niendert,
nienen,
niergend,
nirgends,
Adv.
- Jedes der hier angesetzten Konstrukte leitet sich von einer hohen Anzahl von Schreibformen her, wobei im einzelnen mehrere Zuordnungen begründbar sind. Das spricht gegen den Ansatz eines Mehrfachstichwortes:
nienen
weist erstens eine gewisse Beschränkung auf das Wobd. auf (dazu );
zweitens beruhen die vier Ansätze auf unterschiedlichen etymologischen Vorlagen, und zwar
niendert
auf
ni êoner
(; vgl. auch 1, 1415 s. v.
iener
),
nienen
auf
nie weht, niewet ne
(),
niergend
auf
(n)io / eo hwergin
(;
Kluge/S.
2002, 447
).
Ausschlaggebend für die hier vorgenommene Zusammenfassung ist die gemeinsame Semantik der Einheiten; alle Normalisierungen unter
Synt
. und
Wbg
. sind auf
niendert
ausgerichtet.
1.
gibt an, daß ein Inhalt (ein Zustand, eine Handlung, ein Vorgang) nicht unter räumlichem oder räumlich gedachtem Aspekt situiert werden kann: ›nirgends, nirgendwo‹; mehrfacher Gebrauch nach dem Muster ˹
niendert [...] baussen / dan / denne / wan / wenne
˺ jeweils ›nirgendwo [...] außer (mit Angabe der Ausnahme)‹.
Phraseme:
niendert einen kroch kommen
›keinen Schritt weit kommen‹.
Bedeutungsverwandte:
1.
Gegensätze:
1.
Wortbildungen:
nienderthausen
eine fiktive Ortsangabe,
nienderther
›nirgendwoher‹,
nienderthin
›nirgendwohin‹,
niendertwo
.

Belegblock:

Mendthal, Geom. Culm. (Hs. ˹
preuß.
,
A. 15. Jh.
˺):
Wer abir, das das uelt nyndirt eynen rechten winkel hette.
Toeppen, Ständetage Preußen
3, 178, 5
(
preuß.
,
1450
):
das eyne sulche beswerunge abegetan werde, wend es nyndert andirs ist im ganczen lande.
Luther, WA (
1531
):
Das kompt nyndert anderst her, denn von seym Anherren.
Ebd. (
1530
):
dieselbigen wortt, die du hörest undt gleubest, fhuren dich nirgendts hin den auff die person Christum [...], weitter kompstu nicht.
Es wil dich Christus nirgendts anbinden den an seinen mundt undt wortt.
Quint, Eckharts Pred. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
alsô ist got niendert als eigenlîche als in der sêle und in dem engel.
Ders., Eckharts Trakt. (
E. 13.
/
A. 14. Jh.
):
Sô enist niendert ganziu ruowe dan aleine in dem abegescheidenen herzen.
Jostes, Eckhart
71, 2
(
14. Jh.
):
Di weil di sele iergen ist, so enist si niht in gotes meiste, daz niergen ist.
Ebd.
94, 38
:
Got ist, dez niht
[›dessen Nichts‹]
erfullet alleu dink, und sein iht
[›Etwas, Bestimmbares‹]
ist niendert.
Follan, Ortolf. Arzneib.
128, 11
(
rib.
,
1398
):
Js et auer von der blasen, so laz eme nyrgen.
Tiemann, E. v. Nassau-S. Kgn. Sibille
152, 13
(
rhfrk.
,
um 1435
):
Er stonde doch / als obe er einen kroch niergen mochte kommen.
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
Sich selb zu preisen wunderthetig, | Fehrt oben auß, sich nergn aufstoͤßt, | Doch sich zu mehrmaln selber troͤst.
Karsten, Md. Paraphr. Hiob (
omd.
,
1338
):
Idoch vindet man nindert wo | Job gesprochen habe so.
Berthold u. a., Zwick. Stadtrref.
30, 20
(
osächs.
,
1542
/
70
):
So dan christenlicher glaub, [...] nindert besser dan aus gotlichen schriften zu lernen.
Kehrein, Kath. Gesangb. (
nürnb.
1631
):
Jhr aber thut im Finstern maussn, | Vnd zeygt ewr Kirch zu nirgdshausn.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
und gedenkent, daz ir got niene me trúwen mugent geleisten [...], denn an einer verworfenen súnderin.
Kurrelmeyer, Dt. Bibel Var. (
Straßb.
1466
):
Er antwurte. Dein knecht gieng an keine stat
[Var. 1475
2
-1518:
nienderthin
;
Eck
1537:
nirgents
;
Luther
1545, 2. Kön. 5, 25:
widder hieher noch daher
].
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
das der ufzug der hilf und gelts, [...], nienanhar komen sîe, wan [...].
Chron. Augsb. (
schwäb.
, zu
1563
):
da man sie aber allenthalben im haus gesuͤcht und niendert finden mugen.
Pfaff, Tristrant (
Augsb.
1498
):
Ich will nyendert reiten, sunder mit dir hie meins gesellen wartten.
Bauer, Geiler. Pred.
100, 1
(
Augsb.
1508
):
sonder du bist niendert lieber dann allain bey dir selber.
Baptist-Hlawatsch, U. v. Pottenst.
1806
(
moobd.
,
A. 15. Jh.
):
nu ist die sëlichait nindert denn in dem höchsten guet.
Toeppen, a. a. O.
2, 410, 17
;
v. Tscharner, Md. Marco Polo
63, 8
;
Reichmann, Dietrich. Schrr.
251, 23
;
Bihlmeyer, a. a. O. ;
Roder, Hugs Vill. Chron. ;
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst ;
Roloff, Brant. Tsp.
250
;
Müller, Grafsch. Hohenb.
1, 11, 15
;
Schmidt, Rud. v. Biberach
12, 27
;
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
2, 498, 13
;
Haltaus, Liederb. Hätzlerin ;
Reithmeier, B. v. Chiemsee ;
Kummer, Erlauer Sp. .
2.
steht für die Verneinung eines Sachverhaltes: ›nicht, keineswegs, gar nicht‹; seltener auch: ›nie, niemals‹; die Belege sind teils auch im Sinne von 1 lesbar.
Phraseme:
niendert ab haben
›um etw. nichts geben, sich nicht um etw. scheren‹;
jn. niendert im himmel sehen
›j. nicht in den Himmel kommen‹;
etw. / jn. / sich niendert(hin) achten / halten / schätzen
›etw. / jn. / sich für nichts achten‹.
Wortbildungen
(mit nachgestellter Präp.):
In den folgenden Wortbildungen ist subst. Gebrauch vorauszusetzen.
niendertauf
›auf nichts‹ (auch getrennt geschrieben),
niendertfür
›zu nichts‹,
niendertin
›in nichts‹,
niendertmit
›mit nichts‹,
niendertum
›auf keinen Fall, um nichts (anderes)‹,
niendertzu
›zu nichts‹.

Belegblock:

Chron. Magdeb. (
nrddt.
, Hs.
1601
):
ein Christen Mensch ist nindert zu verbunden, das Gott nicht geboten hat.
Schöpper (
Dortm.
1550
):
In re nulla. Jn nicht nindert in in keinem ding.
Luther, WA (
1530
):
der leib undt blutt Christi im Abendtmahl diene nirgendts zu.
Franz u. a., Qu. hess. Ref. Bd.
2, 261, 48
(
hess.
,
1536
):
Warumb het es [zu der ehe tretten der pfaffen ...] dan got selbst gemacht und nerren verbotten?
Kurz, Waldis. Esopus (
Frankf.
1557
):
ich bin nun alt, | Vnd ich sie [Weib] anderst niern vmbhalt, | Denn das sie mein im alter pflege.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
der konig von Behemen der was an deme Reyne unde ted sich nyrgen des uss, das her umbe das reich mit om streiten wolde.
Bobertag, Schwänke (
Straßb.
1522
):
ob er das gelt sunst nienen zuͦ bedörfft, dan das er es vmb das narrenwerck het vß geben.
V. Anshelm. Berner Chron. (
halem.
,
n. 1529
):
ob si
[Adressaten einer Botschaft]
nienar ab tuͦn woͤltid, sol ieder bot gestelter copî ufgerichte manung bi im haben.
Lindqvist, K. v. Helmsd.
3496
(
halem.
, Hs.
um 1435
):
Wer nach der welt nit stat und gat, | Dien selben nienar fúr kluͦc man hat.
Luginbühl, Brennwalds Schweizer Chron.
2, 461, 1
(
halem.
,
1508
/
16
):
als diser verreter sach, das er verachtet und man in nienen für hielt, da hankt er sich selbs.
Bachmann, Haimonsk. (
halem.
,
1530
):
Ich schatzte mich niennerthin, wenn ich mich nŭt an dir räche.
das ich nunn niennerumm wett, daz wir nŭt an innen gerochen wurdend.
Ders., Morgant (
halem.
,
1530
):
wenn sy gewapnet uff dem pfert sitzt, so achtet sy keinen man niennert hinn, geb wie edel oder mechtig er sig.
er were niennerumm in dyß land kommen, dann etwaz verrettery zetriben.
die frow hat nŭt acht uff daz end, sy hat niennert uf acht dann iren wyllen zeverbringen.
Jörg, Salat. Reformationschr.
59, 13
(
halem.
,
1534
/
5
):
das sy jn den merteyl [...] puncten und articklen / gar wenig / oder gar nienen [...] einhaͤlig gsyn sind.
Haas u. a., Erasmus/Jud. Klag
2b, 18
(
Zürich
1521
):
Jch antwurt daruff / Der nienar vff ein vffsehen hat dann vff gemeinen nutz / facht nit liederlich ein krieg an.
Kottinger, Ruffs Adam (
Zürich
1550
):
üwer sect müend ir [eelich man] verlon | und miner art nach allwäg läben, | ouch nienerinn mir widersträben.
Maaler (
Zürich
1561
):
Niener an gedencken / Ein freyenmuͦt haben [...]. Nienerfürhalten / Nüt schaͤtzen / Verachten. Nihilifacere, Naucifacere. Jch achten jn Nienerfür.
Völker, Antichrist
1590
(
wschwäb.
,
15. Jh.
):
daz ist, daz der selb inn dem hymel nienert gesehent wirt.
Bauer, Geiler. Pred.
101, 15
(
Augsb.
1508
):
Nun mainentt etliche menschen es sey niendert für nütz / daßs man allso lebe in ainem abgeschaydnen leben.
Primisser, Suchenwirt (
oobd.
,
2. H. 14. Jh.
):
Daz dein dŭrst hot nindert ent; | Da von so tzitern dir dew hent.
Kummer, Erlauer Sp. (
m/soobd.
,
1400
/
40
):
er sol ıͤr smıͤren di lende, | das si sich ninndert muͤg gewenden.
Strauch, Par. anime int.
50, 19
;
Schönbach, Adt. Pred. ;
Doubek u. a., Schöffenb. Krzemienica ;
Vetter, Pred. Taulers ;
Lindqvist, a. a. O.
3768
;
Koppitz, Trojanerkr. ;
Bachmann, Haimonsk. ;
Wyss, Luz. Ostersp.
9214
;
Haltaus, Liederb. Hätzlerin ;
Rieder, St. Georg. Pred. ;
Völker, a. a. O.
683
;
Reu, Süddt. Kat.
1, 766, 34
;
Spiller, Füetrer. Bay. Chron. ;
Schmidt, Hist. Wb. Elsaß .
3.
die doppelte (oder mehrfache) Negation verbindet sich tendenziell mit einer ansatzweisen Lexikalisierung; teils sind mehrere Übersetzungsmöglichkeiten (auch die Unterscheidung von 1 und 2 überlagernd) gegeben.
Syntagmen
/ phras. (die folgende Belegliste ist nur eine Auswahl der Vorkommen):
niendert bussen nemen enmögen
›keine Bußen nehmen dürfen‹ (weitere Beispiele im Präfixartikel
en-
);
niendert keinen faden anhaben
›nichts anhaben‹;
enturren niendert niergen bleiben
›nicht wagen, irgendwo zu bleiben‹;
rot als niendert kein blut
›röter als Blut‹;
den tod niendert nicht verschuldet haben, dan [...]
›den Tod nicht verschuldet haben, außer [...]‹;
niendert nicht der Juden bleiben
›es gibt keine Juden mehr‹ bzw. euphemistisch ›es bleiben nirgendwo noch Juden‹;
niendert keinen trost
›keinerlei Trost‹
haben
;
kein kloster niendert
›nirgendwo ein Kloster‹ bzw. ›kein Kloster‹
finden
;
niendert nicht unbillicheres sein, dan [...]
›nichts unmöglicher, ungerechter sein, als [...]‹;
jm. niendert keine ruhe
›keinerlei Ruhe‹ bzw. ›nirgendwo Ruhe lassen‹;
niendert kein becke
›kein Bäcker‹ bzw. ›nirgendwo ein Bäcker‹;
keine hausmeid niendert, sie wil [...]
›keine
hausmeid
, die nicht [...]‹;
sich niendert keiner arbeit unterstehen noch machen
›nirgendwo‹ bzw. ›keinesfalls Arbeit aufnehmen‹.
Wortbildungen:
niendertkeiner
›niemand, kein einziger‹.

Belegblock:

Belege in der Reihenfolge der Nennungen:
Leman, Kulm. Recht (
Thorn
1584
):
Der erb voyt en mag nyrgen gewette adir busse nemen adir gewynnen bussen gehegetem dynge.
Fischer, Folz. Reimp.
10a, 94
(
Nürnb.
um 1481
/
1
):
Solt ich nacket gen kirchen gan? | Nun hab ich nirn kein faden an.
Fischer, Brun v. Schoneb. (
md.
, Hs.
um 1400
):
her entorste nindert nirgen bliben.
Goedeke u. a., Liederb. (
Nürnb.
1534
/
7
):
er [apfel] was so rot als nindert kein blut.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1522
):
Jch hab den Dot nienen mit verschuld, dan das ich [...].
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
,
1348
):
etwo verbrantten si sich selb, [...] das der Juden nienen nút beleib.
Fuchs, Murner. Geuchmat
1243
(
Basel
1519
):
Zart voͤgly myn, wie sitzst allen, | Vnd alles trost hast nyendert kein?
Haas u. a., Erasmus/Jud. Klag
7v, 23
(
Zürich
1521
):
ich hab noch keins [klösterlin] niena funden / das da nit mit heimlichem nyd vnnd zanck vergifftet sy.
Maaler (
Zürich
1561
):
Es ist Nienen nüt vnbillichers dañ ein vnerfarner oder vnuerstendiger mensch.
Sappler, H. Kaufringer
3, 70
(
schwäb.
, Hs.
1464
):
ich lauß im niendert kain ruo, | sein gewalt der muoß ain end haun.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
es buech niendert kain beck offenlich in der stat wol in 3 wuchen, dann sie hetten nit melb.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
Es ist kain hausmaid und küchenratz niendert, si wil ungestraft sein.
Lexer, Tucher. Baumeisterb. (
nürnb.
,
1464
/
75
):
er sol sich auch sust keiner anderen arbeit hie nirgen untersteen noch machen.
Mendthal, Geom. Culm. (Hs. ˹
preuß.
,
A. 15. Jh.
˺):
An deme yst nyrkeyne irrunge vnde yst meysterlych.
v. Liliencron, Dür. Chron. Rothe (
thür.
,
1421
):
der hielt disser zweier konige nyrckeynen vor eynen romischen konigk.
Voc. Teut.-Lat.
x vv
(
Nürnb.
1482
):
Niendertkeiner od’ einer od’ dewed’.