übernatürlich,
Adj.;
reichhaltig belegt; lat.
Vorlage für alle Ansätze supernaturalis
, was auf ein kaum gliederbares semantisches Spektrum schließen lässt; 1.
›die Eigenschaften der physischen Natur einschließlich der Eigenschaften und Qualitäten des biologischen, sozialen und rationalen Menschen übersteigend, nicht aus sinnlicher Beobachtung und Erfahrung, ebenso nicht aus rationaler Erkenntnis ableitbar‹, insofern ›unbegreiflich, wunderhaft‹, dennoch aber ›real existent‹, da Gott als Urheber zugeschrieben; extensionaler Bezug demnach auch auf die Jungfrauschaft Marias, die Wundertaten Gottes sowie auf unfassbar verbrecherische Taten (wie die verräterei
Genelims); offen zu 2; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.), 1; 2.Syntagmen:
jn. ü. empfangen
; jm. etw
. (Subj.) ü. vorkommen, etw
. (Subj.) von wunder, von gottes kraft (gar) ü. sein
(z. B. ein gebrech, eine kraft / tugend / verräterei
); die übernatürliche sache, kunst
(metaphysica
), das übernatürliche wunder, die übernatürlichen dinge / werke
.Belegblock:
Daruͤmb duͤnckts die Welt uberaus nerrisch sein, das aus dem verdameten und erhencketen Menschen Christo solte der h. Geist komen und lebendig wasser erquellen, welches erquicke und selig mache an leib und seele, das ist ubernatuͤrlich und keines Menschen verstande auff erden begreifflich.
Das zueerkennen ist der natur gantz unmüglich, denn sie kan nicht dahin kommen, das sie gern wolt nichts sein, Drumb ist das ein hoch ding und ubernatürlich, das ein mensch erkenne seine nichtigkeit und die fülle goͤtlicher gnade.
Eine andere wunderbare uͤbernatuͤrliche Sache wird von glaubwuͤrdigen Scribenten umb diese Zeit erzehlet.
wer aber sin natur uber windet, | ein grosse ere her dar umme vindet. | wanne das gesched durch god alleine. | so ist sin kuscheid heilig unnd reine | unnd das ist uber naturlich gar.
Und allz du [jungfraw] in enpfigst keuschlich | Ubernaturlich gare.
sider dv [got] mir armen sv́nder, der erst mit ganzen willen vser der welte getretten het, so rehte grose freiliche v́bernatúrliche wunder v́rzoͤiget hest.
so mag niemant sagen, das die tugent der dingen, ec ir kraft natürlich seie, sonder ubernatürlich, on end und anfang.
got der speist daz volk vierzig jâr von dem selben himelprôt in übernâtürlichen werken, sô kümt das himelprôt, dâ ich nu von sag, von nâtürleichen werken.
nu spricht unser puoch ze latein, daz menschleicher vernunft unbekant sei, von wannen die stain die kreft haben, si haben dan von got, [...], sam Aristotiles spricht in dem puoch von den übernâtürleichen dingen, daz ze latein haizt liber metaphysice.
Metaphisica Sapiencia vber naturlich kunst.
der scheingeprech waz niht naturleich, sunder er waz von gotes wunder und uͤbernaturleich von gotes kraft.
Eschenloher. Medicus .
2.
›göttliche Erleuchtung erstrebend‹; resultativ: ›göttlich erleuchtet, in einem Stand der Begnadung durch Gott stehend‹; diese Qualität setzt eigenes (also menschliches) Zutun voraus; dem folgt bzw. unabhängig davon besteht die barmherzige, gnädige Zuwendung Gottes zum Menschen; je nach Einzeltext finden sich Umkehrungen und Modifizierungen dieses teils vom Dienst-Lohn-Gedanken geprägten Programms. Das Zutun des Menschen wird in Formulierungen wie den Substantiven gewisheit
4, reue, stilheit
3, übung
1, den Adjektiven dienstbärlich / gehorsam / unterwerfenlich
, den Prädikationen das seine (ge)tun, ob sich selbe rasten, aller eigenschaft wiederraten, sich entwirden, got ansehen, geistliches sehen
vorausgesetzt bzw. explizit gefordert; die Zuwendung Gottes erscheint als präsupponiertes, verlässliches Glaubensfaktum in Formulierungen wie götliche gnade / minne
, hilfe des heiligen geistes
, überleuchten des natürlichen liechtes, durchscheinen
des götlichen liechtes
, glauben / tugend / hofnung giessen
, den menschen gotformen
, auch in semantischen Figuren wie als
›wie [...], so [...]‹; der Gnadenstand ergibt sich aus Formulierungen wie einigkeit
2, seligkeit, stilheit, fliessen der gaben
, vereiniget sonder mittel mit got, den vater / son / heiligen geist empfangen
und von diesem empfangen werden
; offen zu 3; vgl. (Präp.) 1; 2; 3 (ütr.), 1.Seit dem mittleren Frnhd. schwächere Belegung; Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘, mehrfach der Mystik.
Syntagmen:
ein bild ü. erfolgen
›sich einprägen‹; die reue ü. sein
; die übernatürliche erkentnis / freude / kraft / kunst / tugend / verständnis, das übernatürliche leben / sehen, die übernatürlichen gottesfreunde
.Belegblock:
kompt nun die Schrifft fuͤr ein natuͤrliches Auge / so bleibet sie ein todter Buchstabe / wo aber ein gleubiges Auge darzu kommet / nach der vbernatuͤrlichen Erkendtnuß / so befindet es / daß die [...].
Waz diu sêle sî, dâ hœret übernatiurlichiu kunst zuo.
Diu riuwe ist zweierlei: diu ein ist zîtlich oder sinnelich, diu ander ist götlich und übernatiurlich.
Alz di sel got ansiht, so wirt si enzogen auzer ir naturlichen craft in ein ubernaturlich craft mit der hilf dez heiligen geist.
der sich da lasset und entwirdet, in der stillheit beginnet úbernatúrliches leben.
Also der heilige geist danne vindet daz der mensche das sine getuͦt, so kummet er mit sime liehte danne und úberlúhtet daz natúrliche lieht und gússet darin úbernatúrliche tugende, also geloͮbe, goͤtteliche minne und sine genade.
darumb solten wir in einer ieklichen goben [...] gespannen werden mit allen unsern sinnen und [...] darzuͦ uns dennen [...] nút in sinnelicher biltlicher wisen, sunder in einer úbernatúrlicher wisen.
Uon disem sehende wellen wir nút me sprechen, mer von einem geistlichen v́ber naturlich sehende, do alle vnsere selikeit inne gelegen ist.
Ebd.
3, 149
: her vmbe wil got, daz wir vnsers selbes vs gant in disem goͤttelichen liehte vnd dis bilde, daz vnser ewig leben ist, v́ber natúrlichen ervolgen.
Vbernatürlicher mensch / Der von Gott ist / Geistlich / Hoch begabet. Divinus homo.
disen frid wurckt / vnd sacht v̈bernaturleich tugent, das ist dy genämmachent lieb, dy dann gotformet den menschen vnd gepirt yn ym alle gestalt der tugent.
3.
›göttlich, nur got
eigen, die über alles erhabenen Seins- und Handlungsqualitäten gottes
ausmachend, in got
ruhend, von ihm in gnade
1, barmherzigkeit
1, zuredung, ane mittung
,ohne Vermittlung‘, mittels götlicher ingeistung
, vertiefend unter alle dinge
ausgehend, in der Seele lebend‹; vgl. (Präp.) 2; 9, 1; 2.Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘, oft der Mystik.
Syntagmen:
got ein zeichen ü. in den himmel stellen, den menschen ü. weisen, etw. ü. in jn. lassen, etw
. (Subj.) ü. sein, einfliessen, dem menschen geschehen, Christus ü. in der sele leben
; der übernatürliche arzet Christus, die übernatürliche anrürung / gnade / ingeistung / kraft / offenbarung / tugend / verwandlung / wirkung, das übernatürliche brot / gut
(für: ewige weisheit
) / liecht (Christi) / wissen / zeichen, die übernatürlichen dinge
.Belegblock:
denn dazu kam der heilige geist, das die magd schwanger ward ym fleisch, aber nicht von fleisch, Also das es nichts dazugethan hat noch eine krafft dem fleisch eingepflantzt gewesen ist, durch Gottes wort und ordenung, sondern ubernaturlich und uberfleisches krafft.
Zum dritten ist ein ding an orten Repletiue vbernaturlich / das ist / wenn ettwas zugleich gantz vnd gar / an allen orten ist vnd alle orte fullet / vnd doch von keinem ort abgemessen vnd begriffen wird nach dem raǔm des orts / da es ist. Diese weise wird allein Gotte zügeeigeñt.
Waz man dâ von gewizzen mac, daz muoz übernatiurlich sîn, ez muoz von gnâden sîn: dâ würket got barmherzicheit.
Nu red wir vurbaz von Cristo und von seinem ubernaturlichem liht.
Ebd.
54, 30
: Ich pin ein hoͤh ob allen dingen, und alle zit han ich ubernaturlich wurchung in mir selben, und dar um so sich der mensch uber di naturlich craft vertieffet under elle dinch, so er ye mer ubernaturlich von mir gezogen wirt uber alle dinch.
Woll weiß ich / das dieser hoch vbernaturlicher / vnnd vnbegreifflicher wirckung Christi / wie er die bei dem Johanne verheisset / keine wirckung der natur / eigentlich zuuergleichen ist / dan Jhene ist vngemessener / Diese aber gemeßner krafft.
da ist gnade ein cleit der sele alzumale, und alle di crefte di dar uz flizin mit ubernaturlichin tugindin, di da heizin gotliche tuginde; und enist kein craft sundir craft der gnade.
Dan sollen wir werden wyssen mit dem gotlichen wyssenn vnnd dann wurt geadelt vnnd gezyret vnnser vnwyssen mit dem vbernaturlichen wyssenn.
Ubernaturliche uerwandelung. transsubstantiatio.
O du vbernatuͤrlichs Brod, | Errett die Seel vom ewigen Todt.
wan ich [Ewige Wisheit] mich, daz úbernatúrliches, unwandelberes guͦt, einer ieklichen kreatur gib nah ir mugentheit in der wise, als si min enphenklich ist, so bewinde ich der sunnen glast in ein tuͦch und gibe dir geistlichen sin in liplichen worten von mir.
enthielte Got die nature nút in úbernatúrlicher wise, het ein mensche hundert menschen kraft, er enmoͤchte der wunnen und des wunders von eigener kraft nút erliden.
In diser einikeit lit die maht [...] alles ceatürliches werkes, naturliches vnd v́ber natúrliches, als verre als es geworht wurt in creaturlicher wise v́ber mitz gnade.
nun ist der anfang der magica ein auslegung auf die unnatürlichen zeichen, sie zu erkennen, wie sie got ubernatürlich in himel stellt und doch wie natürlich erscheine und erkent werden.
wenne die sele disen
[Gegebenheiten, die
in der zit sind, darunter:
natürlich leben]
stirbet genaͤdeklichen, denn wirt Christus ir leben verborgenklichen, vnd er lebet in ir v́bernatúrlichen vnd goͤtlichen. want das goͤtlich in sprechen entspringet von der gotlichen ingeistvng vnd von einer vnbetrieglichen stetten warheit vnd lert reden vnd meditieren himelsche vnd vber natúrliche ding.
der wirt gesehen recht sam er pegyrig wär eyteleich der uͤbernatuͤrleich offenparung.
Ebd.
97, 14
: ich rede hie von der uͤbernaturleichen offenbarung, die an mittung geschicht, zü der sich daz menschleich gemuͤt halt allain leydleich vnd nicht wurchleich.