süssen,
V.
1.
›jm. schmecken (im ütr. Sinne); jm. wohltun, angenehm, hilfreich, erlösend (dies Letztere im religiösen Sinne) sein‹;
vgl. 1; 5; 7.
Bedeutungsverwandte:
1; vgl. (V.) 6.
Syntagmen:
mit Dat.obj. d. S. / d. P.

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
So sie richen dan beginnen | Und iz gut zelen musen, | Dem vleische beginnet suzen | Und leben noch des vleisches art, | So ruret sie der girde gart | Und vorwandelt in den mut.
Daz [predigens beruch] suzet im in sinem munde | Die wile mans im gunde.
Adrian, Saelden Hort
119
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
uf daz dú warhait alle stunt | weltlichen hertzen súeste | und in och lieben múeste | von des getihtes schónhait.
Schülke, Geistl. Gemahelsch.
5170
(
moobd.
, Hs.
15. Jh.
):
die von gnaden uberwallent / und mit jubelfräwden schallent / und unverholen andachten müzzen, | den müz andacht vast süzzen.
2.
›sich, etw. süß machen‹; meist in verschiedene Richtungen ütr., deren gemeinsames Inhaltsmoment als ‚etw. / sich / jn. angenehm machen, je situationsentsprechend in eine gesteigerte, meist bessere Position bringen‘ gesehen werden kann; im Einzelnen z. B.: ›sich aufbessern, milde werden‹ (von der Luft); ›sich beruhigen‹ (von Personen); ›jn. in die Gotteskindschaft heben, erhöhen‹ (von Christus als Handelndem gesagt); ›(jm.) etw. als süß erscheinen lassen, angenehm machen‹ (z. B. den
himmeltron
); ›einen Acker (z. B. durch
arbeiten
8,
roden
) aufbessern‹; ›jm. etw. versüßen, Honig ums Maul schmieren, zu etw. verführen‹ (ansatzweise phrasematisiert); ›jn. erlösen‹ (im religiösen Sinne); ›etw. erquicken‹ (religiös ütr.); ›sich angenehm machen, durch sein Verhalten positiv auf sich aufmerksam machen‹; ›sich demütig verhalten‹; ›sich zieren, sich schön machen‹;
vgl. 1; 6; 7.
Phraseme:
jm. den mund süssen
.
Gegensätze:
1.
Syntagmen:
den acker / himmeltron, die himmelspforte, js. gedenkung s., jn. in den lefzen s., jn. mit der auferstehung s., jm. den mund so s., das [...], sich s., neu und alt sich s., die luft sich s., j. sich e. S.
(Gen.obj.)
s
.
Wortbildungen:
süssern
1 ›etw. versüßen‹,
süssung
1 ›jm. von Gott erwiesenes Gnadengeschenk der Gotteskindschaft‹ (dazu bdv. bzw. Orientierungsfeld: 7, 3; 4, 4),
übersüssen
1 ›jn. religiös erheben, auszeichnen‹ (mit Bezug auf die Mutter Gottes gesagt); 2 ›etw. an erotischer Anmut übertreffen‹ (Bezug auf Helena).

Belegblock:

Helm, H. v. Hesler. Apok. (
nrddt.
,
14. Jh.
):
Bi sinen predigeren, | Die laden und irveren | Unde suzen und bittern | Den pfaffen und den rittern, | Sie suzen den himel tron | Und bieten ewigen lon | Und bittern vur der helle.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
der buman, | der einen wilden acker sol san, | suzet und redet so lange, | biz her von erbeitens drange | git der werlde bernde vrucht.
Thiele, Minner. II,
32, 13
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
ich dachte: ‚is ist eins meyes tyt, | sint sich die locht hait sus gesuͤest. | ein vogel den anderen gruͤest | met also rechten, suessen sanghe.
Redlich, Jül.-Berg. Kirchenp.
2, 1, 505, 27
(
rib.
,
1533
):
Si [predicanten] plegen die bikompsten zu halden, haven sich aver sieder pinxsten gesuest.
Chron. Köln (
Köln
1499
):
ind eme [dem vait] wart der munt so gesuesset ind de rede so sues vurgelacht van des buschofs hulpe ind bestant, dat he wart bedrogen.
Gille u. a., M. Beheim
153, 165
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Gotz sun zu werden unde sein? | nicht, herr, sol ich das anders mein, | wann mir allein das, was erschein | deinr gnad und güt pegrussung, | Das ich tail gwin irr sussung.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
Gelobet sey der jmmermehr, | Der dich mit seiner aufferstehung suͤsset.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel (
Straßb.
1466
):
Der feint súßt oder furt in
[Var. 1475
2
–1518:
redt sússe wort
; nd. Bibel um 1478:
sote sprekt
;
Froschauer
1530 /
Dietenberger
1534 /
Eck
1537:
ist süß mit seinen leftzen
;
Luther
1545, Sir. 12, 15:
gibt wol gute wort
]
in sein lespen: vnd lagt in seim hertzen das er dich verkere in die gruͦb.
Sein gedenckung wirt gesússert
[
Froschauer
1531 /
Eck
1537:
würdt [...] süß
;
Luther
1545, Sir. 49, 2:
ist süsse
]
in dem munde als honige: vnd als das saiten spil in der wirtscheffte des weins.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Waz man von süssen wiben sagtt, | Daz hätt sy
[Helena]
über susset.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
3, 14
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
Engelischer gruss dich [gotes muter] grüsset, | götlich süss dich übdersüsset.
Ebd.
12, 3
:
Maria, pis gegrüsset, | dein zarter, hochgelobter nam | vor allen dingen süsset, | du sälge himelport.
Klein, Oswald
37, 49
(
oobd.
,
1417
):
neu und alt | hand sich gesüsset, | grüsset | sei ir sprinz und sprannz.
Niewöhner, Teichner
30, 2
(Hs. ˹
moobd.
,
1360
/
70
˺):
Der ein herren nicht wil gruezzen | der muez vier valtichleich sich suezzen: | mit chlueger gab, mit pett von grund.
Ebd.
69, 9
:
dez wil in got allez gewern, | ob er sich dez ersten [den himmel suchen] suezzet | und in umb sein reich begruͤezzet.
3.
›etw., das als psychischer Schmerz, als Leiden u. Ä. charakterisiert ist, in sein Gegenteil verwandeln, etw. versüßen‹;
vgl. 6.
Syntagmen
(mit Subj. d. P. / d. S.; Letzteres häufiger):
js. kummer, den verdrus, die leidung, die säuere, krumme worte s
.;
das gesüste gift
.
Wortbildungen:
süssern
2,
süssung
2 ›Süßigkeit, Wohlgefallen‹ (als Gegensatz zu einer durch das Adj.
bitter
bestimmten Größe),
übersüssen
3.

Belegblock:

Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
sus kan hoffe [spes] sure suzen, | di libe glich ich eren vuzen.
Thiele, Minner. II,
32, 312
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
noch hi enkoirt ouch nit des vloys | der suessen kan so suer verdroys. | das ich kyesen, das ist van bynnen, | niet na uysserlichen synnen.
Kopp, Volks- u. Gesellschaftsl. (Hs. ˹
pfälz.
,
M. 16. Jh.
˺):
Mars, thue mir mein khummer hie süeßen!
Hübner, Buch Daniel (
omd.
, Hs.
14.
/
A. 15. Jh.
):
Lidunge wirt gesuezet | Alda in der stunde.
Gille u. a., M. Beheim
21, 40
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
mein inwendiger smak | [...] | Das er das piter in die sussung secz und richt, | und das suss in die vinster werd geprokett.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
alle ander minnerin hein suͤssú wort [...], ire hend sint isenhalten, ire red gesuͤstú gift, ire kurzwile erenrob.
denn faͤrwent sú [die valschen minnerin] die ungestalten wengel, dennen suͤssrent sú die krumben wort.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Es ward über süsset | Waz ir dewederr arbaitt | von suren vigenden ie erleid.