteilung des anderen, zu Eigendünkel, Wissensarroganz, müssiggang
2, tendiere mit alledem zur Überbewertung von Nichtigkeiten und damit zur Beeinträchtigung des herrschenden, moraltheologisch bestimmten Wertesystems; die sich daraus ergebenden Ironisierungen und Sarkasmen sind bis in den Bereich der Wortbildungen fassbar.Syntagmen:
j. namen, die gesetze, eine facultät, physicam s., etw. fein / künstlich / seliglich / wol s., überflüssig s
.; j. der welt
(Gen.obj.) s
.; j. auf apothekerei, im rechten, in Frankreich / Italien, in juris, in der astronomei, in einer kunst, nach etw. s
.; j. in der schrift gestudiert sein
; subst.: das studieren hintan stellen, mer kosten, zu ungemach füren
; j. im studieren nicht fortkommen, seine zeit mit studieren verzeren
.Belegblock:
Es ist aber nicht fein gestudirt ym rechten, wenn man verwirrete gewissen damit macht, Schrecken und straffen, wehren und verbieten wollen die rechte, Aber verwirren und verstricken sollen sie nicht.
Sij
[die Figuren des Schachspiels]
studieren alle in myner [
aldewip, Habgier]
konst | Spade und fruͤe durch mynen gonst. Sij [spiserinne] ist geheissen die Letze | Und studieret die gesetze | Und dar zu auch die heilige schrifft.
Seyn vatter meint, er hab gstudiert, | So hett er nichs, den buͦbiliert | Und im seyn gelt schenttlich verzert, | Ouch nichs den / ita / non / gelert.
Jch hab mit grossem bekuͤmmernuß [...] vernom̃en / daß du dein studirn habest hindan gesetzt / vnnd die Wirthshaͤuser dafuͤr besuchest.
Worzue dienet das studieren / | Als zue lauter vngemach?
Studiergemach studierkamer, studoriū.
Ich sol da in juris studieren, | In eim handel eim advociren.
Thet auff apoteckrey studirn, | Künstreich wasser zu distilirn.
Doctor der Artzney, | Die wissen alle Kranckheit frey, | Zu Artzneyen vnd zu Curirn, | Dieselben Physicam studirn. | die dritten aber seind die Juristn, | die lernen die Rechtsgsetz mit listn, | Den Leuten sie jhr recht verlirn. | Welch Facultet du wilst studirn, | Das steht jetzund allein bey dir.
ob es jhm schon bewust / heisset es doch leider / man muß die Sachen nicht so leicht vnd liederlich aus den Haͤnden lassen / das Studieren hat mehr gekostet / vud wann man sonst keinen Nutzen davon hat / mag man den Bawren wol ein wenig mit storrigem Geberd auffziehen / dann dadurch erhelt einer sein Ansehen.
Der denne wissen wolte, was got were, vnd dar nach studieren, daz ist vnerloͮbet: er solte verirren.
wenn sy nun gestudiert hant, so nement sy sich an der röw und müessiggangs und richtent das weltlich uß und lassent das gaystlich vallen.
het er aber wol studirrt, sonderlichen in der astronomei und den ander künsten.
sie
[die Angehörigen der
petelörden]
studirent yetz der welt mer dann got; ainer wil ain jurist sein, der ander ain artzt. alle die teütschen namen, da mit die menschē genennet werden, solten die teütschen seliglich vnnd künstlich studiern vn̄ jre bedeütūg erforschē.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
77, 1063
; Barack, a. a. O. ;
Uhlirz, Qu. Wien ;
Schmitt, Ordo rerum
133, 22
; ‒
Vgl. ferner s. v. .3.
›etw. lernen, sich etw. lernend aneignen; sich etw. merken‹; im Unterschied zu 1 und 2 resultativ auf Prozesse bezogen, die in kennen
2; 3, können
1; 2, wissen
münden, damit abgeschlossen werden und in Handlungen umsetzbar sind.Syntagmen:
j. gerne / fleissig s
.; j
. (z. B. richter / büttel / knechte
) etw
. (z. B. eine kunst
) s., j. die leichenei, die buchstaben, einen list, das lesen s
.; studieren
in dieser Bedeutung steht gehäuft im Part. Perf. (vgl. obige Angabe resultativ
).Belegblock:
der Glaubige Neügeborne Mensch Studiert vnndt lehrnet alle ding daß Er nidrig demüettig vnd gelassens herzens werde.
so sage ich vnd bestehe darbey / dz die Commissarien / vorab die so etwas besser studiret haben / schuldig seyen / solche newe argumenta vnd Gruͤnde fleissig zu erwegen.
Es kompt zu obigem allem noch ferner dieses / daß nicht allein Richter [...], sondern auch die Bittel vnd Folter Knechte / diese Kunst zu fragen so wohl studiret haben.
daz ez wol merklich ist | Wybes sin, wil sie den list | In gedanken schule studiren | Und wil sie durch visiren | Sin mynnen blickenden blicke.
Kam haym und ward fleissig studirn, | Lerndt rennen, stechen und durniern | Und übt all ritterliche that.
Mich dunckt, wie es auch war sein wird, | Du habst dein Kunst nit recht studiert.
Hiervor do ich ain schuͦler was | Unnd ouch studiert die laichiny | Unnd vil der haimlichen buͦcher laß, | Do [...].
4.
›lesen‹ (absolut); etw. (z. B. die bibel
, eine schrift
) lesen; mit veränderter Bezugsgröße: ›etw. (einen Schriftinhalt) wo nachlesen‹.Belegblock:
das muß er in der Schrifft studieren / was weißlich ist / vñ wie es zu fuͤhrẽ.
Das ist auch das rechte studirn ynn der schrifft: ßo machen diße tolle leutt unß eyttel newe unnd eyngefalltene artickel des glawbenß drauß.
Denn es noch heuttigs tags so zu gehet, das viel yn der schrifft lesen und studieren, kuͤnnen doch den Christum nicht finden, Er hat sich verborgen und ist aus dem Tempel gangen.
wer ynn der heiligen schrifft studieren wil, sol yhe drauff sehen, das er auff den einfeltigen worten bleibe, wie er ymmer kan, und yhe nicht davon weyche.
wiltu das studieren und lesen, | In dem buche der konnige findestu daz wesen.
Darinn er ieglichen zu-letzt | In ein sonder gemach einsetzt | Die bibel ohn irrung zu studieren.
ir habet gelernet die hebreyschen sprach also daz ir mocht studiren in hebreischen búchern.
Was manchem das Studiren / das viel Lesen thut / das thut bey einem andern das Raisen / die Erfahrung / vnd das viel Sehen vnd Hoͤren.
5.
›etw. von etw. sagen; etw. lehren‹.Belegblock:
Fastnachtsp. (o. O. o. J.):
Ich kan nit fil darvon studieren, | Ir dörftent aber woll verlieren.