überlaut,
Adj.
1.
›überlaut, zu laut, das normale akustische Niveau übersteigend‹; beschreibend oder kritisch nuanciert von der Stimmbetätigung des Menschen gesagt; offen zu 2; zu (Präp.) 10 (ütr.), (Adj.) 1.
Syntagmen:
j. ü. lachen / rufen / schreien / weinen
(jeweils absolut);
etw. ü. ausschreien
(z. B.
js. lob
) /
sagen, jn. ü. rufen / schelten, ü. rufen, das
[... + Inhaltssatz] oder [... + Hauptsatz];
j. e. S
. (Gen.obj.)
ü. lachen
;
das überlaute gebrechte
.

Belegblock:

Luther. Hl. Schrifft.
Sir. 21, 29
(
Wittenb.
1545
):
EJn Narr lachet vber laut
[
Mentel
1466:
erhoͤcht sein stimme im lachen
;
Froschauer
1531 /
Dietenberger
1534:
erhebt sein stim̄ mit gelechter
;
Eck
1537:
im gelaͤchter erhoͤcht sein stim
]
/ Ein Weiser lechelt ein wenig.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
474, 6593
(
Magdeb.
1608
):
Die Froͤsch rieffen auch vberlaut / | [...] | Wir nemen Marxn zum Koͤenig an.
Harms u. a., Alberus. Fabeln
34, 31
(
Frankf./M.
1550
):
Da fraget er den Cantor / was er kuͤnde? Der antwort / ich kan alles. Des lacht Esopus vberlaut.
Gille u. a., M. Beheim
99, 1022
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Freien, herren, riter und kneht, | da waz ain über laucz gebrecht | an disen steten scheine.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
Sye ruefften uberlautt ainer uber den andern, das sy der kunig nicht versteen mocht.
Froning, Alsf. Passionssp. ;
Alberus, Barf. ;
Ralegh. America ;
Hübner, Buch Daniel ;
Bell, G. Hager
64, 3, 31
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß .
Vgl. ferner s. v. 1.
2.
›vernehmlich, von jedermann hörbar, allgemein verstehbar, deutlich‹; mit Tendenz zu ›öffentlich‹; im Unterschied zu 1 hörerseitig gesehen, auf die Verstehbarkeit des Geäußerten bezogen und weniger die Lautstärke betonend; vgl. (Präp.) 10, (Adj.) 1; 2.
Bedeutungsverwandte:
3; 4, 3.
Syntagmen:
j. ü. etw. bekennen / rufen / rügen / sagen
(mehrfach),
einen eid schweren, einen spot ü. brechen, ein gebot ü. übergehen / übertreten, j. ü. (von jm.) sagen, swer [...], jn. ü. bitten
[+ Infinitivsatz mit
zu
],
j. ü. (zu jm.) sprechen
[+ Hauptsatz],
eine stimme ü. (zu jm.) sprechen, die engel jn. ü. loben, Job / got ü. sprechen, got jm. ü. zusprechen, j. jm. etw. ü. klagen
;
etw
. (Subj.)
ü. bekant / gerügt / geoffert werden
.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
ich horte als einer stimmen lut | Sprechende zu mir ober lut.
die nimmer sin [Gotes] gebot | Ober lut noch stillen | Durch des vleisches willen | Ubergen noch uber treten.
Kochendörffer, Tilo v. Kulm (
preuß.
,
1331
):
Got gebot und sprach bi nam | Uber lut und offenbar: | [...].
Luther, WA (
1545
/
6
):
Wie man von S. Moniken [...] schrie uberlaut: Lasst uns vollend hinauff gen Himel faren.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
do wart des vatir stimme gehort, | di rif obirlut dese wort: | [...].
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch (
rhfrk.
,
um 1405
):
Wenest du is? so dich Got behuͤde, | Sage mir is, so ee, so besser, uberluͤde!
Gerhard, Hist. alde e
21
(
omd.
,
um 1340
):
Got, git er, hivor uns sprach zu | Durch die wissagen; aber nu | Got uns spricht zu uberlut | In sinem zarten sune trut.
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Vil begonden sie biegen | Schimpfes uf sinen smertzen. | Malachyas von herzen | Brichet den spot uber lut, | [...].
Gille u. a., M. Beheim
91, 1
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
ain exempel von ainem esel Ich clag euchs allen uberlaut: | der esel in des leben haut | wil [...].
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
Des heiligen Geistes keusche Braut, | Dich loben die Engel vberlaut.
Adrian, Saelden Hort
5657
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
verswigen ist der mægt nam, | so daz man niendert úber lút | seit swer gewesen sieg dú brut.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
4707
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Nun wil ich sagen úber lut | Von der hailgen Gottes brut, | Das ist die hailig cristenhait.
Grossmann, Unrest. Öst. Chron. (
oobd.
,
3. Dr. 15. Jh.
):
sy sprachen uberlawtt, wuerd solichs nicht gewent, so mocht das lanndt in grosser schaden khumen.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
, Hs.
17. Jh.
):
In dem gericht Lofer wirdet [...] järlich im ehehaft oder landtäding überlaut und offentlich bekant, gerüegt und geoffent wie hernach volgt.
Peil, Rollenhagen. Froschm.
676, 5323
;
Bömer, a. a. O. ;
Karsten, Md. Paraphr. Hiob ;
Feudel, Evangelistar
37, 8
;
Kochendörffer, a. a. O. ;
Päpke, Marienl. Wernher ;
Wiessner, Wittenw. Ring
5411
.
3.
charakterisiert Personen, ihre Tätigkeit sowie Sachverhalte als je nach textlicher Situation über die bloße Vernehmbarkeit hinausgehend: ›ausgezeichnet, herausragend, vorbildhaft‹; im Einzelnen: ›offenkundig, wahrhaft‹ (von dem
gottes trauten
); ›für alle sichtbar‹ (vom Aufsetzen eines Hutes); ›auserlesen, hochrangig‹ (von einer Schar Adliger); ›für alle erkennbar‹ (von der Wundertätigkeit Christi); dabei reduzieren sich die akustischen Inhalte von
überlaut
bis ins Unerkennbare. Auffallend sind polare Paarformeln wie
stille und überlaut
,
heimlich und überlaut
; immer ist Reimbildung im Spiel; vgl. (Präp.) 10, (Adj.) 1; 2 (ütr.).
Älteres Frnhd.; Reimtexte.
Bedeutungsverwandte:
2; 4; 5.

Belegblock:

Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Sus was der reine Gotes truht | Ubir stille und ubir luht | Dem lande gar ein heilant.
Bömer, Pilgerf. träum. Mönch (
rhfrk.
,
um 1405
):
Keine worte er
[Christus am Kreuz]
nit sagete noch ludte. | Ein anebuß er was heimlich und uberlude | Zu allen slegen, als er wart geslagen.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Er satztt och uff daz hobett sin | Ain hüttlin gar über lutt, | Daz was ains zedemones hutt.
Der küng und sin erweltes trutt | Mitt ainer schar gar über lutt | Fürsten, ritter, frowen | Begundentt alle schowen | Mitt gelust der herren lip.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
mænig zaichen das ich tet, | Als man och wol gesechen het, | Úberlut und offenbar | Was min tuͦn, min leren gar.