überfallen,
V., unr. abl.
1.
›von wo aus auf etw. fallen‹ (z. B. Obst auf das Grundstück des Nachbarn); ütr. auf Personen und in einen anderen Handlungsbereich: ›überraschend wo hereinstürzen, einfallen‹; als Metonymie: ›etw. fallend bedecken‹; vgl. (Präp.) 2.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 1, 1.

Belegblock:

Alberus (
Frankf.
1540
):
Obrutus [...] überfalln.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vberfallen / Etwarauff fallen / Oben darauff fallen. Supercidere. Vberfallen / Vnuersaͤhenlich etwar zuͦ kommen. Superuenire, Circumuenire, Interuenire.
Vberfallen / Hinuͤber fallen.
Winter, Nöst. Weist. (
moobd.
,
16. Jh.
):
Wo ainer zu Molrambs [...] wein schenkte und trinkleiut uberfielen oder nachparn zu im mit gefaster weer eingingen, [...] soll [...].
Ebd. (Hs.
A. 16. Jh.
):
wen aber soliche frucht uber seines nachpern zaun oder khägger uberfieln, so [...].
2.
›jn. (meist:) physisch, unter Anwendung von Gewalt, (vereinzelt:) verbal überfallen, angreifen, attackieren‹ (auch von Tieren gesagt); ›mit einer hohen Anzahl von Kindern belastet sein‹; ›sich selbst mit etw. (z. B.
mit schulden
) belasten‹; ütr.: ›jn. überkommen, jm. zustoßen‹ (dies von Gegebenheiten gesagt, die nicht in der Einflussmöglichkeit des Menschen liegen, z. B. von Krankheiten, von der Sünde); vereinzelt mit neutraler bis positiver Perspektive, dann: ›jn. überraschen‹; ›jn. mit etw. (z. B. mit
guttaten
) überschütten‹; vgl. (Präp.) 2 (ütr.).
Bedeutungsverwandte
(bzw. Orientierungsfeld): 10; 11, 1, 1, , , ; vgl. 4.
Syntagmen:
j. mit kinden ü
. (z. B.
zu einem unordenlichen leben
);
die sünde
(Subj.)
ü
. ›einbrechen, einfallen‹; refl.:
sich mit geldschulden ü
.; trans.:
j. / etw
. (Subj. d. S., z. B.
der hunger / durst / schlaf, ein schrecken, die bosheit / pestis / dürftigkeit / krankheit / nacht / trägheit
)
jn
. (z. B.
plözlich, unversehens, ungewarnet
)
ü
.; mit Subj. d. P.:
die Goten einen könig, ein fürst die Schweden, die Deutschen ein land, die nachbarn die Philister, die hohenpriester Jesum, die banditen das volk ü. (oftermalen), j. die fürsten, eine stat, ein stift, eine frau ü., der feind, die herren jn. ü., j. jn. mit worten, mit aufsaz / dienst / guttat / list ü., j. jm. sein haus ü
.; mit Subj. d. S.:
schrecken, die elende zeit jn. ü., ein lewe ein pferd, der schweis den leib, der frost den wein ü
.; im Part. Perf.:
j. mit etw., mit geschäften überfallen sein / werden
; im Part. Präs.:
der überfallende hund
; subst.:
j. sich eines überfallens nicht besorgen
.
Wortbildungen:
überfaller
›Ausbeuter, Schinder‹ (dazu bdv.: vgl. , ),
überfällig
2 ›Grundstückszäune durchbrechend, ins Nachbargrundstück einfallend‹ (vom Vieh gesagt; auch zu 1, ütr. Variante, stellbar; dazu bdv.: ); 3 ›gegen ein Recht verstoßen habend, straffällig‹ (dazu bdv.: vgl. ),
überfallung
(dazu bdv.: 4).

Belegblock:

Schöpper (
Dortm.
1550
):
inuoluere. Vberrumpeln vberfallen.
Luther, WA (
1519
/
20
):
Hilff, [...] das uns nit uberfalle die listige boßheyt, die tragheit zu gottes dienste.
Ebd. (
1523
):
also muͤssen wir auch mit unwillen (ob wir auch nit gern woͤllen) bekennen unser krankkheit und duͤrfftigkeit, damit wir alle nach Paul. Ro. 8. uͤberfallen sein, und uns an gottis guͤt nach seinem wolgefallen benuͤgen lassen.
Ders. Hl. Schrifft.
Hiob 27, 20
(
Wittenb.
1545
):
Es wird jn schrecken vberfallen
[
Mentel
1466 /
Eck
1537:
(armkeit / armuͦt) begreyft in
;
Froschauer
1531:
(verderpnuß) begreyfft jn / vnd zuckt jn hin
]
/ wie Wasser.
Ebd.
30, 27
:
Mich hat vberfallen
[
Mentel
1466:
fúrkamen mir
; nd. Bibel um 1478:
sin mir ouerkamen
;
Froschauer
1531:
sind mir begegnet
;
Eck
1537:
kamen mir vor
]
die elende zeit.
Chron. Köln (
rib.
, Hs.
1. H. 15. Jh.
):
dat die kur zo Bonne geschege, dat ware dairumb, dat de herren wulden sie mit geweltichen sachen oeverfallen in der kuer.
Wyss, Limb. Chron. (
mfrk.
,
3. Dr. 14. Jh.
, Hs.
2. H. 16. Jh.
):
in disem jare [...] was gewassen gar sure win, want der froist oberfil den win an den stocken.
Rudolph, Qu. Trier (
mosfrk.
,
1593
/
4
):
Ordnung wider die, so gewalt und tätliche frevel brauchen. [...] es seie mit ausforderung, überfallung, mit auflaufung oder aufstoßung der thüren oder mit hauen, stechen, verwundung, mit steinen zum haus einwerfen oder einschießen mit büchsen.
Köbler, Ref. Wormbs
338, 8
(
Worms
1499
):
So aber yemant dem anderm by nachtlicher wyle syn huse vfftrete. vberfiele. vergeweltigte. schlüge oder verwondete. der solt [...].
Anderson u. a., Flugschrr.
15, 13, 14
([
Worms
1521
]):
auf das aber K. Mt. nit mit vil wortẽ vberfallñ vñ bemuͤhet werd.
Grosch u. a., Schöffenspr. Pössneck
275, 38
(
thür.
,
1474
):
Hath her auch zcu bestagkter frist unde zcyt nicht geczuget unde hat er an den scheydesrichtern met volborth synes wedderteyls nicht furdern zcog erlangeth, so ist her obirfellig worden.
Küther, UB Frauensee
362, 6
(
thür.
,
1525
):
Dieselbigen [...] das closter [...] geplundert, vermudtlich die sammlunge als die stiffte Fulde und Hirsfeldt uberfallen.
v. d. Broek, Suevus. Spieg.
152v, 41
(
Leipzig
1588
):
Das pestis als ein geschwinde Seuche [...] Die Leute gantz ploͤtzlich vnd vnuorsehens vberfelt.
Sachs (
Nürnb.
1553
):
mach sein rechnung altag, | Das die zerung nit ubertreff | Sein gwin, darmit sich selb nit eff | Und uberfalle mit geltschulden.
Ebd. (
1554
):
Mein mann, mit kinden wir uberfallen, | Und du [mann] heltst ubel hauß in allen.
Dietrich. Summaria
28r, 45
(
Nürnb.
1578
):
wie die Hohenpriester vnd Eltesten / den Herrn Jesum im Tempel vberfallen / vnnd von jm woͤllen wissen / wer jm macht gegeben habe, also zu [...].
Kehrein, Kath. Gesangb. (
Nürnb.
1631
):
Wann uns thut vberfallen hoch, | Hunger, durst, Leibes Krankkheite, | Hilffest uns gern.
Gilman, Agricola. Sprichw.
1, 25, 13
(
Hagenau
1534
):
Da her auch die Poeten / die Wüteriche und Tyrannen / Bern / Lewen / und Trachen / Die geitzigen und uberfaller der armen / Wolffe [...] genennet haben.
Bobertag, Schwänke (
Straßb.
1522
):
wa er [edelman] vberfallen würd von ersamen gesten, das er auch etwas het inen für zuͦsetzen.
Maaler (
Zürich
1561
):
Vberfallen / Verhergen. [...]. Die Feynd in jrem Laͤger angreyffend vnnd Vberfallen. [...]. Die statt ist mit einem schraͤcken Vberfallen. [...]. Einen mit dienst vnd guͦttaͤt Vberfallen / vnd überschütten. [...]. Er ist mit heimlichen auffsatz oder list gefangen oder Vberfallen worden. [...]. Mit groͤsse der Geschaͤfften Vberfallen werden / Wunderbarlich zeschaffen haben.
vberfallen / wie ein Feindt in eine Statt faͤllt.
Morgan u. a., Mhg. Transl. Summa
4, 21
(
schwäb.
,
14. Jh.
):
daz Christus kommen si in dis welt, [...] ouch zevertilkenne alle die sünde, die dar nach übergevallen sint.
Haszler, Kiechels Reisen (
schwäb.
,
n. 1589
):
dann es in den taverna [...], der panditen halber nicht sicher ist, dann süe oftermaln [...], das volckh, so dorinnen, ibervallen.
Eschenloher. Medicus (
Augsb.
1678
):
vnd dahero der kalte Schweiß seinen gantzen Leib uͤberfallen [...] habe.
Memminger Chron. Beschr. (
Ulm
1660
):
da uͤberfiel jhn eine Kranckheit.
Bauer u. a., Kunstk. Rud.
1878
(
oobd.
,
1607
/
11
):
Uff dem andern almar ist erstlich von metal gegossen das pferd, welches ein lew uberfeltt.
Turmair (
moobd.
,
1522
/
33
):
das nun die Teutschen [...] nit mêr ander land [...] überfallen, berauben, verprennen, sunder mit iren nachpaurn [...] guetten frid [...] halten.
Siegel u. a., Salzb. Taid. (
smoobd.
,
17. Jh.
):
ab aber ain uberfellig viech wär, das zeun nit an hulf, so soll man den schaden auch vich wenden.
Ebd. (Hs.
17. Jh.
):
verpeut man euch, das ihr all überphart, all überfallen
[subst.],
all vichschelling hund und all andere schedliche thier an- und inhabt.
Ralegh. America ;
Thür. Chron.
16r, 15
;
v. Keller, Ayrer. Dramen ;
Welti, Stadtr. Bern ;
Rauwolf. Raiß
13, 24
;
Pfeiffer, K. v. Megenberg. B. d. Nat. ;
Qu. Brassó
5, 438, 15
;
Vgl. ferner s. v. 2, 2, 1.