sälde,
1
selde,
die
;
-Ø, -en/-en
;
häufig im Pl. gebraucht;
zu
mhd.
sælde, selde
›Güte; Heil, Glück (von Gott)‹
().
– Eng vernetztes Bedeutungsfeld mit fließenden Übergängen.
1.
›(gottgegebenes) irdisches Glück, Wohlergehen (e. P. oder Gruppe)‹; auch in Wunsch- und Segensformeln, wohlmeinenden Begrüßungen, Verabschiedungen u. Ä. verwendet; speziell im Einzelnen: ›Erfolg, glückliches Geschick‹; ›Wohlstand‹; ›glückliche Rettung (aus Lebensgefahr)‹; ›Wohltat, Zuwendung; Positives, das einem zuteilwird‹; ›Stabilität, Ordnung‹.
Zur Sache: ff.
Im 16. Jh. auslaufend; gehäuft Versdichtung, erzählende Texte.
Phraseme:
ere und sälde
(formelhaft).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 2; 7, , 1, 1; 2; 3; 6, 1; 9,
1
6; 11, (
das
) 2, , 1; 2, 3, 1, , 1; 5, ; vgl.
1
2, 3,
1
3, 3.
Gegensätze:
1, 3; 5, (
der
) 1, (
das
), 1.
Syntagmen:
j. s. erwerben, jm. s. wünschen, das land
(Subj.)
sälden haben, got
(Subj.)
jm. s. geben
(mehrfach)
/ meren
(mehrfach);
s
. (Subj.)
js. walten, jm. geschehen / sein, von guter nachbarschaft kommen, überal auf dem land, in der stat sein
;
etw
. (Subj.)
js. s. sein
;
etw
. (Subj.)
in sälden bleiben, j. in sälden fürst werden, mit sälden
[wohin]
kommen / ziehen, das trauern
(Subj.)
nach den sälden kommen, j. jm. zu sälden geboren sein
;
die sälden auf glückes rad
;
die meiste s
.;
das jar der s., der barn, das kind der sälden
.
Wortbildungen:
säldenbäre
(
der
) ›Retter, Helfer (aus höchster Not)‹,
säldenbäre
(Adj.) 1 ›glücklich‹ (dazu bdv.: ),
säldenbärend
›Rettung bringend‹,
säldenreich
1 ›glücklich, vom Glück begünstigt‹ (auch subst. als Anrede),
säldenstunde
.

Belegblock:

Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. (
preuß.
,
um 1330
/
40
):
dô zu der walstat | nâch der sâldinberndîn tât | dî brûdre widdir quâmen | [...] zusamen.
Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Appolonius, der selden barn, | Der Got wol behagete.
Chron. Mainz (
rhfrk.
,
15. Jh.
):
[haben wir] bedaicht [...] ere und selde der gemeinde stadt zu Mencze.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob (
omd.
,
1338
):
Di nacht gezalt nicht werde dar | Zu den tagen der salden jar.
Sy sint verwischet als der stoub, | Dy salden riche tage min.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
17, 15
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Wo sint sie hin, die auf erden wonten, die mit gote redeten, an im genade, hulde
[Var. schwäb./bair., 1468:
vnd selde
],
auch reichtum erwurben.
Wolf, Rothe. Ratsged. B
569
(
thür.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
RAt blibet in salden, | So gehorsam wirt gehalden.
Lemmer, Schernb. Frau Jutte
294
(
Eisleben
1565
):
Das wir die [lehr] muͤgen behalten / | Vns allen zu ehren vnd zu solden.
Holtzmann, Gr. Wolfdietrich (Hs.
A. 15. Jh.
):
Sie waren ane swere mit ganzen fröden fro, | der wirt so seldenbere hies uftragen do.
Pyritz, Minneburg
3250
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Ach awe, wem die selde geschicht, | Den sie mit mynnen schranken | Und mit armen blanken | Lieplich umbe vehet.
Sachs (
Nürnb.
1561
):
Dem könig sey freud, trost und seld!
Thiele, Minner. II,
5, 1
(Hs. ˹
nalem.
/
sfrk.
,
1470
/
90
˺):
Wan ich bedenck die selden stund | wie sich in rechter lieb enczund | myn hercz.
Ebd.
7, 431
:
wolhin, myn lieber gesell, | gluck din walten woll | unnd aller selden vil!
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Do sprach der seldenberre: | ,Sind, frow, on alle schwere! | Ich bring üch wider über mer | [...]‘.
Tobler, Schilling. Bern. Chron. (
whalem.
,
1484
):
[wolt si] dabi erschowen lassen, was selden und guͦts von friden und guͦter nachburschaft kompt.
Wiessner, Wittenw. Ring
2662
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
Ich han mir eineu [weib] ausderkorn, | Die mir ze sälden ist geporn.
Ebd.
3272
:
sprach do Cholman züchtichleich: | ,Genad, vil liebeu säldenreich! Hab ich wider euch gejehen, | Daz [...] | [...]‘.
Ebd.
9291
:
Strudel der hiet witzen gnuog, | Säld und chraft: daz was sein fuog.
Martin, H. v. Sachsenh. Tempel
48
(
schwäb.
,
1455
):
Gott vatter, syd all seld flüsset | Vß vrsprung dinr gnauden, | So schick mir vß höchsten graden | Vernünfftig falckentertzen!
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
und was hail und säld überall in der stat und auf dem land: es was iederman reich.
Klein, Oswald
70, 5
(
oobd.
,
v. 1408
):
Her wiert, [...], | trag auf wein! [...] | Das dir got dein laid verkere, | [...] | Und dir dein sälden mere, | nu schenck ein!
Munz, Füetrer. Persibein
281, 3
(
moobd.
,
1478
/
84
):
Der wurem allt zu vellde | wider was von seinen jungen, | das was ir paider sellde.
Mone, Adt. Schausp. ;
Hübner, Buch Daniel ;
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe ;
Wiessner, a. a. O.
1799
;
Primisser, Suchenwirt ; ;
Gereke, Seifrits Alex.
3556
;
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
30, 5
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
Baumann-Zwirner, Augsb. Volksb.
1991, 181
.
Vgl. ferner s. v. 12.
2.
›Seelenheil, ewige Glückseligkeit, himmlische Freude, Erlösung‹; auch metonymisch mit direktem Bezug auf Christus und seinen Erlösungstod als Ermöglichungsgrund von
sälde
; ferner metonymisch: ›Seelenopfer‹; mit Bezug auf Maria offen zu 3.
Gehäuft Texte der Sinnwelt ,Religion / Didaxe‘.
Bedeutungsverwandte:
, 3, (
das
) 5, 1,
2
2; 6, 2; vgl.
1
12, 1, 7.
Syntagmen:
j. s. zu himmel haben
;
die s
. (Subj.)
jm. teuer werden, aus dem liecht brennen
;
jm. der sälden verbunnen
›missgönnen‹;
j. dem abt durch js. sälden förderung tun, in der s. behalten werden, got
(Subj.)
jm. den tod mit s. vergelten, j. zu sälden arbeiten, zu sälden erstanden werden, den leichnam zu den sälden bringen
;
die s. der sele / welt, des himmelreichs, der tugenden
;
die christliche / ewige / überhöchste s., die höchsten sälden
;
der weg, die ursache, das heil der s
., ˹
eine gebärerin, ein fas der sälden
˺ bildlich bezogen auf Maria als Gebärerin Christi;
x helbling s
.;
sälde über s., js. sele zu sälden
.
Wortbildungen:
säldenbäre
(Adj.) 2 ›selig, des himmlischen Glücks teilhaftig‹,
säldenhaft
1 ›des himmlischen Glücks teilhaftig‹; 2 ›segensreich, segenbringend‹,
säldenheil
,
säldenkauf
,
säldenkeit
,
säldenreich
2 ›segensreich, heilbringend; gesegnet‹,
säldenzwei(g)
(als Anrede Gottes; dazu bdv.: ).

Belegblock:

Reissenberger, Väterb. (
md.
, Hs.
14. Jh.
):
Daz in Got des todes teil | Gewant hat in ein seldenheil.
Mone, Adt. Schausp. (Hs. ˹
omd.
,
1391
˺):
Maria dy
e
uzderwelde frucht, | dy
e
in maytlicher zcucht | uns (en) trug zcu
e
der werlde salde.
gib en, son, dine hulde, | alze daz sy werden behalden | in des hymmelriches saldin.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
34, 15
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Heil und selde über alles heil und selde; rechter weg on allen irrsal zu dem ewigen leben.
Neumann, Rothe. Keuschh.
1390
(
thür.
,
1. H. 15. Jh.
):
wanne ein kuscher zu salden | erbeitet das her moge behalden | van gotes gnaden di seligen stad.
Gille u. a., M. Beheim
69, 185
(
nobd.
,
2. H. 15. Jh.
):
Du ausgeber der heilkait gar, | ursach aller seld, gnadsamar | ablas der sunden alle.
Ebd.
123, 89
:
[Der nam] An im selb und in seinen | aigen pustaben hab ain krafft, | da mit er die leut macht seldhafft
[dies zu
säld(en)haft
a]
| und in hailkait sei reinen.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
um 1480
):
Allzo du [jungfraw] auch gancz seliclich | Gepert dein kindlin clare | [...] | Daß nie verkundet menschen zung | Wie selden hafft
[dies zu
säld(en)haft
b]
| Naturen art weich abe.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Herr, [...], du seldenzwi, du meienris, [...], schlús uf din arme.
Adrian, Saelden Hort
549
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
wart der apfel | gessen und wir von dem stapfel | vielen aller sælden kait.
Ebd.
957
:
do dú stund komen was | daz sant Elsibeth genaz | des selden riches kindes.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
425, 4
(
els.
,
1362
):
Antwurt der túfel: ,Wir fúrbunnent dem menschen der selden die wir fúrlorn hant [...]‘.
Päpke, Marienl. Wernher (
halem.
,
v. 1382
):
[Der hailige gaist] brachte sú [zwelfbotten] fúr das hus | Da Maria inne was, | Aller gnaden ain sælden vas.
Welti, Stadtr. Bern (
halem.
,
1480
):
[vff das wir] gereinget in dem suͤssen brunnen des kostbarlichen bluͦts Jhesu Cristi zuͦ allen tugenden selden vnd guͦte seles vnd libs erstannden werden.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
7, 21
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
Salve, grüest pist, zierd der maid, | götleich, menschleich underschaid, | sälden ein gepererin.
Ebd.
11, 40
:
darumb schaff, säldenreicher gart
[hier: Anrede Mariens],
| das all dürr seel gewinnen saft | von des heiligen gaistes kraft.
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
[Dein leichnam] sŭcht mit fleizz di lieben stet | In gantzer andacht mit gepet | Seiner purd und seiner tauff, | Der christenhait tzu seldenchauff.
Bastian, Runtingerb.
2, 425, 2
(
oobd.
,
1404
):
Und 6½ s. helbling saͤld.
Niewöhner, Teichner
311, 123
(
moobd.
,
1360
/
70
):
also ist der got dienen wil: | etwann trifft er gutew vrist | daz unser herr parmig ist | und in machet saelden paͤr.
Gierach, Märterb.
502
(Hs. ˹
moobd.
,
A. 15. Jh.
˺):
doch der seldenbere [Sebastian] | wart ab gelost pey der nacht.
Strehlke, Nic. Jerosch. Chron. ;
Dubizmay, kurß zu Teutze
50, 11
;
Mitzschke, UB Bürgel ;
Neumann, a. a. O.
476
;
Gille u. a., a. a. O.
71, 113
;
Mayer, a. a. O. ;
Stammler, Berner Weltger.
531
;
Ruh, Bonaventura
361, 23
;
V. Anshelm. Berner Chron. ;
Dirr, Münchner Stadtr. ;
Hör, Urk. St. Veit
107, 35
;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß ;
3.
›(glückselig machende) Vollkommenheit, Vorbildlichkeit, das Höchste alles Erreichbaren / Erstrebbaren (summum bonum) als Qualität e. P. / e. S.‹; häufig als
genitivus explicativus
in Fügungen wie
der sälden haft / hort / schrein
u. Ä. verwendet; auch auf Maria und (seltener) im Rahmen von
minne
auf die Geliebte bezogen.
Bedeutungsverwandte:
1
(
das
) 7, 1; 2; 3; vgl.
1
4,
1
6, 5.
Syntagmen:
etw. der sälden vol sein
;
j. an sälden arm sein
;
die s. Mariens
;
der hort / schrein / stam, die krone der sälden
.
Wortbildungen:
˹
säldenbäre
(Adj.) 3 ›vollkommen, wunderbar; Glück spendend‹ (dazu bdv.: , 3, , Adj., 5; 6),
säldenreich
3 ›vollkommen, vorbildlich, vortrefflich‹ (dazu bdv.: , Adj., 5; 6)˺ jeweils als Qualität e. P. / e. S.

Belegblock:

Thiele, Minner. II,
24, 140
(Hs. ˹
md.
/
rhein.
,
1. V. 15. Jh.
˺):
o wyf, wyflicher salden hort, | got gebe mir vil des ich dir gan!
Gerhard, Hist. alde e
807
(
omd.
,
um 1340
):
Jacob, der tugende hab, | Pharaoni antwurte gab | Van sinem alder, der salden scrin.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
3, 7
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
ir habt mir mein auserwelte turteltauben, meiner selden haft
[zu
haft
,
die
, 9]
[...] enphremdet.
Pyritz, Minneburg
737
(
nobd.
, Hs.
um 1400
):
Auch ist ir varb erglentzet sa | Reht als sie sy fraw Elena, | Geborn uz der selden stam.
Ebd.
970
:
Minne die rein, die seldenbere, | Die uß erwelt, die mynneclich.
Adrian, Saelden Hort
73
(
alem.
, Hss.
E. 14.
/
15. Jh.
):
swa man dis buͦch, der sælden hort, | in den landen hie und dort | wirt hoͤrent und lesent.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Dü zwo rainen junkfrowen, | Die man wol mochtt schowen | In selden richer wirdekaitt.
Wiessner, Wittenw. Ring
2470
(
ohalem.
,
1400
/
08
):
es si die säldenreich | Muoter gotz und raineu mait, | Maria, trost der cristenhait.
Sappler, H. Kaufringer
29, 85
(
schwäb.
, Hs.
1472
):
Ich sprach zuo der minnekleichen: | „es ist wol der sälden schrein, | wa schön bei tugent mag gesein: | [...]“.
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. (
oobd.
,
1349
/
50
):
wær daz [däutsch von Megenberch] ain ris und niht ain twerch | und wær ez aller sælden vol, | des gund ich meinen freunden wol.
Brévart, K. v. Megenberg. Sphaera
4, 16
(
noobd.
,
1347
/
50
):
Mit also lobleichen worten | Marien selden ich durchpolt.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
23, 7
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
er leucht dort her, der Lucifer, | gar seldenbär mit seinem chlaren schein.
Mayer, Folz. Meisterl. ;
Bihlmeyer, Seuse ;
Rieder, St. Georg. Pred. ; ;
Baumann-Zwirner, Augsb. Volksb.
1991, 181
.
Vgl. ferner s. v.
1
4, 2.
4.
in der Fügung
frau sälde
: ›gestalthafte Personifikation der glücklichen Fügung‹; im Einzelnen auch: ›Glücksbringerin (die jm. ihre Gunst erteilt, das Glücksrad in Gang setzt)‹; ›Verleiherin von Vollkommenheit‹; anschließbar an 1; 3.

Belegblock:

Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
4, 12
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
Do sante ir frau Ere der selden ger einen mantel und einen erenkranz flacht ir frau Selde.
Matthaei, Minner. I, (Hs.
15. Jh.
):
Ein kindelin klein und krancks | füegt myr frauw Seld zu hus.
Ebd. (Hs. ˹
wobd.
,
15. Jh.
˺):
Frow Mynn fraugt dar nach zuͦ hand | frow Selden was der waͤr bekant. | frow Saͤld die ertailt also: | [...].
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
Da sitzet fro Selde mit irem glúktrad und zoͤget daz wol geziert oberteil des rades.
Rennefahrt, Zivilr. Bern (
halem.
,
1519
):
Dise abergloͤubige buͤbin [...] sich [...] usgeben hat, sy fuͤre mit froͧw Sellden und dem Wuͤtisher, dadurch sy allerley heimligkeit moge wuͥssen.
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Ich pin doch stætleich auf dem wan, | Daz ich wil in gepirge yagen, | Ob mir vraw Selde wolt betagen, | Daz ich von sorgen buͤrd erloͤst.